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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Ongushar

Feurig rot stieg die Morgensonne über das Gebirge im Osten auf, und ließ eine weitere lange Nacht von stickiger, brütender Dunkelheit enden. Der milchige Nebel über Carn Dûm löste sich mit einem Mal auf. Die wie von einem weißen Leichentuch bedeckte, schneeverwehte Ebene war in Blut getaucht.
Schattenkalte Träume endeten, legten sich in den Tiefen zur Ruhe. Glosende, von lebendigem Fleisch, begannen. Carn Dûm erwachte. Sein Herz schlug wieder.
Ein lauter, dröhnender Klang hallte durch Jahrhunderte alte Gänge. Einstmals von Zwergen gegraben, dann mit ihrem Blut gefärbt. Dröhnende Bronze, die fordernd rief und Antwort fand, in breiten Straßen und schmalen Gassen, auf starken Mauern und hohen Türmen. Bronzegongs. Ihr Hall drang nach Außen, in die kalte Luft, und nach innen, in die Tiefen des Berges. Überall wurden sie geschlagen, Metall, das dröhnte und weckte, Erwachen verkündete und Gehorsam forderte.
Was schlief, musste erwachen. Was Traum war enden oder Wirklichkeit werden. Ishar schlug die Augen auf. Langsam erhob er sich vom Lager.
"Möge euch der Tag gehören, Herr!" Jarnan, sein junger Novize, bot ihm eine Schale mit kaltem Wasser dar. Er war eine kurze Zeit vor dem Dröhnen erwacht, wie er es gelernt hatte, seit er als Novize in Bol-Doraz lebte. Ishar lächelte ihn kurz an. "Und möge dir die Nacht singen, Jarnan!" Verwirrung kroch kurz über Jarnans Stirn. Das war nicht die übliche Antwort. Er betrachtete die zerwühlte Lagerstatt aus schwarzer Seide. "Ihr habt geträumt, Herr?" "Vielleicht." Ishar blickte einen Moment ins Leere, der Neugier seines Dieners nicht achtend. Trotz der langen harten Zeit in der Kampfschule war Jarnan immer noch von der selben Natur wie ein Hundewelpe. Doch manchmal fand eben auch ein sehniger Wolf gefallen an tapsigen Pfoten, die das Laufen erst noch lernen mussten. "Ich bin wohl seit all den Jahren an härtere Betten als dieses hier gewöhnt." Jarnan wusste, dass sein Herr noch am selben Tag nach seiner Rückkehr vom Feldzug in die höchsten Ränge Carn Dûms aufgenommen worden war und daraufhin diese Gemächer im Tiefenpalast unterhalb von Bol-Doraz bezogen hatte. Dies war auch der Tag gewesen an dem er ihn zu seinem Besitz erhoben hatte, obwohl er den Grund dafür bis heute nicht verstand.
Ishar spülte das kalte Wasser aus der Schale in sein Gesicht und trat vor einen großen Wandbehang, der hauptsächlich aus Weiß, Braun und Blau gewirkt war und Jagdszenen in der Tundra zeigte. Auf einmal sehnte er sich nach einem Fenster, einem Atemzug kalter Winterluft und weitem blauen Himmel. Doch endlose Weiten aus undurchdringlichem Fels lagen zwischen seiner neuen Heimstatt und der Weite der Nordlande.
Plötzlich wurde ihm siedend heiß. "Hilf mir mich anzukleiden Jarnan!"
Jarnan eilte herbei. Er öffnete seinen Mund vor Überraschung als Ishar zuerst nach der Lederrüstung verlangte. "Hier in den Palästen sind Dolche die Gegner vor denen wir uns vorsehen müssen, nicht Schwerter. Merk dir das!" Jarnan legte ihm sein Gewand an. Rot und golden, weit und edel, aber schlicht geschnitten.
Ein lautes Pochen ertönte an der Tür. "Öffne, Jarnan!" Ishar wusste, wer es war, noch bevor Rhaoul in seiner dunkelroten Kutte auch nur eingetreten war. Sein neuer Berater sagte kein Wort. Seine Schweigsamkeit, mit der er einmal mehr alles, was der junge, hoch gewachsene Feldherr über Magier gehört hatte, bestätigte, schien den Raum mehr zu erfüllen als es nur irgendein Laut vermocht hätte. Der Magier blickte ihn mit seinem Kapuzen verhüllten Gesicht einfach nur an. Er sprach nicht. Es war auch nicht nötig. Ishar wusste mit einem Mal warum er gekommen war. Der Kriegspriester nickte langsam. Ishar hatte ihn nur einmal von Angesicht zu Angesicht sehen können. Alle Mitglieder der Priesterschaft, die einen hohen Rang bekleideten, waren kahlrasiert und Rhaoul stellte hierin keine Ausnahme dar. Doch im Gegensatz zu den anderen war er absolut kahl! Keine Augenbrauen, kein Bart, ja nicht einmal Wimpern waren in seinem Gesicht zu entdecken gewesen. Sein langer schmaler Kopf war über und unter mit winzigen Schuppen tätowiert, die den Vertrauten des Hexenkönigs, dessen Alter unmöglich einzuschätzen gewesen war, wie ein menschliches Reptil wirken ließen. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch ein Paar schmaler, schlitzartiger, gelber Augen mit einem mal durchdringenden, mal kalt fixierenden Blick.
Eine leise, zischende Stimme ertönte: "Ihr lernt schnell Ra-Gashvir. Das ist gut!" "Würde ich es nicht tun wäre ich schon vor langer Zeit gestorben", entgegnete Ishar kalt. Dieser Mann hatte etwas an sich, das ihm in seinem Innersten zuwider lief. Und um es noch schlimmer zu machen fiel es ihm schwer das zu verbergen. Vor jedem anderen wäre ihm das gelungen, nie und nimmer aber vermochte selbst er einen der Hohepriester zu täuschen. Doch Rhaoul war der ihm vom König von Angmar selbst zur Seite gestellte Berater, und das war stärker als alle schwächlichen persönlichen Neigungen.
Rhaoul stieß etwas hervor, das Ishar bei jedem anderen als ein Lachen gedeutet hätte.
"Lasst uns gehen! Ihr seid von unserem Herrn selbst zum Kriegsrat geladen!"
Ishar hatte es gespürt, so wie er es nun immer spürte wenn die Gedanken seines Herrn und Gebieters auf ihm ruhten. Sein Puls begann schneller zu werden und blinde Ergebenheit ihn zu erfüllen. "So lasst uns gehen!"
Als sie die Marmorhallen des Tiefenpalastes der Feldherren Carn Dûms verließen, warteten zwei von muskelbepackten Sklaven getragene Sänften auf sie. Noch etwas was sich für Ishar verändert hatte. Früher hätte er es vorgezogen zu gehen, doch nun verlangte es die Ehre seines Ranges von ihm sich tragen zu lassen. Einen Moment lang fragte er sich, aus welchem Land die Männer, die die Sänfte trugen, stammen mochten. Ihre hellen Haare deuteten auf Forodrim hin, Nordländer, die in den fernen Anduintälern lebten, oder aber in einem der kleinen Dörfer im Norden Arthedains. Kalt lächelnd erinnerte er sich, dass er selbst es möglicherweise gewesen war, der sie als Sklaven nach Angmar gebracht hatte. Sagen konnten sie es ihm nicht mehr, fast allen Palastsklaven wurden die Zungen herausgeschnitten damit sie keine Geheimnisse weitererzählen konnten. Nun waren sie es, die ihren Bezwinger zu seinem Herrn brachten. Das war die Gerechtigkeit Angmars.
Ishar lehnte sich zurück und bereitete sich auf die Begegnung mit seinem Herrn und Gebieter vor, während sie endlos lange Gänge und Gewölbe durchquerten und dabei Dienern, Novizen und den Leibwachen begegneten die ihnen allen ihren Gruß entboten.
Schließlich kamen die Sänften zum Halten und sie stiegen eine hohe Treppe mit glatten Stufen hinauf. Vor dem Tor, zu dem sie hinaufführten, stand ein einzelner Mann in einer roten Kutte. Angulion stützte sich an eine Säule. Ishar sah Rhaoul einen Augenblick lang fragend an. Rhaoul aber blickte nur geradeaus.
Gemeinsam erklommen sie die Stufen.
Fünf Tage später ertönten Hörner von den Wachtürmen Carn Dûms. Orks näherten sich der Stadt. Orks, die nicht das Banner Angmars trugen... Späher, von schnellen Pferden über die Eisebene nach Carn Dûm getragen, hatten von ihrem Kommen berichtet. Sie waren erstmals in den Ettenöden gesichtet worden, eine zahlreiche, starke Horde die nur nachts marschierte und sich tagsüber versteckt hielt. Zuerst schien es als wären sie nur einer der vielen unbekannten kleinen Stämme aus dem Gebirge, auf Streifzug um Beute zu machen. Doch diese Orkhorde marschierte zielstrebig an allen Festungen und Siedlungen auf den Berghängen vorbei und wagte sich auf die Ebene hinaus! Mehrmals wäre es fast zum Zusammenstoß mit angmarischen Streitkräften gekommen, die aus den Stützpunkten hervorstießen um die Eindringlinge abzufangen, welche die Kühnheit besessen hatten so weit in das Reich des Hexenkönigs vorzudringen. Doch immer wieder blieb der Angriffsbefehl aus. Mehr noch: Die Anführer erhielten die ausdrückliche Anweisung die vermeintlichen Invasoren passieren zu lassen! Den zähneknirschenden Kriegern blieb nichts anderes übrig, als zuzusehen wie die Gegner manchmal in Bogenschussweite geradewegs zur Haupstadt von Angmar marschierten...
Vor den Toren Carn Dûms kamen die Orks zum Stehen. Auf den Mauern wurden stählerne Langbögen gespannt, von den Orkkriegern, die in der Nacht die Wache innehatten und besser ausgerüstet waren als alle anderen ihrer Rasse. Doch hielten sie sich zurück - auch sie hatten Befehle erhalten...
Eine kurze Zeit lang blieb die Szene unverändert, die Orks vor der Stadt verharrten regungslos in einer lang gezogenen Reihe, schwarze Gestalten die sich im Licht des fast vollen Mondes deutlich von der schneebedeckten Ebene abhoben. Nicht dass Dunkelheit für die Bogenschützen auf den Mauern ein Problem dargestellt hätte....
Dann wurde die Zugbrücke heruntergelassen und das Tor geöffnet. Eine einzelne Schattengestalt aus der Reihe der Orkkrieger trat vor. Auf die kurze Entfernung war deutlich zu erkennen dass er für seine Rasse sehr groß sein musste.
Er hob einen Speer und brüllte etwas in die Nacht hinaus. Die übrigen Orks taten es ihm nach und schlugen die Waffen laut an ihre Schilde.
Auf den Mauern kam Bewegung auf. Dann senkte der große Ork die Waffen und trat langsam durch das große Tor, seine Artgenossen folgten ihm in einer Zweierreihe.
Ishar, der auf der Mauer über dem Tor stand, lächelte."Willkommen in Carn Dûm", murmelte er. Seine neuen Truppen waren eingetroffen.
Dass die Horde zahlreich sein würde hatte sein Herr ihm gesagt, doch ihre tatsächliche Stärke übertraf Ishars Hoffnungen bei weitem. Knapp 500 waren es, die aus irgendeinem vergessenen Tal des Nebelgebirges herausgekrochen waren, und wenn ihr Anführer mit dem schwarzen Speer die Wahrheit sprach, hatte er noch bei ihrem Aufbruch 240 "Kragashs" in den Norden gegen ein Zwergenvolk in den Kampf geschickt. Diese Orks gehörten der älteren und kleineren Rasse des Nordens an, die das Sonnenlicht fürchtete, doch ihr Anführer und seine engsten Gefolgsleute schienen von einer uralten Herrscherkaste abzustammen, denn sie waren viel größer als die anderen, gingen fast aufrecht und besaßen nackte, sehr spitze Ohren. Das schüttere, schwarze Fell, das den Rest ihres Körpers bedeckte, hob sich nur wenig von den Wolfsfellen ab in die sie gehüllt waren und ihre spitzen Reißzähne machten sie ihrer erlegten Beute nur um so ähnlicher. Sie würden gefährliche Gegner sein, wenn sie nur erst richtig ausgerüstet waren. Ishar sprach den unbewegt vor ihm stehenden Anführer erneut an: "Wie ist dein Name, Häuptling?" Der Ork stieß ein Knurren aus. Er hatte ihn zweifellos verstanden."Arzedokh", grollte er. "Du sagst du wurdest von Khamul, dem Heerführer von Dol Guldur, nach Carn Dûm geschickt?" Der Orkkrieger nickte. Ishar versuchte die Lage einzuschätzen.
Diese Orks entstammten einem Volk, von dem er noch nie gehört hatte und waren zweifellos keine richtigen Soldaten. Doch das traf auf viele neu rekrutierte Orkstämme im Dienste Angmars zu. Zusammen mit seiner, nach dem Auffüllen der Verluste des letzten Feldzuges, 270-köpfigen Gefolgschaft wären sie eine beachtliche Streitmacht, mehr als er jemals befehligt hatte. Doch er würde für die Aufgabe, die ihm gestellt worden war, auch jeden einzelnen bitter nötig haben. Eine Ansammlung von Kriegern machte noch keine Armee aus. Dazu brauchte es einen Anführer, der die Befehlsgewalt innehatte. Ob das hier auf ihn zutraf bezweifelte Ishar allmählich. Der Befehl des Nazgûl, dessen Name eine dunkle Legende in Angmar war, hatte gelautet ihm nach Carn Dûm nachzufolgen, nicht weniger - aber auch nicht mehr. Und nun war er fort.
"Du weißt wer dein Herr ist?" Der Ork nickte nur. "Sage es mir!," forderte Ishar ihn auf. "Khamul, der Nazgûl und Heerführer von Dol Guldur, welcher uns hierher sandte! Niemand sonst!"


Ongushar - die Eisengrube. So zahlreich und verschieden die Orkstämme des Nebelgebirges auch waren - dies war ihnen gemeinsam. Eine Grube, 15 Fuß tief und 40 Fuß im Durchmesser, war von Sklaven innerhalb eines Tages vor der Stadt ausgehoben worden. Über die Mitte der Grube war ein Holzgestell gebaut, das eine Kette hielt, an der sich eine umher schwingende Eisenkugel von der Größe eines Katapultgeschosses befand. Einmal in Bewegung versetzt, vermochte sie jedem Lebewesen den Schädel zu spalten. Der Rand der Grube wurde von spitzen Holzpflöcken gesäumt. Niemand, der je eine Eisengrube betrat, konnte sie gegen den Willen des Gegners wieder verlassen. Nicht so lange der Gegner noch am Leben war.
Auf diese Weise wurden Rangkämpfe zwischen Häuptlingen entschieden. Es gab keine blutigen Streitereien während eines Feldzuges. Der Bessere gewann. Der Unterlegene fügte sich. So oder so.
Arzedokhs Stamm stand erneut in einer langen Reihe auf der Ebene, Ishars Kämpfer ihm gegenüber. Beide Gruppen hielten Fackeln in den Händen. In der Mitte lag die Grube. Es waren die letzten Stunden der Nacht.
Ishar war sich bewusst, dass ihm ein harter Kampf bevorstand. Dieser Orkhäuptling war zweifellos ein äußerst gefährlicher Gegner, aufgewachsen als Jäger und Krieger, zum Anführen und Töten geboren. Genau wie er selbst auch. Doch wenn er den Gehorsam dieses Stammes erringen wollte, blieb ihm nur dieser Weg. Diese Orks lebten nach einem primitiven aber mächtigen Rudelinstinkt, und kämpften füreinander bis zum Tod. Sie wären eher alle unter den Schwertern der Angmarim gestorben als ihren Häuptling zu verraten. Doch befehlen konnte in diesem Feldzug nur einer. Und Arzedokh war zu stolz um irgendeinen Menschen als Anführer zu dulden. Ishar aber mußte seinen Gehorsam erzwingen.
Er und Arzedokh standen sich in der Grube in acht Metern Abstand gegenüber. Beide nackt bis auf einen Lendenschurz. Beide mit langen Stäben bewaffnet. Ishar hatte als Herausforderer das Recht gehabt, die Waffen zu wählen. Er war mit dieser Art von Kampf gut vertraut.
Er blickte auf die Eisenkugel, die nun von seinen und Arzedokhs Gefolgsleuten in Schwingung versetzt wurde. Sie war wirklich ursprünglich ein Katapultgeschoss gewesen. In Kopfhöhe fing sie nun an Kreise zu ziehen.
Ishar dachte daran, dass der Erfolg des ganzen Feldzuges allein in seinen Händen lag. Der Blick seines Herrn und Gebieters war in diesem Augenblick zweifellos auf ihn gerichtet. Trotz der winterkalten Luft überlief es ihn heiß. Kampfgeist flammte in ihm auf.
"Shara-Sard! Ishar!", stieg es von seinen Truppen auf. Die Orks brüllten Anfeuerungsrufe für ihren Anführer.
Die Kugel schwang im weitem Bogen herum. Der Kampf hatte begonnen.
Ishar tauchte geschmeidig unter der heranrasenden Kugel hinweg und sprang auf Arzedokh zu, sein Stabende wie eine Speerspitze nach dessen Rippen stoßend. Der Ork reagierte sofort. Während er seitlich auswich schwang er seinen Stab gegen Ishars Kopf und brüllte auf. Ishar versuchte gar nicht erst den Schlag zu parieren sondern ließ sich einfach vom eigenen Schwung getragen darunter hinwegrollen. Er kam sofort wieder auf die Beine und fuhr herum, während er einen weiteren Schlag Arzedokhs abwehrte. Dieser stieß von unten nach Ishars Kehle und versuchte dann ihn am Bauch zu treffen. Ishar konterte mit einer schnellen Drehung des Stabes wodurch er mit der unteren Stabhälfte Arzedokhs Angriff abwehrte und mit der oberen gleichzeitig auf dessen Schulter zielte. Doch Arzedokh wich erneut behände aus und tänzelte zurück. Plötzlich duckte er sich. Die Kugel schwang direkt auf Ishar zu, der sich nun in der Nähe der Grubenwand befand. Fast wäre es ihm nicht mehr gelungen auszuweichen, denn er hatte sie spät kommen sehen. Doch gerade noch rechtzeitig beugte er sich nach hinten. Zischend sauste das Geschoss über ihn hinweg. Darauf hatte sein Gegner nur gewartet. Sofort die kurzfristige Ablenkung Ishars ausnutzend bewegte er sich, selber noch in geduckter Haltung, seitlich nach vorn und züngelte mit dem Stab nach Ishars Gesicht. Ishar verspürte einen dumpfen Schmerz an der Stirn und ihm traten Sterne vor die Augen. Er fiel wehrlos auf den Rücken. Der Stab sprang ihm nach einer erneuten Attacke aus den Händen. Doch diesmal rettete die Kugel ihn. In einem Halbkreis erneut seitlich heran schwingend trennte sie Ishar von seinem Gegner und hinderte Arzedokh daran seinen Vorteil auszunutzen. Während Ishar sich seitlich wegrollte griff er nach dem Stab und sprang wieder auf die Beine. Er deckte Arzedokh mit einer schnellen Serie von Schlägen ein die seine Arme nach langen Jahren in der Kampfschule von Bol-Doraz trotz seiner leichten Benommenheit automatisch abspulten.
Der Ork war augenscheinlich überrascht und wich einige Schritte zurück. Ishar setze ihm nach. Krachend prallten ihre Stäbe aufeinander. Angriffe wechselten Abwehrbewegungen ab und umgekehrt, während die Stahlkugel am Grubenrand entlang surrte. Einen Moment lang maßen sie ihre Kraft, als sie ihre Stabmitten direkt gegeneinander drückten und verbissen ums Gleichgewicht rangen. Der Ork besaß die größere Körperstärke. Doch Ishar wich seitlich aus, drehte sich um die eigene Achse und holte Arzedokh mit einer schnellen Fußbewegung von den Beinen.
Sein Stab fuhr nach unten - und stieß ins Leere als Arzedokh den Kopf wegzog. Plötzlich ließ dieser seinen Stab fallen und ergriff mit beiden Händen Ishars. Mit eiserner Kraft umklammerten die Klauenfinger des Orks den Holzstab und rissen ihn hoch als Arzedokh direkt vor Ishar nach oben schoss. Ein Faustschlag der rechten Krallenhand riss ihm die Wange auf und trieb ihn zurück. Der Stab war nun in Arzedokhs Händen. Ishar schrie vor Wut auf. Der Ork brüllte triumphierend. Da sprang Ishar direkt auf ihn zu, mit dem Fuß von oben nach unten auf den zur Abwehr quer gehaltenen Stab tretend, mit einem Tritt in dem aller Zorn und alle Wut des Kriegers steckte. Das Holz splitterte. Der Stab war durch den gewaltigen Tritt in der Mitte zerbrochen, während Arzedokh noch die beiden Teilstücke in den Händen hielt. Ein weiterer Tritt in den Bauch ließ Arzedokh zurücktaumeln.
Ishar ergriff den am Boden liegenden Stab, den Arzedokh hatte fallen lassen. Die Gegner umkreisten sich. Arzedokh hielt nun zwei kurze Stäbe in den Händen, machte jedoch keinerlei Anstalten aufzugeben. Er stürmte, an der wieder vorbei schwingenden Kugel vorbei springend, auf Ishar zu, gleichzeitig mit jeder seiner Waffen zuschlagend, abwechselnd auf Kopf, Beine und Oberkörper zielend, während Ishar zurückweichend versuchte, die heftigen Angriffe seines Gegners zu parieren und gleichzeitig die Kugel im Auge zu behalten. Er beschloss, seinen Gegner kommen zu lassen. Während der Ork weiter vordrang, sprang Ishar plötzlich einen großen Satz zurück und als Arzedokh ihm schnell nachsetzen wollte, lief er direkt in einen umher wirbelnden Kreisel des Stabes hinein der ihm den Kopf in den Nacken fliegen ließ, ihm einen Stock aus der Hand prellte und Ishar die Zeit zum Ausholen verschaffte. Ein harter Schlag war es und er traf Arzedokh direkt an der Stirn. Der Ork sank lautlos zu Boden.
Das Pendel kam zum Stillstand.
Er war geschlagen, doch nicht tot. Sein Leben lag nun in der Hand des Siegers. Ishar hörte das Jubelgeschrei seiner Männer, das sich von den vordersten nach hinten fortpflanzte. Die Orks aus Arzedokhs Stamm heulten vor Wut auf und drängten nach vorn. Nun galt es schnell zu handeln, denn Ishar war sich nicht sicher, wie weit dieser Stamm, der in völliger Abgeschiedenheit gelebt hatte, sich an eine Abmachung Menschen gegenüber gebunden fühlen würde.
Ishar trat auf den besiegten, am Boden liegenden Häuptling zu und drückte ihm den Kopf in den Nacken. "Ich bin der Sieger!", hallte seine Stimme in die Nacht hinaus. "Ich habe in diesem Kampf in der Eisengrube das Schwert meiner Anführerschaft geschmiedet. Der Rang des Kriegshäuptlings gebührt mir! Doch euer Häuptling hat tapfer gekämpft, und sich seiner Ahnen als würdig erwiesen! Er soll von nun an der zweite nach mir sein, welcher die Krieger befehligt! Denn wir alle, meine und auch IHR, seine Männer, wir alle werden in den Norden ziehen, zu großen Schlachten und großem Ruhm! Die Tage, in denen sich eure Tapferkeit mit spärlichen Umherstreunen und magerer Jagdbeute begnügen musste, sind vorbei! Von nun an habt ihr einen Gebieter von großer Macht, der euch eure Dienste mit stählernen Waffen, mit Gold und Viehherden belohnen wird, und mit reicheren Jagdgründen als es die euren jemals waren! Von nun an steht ihr im Dienste des Königs von Angmar, des Herren der Nordlande, und des Gebieters aller Wesen."
Plötzlich begannen die Fensterhöhlen der hohen Türme Carn Dûms in rotem Feuer zu erstrahlen, einer gewaltigen Krone aus Rubin gleich, die sich über den Berg erhob und ihn in geisterhaftes Licht tauchte, lange Schatten über die Ebene werfend. Ishar sah den Widerschein des Feuers in den weit aufgerissenen Augen der Orks, die sich in abergläubischem Schrecken zu Boden warfen und sich vor den glosenden Augen, die sie aus den Fensterhöhlen anzublicken schienen, verneigten. Triumphierend reckte er seine Arme und den Stab in den Himmel über der Grube empor. Auch Arzedokh war erwacht und blickte Ishar schweigend an.
Ishar bot ihm die Hand ."Ich grüße Euch, tapferer Häuptling", sagte er in der Sprache der Orks, "von nun an wollen wir gemeinsam Seite an Seite kämpfen". Arzedokh ergriff seine Hand. Und als die beiden Krieger ihren Treuebund besiegelten, brachen auch ihre Gefolgsleute in Jubel aus. Eine neue Armee war aus der Blutschmiede hervorgegangen. "Bereit, in den Norden zu ziehen", dachte Ishar. "Bereit, selbst einen Drachen als Verbündeten zu gewinnen, wie es mein Herr befahl. Bereit, ein Königreich zu erobern und einen Ring der Macht als Siegespreis im Triumph heimzuführen!"
(Holger)