Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans |
Zeittafel




Schneetreiben

Zahllose Schneeflocken fielen auf die Erde nieder. Nenuk lachte ein helles Kinderlachen und drehte sich vergnügt im Kreis. Ihre kleinen Füße hinterließen kaum Spuren in der dick gewordenen Schneedecke als sie leicht darüber hinwegtanzte und mit ihrer Hand die Flocken auffing. Schön sah der Schnee aus, wie weiße Wolle."Das ist ja Wollschnee!" kicherte sie und blickte ihren älteren Bruder Carquac mit großen Augen an.
"Wollschnee?" fragte er mit hochgezogenen Brauen. In der Sprache seines Volkes gab es insgesamt 86 Wörter für die verschiedenen Schneearten, und wie es schien hatte seine kleine Schwester gerade noch eins dazuerfunden.
"Ja, wie zusammengedrückte Wollfäden. So weich und warm. Fühl doch nur." Sie streckte wieder die Hände in die Luft.
Carquac musste nun ebenfalls lächeln. Warum nicht? Er stand auf, legte seine Schaber beiseite und hob seine Schwester hoch in die Luft. "Höher Caquac! Höher!"
Carquac setzte sie auf seine Schultern und fing an ein wenig herum zu hüpfen. Nenuk kreischte vor Vergnügen und erschrak nicht mal als Carquac um ein Haar über einen Pflock des Zeltes gestolpert wäre und erst einen hastigen Ausfallschritt machen musste um das Gleichgewicht wiederzuerlangen. "Du kannst gar nicht genug kriegen, was? Aus dir wird bestimmt mal eine gute Schlittenführerin, vorausgesetzt die Hunde brechen dir nicht zusammen weil du immer nur rasen willst!"
"Jaaa", krähte sie, "Bunit wird meine Anführerin und Ooruf und Pellek laufen hinter ihr! Dann sind wir die allerschnellsten!" Sie schien nicht ganz zu begreifen das diese Welpen etwas schneller wachsen würden als sie. Carquac dachte daran das sein Vater sie wohl als Ersatz für die älteren Hunde einspannen könnte. Oder aber er würde sie ihm schenken... dann hätte er endlich einen eigenen Schlitten. Davon hatte Carquac schon lange geträumt.
"Heh, nicht stehen bleiben!" protestierte Nenuk. Carquac seufzte leicht. Momentan musste er leider noch andere tragen statt mit einem guten Gespann über den Schnee zu gleiten. Ob die Jäger wohl mit Beute zurückkommen würden? Sarquac, sein Vater, war mit seinem älteren Bruder und den anderen Sippenmitgliedern des Hirsch-Clans auf Jagdzug um die Vorräte aufzufrischen. Sie mussten sich beeilen, wenn sie noch rechtzeitig in den Süden gelangen wollten um dort ein Winterlager aufzuschlagen.
Der Schneefall wurde stärker. Carquac tollte noch eine Weile mit Nenuk umher, dann setzte er sie ab und sie kroch erschöpft ins Zelt um sich am Feuer etwas aufzuwärmen. Er selbst fütterte noch die halbwüchsigen, im Lager des Lossoth-Stammes zurückgebliebenen Hunde und überprüfte ihre Leinen. Es war eigentlich nicht wirklich nötig sie anzupflocken, aber falls in dieser Nacht ein Schneesturm heraufziehen sollte wollte er kein Risiko eingehen. Es war bereits vorgekommen das junge Hunde den Weg zurück nicht mehr fanden, sich verletzten und dann nur wenige Speerwurflängen vom Lager entfernt verendeten. Er war bereits ein zu guter Jäger um das zuzulassen. Im nächsten Frühjahr schon würde er unter in Schar der Jäger aufgenommen werden. Wie zuvor auch schon sein älterer Bruder und vor diesem sein Vater... Carquac war hungrig geworden und sah zum Zelt. Über der flachen Erdmulde zwischen den sanften Erhebungen, wo das Lager aufgeschlagen worden war, verschmolz das Weiß des Himmels mit dem der Erde und immer mehr und mehr Schnee fiel herab und türmte Dünen um Dünen in der Ebene auf, die vom zunehmenden Wind langsam wieder abgetragen oder neu aufgeworfen wurden.
Carquac wusste das sein Vater vor Einbruch der Nacht zurück sein würde und machte sich deshalb trotzdem keine Sorgen um ihn. Schließlich war er ein erfahrener Jäger.
Er beschloss wie Nenuk ebenfalls ins warme, in den Boden gegrabene Zelt zu kriechen. Dort wartete schon eine von der alten Ulgulm bereitete Mahlzeit auf ihn. Sie hatte Fleisch über dem Feuer gebraten und süße Wurzeln, die sie mühsam tief aus der gefrorenen Erde hervor gegraben hatte, in Bündeln darüber gehängt. "Manche Pflanzen müssen erst Saft verlieren bevor man sie richtig genießen kann!" erklärte sie Nenuk die ihr zusah. Nenuk protestierte: "Aber saftig schmecken sie doch viel besser, ich meine, mir schmecken saftige Beeren schließlich auch besser als getrocknete! Die sind ganz klein und zusammengeschrumpft...! Sie rümpfte die Nase." Ach Kindchen, du musst noch einiges lernen. Wurzeln sind nun mal keine Beeren. Wenn wir diese Maqua-Wurzeln nicht entsaften, dann gärt der Saft im Magen. Und dann kriegt Carquac wieder Bauchschmerzen und lallt dummes Zeug wie wenn er den Wein der Händler getrunken hätte." Ulgulm sah ihn listig lächelnd an. Carquac verdrehte die Augen. Jedesmal wenn er etwas am Essen auszusetzen gehabt hatte erinnerte sie ihn wieder an diese alte Geschichte wo er sich selbst etwas gesucht hatte. Leider hatte er gemerkt das er besser etwas mehr über Pflanzen und Kräuter von ihr hätte lernen sollen, als sie versucht hatte ihm etwas beizubringen. Aber musste sie das jetzt schon vorbeugend vor jeder Mahlzeit erwähnen? Nenuk kicherte. Carquac schwor sich sie dafür beim nächsten Spielen draussen tüchtig einzuseifen. Bei der ehrwürdigen Großmutter ging das leider nicht an. Zumal seine Mutter immer noch krank auf dem Lager lag.
Sie aßen begierig. "Erzähl uns etwas vom Jagen, Carquac!" bat Nenuk. "Ja", stimmte die Alte zu, "erzähl etwas von den Jagdregeln, die dein Vater dich gelehrt hat".
Da begann Carquac von den Schlingen zu erzählen, die man für Schneehasen aus einfachen Gräsern flechten konnte und die schon die kleinsten bei den Lumimiehet, wie sich die Lossoth selbst nannten, zu flechten lernten. Er versprach Nenuk das auch bald beizubringen. "Am Besten fängst du gleich Morgen an" sagte Ulgulm, "im Süden gibt es viele Hasen, auch welche mit braunem Fell." sagte Ulgulm. Er fuhr mit seinen ersten Jagden gemeinsam mit seinem Vater fort, an den Strömen und kleinen Gewässern des Südens hatten sie Wasservögel im Schilf erlegt und ihre gesprenkelten Eier gesammelt, das war ein gutes Mahl gewesen. Carquac freute sich auf das Winterlager. Vielleicht kämen dann auch wieder Händler und Geschichtenerzähler zum Lager der verschiedenen Sippen ihres Volkes am Kelvuam-See. Dort waren Eisgänse und Schwanzenten, die Rast machten auf ihrer Reise zu ihren Winterquartieren weit im Süden, und es gab Hirsche die man dort jagen konnte, kleiner als die Losrandir und Caru Herden, doch eine schmackhafte Beute. Sein Vater hatte ihn gelehrt immer möglichst weit entfernt vom Lager zu jagen, um so in Krankheits- und Notzeiten auch noch Nahrung finden zu können. Er lehrte ihn den Wind zu beachten und sich unbemerkt an die Beute heranzupirschen, den Speer sicher zu werfen und dann selbst das erlegte Tier zu versöhnen auf das sein Geist dem Jäger nicht zürnte. Den nur was mit Achtung und Dank genommen wurde, würde auf späteren Jagden den Lumimiehet erneut zur Beute werden, nahm man maßlos und undankbar mehr als man brauchte verschwand das Wild und die Schneemenschen hungerten. Doch ein rechter Jäger ließ es nicht so weit kommen! Ulgulm nickte zufrieden. "Und weißt du auch in welcher Reihendfolge du die Tiere jagen sollst?"
"Natürlich", antwortete Carquac und begann: "Losrandir, das Große, gibt Fleisch zum Leben, gibt Fell zum Wärmen und Caru gibt Knochen, ist das Zweite zum gerben, beider Geweihe sind Kufen zum Gleiten. Um sie sollen wir jagen und den Speer bereit tragen. Elche und Hirsche sind im Winter die Nährer, wie kleinere Brüder des Lebensbluts Gärer, aus den Wäldern des Südens am Rande der Tundra kommen sie hervor, im Winter, und suchen nach Gräsern wie Wildrinder. Wildrinder sind trügerische Beute, zwar leicht zu erlegen, doch ziehend nach Süden der Sonne entgegen, verlassen den Norden und sind stets zu wenig, täuschen den Jäger und frommen ihm nicht.. Nerz, Biber und Otter haben wertvolles Fell, wärmend und kostbar, mal dunkel, mal hell, sie leben an Küste und Waldesrand, fürs Winterlager sind sie gut zur Hand. Bär sehr gefährlich, ein einsamer Krieger, des Jägers Totschläger, des Speeres Besieger, in Höhlen wehrt er sich bis zum Tod, darum reize ihn nicht ohne Not, achte auf Höhlungen hinter Wänden aus Schnee und bedenke, auf Schollen scheut er auch nicht die See, wer aber die Zähne eines Bären erbeutet besitzt einen Schatz wie 10 Carus gehäutet. Der Wolf ein Rivale um Futter und Wild, doch auch zum Lernen ein nützliches Bild, achte seiner Treue zur Sippe doch halte ihn fern von der Hundekrippe. Seelöwe an See die unserem Clan fern, doch ziehst du gen Westen so jage sie gern, wohl ihr Fleisch und lebensreich, am Meer nach dem Wale ist ihre Masse einem Losrandir gleich. Enten und Gänse im Winter an Seen und Flüssen rasten und stehn, zu wenig zum Leben doch gut zum Verzehren, zu Hirschen die am Waldrand gehn. Kaninchen und Hase nicht selber jage, doch Frauen und Kindern zum Sinn ihrer Tage sie als Beute antrage. Die Maus nicht verachte, denn wohl beachte, ihren Wert in der Not, Wolf wie auch Mensch schützt sie dann vor dem Tod. Oh, erhöret mich Geister, mein Speer sei stets rot!"
"Wohl, du bist dabei ein Mann zu werden. Deine Mutter wird stolz auf dich sein. "Die Großmutter blickte zu der auf dem Lager Schlafenden." Wann wird sie wieder gesund?" fragte Nenuk. "Ich hoffe bald! Ich habe alles getan was ich mit meinem Wissen vermag und sie stets warm gehalten, ihr Schwitzelbäder mit in Kesseln erhitztem Wasser gemacht und sie mit den besten Salben und Ölen, die auf Mutter Erde wachsen, eingerieben. Sie war heute wieder wach und hat mit mit gesprochen. Ich denke, sie wird jetzt nur noch viel Schlaf und Nahrung brauchen, und dann bald wieder gesund werden." Sanft strich sie dem kleine Mädchen mit der von langen, arbeitsamen Jahren schwielig gewordenen, aber bei Kindern immer noch zarten Hand über den Kopf. "Mach dir keine Sorgen mein Kleines. Die Alte Ulgulm lässt nicht zu, dass ihre einzige Tochter stirbt! Dazu hat sie ihre Kiinak viel zu lieb."
Und sie begann die alten Geschichten der Ahnen zu erzählen, von großen Jägern und klugen Sammlerinnen, von mächtigen Schamanen und berühmten Hundezüchtern die immer stärkere und schönere Tiere ausgewählt und aufgezogen hatten bis die ausdauernden, treuen Tiere entstanden waren, die heute das kostbarste Gut ihre Volkes waren. Das Feuer wärmte und Carquac spürte wie die Müdigkeit nach ihm zu greifen begann... er legte sich auf sein Lager und schloss für einen Moment die Augen...


Draussen zogen Hunde die Schlitten einer Gruppe von Jägern in Richtung des Lagers zurück.
Als sie an einem kleinen Hügel vorbeifuhren erhob sich ein Schatten aus dem Schnee und hob sich trotz des stürmischen Windes im Zwielicht tiefschwarz von der Umgebung ab. Die Jäger blickten sich erschrocken um. Ihr Anführer schrie etwas. Der Schatten führte etwas an seinen Mund. Ein langgezogenes Röhren ertönte und plötzlich kamen von allen Seiten Gestalten aus dem Schnee hervor und brüllten mit rauen Kehlen Jagdrufe. Die Männer spornten ihre schnellen Hunde mit verzweifelter Energie an. Eine andere Jagd hatte begonnen. Während von zwei Seiten dunkle Kreaturen die Abhänge hinunter stürmten, rasten die Schlitten auf einen Engpass zu. Die Kufen glitten lautlos über den Schnee und die Hunde hechelten. Einmal noch spannten sie ihre müden Muskeln mit der unvorstellbaren Zähigkeit ihrer Rasse an, einmal noch bogen sich ihre Sehnen um Schlittenlänge um Schlittenlänge dem rettenden Engpass näher zu kommen, der das Nadelöhr aus dem Hinterhalt heraus war. Doch dann pfiffen Speere mit scharfem Zischen durch die Luft und durchbohrten mit einem kurzen, schmatzenden Laut den Leib des hintersten Schlittenlenkers. Er stürzte und erhob sich nicht mehr. Dem nächsten zerschmetterte eine mit sicherer Hand geworfene Wurfaxt den Kopf, und auch sein Mitfahrer vermochte nicht mehr die Zügel des Schlittens zu ergreifen, er sank von zahlreichen Geschossen durchbohrt zurück. Ein weiterer stürzte mit einem verzweifelten Schrei vom Schlitten als sich Pfeile in die dicken Pelze seiner Kleidung bohrten, sie erst nicht durchdrangen aber ihn dann am Bein lähmten. Von allen Seiten kamen aus dem Schneetreiben gelb glühende Augen auf ihn zu, wie von Wölfen die jetzt Menschenfleisch begehrten.
Er schrie gellend. Dann hatten sie ihn erreicht und aus seinem Schreien wurde ein gurgeln das langsam versiegte. Und ein weiterer starb, und ein weiterer, herunter geschossen von den Schlitten, durchbohrt, mit zerschmettertem Schädel oder tödlich verwundet von mehreren Waffen zugleich.
Nur vier Schlitten hetzten noch auf den Engpass zu, verfolgt von den Menschenjägern die schreiend und brüllend hinter ihnen herrannten... da fuhr ein Schlitten in voller Fahrt über einen Felsen, wurde schräg hochgeschleudert, drehte sich in der Luft und krachte in den hinter ihm fahrenden Schlitten hinein. Bald erstarben auch ihre Schreie. Die beiden letzten Fahrer schienen es schaffen zu können. Die Jäger blieben zurück und niemand stand ihnen im Weg. Doch gut verborgen, kurz vor dem Engpass, war ein Versteck in den Schnee gegraben, und heraussprang eine scheußliche Gestalt mit schwarzem Fell und einer großen stacheligen Keule, und schlug dem hinteren Schlittenfahrer in voller Fahrt den Kopf ab. Der Körper jedoch blieb auf dem Schlitten und die Hunde zogen ihn weiter, und hinter dem ersten Fahrer brachen sie durch den Engpass und verschwanden in der Eiswüste. Man hat sie nie wieder gesehen. Der letzte Überlebende jedoch verschwand in der weißen Weite.


Carquac fuhr aus dem Schlaf hoch und blickte sich zitternd um. Er war im vertrauten Zelt. Das Feuer war heruntergebrannt. Seine Schwester schlief friedlich. Doch seine Großmutter hatte sich von ihrem Lager aufgesetzt und lauschte aufmerksam auf irgendetwas. "Großmutter, was..." begann Carquac, doch sie brachte ihn mit einer wütenden Handbewegung zum Schweigen. "Still!"
Sie lauschte noch aufmerksamer als vorher. Nun konnte Carquac es auch hören. Hundegebell! Er sprang freudig auf und lief hinaus. Auch Kiina, ein Mädchen der Schwesterfamilie seines Vaters, war nach draussen gelaufen. "Sieh nur Carquac, die Jäger kommen zurück!" rief sie freudig. Immer noch blies der Wind kräftig und versperrte die Sicht mit Flockenwirbeln. Carquac reckte sich ob er etwas sehen könnte. Sie lief ein Stück nach vorn. Und da sie beide scharfe Augen hatten erblickten sie den Zurückkrehrenden fast gleichzeitig. "Vater", rief Carquac und eilte ihm entgegen. Doch er stoppte verwirrt. Sein Vater war der Anführer, und doch schien er der einzige zu sein der zurückgekehrt war. Dann erschrak der Jüngling. Vom linken Arm seines Vaters rann ein breiter Strom von Blut in den Schnee. Er taumelte vom Schlitten herab. Kiina schrie auf. Carquac versuchte ihn aufzufangen. Mit seinem rechten Arm stützte sich sein Vater auf ihn. Kiina eilte herbei um ihm zu helfen. Währenddessen waren auch die übrigen Mitglieder der Sippe aus ihren Zelten gekommen. Doch keiner sagte etwas, alle starrten nur erschrocken den Verwundeten an, und ein jeder wusste von den Frauen, den Alten und den Kindern das keiner außer ihm jemals wieder zurückkehren würde. Denn Sarquac war der Häuptling des Stammes und der Anführer der Jäger gewesen, und nur der Tod hätte ihn von seinen Blutsverwandten zu trennen vermocht. Niemand sprach. Nur Ulgulm, die Weißhaarige, die in einen Umhang aus Rentierfell gehüllt allein vor dem Zelt stand. "Was ist geschehen Sarquac?" Ihr Schwiegersohn blickte sie an: "Orgor. Die Wolfsdämonen. Sie lauerten uns auf. In einer Senke fielen sie über uns her und töteten jeden. Ich bin der einzige der es durch den Engpass geschafft hat!" Eine junge Frau schrie auf. Sie trug das Kind ihres toten Gemahls unter ihrem Herzen. Die anderen schwiegen und beugten sich förmlich unter der grausamen Wucht des Schlages der sie traf, waren wie betäubt von seiner Härte.
Auch Carquac schwieg. Er dachte nicht an seinen toten Bruder, oder seine Onkel oder Vettern die nun unbegraben zum Fraß der Dämonen wurden. Er konnte jetzt einfach nicht denken. Er sah nur seinen Vater, der blutete. Und er wusste, dass er ihm helfen musste. Seine Großmutter dachte wie er. "Kiina, hol mir meine Heildinge!" Aus ihrem Rock riss sie einige Streifen heraus und verband damit Sarquac die Schulter. Er war verletzt, doch nicht tödlich. Doch genug um ihn zu schwächen. "Hört mir zu!" rief er. "Wir können nicht länger hier bleiben, wir müssen sofort aufbrechen! Die Dämonen werden uns verfolgen. Wenn sie sich wieder so weit nach Norden wagen sind sie auf Sklavenjagd. Sie wollen Menschenfleisch!"
Die Stammesmitglieder sagten immer noch nichts. Doch dann, ganz langsam, wandten sie sich den Zelten zu und begannen das Lager schweigend, aber schnell und lautlos abzubrechen. Sie gehorchten ihrem Häuptling. Doch in ihre Gesichter hatten sich Furcht und Schmerz eingegraben. Schmerz um die Angehörigen. Doch Furcht um sich selbst.
In Eisen gepanzerte Reiter ritten durch den kalten Wind, und sie trugen Bärenfelle um die Schultern und Bärenzähne als Ketten um den Hals. Jäger. Sie ritten im Zeichen des Wolfes, denn ein spitzer Wolfskopf flatterte ihnen auf ihrem Wappen voran. Und hinter ihnen stürmte die Meute mit weiten, lang ausholenden Schritten hinterher. Die Reiter mochten nicht länger im Galopp auf sie warten und gaben ihren Reittieren die Sporen. Doch als wenn die schwarze Masse hinter ihnen wittern würde das ihr eine Beute fortgenommen werden sollte, rannte auch sie schneller - und hielt mit.
Das Lager war schnell abgebrochen worden, mit wenigen Hunden zog Sarquacs Volk, die Zelte von Weibern und Alten geschultert, eilig fort. Eilig, die Blicke ängstlich über die Schultern gerichtet, ob Verfolger am Horizont auftauchen mochten, die Ohren voll grauen nach Wolfsgeheul lauschend, das nicht von Wölfen stammte. An der Spitze schritt Sarquac, und bei ihm waren sein Sohn und Ulgulm, die Alte. Auf Sarquacs Schlitten wurden sein krankes Weib gezogen. Der Wind wurde wieder kräftiger und jagte Böen über die Ebene.
Die Reiter lachten in den Wind - auf Sturmkönige - auf in die Schlacht! Sie lachten mit Macht. Seht unsern Glanze, der Rösser Pracht! Sie erreichten das Lager, verlassen und leer. Hinter ihnen da stürmte bereits das schwarze Heer mit Wucht heran. Weiter, sie können nicht weit sein! Ich will sie lebendig, als Sklaven! So sprach ihr Hauptmann. Sein Haar war lang und schwarz unter dem Eisenhelm, gekrönt mit Drachenflügeln. Die Reiter spornten ihre Rosse, ungeachtet der schlechten Sicht erneut an. "Auf! Ihnen nach!", schrien sie. "Bringt sie mir, ja, bringt sie mir lebendig - oder tot, so ihnen dies lieber ist!" Der Hauptmann lachte.
Die Lossoth hörten hinter sich Schreie aus dem Sturm dringen. "Lauft!" schrie Sarquac. "Lauft um euer Leben!" Verzweifelt versuchten die Flüchtenden Alte zu schultern die nicht mehr schnell laufen konnten, pressten Mütter ihre Neugeborenen an sich und zogen die hochschwangere Schwester hinter sich her. Doch dann brachen die Reiter als schwarze Schatten von überallher aus dem Sturm. "Verteilt euch!" rief Carquac. Alte stürzten, Kinder blieben zurück, verloren im Sturm, Menschen rannten und konnten doch nicht entkommen. Sarquac stieß seinen Sohn von sich. "Lasst mich zurück und flieht ihr Narren!" schrie er Carquac und Kiina. Carquac erstarrte. "Vater!" "Er hat recht!Flieht!" Ulgulm zeigte nach Westen auf einen Hügel. Nach einem letzten Blick rannten Carquac und Kiina los.
Die Reiter aber näherten sich nun von allen Seiten. Die Frau mit dem Kind unter dem Herzen wurde niedergeworfen und mit einem beschlagenen Stiefel zu Boden gedrückt. Ein alter Mann, der einen Speer ergriffen hatte, wurde einfach niedergeritten. Die Reiter drängten die Flüchtigen zusammen und trieben sie auf einen Haufen. Dem Schlitten, auf dem Carquacs Mutter lag näherte sich ein Reiter. Er konnte nur die alte Frau sehen die dahinter stand und ihm etwas in ihrer Sprache zuschrie. Er galoppierte um den Schlitten herum-und wurde unter seinem, von einem Speerstoß zwischen die Vorderbeine zu Fall gebrachtem Pferd begraben. Gellend schrie er auf als ihm die Beine und der Unterleib zerquetscht wurden. Sarquacs Stich ließ ihn verstummen. Sarquac sprang auf den Schlitten als der nächste Reiter heran ritt, breitbeinig über seiner Frau stehend. Ein Ger flog auf ihn zu. Er bog sich zur Seite. Der Ger verfehlte ihn. Sein Gegner zog das Schwert und spornte sein Pferd mit einem Kampfschrei an.
Sarquac warf den Speer. Mit einer Mischung aus Überraschung und Wut schrie sein Gegner auf. Der Speer hatte ihn direkt zwischen das Verbindungsstück von Armschiene und Kettenhemd getroffen. Er glitt vom Pferd.
Doch nun ritt der Anführer heran. Sarquac langte nach der langstieligen Kriegsaxt des gefällten ersten Reiters. Er schwang sie über seinen Kopf und holte zum Schlag aus während sein Gegner heran kam. Doch der ließ plötzlich sein Pferd hochsteigen. Sarquac sprang zurück. Als der Reiter wendete schlug es mit den Hufen aus. Sie trafen Sarquac vor der Brust und er stürzte zu Boden. Der Anführer sprang ab. Mühsam raffte sich der Häuptling noch einmal auf. Er schlug mit der Axt zu, dreimal, und dreimal fing der Gegner seine Schläge mit dem Schild ab, ihm keine Chance lassend richtig auszuholen. Dann stieß er mit dem Schwert zu und durchbohrte das von keiner Panzerung geschützte Herz.
Der Häuptling stürzte. Sarquaq starb.
Carquac schrie auf. "Komm, wir haben den Hügel fast erreicht", flehte Kiina und zerrte ihn mit sich. Doch es war zu spät. Reiter umkreisten sie. Sie warfen sie nieder und banden ihnen die Hände auf den Rücken.
Mittlerweile waren auch die Wolfsdämonen eingetroffen und heulten die Nacht an, sei es aus Triumph über die Feinde, sei es aus Hass auf die Reiter die sie der Jagdbeute beraubten. Einige von ihnen schwärmten über den Kampfplatz aus und begannen den Toten das Haar und die Finger abzuschneiden. Ehrenzeichen, Lobeeren fremder Siege. Der Anführer wandte sich von den Gefangenen ab und den Reitern zu. Da sprang einer der Dämonen, es war der mit der Stachelkeule, auf Ulgulm zu, die Alte, die wie versteinert den Tod ihres Schwiegersohnes mitangesehen hatte. Der Anführer fuhr herum und rief etwas. Doch es war zu spät. Die Keule trieb ihr die Stacheln durch die Augen ins Gehirn. Ihr Kopf zerplatzte unter dem langen weißen Haar das sich rot färbte. Ein zweiter sprang davon angestachelt auf den Schlitten. Er hielt die darauf liegende Menschenfrau wohl für tot. Mit mörderischen Raubtierzähnen biss er ihr die Kehle durch und begann ihr Blut in sich hinein zu saufen das in Sturzbächen herausfloss.
Ein Wutschrei ließ die Luft erbeben. Ein Schwert sang. Der Dämon mit der Keule fuhr herum als er die Gefahr bemerkte. Sein Arm wurde knapp unter dem Ellenbogen von scharfem Stahl abgetrennt und flog in den Schnee, die Keule noch umklammert. Der zweite Schlag schlitzte ihm den Bauch auf. Mit der übrig gebliebenen linken Hand vergeblich die Eingeweide zurückzustopfen versuchend blieb er liegen und verreckte langsam. "Ich dulde keinen Ungehorsam! Fort vom Schlitten oder dir ergeht es ebenso!" Die Stimme des Anführers war ebenso scharf wie sein Schwert. Der Angesprochene wich erschrocken knurrend zurück.
Kiina und Carquac wurden Stricke um den Hals gelegt. Alle Überlebenden des Stammes wurden in einer langen Reihe hintereinander aufgestellt und wie Vieh aneinander gebunden. Mit Tränen verschleiertem Blick sah das Mädchen auf die Blutstätte zurück. Sie weinte. Carquac aber schwieg. Wie ein lebender Leichnam stapfte er in der Sklavenkarawane voran. Er sagte nichts. Er dachte nichts. Er fühlte nichts mehr. Wie ein Stück Vieh. Wie ein Sklave.
Der Wind blies immer noch. Allmählich deckten weiße Böen die Blutlachen im Schnee zu.
(Holger)