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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Eine gefährliche Begegnung

Der erste Sonnenstrahl fiel durch die schattigen Bäume. Ajienna lächelte und bückte sich hinunter zu einer kleinen, blauen Blume.
"Schau nur, Legolas!" rief sie über ihre Schulter, "die erste Farbe nach diesem ewigen Dunkel!"
Lautlos kam der Elb hinter ihr aus dem Wald.
"Und es ist Nachtblau..." sagte er mit sanfter Stimme, "das mag ein gutes Zeichen für dich sein, Elenûr. Mir zeigt es nur, dass der Düsterwald hier endet, denn er kennt keine Farbe außer Schwarz."
Er ließ sich neben Ajienna nieder und strich über die kleine, blaue Blüte.
"Elenûr... Soll ich wirklich nicht...?"
Ajienna seufzte. "Nein, du sollst nicht. Dein Angebot ehrt mich, aber ich komme sehr gut alleine zurecht."
Legolas erhob sich. "Ich kann reden, was ich will, es wird nichts bringen. Du bist schrecklich starrköpfig. Ich weiß, dass der- oder besser die- Starke alleine am mächtigsten ist, aber zu zweit sind die Wege sicherer."
Ajienna lächelte. "Ich mag keine Wege."
"Dann sage ich dir lieber jetzt Lebewohl. Sonst überlege ich es mir noch anders und folge dir. Aber immer, wenn ich nachts auf die Bäume klettern werde, um die Sterne zu betrachten, werde ich an dich denken... und hoffen, dass es dir gut geht."
Ajienna verdrehte die Augen. "Sehr freundlich von dir. Immer, wenn ich nachts die Sterne betrachte, werden auch meine Gedanken bei dir sein, der du in der tiefsten Dunkelheit auf einem schwankenden Baumwipfel sitzt und dich sorgst, und ich werde hoffen, dass du nicht hinunterfällst."
Legolas lachte auf. "Du bist furchtbar! Ich sorge mich, und du machst dich darüber lustig." Er drehte sich um und ging auf den Wald zu. An seiner Schwelle blickte er noch einmal zurück.
"Lebewohl! Namárie!" rief er und verschwand zwischen den Bäumen.
"Atenio!" schrie Ajienna und murmelte dann leise: "Alter Dramatiker!"
Sie wandte sich um und ging auf die große Ebene zu. Die Bäume wurden weniger, bis sie schließlich ganz verschwanden.
Ajienna beschattete ihre Augen mit der Hand. Die Elben, die sie ihr Leben lang begleitet hatten, hatten sie geprägt, und sie konnte besser sehen als andere Sterbliche. Jetzt erblickte sie in der Ferne den Gipfel des Erebor. Sie beschloss, sich weiter südlich zu halten, da eine Überquerung oder eine nördliche Umgehung des Berges zu viel Zeit gekostet hätten. Sie stapfte weiter durch die Gräser, und allmählich begann es zu dämmern. Leise summte sie vor sich hin, und ihr Summen wurde zu einem ihrer vielen Wanderlieder.
Ich laufe durch Täler, über Höhen, durch Wald
in einer Welt, die ich nicht verstehe,
Durch Licht und durch Schatten, durch böse und gut
doch ich weiß nicht, wohin ich gehe.
Ich liebe das Dunkel, die Sterne, den Mond
und doch bin ich froh jeden Morgen,
Wenn ich erwache im Schein der Sonne
ohne dass die Nacht mich verschlang.
Abrupt blieb sie stehen und stemmte die Hände in die Hüften. "Die Nacht wird mich tatsächlich verschlingen, wenn ich mir nicht bald einen sicheren Platz zum Schlafen suche", sagte sie zu sich selbst, sah sich um und ging dann auf einen großen Felsen zu, den sie im Osten erspäht hatte.
Der Felsen war genau richtig. Er war ein wenig überhängend wie eine kleine Höhle, und Ajienna flocht schnell und geschickt eine zusätzliche Wand aus Zweigen von Büschen, um sich vor dem Nachtwind zu schützen, der aufkam.
Ein behagliches Quartier hatte sie geschaffen, und zufrieden wickelte sie sich in ihre Decken, aß eins von den Lembas, die die Elben ihr als Wegzehrung mitgegeben hatten, und schlief ein. Mitten in der Nacht schreckte Ajienna auf. Ein Geräusch hatte sie geweckt, ein Klang wie von leisen und weichen Schritten. Sie sprang auf und griff zu Pfeil und Bogen.
"Wer ist da?" rief sie in die Dunkelheit, während sie die Sehne ihres Bogens bis zum Äußersten spannte. Sie bekam keine Antwort, aber die leisen Schritte waren wieder zu hören, diesmal waren sie näher, und jetzt erkannte Ajienna auch, worum es sich handelte: Es waren Pferdehufen, die auf dem weichen, erdigen Grund sehr leise waren.
Sie drückte sich mit dem Rücken an den Stein, den Bogen immer noch schussbereit, und schob sich langsam unter dem überhängenden Felsstück vor. Das würde eine spätere Flucht erleichtern.
"Wer ist da?" rief sie noch einmal und versuchte, möglichst forsch und unerschrocken zu klingen. Wieder bekam sie keine Antwort, aber jetzt sah sie ein schwarzes Pferd langsam auf sich zukommen. Sein Reiter war kaum von ihm zu unterscheiden, da er in einen genauso schwarzen, langen Umhang gekleidet war, und beide hoben sich nur unwesentlich von der Dunkelheit ab. Eine tödliche Kälte schien von ihm auszugehen, und Ajienna erschauerte.
"Was wollt ihr von mir?" rief sie und stellte gleich darauf erbittert fest, dass ihre Stimme eine Tonlage höher geworden war. Einen besseren Weg, ihre Angst zu zeigen, gab es gar nicht.
Der Reiter sagte nichts. Er schien sie aus unsichtbaren Augen anzublicken, und eine Kälte durchfuhr Ajienna, wie sie sie noch nie gekannt hatte. Ihre Hand zitterte, und sie ließ den Pfeil los, den sie auf den Reiter gerichtet hatte. Er schnellte von der Sehne und traf den schwarz gekleideten Mann. Dieser wandte seinen Blick von Ajienna ab und blickte auf den Pfeil, der in seiner Schulter steckte. Ajienna ließ erleichtert ihren Bogen sinken und beobachtete den Reiter. Sie wartete, dass er zusammensinken würde, denn trotz ihren zitternden Händen war es ein guter Schuss gewesen.
Doch der Mann lachte plötzlich ein kaltes und raues Lachen, zog den Pfeil aus seiner Schulter und zerbrach ihn. Nur für einen Augenblick starrte Ajienna ihn noch mit einem überraschten Entsetzen an, dann wendete sie sich zur Seite und rannte. Sie lief um den Stein herum, sprang in die Ebene und hetzte weiter. Sie war schnell und geschickt, aber der dunkle Mann hatte ein Pferd, und schnell kam er näher und näher. Verzweifelt bückte sich Ajienna in ihrem Lauf, wieder und wieder, hob Steine vom Boden auf und schleuderte sie mit aller Kraft hinter sich. Aber der Reiter schien keine Notiz von den Wurfgeschossen zu nehmen, und sie prallten an ihm ab, ohne die geringste Spur zu hinterlassen. Keinen Schaden fügten die Steine ihm zu, genau wie Ajiennas Pfeil.
Er war ihr dicht auf den Fersen, und sie konnte seinen kalten Hauch schon spüren. Wieder griff sie zu einem Stein und warf ihn nach hinten, aber dieser Wurf war nicht so gut wie die anderen gezielt, und der kleine Brocken traf das Pferd mit voller Kraft auf die Stirn. Vor Schmerz wieherte es schrill auf und scheute für einen Augenblick, aber der schwarze Reiter bekam es schnell wieder unter seine Kontrolle. Er galoppierte in rasendem Zorn auf Ajienna zu. Sie hatte keine Kraft mehr. Nie würde sie diesem Wesen entkommen. Sie fiel auf die Knie und wartete auf die donnernden Hufe. Tränen traten ihr in die Augen, in Gedanken durchlief sie die schönsten Momente in ihrem Leben, und alles drehte sich um das einzige Lebewesen, das sie je wirklich geliebt hatte: Legolas. Immer war er ihr wie ein Bruder gewesen. Eine Erinnerung, stärker und klarer als alle anderen, kam in ihr auf.
Sie musste sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein. Sie saß mit Legolas zusammen am Waldfluss, schon außerhalb des Düsterwaldes, und sie hatte gerade ihren ersten Bogen bekommen. Legolas saß an einen Baum gelehnt neben ihr, betrachtete das plätschernde Wasser und genoss die Sonne. Ab und zu warf er ein Steinchen in den Fluss. Sie selber übte Bogenschießen. Sie hatte sich ein dünnes Bäumchen als Ziel ausgesucht und schoss immer wieder, aber kein einziger Pfeil traf. Das hatte sie wütend gemacht, so wütend, dass sie irgendwann zornig ihren Bogen und den Köcher auf die Erde warf. Gerade wollte sie losschreien, aber da begann Legolas zu lachen. Sie war schrecklich empört gewesen, und Ajienna lächelte fast, als sie diese Erinnerung überkam. Aber Legolas hatte den Bogen aufgehoben und ihn ihr in die Hand gedrückt.
"Dein Fehler liegt in deinem Ehrgeiz!" hatte er immer noch lachend gesagt, "sogar mir würde es nicht leicht fallen, dieses dünne Ästchen dort zu treffen.
Versuche es mit dem Baum dort!" Und er hatte auf einen dicken Baum gedeutet, der weniger weit entfernt stand. Ajienna hatte ihren Bogen zögernd in die Hand genommen, und als Legolas ihr aufmunternd zunickte, hatte sie geschossen. Und getroffen. Sie hatte begeistert aufgejubelt, und Legolas hatte sie in die Arme genommen und gesagt: "Das ist es, Elenûr! Nimm dir nicht immer das schwerste Ziel vor!"
Nicht immer das schwerste Ziel vor... Und plötzlich wusste Ajienna, was sie zu tun hatte. Sie schlug die Augen auf, schrie und sprang zur Seite. Gerade noch rechtzeitig wich sie den donnernden Pferdehufen aus. Der Reiter zischte wütend, wendete und stob erneut auf sie zu. Aber Ajienna drehte sich nicht um und lief weg, diesmal stellte sie sich dem Reiter direkt entgegen. So schnell, dass kaum ein Blick ihr folgen konnte, zog sie einen weiteren Pfeil aus ihrem Köcher, legte ihn auf die Sehne und schoss- aber diesmal nicht auf ihren Verfolger, sondern auf sein Pferd.
Sie hatte gut gezielt. Der Pfeil traf das Pferd in den Hals, und es stieß einen Schmerzenslaut aus und stieg. Sein Reiter klammerte sich an ihm fest, aber das Tier tobte, und er fiel auf die Erde- und über ihm brach sein Pferd zusammen. Es wälzte sich nur noch einen Augenblick hin und her, dann wurden seine Bewegungen langsamer, und schließlich erstarrte es ganz. Ajienna rang mit sich, dann siegte die Neugier über der Furcht und sie ging vorsichtig zu dem toten Tier. Ein Teil des Umhangs, den der Reiter getragen hatte, schaute noch hervor, er war zerrissen, aber jede Kälte schien von ihm abgefallen zu sein. Ob der Mann ebenfalls tot war? Sie hob den Umhang an und schrie vor Überraschung auf. Er war leer. Von seinem Besitzer war keine Spur zu sehen, und das einzige, was er zurückgelassen hatte, waren sein totes Pferd und sein zerfetzter Umhang. Sie drehte sich um und schaute in die Ebene, aber von dem Mann war keine Spur zu erkennen. Wo konnte er hingegangen sein? Jedenfalls spürte Ajienna seine Anwesenheit nicht mehr, die Kälte war gewichen.
Es mussten noch eine oder zwei Stunden bis Sonnenaufgang sein, aber Ajienna brachte nicht mehr den Mut auf, die letzten Stunden der Nacht zum Schlafen zu nutzen, und setzte unter dem Sternenlicht ihre Wanderung fort. Als die Morgenröte im Osten erschien, konnte sie in der Ferne den Fluss Eilend erkennen, und mit dem Sonnenaufgang hatte sie ihn erreicht. Sie ruhte sich ein wenig aus, dann band sie ein dünnes, aber festes Seil an einen ihrer Pfeile, schoss ihn in einen Baum auf der gegenüberliegenden Seite, entkleidete sich und band sich das andere Ende des Stricks um die Körpermitte. Sie prüfte noch einmal die Festigkeit des Seils. Es würde sie halten, falls die Strömung doch stärker als sie wäre. Schnell packte sie ihre Kleidung zu einem Bündel zusammen, band es ebenfalls an das Seil und stürzte sich ins Wasser. Ihre Befürchtungen hatten sich als unbegründet erwiesen: Das Wasser floss an dieser Stelle nicht allzu schnell, und sie schwamm ohne Probleme ans gegenüberliegende Ufer. Dort zog sie ihre nasse Kleidung wieder an, öffnete ihr Haar, damit die Sonne es leichter trocknen konnte, und setzte ihren Weg fort. Die Sonne schien und es war windig, die Welt hatte schöne Farben und viele Blumen blühten. Ajienna blieb stehen und lachte, lachte und schrie vor Freude. Sie lebte. Sie lebte in dieser wunderbaren und seltsamen Welt, und nur das zählte, die Erde roch gut, die Gräser raschelten im Wind. Ajienna ließ sich auf den Boden fallen, lachte immer noch, genoss die duftende Herbstluft, die ihr durch das Haar strich. Der Schrecken der letzten Nacht begann langsam zu schwinden und verblasste schließlich zu einem Nichts im Angesicht des Lebens.
(Marisa)