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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Erster Akt vor Artagón

Festen Schrittes ging Ajienna auf die zwei Torwachen zu, die sie bereits erblickt hatten und sie nun mit neugierigen Blicken musterten. Griwin hatte sie vorgewarnt, dass die Wächter ein Losungswort wollten. Die Losung selber kannte Ajienna nicht. Aber wenn die Menschen in diesen Landstrichen tatsächlich so waren, wie sie sie einschätzte, würde sie ohne weiteres in die Stadt kommen.
Sie war bei den Wächtern angelangt. "Halt!" rief der eine, und Ajiennas Körper straffte sich. Jetzt musste sie überzeugend die Person darstellen, die ohne Probleme diese Stadt betreten konnte - eine mächtige Person.
"Ja?" sagte sie mit kalter Stimme und wandte sich dem Wächter zu, "was wollt Ihr von mir?"
"Die Losung wollen wir von euch, Herrin," sagte der Wächter zögernd, und er bemühte sich, Ajiennas scharfem Blick auszuweichen, "ohne die Losung dürft ihr nicht in die Stadt."
"Eine Losung." Ajienna runzelte die Stirn. "Ihr meint, ich muss Euch ein bestimmtes Wort ins Ohr flüstern, damit Ihr mich vorbei lasst? Ein einfaches, nichts sagendes, aber trotzdem furchtbar bedeutendes Wort?"
Der Wächter trat verlegen auf der Stelle. "Ja, Herrin."
"IHR NARREN!" schrie Ajienna, und ihre Augen blitzten gefährlich auf, als sie sich zu voller Größe erhob, "ich brauche ein Losungswort, ich, Ajienna Elenûr von Düsterwald?"
Drohend erhob sie die Hände, als wolle sie Blitz und Donner aus ihnen auf die Wächter schießen, und diese wichen mit offenem Mund zurück.
"Denkt ihr erbärmlichen Würmer etwa,ich müsste dieses Tor durchqueren? Denkt ihr das?" Ihre Stimme hatte eine gefährliche Schärfe angenommen, und einer der Wächter hatte sich gegen die Mauer gedrückt und sah sie verängstigt an, als würde sie ihn gleich in ein Schaf verwandeln. Ajienna hätte zu gern losgelacht, aber jetzt musste sie ihr kleines Theaterstück zu Ende bringen.
"Nein, auf Eure gnädige Mithilfe bin ich nicht angewiesen. Auch nicht auf dieses Tor. Wenn Euch das lieber ist, lasse ich die Stadtmauern in blaue Flammen aufgehen, die nichts übrig lassen, nicht Stock noch Stein!"
Sie wandte sich dem anderen Wächter zu. Zornig richtete sie ihre Finger auf ihn, und er sank zu Boden.
"Verschont mich! Herrin, bitte verschont mich!" wimmerte er.
"Dann öffnet mir das Tor." Ajienna ließ ihre Hände sinken. "Es wäre zu schade, diese prachtvollen Mauern zerstören zu müssen." Sie warf dem im Staub liegenden Wächter einen verachtungsvollen Blick zu.
"Nun hört auf, vor mir herum zu kriechen wie ein räudiger Hund vor seinem strafenden Herrn. Eilt Euch, lasst mich ein!"
Der Wächter machte keine Anstalten, sich zu erheben, sondern drückte nur sein Gesicht immer fester auf die Erde, als wolle er hineinkriechen. Drohend blickte Ajienna auf ihn hinab: "Wenn Ihr mich nicht sofort einlasst, werdet Ihr nie wieder an diesem Tor stehen und Wache halten und nach albernen Losungen fragen. Ich nehme an, Würmer können keine Wächter sein?! In eben solch einen werde ich Euch verwandeln, wenn Ihr nicht sofort öffnet!"
Wieder erhob sie drohend ihre Hände, und der Wächter rappelte sich auf, immer noch wimmernd ging in Richtung des Tores und stolperte, stand taumelnd wieder auf. Sein Kollege trat ihm zur Hilfe und geleitete ihn zum Tor, den verschreckten Blick immerfort auf Ajienna gerichtet, öffnete er die Pforten.
"Ich danke Euch." Ajienna nickte den beiden Männern wohlwollend zu. "Sagt mir nur noch eines: Wo kann ich euren Herrscher finden?"
In dem verzweifelten Wunsch, seinen Herrn zu beschützen, stellte der eine Wächter sich Ajienna in den Weg.
"Was wollt Ihr von unserem Dorfältesten? Bevor ihm ein Leid geschieht, müsst Ihr erst mich töten!"
Ajienna lächelte milde. "Ich will Eurem Herrn kein Übel. Ich möchte ihn vor einer Gefahr warnen und ihn bitten, Truppen zu entsenden, da Euer Land sich sonst in große Gefahr begibt. Es tut mir leid, dass ich so aufbrausend war, aber ich habe eine lange Reise hinter mir und fand es sehr erniedrigend, dass meine wichtige Aufgabe an falschem Stolz scheitern sollte!"
Ihre Stimme klang immer noch ruhig und gütig, aber ein Funkeln war wieder in ihre Augen getreten. Ajienna wusste genau, wie durchdringend ihre Augen auf andere Personen wirkten, und der Wächter bildete keine Ausnahme, als er einen Schritt zurückwich.
"Woher weiß ich, dass ich Euch trauen kann?" fragte er mit leiser, widerstandsloser Stimme. Ajienna trat auf ihn zu und nahm seine Hand. Zuerst fuhr der Mann zurück, aber Ajienna verstärkte ihren Griff und sah ihrem Gegenüber in die Augen.
"Gilt ein Ehrenwort in Euren Landen etwas?"
Der Mann wich ihrem Blick aus, nickte aber. Da legte Ajienna ihre andere Hand sanft an seine Wange und drehte sein Gesicht zu ihr, so dass sein Blick ihren traf. Der Wächter schluckte und zwinkerte nervös, hielt ihren Augen aber stand. Sie verstärkte ihren Händedruck.
"Dann habt Ihr hiermit mein Ehrenwort, dass Eurem geliebten Herrscher nichts geschehen wird."
Wie in Trance löste der Mann seine Hand aus der ihrigen und nickte langsam. Dann ging er zum Tor und öffnete es.
"Folgt mir." sagte er, aber seine Stimme war kaum mehr ein Flüstern. Ajienna nickte, trat durch das Tor - und fand sich plötzlich in einer Welt wieder, die nicht die Ihrige war. Lärm rollte durch die Gassen wie langsam an- und abschwellende Trommelschläge, geschäftige Männer und Frauen in grober Leinenkleidung eilten durch die Gassen. Ein Mädchen, das einen Krug mit Wasser auf dem Kopf trug, stieß Ajienna versehentlich an. Sie wich zurück, murmelte ein ängstliches 'Entschuldigung' und war auch schon wieder verschwunden. Die Gassen waren schmal und die Häuser wirkten ein wenig heruntergekommen. Ohne Zweifel war dies eines der ärmeren Viertel der Stadt - sonst hätte es auch nicht so dicht an den Mauern gelegen.
Mit großen Augen blickte Ajienna sich um. All die beschäftigten Menschen wirkten auf sie wie ein Bienenschwarm, der eifrig summte und brummte, in einem scheinbaren Durcheinander, das in Wirklichkeit wohlorganisiert war. Derartiges war sie nicht gewohnt. Die Elben strahlten Ruhe und Friede aus, die Zwerge redeten wenig und hatten ein geordnetes System, die wenigen Hobbits, die sie bisher getroffen hatte, bewegten sich nicht gern - und die Menschen... Sie kannte wenige Menschen und konnte sie allesamt nicht leiden, diese großen Personen mit dem kalten und stolzen Blick, dumm, faul und kriegerisch. Sie war nur Waldläufer gewohnt, gelegentlich Kaufleute, und einmal war sie in einem kleinen Dorf gewesen - aber niemals zuvor hatte sie so viele Angehörige des ihr verhassten Volkes auf einer Stelle gesehen.
Der Wächter, der sich inzwischen von seinem Schock erholt hatte, bemerkte Ajiennas erstaunte Blicke, und er wandte sich an sie: "In wenigen Tagen ist der Markt, Herrin. Das letzte Korn ist geerntet, der Wein gegoren, auch die Äpfel werden gepflückt werden. Jetzt wollen die Leute ihre Vorräte für den Winter anlegen, damit sie auch in der wüsten Jahreszeit genügend zu essen haben, obwohl - ", er sah sich geringschätzig um, "das bei diesem einfachen Volk nicht einmal sehr wahrscheinlich ist. In der Mitte des Winters werden sie wieder bettelnd vor den Toren der Großen Halle stehen."
Ajienna fuhr herum und wollte dem Wächter ein paar zornige Worte entgegnen - so interessant sein Vortrag gewesen war, es ärgerte sie, wie abschätzend er vom 'gemeinen' Volk sprach. Aber gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass ein solches Benehmen der Herrscherin, die sie verkörperte, nicht würdig war, und so beschränkte sie sich auf ein weises Lächeln und entgegnete: "Wenn die Reichen ihren Reichtum teilen, haben alle mehr als vorher: Die Armen Nahrung, die Reichen Freunde. Und glaubt mir, an solchen herrscht in der Welt des Goldes häufig Mangel."
Verwundert blickte der Wächter sie an, sagte aber nichts mehr und schritt weiter durch die Gassen. Ajienna folgte ihm.
Nach und nach wurden die Häuser, an denen sie vorbeikamen, stabiler, dann kunstvoller. Häufig waren sie gekalkt und mit farbigen Sprüchen bemalt, in einer Sprache, die Ajienna nicht lesen konnte. Die Gassen waren breiter und im Gegensatz zu den Wegen im Armenviertel gepflastert. Hier sah man häufig Läden, deren Besitzer 'edleren' Geschäften wie dem Tuch- oder dem Gewürzhandel nachgingen.
Und dann kamen sie zum Marktplatz, der trotz der geringen Größe der Stadt sehr weitläufig war. Und mitten auf dem Platz stand eine Halle. Sie war nicht groß und auch nicht sehr luxuriös, aber sie war mit allerlei seltsamen und schönen Malereien verziert, und der Giebel glänzte in der Sonne, als bestünde er aus purem Gold. In die Mitte der Vorderwand war ein großes Tor aus Eichenholz mit eisernen Scharnieren eingesetzt. Und auf eben dieses Tor bewegte sich der Wächter nun zu.
Ajienna folgte ihm, bemüht, ihre bewundernden Blicke zu unterdrücken. Gewiss waren die Hallen Thranduils prächtiger, aber dieses Gebäude war einfach anders als alles, was sie zuvor gesehen hatte. Besonders ins Auge fiel ihr der große, goldene Türklopfer, der einen großen und zähnefletschenden Wolfskopf darstellte. Sie schauderte bei dem Gedanken an ihr unfreiwilliges Abenteuer mit einem ebensolchen Wolf, als sie nur mit knapper Not und Griwins Hilfe dem Tod entronnen war.
Der Wächter ergriff den großen Ring, den das goldene Tier in der Schnauze hielt, und ließ ihn donnernd gegen das Tor dröhnen. Einen Moment später öffnete sich eine kleine Klappe in der oberen Hälfte des Tores. Die Augen eines Mannes spähten heraus und erblickten sogleich die beiden Ankömmlinge.
"Nirneas! Du bist es!" Er blickte auf Ajienna. "Bringst du uns etwa schon wieder Besuch?" Seine Stimme klang unfreundlich.
"Es muss sein..." Nirneas zögerte, dann fügte er mit leiser Stimme hinzu: "Ich erkläre es dir später."
Misstrauisch sah der Pförtner auf Ajienna hinab. "Ersucht ihr den Dorfältesten um eine Residenz? Warum?"
Ajienna öffnete schon den Mund, um zu antworten, da fiel ihr Nirneas hastig ins Wort: "Öffne das Tor, Ladnos, die Herrin ist in Eile! Ich verbürge mich für ihre Vertrauenswürdigkeit!"
Erstaunt blickte Ajienna in Nirneas' Gesicht und sah, dass sich erneut Angst in seinen Augen spiegelte. Kein Wunder! Sie begann fast zu lachen, als sie sich daran erinnerte, wie sie das letzte Mal reagiert hatte, als er sie etwas gefragt hatte.
Ladnos, der Pförtner, sah die kleine und augenscheinlich sehr edle und mächtige Frau vor dem Tor voller Misstrauen an. Dann wanderte sein Blick zu Nirneas und wieder zu Ajienna zurück. "Also gut", sagte er schließlich, und sein Kopf verschwand von dem kleinen Fenster. Einen Augenblick später öffnete er das Tor.
"Tretet ein!" Er machte eine einladende Handbewegung, und Ajienna betrat die Hallen, die von innen nicht minder reich verziert waren. Der Pförtner führte sie durch einen langen Gang, an dessen Ende eine große Tür war.
"Wartet einen Augenblick." Er öffnete die Tür, die sich lautlos in den Angeln bewegte, trat hindurch und schloss sie hinter sich. Ajienna schritt ungeduldig hin und her, aber es dauerte nicht lange, bis sich die Tür wieder öffnete. "Der Dorfälteste ist bereit, euch zu empfangen." Der Pförtner öffnete das Tor ganz. Ajienna holte noch einmal tief Luft und trat dann ein.
(Marisa)