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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Khamûls Ritt

Im nördlichen Nebelgebirge zwischen Langquell und Rhimdath:


Arzedôkh erwachte.
Er spürte, dass es zu früh war. Obwohl er hier tief im Dunkel der Höhlen lag, die seine Vorfahren in Generationen in das harte Gestein dieser turmhohen Berge gegraben hatten, fühlte er, dass die verdammte Sonne draußen noch immer ihr schmerzendes Licht verbreitete. Er erhob sich von seinem Lager und ließ seinen Blick, der selbst in dieser Finsternis noch sehen konnte, über den Stamm schweifen, den zu führen er bestimmt war. Nur den Stärksten seiner Horde hatte er die Gnade gewährt mit ihm in einer Halle zu schlafen. Arzedôkh gehörte zu einer alten Herrscherkaste der Orks; von seinem Vater und Vorgänger Orâgh wusste er, dass das Blut der Größten seiner Rasse in ihm weiter floss. Seine Vorfahren, so hatte sein Vater erzählt, wären im Gefolge eines Balrogs einst hier her, ins nördliche Nebelgebirge gekommen und warteten seitdem auf die Rückkehr des Balrogs.
Arzedôkh erhob sich von seinem Lager; er schlief unter Tierfellen, die ihm etwas Wärme verschafften, während seine Gefolgsleute auf den nasskalten, harten Felsen nächtigen mussten. Doch Orks waren so etwas gewohnt und kannten es nicht anders. Er griff unter seine Lagerstatt und zog das hervor, das seit Urzeiten die Herrschaft seiner Linie über den Clan legitimierte. Es war ein orkischer Wurfspieß aus schwarzem Metall, den Arzedôkhs Ahn einst von dem Balrog, dem sie gefolgt waren, erhalten hatte. Der Legende nach hatte ihn einmal Gothmog, der Fürst der Balrogs selbst, berührt. Wahrheit oder nicht, der Speer war etwas Besonderes: Trat ein Ork mit ihm ins Tageslicht, schwand die schmerzende Qual, die durch die Sonne in den Orks wachgerufen wurde. Die Sonnenstrahlen drangen zu dem Träger der Waffe nicht mehr hindurch, es war, als würde sie von einem Netz aus durchsichtiger Schwärze umgeben, das nicht nur vor dem Sonnenlicht schützte, sondern auch den Gegner zu blenden und verwirren schien. Arzedôkh hatte die Wirkung des Speeres auf Feinde bei Überfällen selbst mehrfach erlebt.
Mit dem Spieß in der Faust schritt der Ork-Häuptling zielstrebig dem Ausgang des Höhlensystems entgegen. In den verwinkelten Gängen fanden sich nur die Orks zurecht, jedes andere Lebewesen, ausgenommen vielleicht die Zwerge, hätte sich hier hoffnungslos verirrt. Seine Untergebenen lagen größtenteils noch im Schlaf und bevor draußen nicht völlige Dunkelheit herrschte würden sie auch nicht erwachen. Arzedôkh blinzelte in die Dämmerung als er die Höhle verließ; die Aura des Speeres hielt die schwachen Sonnenstrahlen zwar vollständig von ihm ab, dennoch mussten sich die lichtempfindlichen Orkaugen zuerst an die Helligkeit gewöhnen. Karge Öde empfing ihn; die Höhle war am Hang eines hohen Gipfels, nordöstlich des Weißquelltals angelegt worden. Nördlich durchzog eine schmale Schlucht das Nebelgebirge, die Wagemutigen als Pass diente, doch seit einigen Jahren war dort niemand mehr hinüber gekommen und die Orks machten keine Beute mehr. Zu diesem Pass wandte sich Arzedôkh jetzt; eine Ahnung war in ihm erwacht, er wusste, dass dort etwas Entscheidendes geschehen würde. Vielleicht fand sich doch wieder Beute? Über Pfade, die selbst das geübte Auge nicht erkennen konnte, hastete der Ork über die Felsen, an Sturzbächen und Klippen vorbei, das Ziel immer fest im Blick behaltend. Kein auch noch so erfahrener Bergsteiger hätte die Bewegungen nachvollziehen können und kein auch noch so feines Elbenohr hätte die Schritte vernommen.


Als Arzedôkh den Pass erreichte war die Sonne bereits vollständig untergegangen, nur ein trüber Halbmond hing über dem Gebirge und zeichnete tiefschwarze Schatten in die Schlucht. Er ging zu einem natürlichen Plateau, von dem aus er die ganze Schlucht überblicken, aber von unten nur schwer entdeckt werden konnte. Seine Vorgänger hatten hier, an der engsten Stelle des Passes, Vorrichtungen anbringen lassen, die es ihnen ermöglichten den Durchgang mit Felsbrocken zu sperren um dann den Gegner von oben mit vergifteten Pfeilen zu spicken. So war es den Orks gelungen die Verluste bei ihren Raubzügen so gering wie möglich zu halten, Waffen hatten sie zuhauf erbeutet, aber da sie die Reisenden ausnahmslos getötet hatten, erfuhren sie auch keinerlei Neuigkeiten über die Außenwelt.
Arzedôkh verharrte in Reglosigkeit, als er ein leises Geräusch hörte. Sollte etwa jemand den Pass überqueren? Das geübte Ohr des Orks stellte fest, dass es sich um einen Reiter handeln musste. Er kam aus östlicher Richtung. Keinen Gedanken verschwendete Arzedôkh an seine schlafenden Artgenossen droben in der Höhle. Mit einer Person, ob Elb, Zwerg oder Mensch würde er allein fertig werden. Er bereitete sich vor auf das Opfer herabzustürzen und es mit dem Speer zu durchbohren. Das Fleisch von Reiter und Pferd würde ihre knappen Vorräte etwas aufbessern, denn hier im Nebelgebirge war, vor allem jetzt im Winter, schwer Nahrung zu finden. Arzedôkhs Augen hingen unverrückbar im Osten, von hörte er den Reiter kommen. Die Hufgeräusche wurden lauter, der Reiter erschien. Er ritt auf einem großen schwarzen Pferd, war in einen ebenfalls schwarzen Umhang gehüllt und sein Gesicht wurde von einer großen Kapuze verhüllt. Der Ork spürte eine gebietende Kälte von der Gestalt ausgehen, die ihn durchdrang, vereinnahmte und die Glieder steif werden ließ. Der Speer in seiner Hand begann zu vibrieren und in schwarzer Glut zu leuchten. Arzedôkh erkannte, dass dieses Wesen mächtiger war als selbst 10000 seiner Rasse, ein Gedanke des Schwarzen würde seinen gesamten Stamm vernichten können. Er wollte sich zurückziehen, um nicht von ihm entdeckt zu werden, doch er konnte seine Augen nicht von der Gestalt abwenden. Unfähig sich zu bewegen sah er wie der Reiter das Pferd verlangsamte und es zum stehen brachte. Ein Schnüffeln drang unter der Kapuze hervor als die Gestalt abstieg und zielsicher an die Felswand trat. Die Gestalt blickte nach oben, ihn, Arzedôkh, direkt an. Er erwiderte den Blick, doch sah er nur die kalte, leere Kapuze, kein Gesicht, keine Augen, nichts war drinnen. Und der Geist sprach:
„Ich kann dich sehen Snaga, steige herab und unterwirf dich!“
Die zischende Stimme des Gesichtslosen löste den Bann in Arzedôkh; mit einem Wutschrei sprang der Ork in die Schlucht, bereit den Unheimlichen samt seinem Pferd zum Teufel zu jagen.
„Ich bin Arzedôkh!“, brüllte er. „Ich bin niemandes Sklave; ich diene dem Schläfer, auf dessen Rückkehr wir warten!“
Arzedôkh wollte dem Fremden seinen Speer zu schmecken geben, doch statt dessen sank er zu Füßen des Geistes in den Staub.
„Und ich bin Khamûl, der Nazgûl, dein Herr und der Heerführer von Dol Guldur! Ich befehle! Der, als dessen Diener du dich erklärtest, hat euch längst vergessen! Steh auf Snaga und sprich, wie stark ist dein Klan!“
Arzedôkh erhob sich und stotterte eine Zahl. Der Nazgûl nahm die Antwort mit einem Grunzen zur Kenntnis, dann befahl er:
„Teile deinen Stamm in zwei unterschiedlich große Gruppen auf; die kleinere wirst du einem deiner Vertrauten unterstellen und ihnen den Angriff auf die Zwergenstadt Rhaz-gard befehlen, die sich nördlich von hier im Gebirge befindet. Der Zwergenführer ist lebend oder tot festzusetzen! Sämtliche Schätze, ganz gleich, wie klein und unscheinbar die Stücke auch wirken mögen, werden den Zwergen abgenommen und bis zu meiner Rückkehr in einem streng bewachten Raum aufgeschichtet! Die größere Gruppe hingegen wird mir so schnell wie möglich nach Carn Dûm folgen!“
„Verzeiht eurem Diener, Herr, aber wo liegt Carn Dûm und...
„Narr, der du bist!“, schmetterten die Worte des Nazgûls den Ork erneut zu Boden. „Folge meiner Fährte wenn du dein Ziel nicht kennst! Doch zuvor lass mich deine Waffe sehen!“
Gehorsam hielt Arzedôkh seinen Speer vor der körperlosen Gestalt in die Luft. Ein anerkennendes Zischen drang aus der leeren Kapuze hervor.
„Sie ist stark!“, sprach Khamûl. „Hüte sie gut! Doch nun pack dich, Snaga, und führe die Befehle aus!“
Nach diesen Worten wandte sich der Nazgûl um, schritt zu seinem Pferd zurück und stieg auf. Schnell hatte der er die Passenge passiert und war wieder ein Teil der Nacht geworden. Ebenso schnell schwand auch die unnatürliche Kälte aus Arzedôkhs Körper, doch er fühlte, das sie etwas hinterlassen hatte, das ungleich schlimmer war. Den Zwang des Gehorsams...
Der Ork brauchte für den Rückweg fast doppelt so lange wie für den Hinweg. Unwillig führte er die Befehle aus; er wusste, dass er nicht anders konnte. In der nächsten Nacht brachen die beiden Gruppen in unterschiedlicher Richtung auf, die einen nach Nordosten, der Fährte des Nazgûls folgend und die anderen, unter Arzedôkhs Stellvertreter Garzôkh, nordwestlich, auf der Suche nach Rhaz-gard.
Wenige Tage später hatte Khamûl Carn Dûm, die Hauptstadt des Reiches Angmar erreicht. Er traf in der Nacht ein, zu der Zeit in der die Nazgûl am stärksten waren. Der Ringgeist ritt bis in das Zentrum der Zitadelle des Hexenkönigs. Dort ließ er das Pferd zurück um das sich niemand kümmerte; die Lebenden wollten nichts mit den Reittieren der Toten zu tun haben. Khamûl betrat die große Halle, die doch nur die Spitze des Eisbergs war, in dessen Herz der Hexenkönig von Angmar, Fürst der Nazgûl, in eiskalter Hoheit regierte. Alle Gespräche der Novizen und Priester verstummten, als der schwarz gekleidete Geist eingetreten war. Wenige wussten wer er war, doch auch die Unwissenden spürten das Grauen das der Geist ausstrahlte. Die Eingeweihten aber wussten was hier in ihrer Mitte weilte, sie wandten sich ab, bedeckten sich und hofften dass der Tod an ihnen vorüber gehen würde. Nur einer stellte sich Khamûl in den Weg.
„Ich weiß wer Ihr seid, „Schwarzer Ostling“. Was wünscht Ihr von unserem Herrn?“, fragte Angulion, Herr der Leibgarde und erster Diener des Hexenkönigs.
Der Nazgûl verharrte und wandte dem Sprecher seine leere Kapuze zu. Die anwesenden Menschen hielten den Atem an, jeder, selbst der geringste unter ihnen, wusste dass Angulion einen schweren, wenn nicht sogar tödlichen Fehler begangen hatte. Khamûl erwiderte stumm den Blick des Hohepriester. Dieser begann zu schwitzen, er zitterte und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Dann brach er zusammen. Am Boden liegend presste er sich die Hände an den Kopf und greinte wie ein Kind. Mit letzter Kraft schleppte er sich über die Steinplatten in eine Ecke, wo es ihm mühsam gelang sich aufzusetzen.
Khamûl ging weiter.
Er durchquerte die Gänge, die Steinreliefs an den Wänden, die zum Teil ihn selbst darstellten beachtete er nicht. Keiner trat ihm in den Weg, in einer Festung wie Carn Dûm waren Nachrichten schneller als Schritte. Auch die Leibwache des Hexenkönigs hatte ihren Platz geräumt, ob die Männer gewusst hatten dass sie dasselbe Schicksal wie Angulion erlitten hätten, wenn sie dort geblieben wären?
Ohne sich vorher bemerkbar zu machen öffnete Khamûl die Tür zum Thronsaal seines Artgenossen und Herrn.
Wuchtig schleuderte er die Flügeltore an die Wand. Das Dröhnen hallte von den Wänden wider. Der Hexenkönig stand erwartungsvoll in der Mitte des Raumes; natürlich war ihm Khamûls Annäherung nicht verborgen geblieben. Wie immer trug er die goldene Rabenmaske, das Herrschaftszeichen des Königs von Angmar, hinter der nur die feurigen Augen in eisiger Glut leuchteten.
„SPRICH STELLVERTRETER, WAS FÜHRT DICH VON DOL GULDUR NACH NORDEN?“, zischte die giftig klingende Stimme des Hexenkönigs hinter der Maske hervor.
„Ich bringe dir Befehle des Gebieters! Er verlangt zurück, was Er einst vergeben, die Sieben der Widerspenstigen beschaffe Ihm wieder!
Angmar soll in fünf Jahren die Reste der Dúnedain hinweg gefegt haben; von Elendil darf im Norden kein Stein mehr künden, auf dass Eriador Ihm gehört! Auch den Halbelb musst du töten und seine Festung soll eine Walstatt deiner Kreaturen werden!“
Der Hexenkönig nickte; seine schwarzen Gewänder bauschte ein unsichtbarer Wind, sie flatterten in wilder Erregung und Vorfreude. Endlich hatte ihm sein Herr den Befehl erteilt! Unter dem Ansturm seiner Krieger würden die nördlichen Königreiche vergehen; das Wappen von Angmar sollte über ganz Eriador herrschen und die alten Könige wären Schatten ihrer selbst, bloße Erinnerungen.
Khamûl trat dicht an seinen Bruder heran. Seine Worte rissen den Statthalter von Carn Dûm zurück in die Realität:
„Doch fordert Er auch! Sieh Ihn an, wenn Er zu dir spricht!“
Khamûl streifte seine Kapuze ab und ließ den Hexenkönig in das Nichts dahinter blicken. Eine Stimme erklang; in Schatten gehüllt und den Tod in sich tragend. Die Wände erbebten bei ihrem Klang und das Blut der Unschuldigen, mit dem die Hauptstadt Angmars erbaut wurde, begann wieder zu fließen.
So sprach das Lidlose Auge, das den Herrn von Angmar kalt anblickte:
„GIB ZURÜCK DEN RING! ER GEHÖRT DIR NICHT LÄNGER!“
Der Angesprochene schrak zusammen und kippte nach hinten. Dabei umklammerte er besitzergreifend seine rechte Hand
„Aber Annatar“, greinte er mit Tränen in der Stimme. „Ihr habt ihn mir geschenkt, für die Ewigkeit geschenkt!“
„WURM, DER DU BIST!!“, schrie das Lidlose Auge aus Khamûls Gesicht heraus. „SIEH MICH AN WENN ICH MIT DIR SPRECHE! GIB ZURÜCK WAS MEIN IST!
Der König blickte auf und sah in den Blick des Lidlosen Auges, der auf ihm ruhte. Er stand auf und ging langsam auf seinen Untergebenen zu. Mit steifen Bewegungen zog er sich einen Ring vom Handschuh. Dann ließ er ihn in Khamûls ausgestreckte Hand fallen und die unsichtbaren Finger schlossen sich um den Ersten der Neun.
Der Nazgûl setzte sich seine Kapuze wieder auf und verließ die Halle mit schnellen Schritten. Beim Geräusch der zufallenden Tür zuckte der Hexenkönig zusammen. Langsam ging er zu seinem Thron und ließ sich darauf fallen. Jeglicher Enthusiasmus war aus ihm geschwunden. Viele Tage regte er sich nicht, hegte stillsitzend düstere Gedanken.
Plötzlich erhob er sich und rief seine Diener zu sich.
„RUFT RA-GASHVIR ZU MIR!“, befahl er.
(Thomas)