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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Lardis großer Tag

Lardis ritt jetzt schon seit einigen Stunden. Er wusste, dass er bei Sonnenuntergang wieder zu Hause, in seinem Dorf Waldarinsamal, sein musste. Doch bis dahin war noch viel Zeit, so schien es ihm. Außerdem war heute ein besonderer Tag, sein sechzehnter Geburtstag, der Tag an dem seine Lehre endete und er in den Stand des Knechtes aufgenommen wurde. Doch das war im Augenblick nur zweitrangig. Was ihn besonders stolz machte, war das Geschenk, das er von Mardos, seinem Vater, bekommen hatte, sein Pferd Flocke, das eigentlich Schneeflocke hieß, weil es so weiß und ungestüm war. Bisher durfte Lardis es sich nur selten für kurze Ausritte ausleihen, doch ab heute gehörte ihm Flocke richtig. Er war erfüllt mit Stolz, als er so dahin ritt. Er trabte auf einem befestigten Weg in Richtung Norden. Händler und Soldaten benutzten ihn bisweilen, doch Lardis hatte auf seinem Ritt noch keine Menschenseele gesehen. Bäume und Felsen flogen an ihm vorüber. Es schien ihm, als hätten Riesen vor undenklichen Zeiten die Erde zerfurcht und mit den Felsen gekegelt. Bei ihm zu Hause am Rand von Düsterwald gab es fruchtbaren Boden, hier hingegen hätten sogar Hirten und Köhler einen schweren Stand. In Gedanken ließ er sein bisheriges kurzes Leben vor seinem geistigen Auge vorüberziehen. Das Wichtige im Leben hatte er von seinem Vater gelernt: angeln, melken, schreinern und viele praktische Dinge mehr. Das Jagen war den Dorfbewohnern verboten, ebenso der Besitz von Waffen ganz allgemein. Vor gar nicht so langer Zeit erst war Lardis zu Meister Tarfos in die Lehre gekommen, viel hatte er da nicht mehr lernen können. Sein Dienstherr war streng, aber gerecht. Er forderte viel, aber unterstützte Mardos und seine Familie, wenn sie darauf angewiesen waren, wie in dem Jahr als die Soldaten des Königs fast die gesamte Ernte beschlagnahmten. Viele Familien waren damals geflohen, doch die Familien von Meister Tarfos und Mardos waren geblieben. Und heute war seine Lehrzeit vorüber, ab jetzt sollte Lardis richtigen Lohn bekommen. Er würde seinen Eltern eine Hilfe sein, wenn diese mal alt wären. Er war tüchtig und konnte es bestimmt einmal zu einem eigenen Hof bringen. Diese Gedanken beflügelten seinen Ritt, aus dem Trab wurde Galopp. Lardis flog den Weg entlang. So weit weg von zu Hause war er bisher noch nie gewesen. Dürres Heidekraut bedeckte den kargen Boden. In der Ferne schimmerte der Kamm einer Bergkette. Ob das schon das Graue Gebirge war, die Grenze zu Angmar, über das die Alten in den Abendstunden am Feuer nur hinter vorgehaltener Hand sprachen? Er schaute zur Sonne, die bald im Westen versinken musste, und entschloss sich umzukehren. Stolz wendete er sein Pferd und trabte dann den Weg zurück, den er gerade erst gekommen war.
Nach einiger Zeit nahm die Anzahl der Bäume wieder zu. Er kam nun in eine Gegend, die ihm vertraut war. Es war nicht mehr weit bis zu Tarfos' Hof und Mardos' Hütte am Waldrand. Als es zu dämmern begann, sah er einen hellen Fleck zwischen den Bäumen schimmern. Lardis hielt an, um sich zu vergewissern, ob ihm seine Augen eine Streich gespielt hatten. Da war das helle Schimmern schon wieder. Lardis saß ab und führte sein Pferd vorsichtig in den Wald hinein. Leise, so leise es einem neugierigen Jungen möglich ist, näherte sich Lardis der Stelle, an der er das Leuchten erwartete. Er erblickte eine Gestalt, die geduckt zwischen den Sträuchern hockte. Als er sie erreicht hatte, bemerkte er zweierlei: Zum einen, dass sie schwer verletzt war, ein Pfeil hatte die Brust durchbort, ein zweiter steckte ihr im Oberschenkel, ihr Bein war eigenartig verdreht. Und zum anderen, dass sie einen Dolch in der Hand hielt, bereit zuzustechen. Lardis blieb wie angewurzelt stehen, sein Atem stockte. Der Verletzte keuchte schwer und funkelte ihn mit großen grauen Augen an.
„Aber ich will doch nur helfen...“, stammelte er verwirrt.
„Du und helfen... Einer von Angmars Schergen!“ entgegnete ihm der Waldelb, denn einen solchen hatte der Bursche vor sich.
„Nein!“ Lardis wehrte sich energisch: „Ich bin ein einfacher Bauer, ich habe mit dem König nichts zu tun.“
„Also doch: Du bist ihm tributpflichtig!“ Der Elb fixierte ihn, schien ihn mit seinen Augen zu durchbohren. Lardis fühlte sich unbehaglich, er schaute zu Boden, sein Stolz war inzwischen verflogen.
„Ich will wirklich helfen. Was soll ich tun?“ wiederholte Lardis. Er war den Tränen nahe, so elend hatte er sich nicht mehr gefühlt, seit er ein kleiner Junge gewesen war.
„Du kannst mir nicht helfen, verschwinde lieber! Gleich sind die Soldaten des Königs da, wenn sie Dich hier finden, geht es uns beiden schlecht.“
Doch Lardis rührte sich nicht, der Blick des Elben hatte ihn verwirrt, er fühlte sich durchschaut und bloß gestellt. Schließlich erwiderte er: „Seht Ihr! Ich trage nicht mal eine Waffe!“ Dabei streckte er die Arme aus und drehte sich um seine eigene Achse.
Trotz seiner Schmerzen musste der Elb schmunzeln. So ein Grünschnabel, dachte er sich. Doch er sprach: „Also gut, wenn du wirklich nicht auf der Seite des Feindes stehst, dann hebe das für mich und unser Volk auf.“ Mit großen Anstrengungen nahm der Elb sein Amulett ab. „Du musst es vor jedem Menschen geheim halten. Kann ich mich auf dich verlassen, Junge?“
„Ja, natürlich!“ erwiderte Lardis und nahm das Amulett an sich.
„Es wird von dir zurückgefordert werden, du wirst den Zeitpunkt schon erkennen, wenn er gekommen ist. Und nun leb' wohl - und beeile dich!“
Jetzt endlich rappelte sich Lardis auf. Verstört ging er zurück zu seinem Pferd, saß auf und gab Flocke die Sporen. Auf dem Weg nach Hause, sah er sich kein einziges Mal um. Er ignorierte Schritte von schweren Soldatenstiefeln und Rufe aus heiseren Kehlen. Er ritt nur voran, in die zunehmende Dunkelheit, so schnell es Flockes Beine zuließen.
(tomtom)