Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans |
Zeittafel




Ein überstürzter Aufbruch

Als Lardis am nächsten Morgen, wie an jedem Morgen, in aller Frühe von Fiona, seiner Mutter, geweckt wurde, mochte er erst gar nicht aufstehen. Er hatte schlecht geschlafen und war noch hundemüde. In der letzten Nacht hatte er immer wieder das Gesicht des Waldelben vor Augen. Schließlich war es gestern das erste Mal, dass er einen so schwer verwundeten Mann gesehen hatte, und es war auch das erste Mal, dass ihm überhaupt ein Elb begegnet war. Schwerfällig erhob er sich von seinem Lager und kleidete sich an. Lange hielt er das Amulett in seinen Händen und betrachtete es. Es war aus reinem Silber und verziert mit Buchen- und Eichenblättern, in seiner Mitte befand sich ein matter, weiß schimmernder, geschliffener Stein, auf der Rückseite waren Schriftzeichen eingraviert, die er nicht lesen konnte. Lesen hatte ihm keiner beigebracht und Buchstaben bekam er selten zu sehen, doch diese waren ihm ganz fremd. Was mochte es mit dem Amulett auf sich haben, das er gerade unter seiner groben Arbeitskleidung verschwinden ließ? So etwas Kostbares gab es im ganzen Dorf nicht.
Während seiner Arbeit war Lardis unkonzentriert. Er schien nicht bei der Sache zu sein, als er Flocke vor den Wagen spannte. Er hatte auf einmal zwei linke Hände, als er den Zaun um das Schafpferch reparierte. Und auf die Fragen seines Meisters antwortete Lardis nur einsilbig, denn in Gedanken war er immer noch beim Elben im Wald und bei seinem Amulett. Wie lange konnte er es vor den anderen Bewohnern des Dorfes geheim halten und wie und wann würde man es von ihm zurück fordern? Sollte er einfach nur abwarten und weiter leben wie bisher, oder hatte er eine bestimmte Aufgabe, die er nur noch nicht kannte? Diese Gedanken schwirrten ihm im Kopf herum wie ein Bienenschwarm.
Gegen Abend, als Lardis gerade auf dem Weg in den Kuhstall war, hörte er Stimmen und Schritte auf dem Hof. Eine Gruppe bewaffneter Männer kam auf ihn zu. Es waren ein Offizier zu Pferd und sechs einfache Soldaten zu Fuß.
„He, Kleiner! Wo ist denn Meister Tarfos?“, sprach ihn der Reiter an.
Lardis deutete nur auf die Scheune, dann verdrückte er sich schnell in den Kuhstall. Aus einem unerklärlichen Grund wurde ihm mulmig. Er hatte keine Lust, länger in der Nähe der angekommenen Fremden zu sein als unbedingt nötig und verzog sich, nachdem er die Kühe gemolken hatte, direkt in seine Kammer.
Die Soldaten hingegen verlangten von Meister Tarfos Verpflegung, ein Nachtlager und Bier. Da sie im Dienste des Königs standen, wurde es ihnen ohne Widerrede gewährt. Bald war Tarfos Scheune erfüllt mit Lärmen und dem Geruch von gebratenem Hammelfleisch. Fiona musste kochen und bedienen. Der Hausherr selbst war höflich zu den Fremden und erkundigte sich immer wieder nach ihrem Wohlbefinden - obwohl er innerlich vor Wut kochte. Er wusste, es hatte keinen Zweck seine Dienste zu verweigern und nach ein oder zwei Tagen wären sie ja wieder verschwunden.
„Na, das war doch mal wieder ein Spaß, so eine kleine Jagd! Drei Elben in einer Woche, nicht schlecht!“, stellte einer der Soldaten fest, als er den Hammelbraten aufschnitt und an die anderen verteilte.
„Ja, ein gutes Training für uns alle“, pflichtete ihm ein weiterer bei.
„Nur schade, dass der alte Gaul in ein Kaninchenloch getreten ist und nun hinkt“, klagte der Hauptmann.
Ein anderer Soldat hatte die Lösung: „Na, dann machen wir hier mal einen Pferdewechsel.“
„He Leute, wo bleibt das Bier?“ rief wieder der erste quer durch die Scheune: „Meine Zunge klebt am Gaumen!“ Und zu einem Kameraden fügte er hinzu: „Grafforz, du hast doch gesagt, hier würde man gut bedient! Was ist denn nun, warum springt die Bedienung nicht, wenn ich rufe?“
Fiona füllte gerade einen neuen Krug mit Bier, als Meister Tarfos ihr zu flüsterte: „Das Benehmen unserer Gäste ist einfach widerlich, man könnte sie fast für Orks halten. Vielleicht stimmt es ja, was einige Leute sagen: In Angmar würden diese Scheusale zu Tausenden gezüchtet - in unterirdischen Höhlen!“ Bei den letzten Worten senkte Tarfos seine Stimme, als handelte es sich bei dem Gerücht um ein Staatsgeheimnis. „Man erzählt sich ja so einiges, zum Beispiel, dass sich der König in die Rivalitäten in Arnor einschalten wolle.“
Fiona wollte darauf gerade etwas erwidern, doch sie wurde schon wieder von den Soldaten gerufen. Als sie ihnen den Krug brachte, hörte auch sie einiges von den Gesprächsfetzen der Soldaten. „Habt ihr den Jungen eben gesehen? Ich bekomme bestimmt eine Prämie, wenn ich den nach Angmar mitbringe“, prahlte der Hauptmann. „Aus dem wird mal was, bestimmt ein tapferer Krieger!“
„Ach, hör doch auf! Der ist doch nur ein Bauerntölpel, noch ganz grün hinter den Ohren!“ erwiderte ihm ein anderer.
Als Fiona das hörte, wurde sie wütend und konnte nicht mehr an sich halten, sie ereiferte sich: „Was sagt Ihr da? Ihr wollt Lardis mitnehmen! Das könnt Ihr uns nicht antun. Mein Sohn bleibt hier!“
„Mach dich nicht lächerlich, Frau! Ihr Bauern werdet doch nicht so dumm sein und euch dem Befehl des Königs widersetzen!“, entgegnete der Hauptmann mit blitzenden Augen. „Und denke an eure Sicherheit, von der ihr profitiert, seit wir hier das Sagen haben! Ihr wollt doch keine Scherereien mit Orks bekommen, he?“
„Wir haben in der Vergangenheit auch in Sicherheit gelebt und können unsere Angelegenheiten selber regeln. Und außerdem: Wer soll Meister Tarfos jetzt bei der Ernte helfen?“, versuchte Fiona den Hauptmann zu überzeugen.
„Na, dann müsst ihr alle halt ein bisschen kräftiger mit anpacken.“ Ein zustimmendes Gröhlen der anderen Soldaten war die Antwort auf dieses Argument. „Und jetzt bring Nachschub, wir hatten einen weiten Weg!“
Wie betäubt von den Äußerungen der Soldaten ging Fiona wieder in den hinteren Bereich der Scheune. Doch dann dachte sie: „Das Bier kann warten.“ Wenn ihr Sohn schon zum Kriegsdienst eingezogen würde, dann sollte er es wenigstens so früh wie möglich erfahren. So schlich sie durch die Hintertür zu ihrem eigenen Haus, um ihn zu warnen.
Lardis lag wach auf seinem Lager, als die Mutter eintrat. „Ich dachte, du schläfst schon“, wunderte sie sich.
„Nein, mir gehen noch so manche Dinge im Kopf herum. Aber was ist mit dir, Mutter? Du siehst besorgt aus!“
„Wie soll ich nicht besorgt sein, wenn sie dich mitnehmen wollen, Lardis?“ Schluchzend fiel sie ihrem Sohn um den Hals.
„Wer hat das gesagt - und was ist überhaupt los?“ Lardis begriff nichts.
„Die Soldaten haben davon gesprochen. Du sollst nach Angmar mitkommen. Jetzt betrinken sie sich gerade“, presste seine Mutter heraus.
Lardis spürte, wie ihm schwindelig wurde. Als er sich wieder gefangen hatte, stammelte er: „Warum?... Was soll das alles?“
„Sie brauchen neue Soldaten, wohl für irgend einen Krieg im Westen. Aber ich muss jetzt wieder gehen, sonst werden sie misstrauisch.“ Fiona riss sich aus ihrer Umarmung und versuchte ihre Tränen zu trocknen, als sie Lardis Kammer verließ.
Der Junge saß wie gelähmt da und versuchte sich seiner Lage bewusst zu werden, es war alles so verwirrend: Erst der Elb und das Amulett, jetzt die Soldaten und der Kriegsdienst. Wenn sie ihn mitnähmen, würde er seine Eltern und die Heimat niemals wiedersehen - und das Amulett würde entdeckt werden. Da kam ihm die Idee: Wenn er jetzt verschwände, würde man es erst in einigen Stunden bemerken, dann wäre er längst über alle Berge. Wehmütig erinnerte er sich an seine großen Pläne. Aber er hatte keine Wahl. Also suchte er sich einen Rucksack, füllte diesen mit Dingen, die ihm nützlich erschienen (Kleidung und eine Wolldecke, Brot, Käse und eine gefüllte Wasserflasche), schlich zum Stall, öffnete das Tor so leise es ging, tastete sich an der Wand entlang zu Flockes Box, sattelte sein Pferd langsam im Dunkeln und führte es vorsichtig nach draußen. Dann verließ er den Hof und sein Dorf Waldarinsamal ohne einen Abschiedsgruß.
(tomtom)