Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans |
Zeittafel




Der Strick um den Hals

Als Lardis wieder in seiner Hütte saß, fröstelte ihn. Er zog den Mantel fester um seinen Körper und sinnierte über sein Schicksal nach, aber seine Gedanken drehten sich nur im Kreis. Was hatte er nicht für Ziele gehabt: Ein einfaches, rechtschaffenes, geordnetes Leben wollte er führen, ohne Macht, ohne Reichtum, ohne Abenteuer. Nur Freude an seiner Arbeit und ein bescheidenes Auskommen für ihn und Sicherheit für seine Eltern im Alter wünschte er sich – war das etwa zu viel verlangt? Warum musste er auch zuerst einem unbekannten Elben seine Hilfe anbieten, und dann einem fremden Zwerg. Aber, wenn er das Amulett nicht genommen hätte, wäre er vielleicht nicht vor den Soldaten geflohen – und dann würde er irgendwo Kriegsdienst tun. Wie lange wäre er dann noch am Leben? Müßig waren seine Gedanken, denn sie änderten nichts an der Situation: Morgen würde man ihn für eine Sache bestrafen, die er nicht begangen hatte. Eine Möglichkeit, wie er den Waldmenschen jetzt noch entkommen konnte, sah er nicht.
So schwankte Lardis lange zwischen Wut und Verzweiflung. Schließlich gewann Erschöpfung die Oberhand und im Laufe der Nacht fiel er in einen leichten Schlaf und ihm war, als höre er das Feuer eines Scheiterhaufen knistern und eine johlende Menschenmenge Hasstiraden gegen ihn ausstoßen. Eine Person mit wutverzerrtem Gesicht löste sich aus dieser Menge und kam ihm bedrohlich nahe. Sie griff nach dem Schmuckstück, das auf Lardis Brust hing. Der Junge blickte in das Gesicht seines Gegenüber und erkannte den Sprecher des Rates. Mit einem Ruck schreckte Lardis aus seinem Traum, er atmete schwer und hielt das Amulett mit seiner rechten Hand fest umfangen. Ihm war, als müsse er es beschützen wie sein Leben. Doch wie konnte er etwas beschützen, wenn er sich selber nicht schützen konnte?


Die Sonne war inzwischen aufgegangen und Lardis wartete ab. Schließlich kamen etwa ein Dutzend Männer in die Hütte, fesselten wortlos seine Arme und legten ihm einen Strick um den Hals. Lardis leistete keine Gegenwehr, die Übermacht schien ihm zu groß. Er wurde aus der Hütte geführt, quer durch das Dorf. Dies also war sein letzter Gang in Mittelerde. Der nächste würde ihn in Mandos Hallen führen, die ihm überhaupt nicht attraktiv erschienen. Schließlich kam die Gruppe zu einem freien Feld, das nun brach lag. Hier sah Lardis, dass eine große Menschenmenge schweigend um einen hölzernen Bogen stand, zu dem er geführt wurde. In der Nähe erkannte er einen Scheiterhaufen. Lardis erschrak und stammelte vor sich hin: „Sie werden mich verbrennen?...“
Der Scharfrichter, der direkt neben ihm stand und dies gehört hatte, raunte ihm zu: „Ja! Aber erst, nachdem wir gesehen haben, wie du am Galgen hängst.“ Dann ergänzte er noch: „Alle Toten werden bei uns verbrannt.“
Als Lardis auf einem Holzpodest unter dem Bogen stand und man den Strick um seinen Hals mühsam am Balken über ihm befestigte, bemerkte er, dass die Menschen ihre Blicke von ihm lösten und auf einen Punkt am Himmel starrten. Hoch oben zog ein großer Vogel seine Kreise, als warte er auf den richtigen Augenblick zum Zustoßen. Doch hell schimmerte sein Gefieder, dass man ihn kaum erkennen konnte.
Als der Strick am Galgen befestigt war, trat Alkar, der angesichts des Vogels nervös gewordene Sprecher des Rates, vor und sprach: „So möge nun das Urteil vollstreckt werden! Verurteilter, nach alter Sitte hast du das Recht deinen letzten Willen kundzutun. Wenn du uns etwas mitzuteilen hast, so tue es jetzt! Wir wollen dann entscheiden, ob dein Wunsch erfüllt werden kann.“
Lardis war überrascht, er hatte nicht damit gerechnet und sich keine Worte zurecht gelegt, zu einer erneuten Rechtfertigung war es eh zu spät... Da fiel ihm wieder sein Amulett ein und, weil er nicht wollte, dass dieses in Alkars Hände fallen würde, nutzte er seine Gelegenheit und begann mit ausgetrockneter Kehle zu sprechen: „Bürger dieses Dorfes! Es ist wohl nutzlos, meine Unschuld aufs Neue zu beteuern. Daher vertraue ich euch ein Geheimnis an – ihr hättet es ja doch in kurzer Zeit von alleine erfahren. Ich habe von den Elben dieses Waldes ein Amulett bekommen, das ich seitdem bei mir trage. Es ist mir ein Vermächtnis und ich habe den Auftrag, es zu beschützen, bis man es von mir zurück fordern würde.“ Lardis, dessen Hände inzwischen, so kurz vor seiner Hinrichtung, vom Henker wieder befreit waren, hob das silberne Schmuckstück hoch, sodass jeder es sehen konnte.
Ein Raunen ging durch die Menschenmenge. „Er ist ein Elbenfreund!“, rief einer von ihnen. „Ich hab es mir gleich gedacht, als ich das Pferd sah, mit dem er kam - nur die Huldreichen verfügen über diese Rasse!“ Und andere stimmten in seine Argumentation ein. Einer wagte sogar Lardis Freilassung zu fordern. Die Bevölkerung war nun in ihrer Meinung gespalten.
Doch Alkar unterbrach den Tumult und rief seine Leute zur Ordnung: „Beruhigt euch doch! Seine Schuld wurde zweifelsfrei festgestellt. Das Urteil wird vollstreckt.“ Und an den Verurteilten gewandt, sprach er: „Lardis, es scheint mir, als hättest du eine schwere Bürde tragen müssen. Ich biete dir deshalb an, dass ich sie ab heute auf mich nehmen werde. Ich stelle mich als Hüter des Amuletts zur Verfügung. Ich denke, dass es in diesem Dorf keinen gibt, der würdiger wäre, dieses Schmuckstück in Zukunft zu schützen – bis es die Elben von mir zurück fordern werden.“
Lardis musste an seinen Traum denken, er sah den Sprecher an und entgegnete ihm: „Nein! Ich habe mich anders entschieden. Ihr spracht von einem letzten Willen. Und ich wünsche, dass das Amulett in Zukunft von Tessa getragen werden soll. So gut wie sie hat mich in diesem Dorf keiner behandelt. Nur sie kann es in meinem Sinne tragen!“
Wieder erhob sich Unruhe in der Bevölkerung. Meist waren Rufe der Zustimmung zu hören, doch Tessas Vater sprach: „Nein, diese Bürde kann ich unserem kleinen Töchtercher nicht zumuten. Eine Katastrophe wird geschehen! Alkar, lasst nicht zu, dass das geschieht!“
In diesem Augenblick landete der riesige Adler, der eben noch seine Kreise über der Menschenmenge gezogen hatte, mitten auf dem Scheiterhaufen und ließ seinen lang gezogenen Schrei vernehmen. Seine Federn glitzerten hell im frühen Sonnenlicht.
Das Volk verstummte sofort und war wie betäubt, nur Alkar schrie seinen Befehl: „Los, Schützen, holt den Vogel da runter! Ich wusste, dass es richtig war, dem Unwürdigen die Freundschaft zu kündigen. Immerfort mischt er sich in unsere Angelegenheiten ein!“
Pfeile schwirrten, doch keiner traf und der Adler schwang sich wieder in die Lüfte und flog mit seinen kräftigen Schwingen und mit lautem Krächzen Richtung Süden davon.
Da erhob sich der Älteste des Rates, der bisher abseits auf einem Stuhl gesessen hatte, und versuchte die angespannte Situation zu schlichten: „Alkar, ich befürchte, nun bist du zu weit gegangen! Diese Geschichte wird kein gutes Ende nehmen. Wenn unser Gefangener wirklich ein Elbenfreund ist, werden die Huldreichen von diesem Ereignis in nächster Zeit erfahren und ihr Zorn wird das ganze Dorf treffen. Außerdem: Wer sollte denn das Amulett an sich nehmen? Tessas Vater lehnt Lardis Wunsch ab, Lardis aber wird es dir nicht freiwillig geben. Alkar, du willst es dir doch nicht mit Gewalt aneignen, oder? Außerdem, und das ist meines Erachtens der wichtigste Punkt, ist der Friede in unserem Dorf in Gefahr. Er wird nicht nur durch einen unsichtbaren Feind von außen bedroht, sondern inzwischen auch durch Zwietracht von innen.“
Der Älteste machte eine Pause und musterte seine Leute. Doch diese blieben stumm und ohne jede Regung. Dann fuhr er fort: „Ich schlage deshalb vor, den Jungen laufen zu lassen.“
Da endlich lösten sich die Dörfler aus ihrer Versteinerung und einhelliger Jubel brandete. Der Sprecher des Rates wandte sich von ihnen ab und ging.


So kam es, dass Lardis schon zur Mittagszeit auf dem Rücken seines Pferdes saß und in südwestliche Richtung dem Rand des Waldes zu ritt. Die Bevölkerung von Ker-argoat hatte seinen Beutel mit Nahrung gefüllt und ihn mit den besten Wünschen verabschiedet. Aber Lardis hatte den Eindruck, als wären alle froh, diesen ungebetenen Gast nun wieder los zu sein. Nur eine hatte ihre Enttäuschung darüber, dass Lardis ohne ein Abschiedsgeschenk gegangen war, offen gezeigt. Tessa hatte beim Abschied gequengelt: „Wann kriege ich denn nun mein Amulett?“ Doch keiner hatte sie beachtet.
(tomtom)