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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Telpontars Ende

Es war noch dunkel, als Lardis die Hecke von Rhosgobel durchschritt. Obwohl er nur kurz und unruhig geschlafen hatte, war er nun hellwach. Eine seltsame Spannung lag in der Luft, alles um ihn herum war still, er konnte weder einen Vogel hören, noch spürte er einen Windhauch. Zuerst orientierte sich der Junge an den Bäumen, die er im Finstern ertastete, doch zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass seine Sinne an diesem Morgen besonders geschärft waren. So fand er im Düsterwald Pfade und folgte dem Weg ohne Schwierigkeiten, an dem er vor einem halben Jahr fast gescheitert wäre, hätten ihn die Zwerge damals nicht in der Abfallgrube gefunden.
Er konnte sich selber nicht erklären, weshalb er mitten in der Nacht aufgestanden war und nun versuchte, der Spur des Zauberers zu folgen. Ob Radagast seine Hilfe brauchte? Aber was konnte er denn schon tun? Er wusste ja noch nicht einmal, wohin ihn seine Schritte lenken würden und er hatte auch weder ein Werkzeug noch eine Waffe bei sich. Als er sich über seine Situation Gedanken machte, wurde er unsicher und stockte. Und wenn er sich nun auch noch im Wald verirrte?
Da hörte er über sich einen Adler schreien. Lardis wusste sofort, dass das nur Telpontar gewesen sein konnte. Nun war ihm klar, dass er auf dem richtigen Weg war.
Langsam brach der Morgen an, Lardis konnte nun vor sich den Pfad erkennen und musste sich nicht mehr mit ausgestreckten Armen absichern. Er grübelte nach, was wohl das Ziel des Zauberers gewesen sein mochte. Schließlich gelangte er an eine Lichtung - und da sah er sie: Radagast hatte ihm den Rücken zugewandt, doch ihm gegenüber stand eine Gestalt, die dem Jungen den Atem stocken ließ. Ein dunkler Mann saß auf einem schwarzen Pferd und war von einem grauen Umhang verhüllt, die Kapuze hatte er dicht in die Stirn gezogen, so dass der Junge kein Gesicht zu sehen vermochte. Eine Kälte ging von der Gestalt aus, die Lardis erschaudern ließ. Aus Furcht war der Junge unfähig sich dieser Szene auch nur einen weiteren Schritt zu nähern. Sein Puls raste und seine Kehle war zugeschnürt, dass er fast ohnmächtig wurde, doch gelang es ihm nicht, seinen Blick von diesem schaurigen Reiter abzuwenden. So versteckte er sich hinter einem riesigen Farnstrauch. Radagast jedoch verstellte der Gestalt und seinem Pferd mit seinem knorrigen Stab den Weg und sprach Worte, die Lardis nicht verstehen konnte. Das Pferd scheute, bockte und stellte sich wiehernd auf seine Hinterhufe. Der Reiter schien die Gewalt über sein Reittier zu verlieren, fast hätte es diesen abgeworfen. Doch er hielt sich und Lardis sah, wie die dunkle Gestalt einen kalt schimmernden Dolch aus seinem Gewand zog und diesen in Radagasts Richtung warf. Seine Klinge verfehlte den Zauberer nur um Haaresbreite, doch Lardis warf sich zu Boden und presste sein Gesicht auf die Erde, als würde er selber von diesem finsteren Wesen bedroht.
Er hörte eine zischende Stimme: „Lass mich vorbei, Mann! Du kannst mich nicht hindern, deine Macht ist nicht so groß, wie du glaubst.“
Und Radagast antwortete: „Was treibt dich in diesen Wald? Ich spüre, dass du etwas hast, was nicht für dich bestimmt ist. Bei allen Mächten von Valinor, ich beschwöre dich: Gib mir das Ding und lass dich in der sichtbaren Welt nicht mehr blicken!“ Seine Stimme war kraftvoll, dennoch schien es Lardis, als zittere sie.
Die Antwort war nur ein heiseres Lachen.
Lardis erkannte, dass er direkt in einen Kampf geraten war, in dem er nichts ausrichten konnte. Sein Herz schlug wie wild. Unwillkürlich fasste er sich an die Brust - und spürte sein Amulett. Er drückte es fest an sich und beruhigte sich ein wenig.
Der Zauberer schwang seinen Stab erneut. Mit einem Satz war der Fremde vom Pferd und stand Radagast mit einem gezogenen Schwert gegenüber. Nach ein paar Paraden, die der Zauberer mühsam abwehrte, hob die dunkle Gestalt ihre gefährliche Waffe erneut, Lardis rechnete schon mit Radagasts Ende. Doch da stürzte vom Himmel ein silberner Blitz und schien sich in die Gestalt zu bohren. Diese ließ ein lautes Kreischen hören, als ihr das Schwert aus der Hand gerissen wurde. Gleichzeitig hatte sich der Zauberer blitzschnell gebückt und konnte den Dolch des Dunklen erreichen. Lardis sah, wie Telpontar durch die Luft gewirbelt wurde und als ein Federhaufen zu seinen Füssen liegen blieb. Entsetzt schrie der Junge auf und stürzte auf ihn zu. Radagast nutzte die Überraschung des Schwarzen und stieß mit den Dolch die die Stelle, an der er sein Gesicht vermutete. Doch der Stich ging widerstandslos durch die Kapuze hindurch. Trotzdem bewirkte der Stoß, dass der Fremde die Flucht ergriff. Er schwang sich auf sein Pferd und fegte zwischen den Bäumen hindurch in Richtung Süden.
Fassungslos schaute ihm Radagast nach, dann wandte er sich langsam um und sah Lardis und den toten Adler. „Was für ein Unglück!“ rief er nun betroffen aus, als er sich zu Boden sinken ließ.
Der Junge sah der Zauberer mit großen Augen an. Obwohl er einen Kloss in seinem Hals spürte, fragte er: „Was ist geschehen? Wer war dieser grausige Mann?“
Resigniert antwortete Radagast: „Einer der Úlairi, sie reiten wieder.“ Der Zauberer zeigte Lardis die Überreste der Waffe, die er noch in Händen hielt. „Sieh dir den Dolch an! Die Klinge ist verschwunden, als ich ihn berührte. Wenn ich nur wüsste, in welcher Hölle sie geschmiedet wurde...“ Nachdenklich starrte der Zauberer vor sich hin. „Er hatte ein Ding von großer Macht bei sich. Was treibt ein Bote des Feindes bloß so weit im Süden?“
„Kam er etwa aus ... Angmar?“
„Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber ich weiß, dass der Hexenkönig seine Steitkräfte im Norden verstärkt - und ich kenne keinen anderen Ort, an den ein solches Wesen zu Hause sein könnte.“
Trotz der Anwesenheit des Zauberers fühlte sich Lardis klein und elend. Zögernd fragte er: „Was machen wir jetzt, Radagast?“
„Lass uns zurück nach Hause gehen. Telpontar soll eine würdige Grabstätte bekommen.“
„Warum musste er sich bloß in den Kampf einmischen?“ Lardis Resignation wich langsam der Bewunderung. Dass irgend ein Wesen so mutig handelt, hatte Lardis bisher noch nicht erlebt.
„Er hat sich für mich geopfert und ist nach Aman zurück gekehrt“, erklärte Radagast, inzwischen fast den Tränen nahe.
Voller Trauer und Zuneigung umschlang der Zauberer den toten Adler mit seinen Armen und hob ihn vorsichtig vom Boden. Gemeinsam gingen sie zurück, immer tiefer in den Wald hinein.


Als sie schweigend in Rhosgobel angekommen waren, war es bereits Mittag und die drei Zwerge erwarteten sie verdrießlich.
„Leute, wo wart ihr? Warum habt ihr uns nicht mitgenommen?“ wollte Dralin wissen.
„Ich dachte, wir alle würden heute früh aufbrechen. Aber ihr habt uns einfach versetzt“, ereiferte sich Malin unwirsch, doch er schwieg beschämt, als er sah, dass Radagast den toten Adler trug.
„Meine Freunde, so beruhigt euch! Ich werde es euch erklären“, antwortete Radagast: „Telpontar, unser treuer Wächter, erspähte in der Nacht einen Nazgûl, der an der Grenze des Waldes in südliche Richtung ritt. Der Adler weckte mich und als ich ihn ebenfalls erkannt hatte, stellte ich fest, dass sich im Besitz unseres Feindes ein mächtiger Gegenstand befand.“ Und dann erzählte der Zauberer alles vom Kampf gegen den Schwarzen Reiter. Er endete mit den Worten: „Ich denke, ihr habt Verständnis dafür, dass wir unsere Fahrt nun um einen Tag verschieben.“
Kleinlaut willigten sie ein.
„So, und jetzt werden wir gemeinsam Telpontars Abschied vorbereiten. Tragt alle trockene abgestorbene Äste zusammen, die ihr finden könnt, und schichtet sie hier zu einem Haufen auf. Heute Abend sehen wir uns wieder.“ Als der Zauberer das gesagt hatte, ließ er sie für den Rest des Tages allein.


Schließlich dämmerte es und Radagast, Lardis und die drei Zwerge kamen an der Stelle im Garten zusammen, an der sich nun ein großer Scheiterhaufen erhob. Die Zwerge hatten sogar Telpontars Nest von Radagasts Turm geholt und dieses unter die abgestorbenen Zweige gemischt, die sie im Wald zusammen gesucht hatten. Der Zauberer hatte auf den Haufen ein silbernes Tuch gebreitet und legte nun Telpontars Körper vorsichtig und ehrfürchtig zuoberst. Dann begann er mit einer tiefen Stimme unbekannte Worte zu murmeln und zu summen. Inzwischen nahm die Dunkelheit immer mehr zu. Die drei Zwerge trugen Fackeln und auf ein Zeichen des Zauberers hin setzten sie den Haufen gleichzeitig in Brand. Radagast Worte gingen langsam in eine gesungene Melodie über und Lardis fühlte sich in eine Welt versetzt, von der er bisher noch nicht einmal gewusst hatte, dass es sie überhaupt geben könnte. Er blickte in die Glut und sah die Funken in den Himmel aufsteigen und sich mit den Sternen am Firmament vermischen. Gleichzeitig spiegelten sich die Funken und die Sterne wirbelnd auf dem silbernen Tuch, das noch immer unversehrt zu sein schien. Um Lardis erhob sich ein Rauschen und Brausen, das zu einer vielstimmigen Musik anschwoll. Wie in Trance erlebte er die Stunden, in der der Holzstoß langsam zu Asche verbrannte. Lardis Geist hatte Arda verlassen und alles, was er wahr nahm, war Sehen und Hören und Staunen. Dieses Hochgefühl schien ihm überhaupt nicht zu einer Trauerfeier zu passen, zumindest hatte er noch keine erlebt, in der er ähnliches gefühlt hatte. Telpontar musste schon ein ganz besonderes Geschöpf gewesen sein.
Plötzlich schien es Lardis, als sähe er den Adler wieder, wie er mitten im Funkeln und Brausen auf sich zu flog. Es war wie damals, als er Radagasts Kommen ankündigte. Doch dieses Mal flog er mitten durch Feuer und Sturm. Lardis streckte seine Hände nach ihm aus und griff zu, er wollte ihm nahe sein und ihn festhalten, er wollte ihn nicht noch einmal verlieren!
Tatsächlich wurde in diesem Augenblick die letzte Feder vom Turm des Zauberers herunter geweht und schwebte nun dem Scheiterhaufen entgegen, den sie jedoch nie erreichte.


Als die Zeremonie beendet war und Lardis langsam wieder in die Realität zurück kam, stellte er fest, dass seine Hand geschlossen war und einen Gegenstand fest umklammert hielt. Er begann wieder klar zu sehen und so erkannte er sie, die letzte Schwungfeder aus Telpontars Gefieder, zwei Fuß lang. Der Anblick ließ seinen Atem stocken und sein Herz für einen Schlag aussetzen. Verlegen steckte er sie unter sein Hemd, als wäre sie etwas besonders Kostbares und Geheimes.
Die anderen gingen nun zurück ins Haus und begannen, das Nachmahl zu halten, denn am nächsten Morgen wollte man endlich zu fünft nach Rhaz-gard aufbrechen. So folgte ihnen auch der Junge. Radagast war beim Essen schweigsam, und auch die Zwerge redeten nicht gerade viel. Lardis war jedoch zerstreut und abwesend, zu viel ging ihm durch den Kopf. Als es schließlich aus Versehen den Tee mit Salz zu süßen versuchte, sah ihn Radagast ernst an und bemerkte: „Na mein Junge, das war heute wohl alles ein bisschen viel für dich, was?“
Das Gesicht des Jungen wurde krebsrot, verlegen stammelte er: „Na ja, so eine Zeremonie habe ich noch nie erlebt. Ich habe mich dabei ganz leicht und fröhlich gefühlt. Gar nicht wie bei einer Trauerfeier, wenn man so sagen kann. ... War es wirklich notwendig, dass Telpontar verbrannt wurde? Und was bedeutet dein Singsang?“
Radagast antwortete: „Sonderbare Fragen hast du. Doch ich werde es dir erklären, damit du verstehst: Nein, wichtig war mein Gesang nicht. Telpontar hätte auch ohne ihn den Weg zurück nach Valinor, ins Land seiner Väter, gefunden. Aber er war ein besonderes Wesen, von dem ich mich auf besondere Weise verabschieden wollte.“
Doch bei sich dachte der Zauberer: „Wundersam ist des Menschen Geist, der über die Grenzen der Welt strebt...“
Lardis war noch nicht zufrieden: „Was wäre passiert, wenn auch du den Kampf gegen den Schwarzen Reiter nicht überlebt hättest?“
„Dann wäre es ein weiterer Sieg für den Feind gewesen. Aber ich habe den Kampf überlebt, wie du siehst. Meine Aufgabe hier im Osten ist noch nicht beendet. Irgendjemand muss doch im Düsterwald ein Auge auf alle Geschöpfe haben, nicht wahr?“


So endete der Tag, an dem Telpontar sich im Kampf gegen das Böse geopfert hatte. Erste viele Jahre später wurde an der Stelle, an der Telpontar verbrannt worden war, einen Gedenkstein errichtet. Dieser kam aus der Werkstatt der Zwerge von Rhaz-gard.
(tomtom)