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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Mellacar


(2) Zwergenmarsch


Die Reise verlief zunächst weiter in südlicher Richtung. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt erreicht. Ihre Umrisse lugten hinter dünnen Wolkenfetzen hervor und trieben bald mehr bald weniger Hitze auf die Wanderer hinab. Mellacar bemerkte, dass hinterdrein ein ziemlich kleiner Zwerg gestolpert kam, der immer noch mit seiner Rüstung zu kämpfen hatte. Um dessen Hüfte waren Proviantbeutel gebunden, mit jedem seiner Schritte heftig umherschlingernd und ab und an fiel er leicht zurück um im leichten Trabe wieder den Anschluss an die Gruppe zu finden. Die anderen Zwerge schien das wenig zu kümmern. Stetig marschierten sie weiter vorüber an trockenem Buschwerk und vereinzelt auftretenen Birken, die mit ihrem langen Geäst weite Schatten warfen, unter denen sie von Zeit zu Zeit Rast fanden. Nunmehr war die Sonne weiter gewandert und nur wenig fehlte bis sie ihre Arme in die flimmernden grauen Ebenen jenseits des Talathrants im Westen tauchte. Mellacars Weggefährten erwiesen sich als aüßerst geschwätzig. Ständig fragten sie ihn wie es sich mit dem Landleben im Flussdelta des Allus hielt oder erörterten das Für und Wider ihrer langen Reisen. Einige Male sogar stimmten sie ein Lied an und trugen es viele Schritte weit bis Bofúr, der neben ihm wanderte, innehielt und bedächtig dreinschauend lauschte. Sogleich verstummte auch der Rest des Zuges, dessen Gesang noch ein wenig nachhallte. Daraufhin war wieder nur leises Geflüster und das Stampfen kräftiger Beine auf dem festen Sandpfad zu hören.
Die Nacht brach herein und wieder teilten die Zwerge sich in zwei Gruppen auf. Eine lagerte an den Westhängen der Pinnath Calen, der Lichthügel, von denen es heißt die Elben haben hier vor langer Zeit den letzten Blick auf die sternenummantelten Wälder Cuiviénes gerichtet. Die Gruppe in der sich Mellacar befand richtete ihre Schlafstätte weiter westlich her, nahe vereinzelter Baumgruppen, die sich zur Ebene des Talathrants hin verstärkten und in langgezogenen dumpf schimmernden Alleen erstreckten.
Einige Blätter schon bedeckten den Boden und boten den Rastenden einen Anblick grün-gelber, teils sogar rostroter Inseln, inmitten derer sich die nach Harz duftenden Stämme erhoben. Mellacar bettete sich zunebst des Anführers Bogúr und bekam nun endlich Gelegenheit die in ihm empor gekletterte Neugier zu stillen. Der Wind säuselte durch die Zweigspitzen die sich bis nah über die Köpfe der Gruppe bogen und wirbelte den farbenfrohen Teppich des Laubes durcheinander.
„Nun, Zwerg Bogúr, bist Du wirklich so unwissend wie Du zu sein vorgibst, dann welche Gewissheit hast Du, dass die Waffen nicht gedacht sind gegen Dich gerichtet zu werden? Soviel ich weiß waren Mensch und Zwerg nicht mehr gut Freund seit den Zeiten Heraíns und seiner Sippe und die ist fast in Vergessenheit geraten.“
„Keine denn der Versicherung Deines Königs dem lästigen Orkvolk den garaus zu machen. Keines der Völker Mittelerdes ist den Zwergen aus Dûn Modr so verhasst wie die Grünhäuter. Und nur der Bündnisgenosse ist ein zuverlässiger, der Orkschädel mit Zwergeneisen zu spalten weiß. Schon unser Urvater Bavor handelte mit dem Menschenvolke in den südlichen Gegenden des Wilderwaldes, aus dem Hause Heraín. Sein Königreich ist erbaut auf Steinen, die von meinen Ahnen geschliffen nun die prächtigsten aller Mauern des Ostens zieren. Mit keinem anderen Ostvolk gedachten wir je solchen Handel zu treiben.“
„Dann berichte mir, was hält König Llane Dir und Deinem Volk zugegen, dass ihr, wie mir auf unserer Reise bereits berichtet wurde, in geregelt wiederkehrenden Zeiten euer Leben in Gefahr bringt?“
„Oh weh, dies rührt her aus einer seltsamen Zeit, in der Bavor der Flinke zu seinem Namen kam und ich weiß dies nur aus alten Überlieferungen zu berichten. Die Geschichte ist lang. Willst Du sie trotzdem hören?“
Mellacar saß auf, denn bisweilen hatte er gestützt auf seinem Ellenbogen gelegen und im wärmenden Flackern des Feuers dem Zwerg gelauscht. Nun aber brannte das Interesse in ihm mehr von dem fernen Zwergenreich Dûn Modr zu erfahren.
„Auch wenn Dunkelheit uns schon eingeschlossen hält und der Mond der Felder einzige Leuchte ist, so möchte ich sie nicht verpassen und sei der Marsch morgen noch so zehrend.“
Der Zwerg sog tief Luft und mit einem Seufzer starrte er ins Feuer, dass sich wiederspiegelte in seinen scheinbar endlos dunklen Augen.
„Wie ich bereits berichtete handelt sie von Bavor, dem Vater unseres Volkes, Herrscher über Dûn Modr, was in Deiner Sprache etwas heißen mag wie Granitspalte. Er lebte mit seinem Gefolge dort wo der Eregeithel entsprang, so nannten ihn wohl die Elben in ihrer Sprachwut. Natürlich reichte ihm das Behauen der Wände von Zarâk-Dâch nicht und er erweiterte sein Reich weiter in den Süden, denn die Edelsteine wurden rar und manch unverschämte Zunge hätte ihn durchaus Bavor den Gierigen nennen dürfen. Seine beiden Söhne Grím und Morím horteten das Gold, die Adamanten und die wunderschön leuchtenden Saphire in ihren Hallen zu den Berghängen. Bavor war darauf bedacht die Schätze geheim zu halten, jedoch schmückten seine Söhne ihre Höhlen samt den Pässen und Gängen mit ihrem Reichtum und erfreuten sich mehr der glitzernden Farben der Wände und Steine denn der Errichtung neuer Gänge und Vergrößerung des Reiches. Sie beide waren ebenso gierig wie der alte Bavor, heißt es, doch kam mindestens einem das Dunkel übers Herz.
Als die Hallen so leuchteten wenn die Sonne über den Zarâk Pass streifte da wurde ein Drache aus dem fernen Norden ihrer gewahr. Mehr noch als wir Zwerge mögen es diese Schuppenhäuter eine Kammer voller edelster Rubine und Silber so rein wie das Licht der Elbenaugen ihren Besitz zu nennen. Wir nannten ihn Barûk. Bei dem Elbenvolk, dass immer noch in den Wäldern im Osten wohnt hieß er Cullegon, aufgrund seiner rotgoldenen Farbe. Er griff sogleich die Hallen Bavors an und ein Kampf entbrannte, im wahren Sinne des Wortes, und dauerte bis zum Morgengrauen. Viele Kostbarkeiten wurden vernichtet, denn sein Feuer brannte tausendmal heißer als die Sonne in der Fatah. Das kostbarste Stück, den Grím Bathol, einer von Gríms gefertigten Steinen, verwahrte er.
Viele Zwerge versuchten ihn wiederzubeschaffen. Zur Zeit da er schlief gelangten sie in seinen Unterschlupf und hielten ihn schon in der Hand als Barûk erwachte und sie bei lebendigen Leibe verbrannte. Der Stein jedoch blieb unversehrt, wie von Zauberhand und Barûk fraß ihn auf, auf dass kein Zwerg ihn je zurückerlange, solange er lebe. Voller Trauer nun sandte Bavor Boten aus, Dwalin zu finden, vom Volke der Schwarzlocken. Er war ebenfalls in den Oricarni erwacht, dort wo am Fuße seines Berges nun Hellcarth, das Reich der Elben liegt. Sie fanden ihn, doch kümmerte es ihn wenig welches Schicksal wir erlitten hatten, denn auch sein Herz war dunkel. Sein ganzes Sinnen galt der Jagd nach Elben, denn diese waren ihm verhasst. Sein Reich war gehöhlt in schwarzes Gestein und marmorne Gebilde seiner Gestalt schüchterten die unsrigen ein. Fortan wollten wir nichts zu tun wissen mit Dwalin und seinem Volk. Und so kamen die Sendboten Bavors zu den Landen in denen Heraín sich niedergelassen hatte. Sie waren überrascht Menschen zu erblicken, die nicht umherstreiften und dem Zwergenvolk aus Dûn Modr feindlich gesinnt waren. Jedoch waren auch sie nicht bereit Unterstützung zu bieten im Kampf gegen den Drachen und als die, die ausgesandt waren zurückkehrten, fanden sie ihre Höhlen verlassen und geplündert. Ihr Volk trafen sie am Fuße der Berge Aragík-Zil und Arannar an und sie schliefen auf den weiten Wiesen am Eregeithel wo die großen Dornenbüsche gedeihen. Nur wenige überlebten diese Zeit und noch immer besingen wir in unseren Höhlen die tapfersten unter ihnen und das Leid, das sie durch die umherziehenden Barbarenstämme erfuhren.
Barûk hatte Bavor gefangen genommen und ihn erstarren lassen. Abermals wurden Zwerge ausgesandt um Heraín um Hilfe zu bitten. Und der Zufall wollte es, dass es einen gab, Halach, Heraíns Sohn der es wagte mit einer Schar aufzubrechen den Drachen zu töten. Sie traten an ihn heran und stachen ihm ihre Speere in den ungepanzerten Unterleib. In seiner Raserei tötete er Halach und einige seiner Gefährten, flog hinaus und dort wo mein Volk stand konnten sie ihn sehen wie er landete und mit den Flügeln schlug von Panik gepackt. Doch er erhob sich wieder in die Lüfte und flog nach Norden. Bavor erwachte aus seiner Starre und erblickte das Unglück. Im Zorn rannte er los, hinter dem Drachen her, Tag und Nacht und verschwand in den Morgendünsten des Zarâk Darn. Einige Zeit später kam er wieder, den Bathol triumphierend in der Hand haltend. Doch seiner Schuld in Heraíns Volk war er sich bewusst. Der Stein wog schwer in seinem Herzen, denn Grím war gefallen und teuer hatte Heraín bezahlt ihm seinen Sohn gesandt zu haben. Bavor erhob damit das ewige Bündnis, nachdem wir uns heute noch richten. Das war die Geschichte von Bavor dem Flinken und dem ihm geliebten Stein seines Sohnes.“
Bogúr verstummte und scharrte mit einem Zweig in der Glut. Er griff nach den Zöpfen seines Bartes und drehte sie fester. Mit zwei elastischen Stücken einer sonderbaren Rinde umschloss er die Endstellen.
„Das mein lieber Mellacar, ist der Grund weswegen wir die Steifbärte genannt werden. Es ist eine alte Tradition doch das ist eine andere Geschichte. Ich werde mich nun zur Ruhe legen wenn es Dir recht ist.“
Daraufhin drehte sich der alte Zwerg zur Seite und alsbald war er eingeschlafen. Mellacar war fasziniert von der Geschichte und war die ganze Zeit über nur stumm dagesessen, mit weit aufgerissenen Augen. Doch nun legte auch er sich nieder und beobachtete den Baldachin aus tief herab hängenden Zweigen über ihm. Er dachte noch lange nach über Barûk den Drachen, Heraín, Vater des Volkes Âzeroths und dem guten Bavor der im Eilmarsch allein den kostbaren Stein der Zwerge wiedererlangte.
Er blickt dennoch einmal in die Runde und erkannte, dass die anderen Zwerge bereits schliefen und nur wenige noch tuschelten. Himí, so hieß der kleinste Zwerg von ihnen, der stets hinterdrein gestolpert kam, hielt Wache und nur seine Umrisse gab das halb heruntergebrannte Feuer wieder in dieser Nacht.
Sein letztet Blick galt der Féne die er von dem Mädchen bekommen hatte und dann fielen ihm die Augen zu.
Am nächsten Morgen erwachte Mellacar durch lärmendes Getöse unweit des Lagers. Luft wie von verkohltem Holz zog sich durch die Bauminseln und schwarz lagen dort in westlicher Richtung die Überreste einer der Bäume. Die Hölzer und Pflanzen waren bis auf den Grund abgebrannt. Rauchschwaden hingen noch darüber und woben sich um das Geäst kleiner Ulmen. Alle Zwerge waren auf, mit den schweren Stiefeln letzte Brandstellen austretend und Himí saß am Baume gelehnt, sichtbar nach Luft ringend. Eine Wunde klaffte an seiner linken Schulter und mehrere seiner Gefährten wuschen sie mit dem Wasser aus den Proviantbeuteln sauber und legten Schichten von scharf riechenden Blättern darauf. Auch andere Zwerge waren offenbar verwundet worden. Aus dem anderen Lager kamen schon die ersten geeilt um zu helfen, bisweilen mit Erfolg, denn schon bald richteten sich einige der Verletzten auf und strauchelten umher, benommen ob der Dunstschwaden die sie umgaben, um nach ihren Äxten zu schauen. Mellacar verlor den Blick, da stets dick aus dem Boden hervorquellender Rauch ihm Tränen in die Augen trieb. Wie in einen Fächer hüllte er sie in seine Hände und hielt geraden Schrittes auf Bogúr zu den er soeben erblickt hatte.
„Was ist geschehen Bogúr? Ist es nun schon des Nachts in diesen Landen da die Wilden Feuer legen um zu räuchern? Welch schreckliche Wunde trägt nun der arme Himí mit sich und zu wessen Ruhm wurde dies getragen?“
Bogúr stand noch immer bei einem Verletzten aus seiner Schar, die Hand am Griff seiner Axt. Sein Blick war stumpf und er wirkte um einiges älter als noch am Abend zuvor.
„In der Tat war es Menschenvolk, die dieses Werk vollbrachten. Nur von welcher Art, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ihr Blick war verwegen gleich einem Volke ohne Hab und Gut. Geh nun, lass mich vorerst allein, es gibt viel zu tun.“
Darauf wendete sich Mellacar ab und half so gut es ging frische Erde zu schichten über die ständig neu auflodernden Brandstellen. Und war erst eines bedeckt, so drang erneut Qualm hindurch und züngelte in dünnen Fäden herauf. Jene Feuer, derer sich die Zwerge mit Erfolg angenommen hatten, hinterließen kreisrunde Flächen, schwärzer noch als die Nacht unter Wolken, von denen ein ekelhafter Gestank durch die Baumalleen ausströmte.
Als endlich jegliche Gefahr bereinigt schien, wandte Yâvín sich Mellacar zu.
„Es waren die Wilden Herr Mellacar. Mindestens fünfzehn von ihnen. Auf einem Streifzug Unheil und Verwüstung in diesen Landstrich zu bringen. Als sie die andere Gruppe dort drüben an den Pinnath Calen erblickten, da rannten sie und schlugen eben noch auf den tapferen Himí ein. Böse Menschen waren dies. Sollten wir sie wieder treffen werden sie blanken Stahl von Yâvíns Axt zu schmecken bekommen. Ich werde schon ihre langen ungepflegten Haare zu stutzen wissen.“ Der Grimm über den Angriff zog sein Gesicht in Falten und um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen stampfte er wuchtig auf den Sandboden.
Mellacar fühlte sich benommen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Ringsum liefen die Zwerge bald zu den Lasttieren, bald zurück zu den Malen die das Wilde Volk hinterlassen hatte. Hinter sich nach Osten blickend, sah Mellacar die Sonne auf den Bergen thronen. Ihr Licht brach durch den Rauch und ließ ihn erscheinen wie den heißen Dampf über den Kesseln großer Feldköche. Mellacars Kleidung stank, Zwerge stöhnten auf und Blätter raschelten und schienen zu jammern in der stickigen Luft. Die Ostlinge waren auf sie aufmerksam geworden.
(Benjamin)