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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Die Große Rüstung



Es war im Monat Nórui des Jahres 3313, als Gaerros dem schwindenden Schiff noch lange hinterher starrte. Langsam schob es sich gen Osten bis es schließlich den Horizont erreichte und verschwand. Zu dieser Zeit schlugen nur noch wenige Schiffe diesen Weg in friedlicher Absicht ein und kehrten meist schwer beladen wieder heim. Er wusste nicht, was die Absichten dieses Schiffes waren, aber bestimmt würde es an den Küsten Tribut für den hohen König der Númenórer fordern.
Seufzend wandte er sich wieder seinem eigenen Schiff zu, eigentlich kaum mehr als ein Boot, das in dem Sturm vor wenigen Tagen ziemlichen Schaden genommen hatte. Das Wetter, das solange er denken konnte den Menschen auf der Insel des Sterns wohlgesonnen gewesen war, wandte sich mehr und mehr gegen sie. Stürme wurden häufiger und die Schiffe, die den Hafen verließen, kamen immer öfter beschädigt oder auch gar nicht nach Hause.
Gaerros sah sich den Schaden ein weiteres Mal genau an und überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, den Rumpf, der beim Aufprall an die Kaimauern gesplittert war, zu reparieren. Denn erstens war Holz für den Schiffbau nur sehr schwer zu bekommen, und weil die Netze sich immer weniger füllten, fuhren nur noch selten Fischer hinaus.
Gerüchten zu Folge war die Bucht von Eldalonde schon fast vollständig mit großen Schiffen gefüllt, auf denen die schwarz-goldenen Banner des Königs tausendfach flatterten. Noch glichen die gewaltigen Schiffe einer Geisterstadt, denn niemand lebte darauf, aber die Schiffbauer zimmerten an immer neuen Rümpfen und Masten wie die Ameisen, Gaerros hatte schon einige der Reeder aus Rómenna nach Eldalonde ziehen sehen, um im Dienste Ar-Pharazôns zu arbeiten. Was der König mit dieser Flotte jedoch im Sinn hatte, war den meisten unbekannt und sie fragten auch nicht weiter, denn sie waren von eigenen Sorgen gequält. Der Tod kam in immer neuen Gestalten zu den sonst so langlebigen Númenorern.
Gaerros riss sich zusammen. Diese Gedanken waren müßig und unnütz, so würde er nie zu einem Entschluss gelangen. Schweren Herzens rang er sich schließlich dazu durch, das Schiff den Herbst und Winter hindurch ruhen zu lassen und abzuwarten, wie sich alles entwickeln würde.
Noch einmal sah er auf das raue Meer hinaus. Manchmal spürte er eine Sehnsucht nach etwas, das er nicht benennen konnte, die in seiner Brust zerrte, obwohl er nicht wusste, was das sein mochte. Schnell wandte er sich ab und ging mit zügigen Schritten durch die engen Straßen vom Hafen zu seinem Elternhaus. Es war klein, zwischen die anderen Fischerhäuser aus grauem Stein gedrückt. Von Seewinden war der Stein seidenglatt geschliffen und auch das satte Rot des spitzen Daches strahlte eine eigene, schmucklose Schönheit aus. Seine Eltern lebten in diesem Haus, seit sie aus ihrer Heimatstadt Eldalonde von Ar-Gimilzôr umgesiedelt wurden. Henderch, sein Vater, hatte seinen Beruf eines Fischers nun an der Ostküste weiter ausgeübt, die Heimat und die Freundschaft der Elben jedoch nie vergessen.
Gaerros musste sich bücken, um durch die niedrige Tür aus dunklem Holz zu treten. In dem gemütlichen Raum dahinter war schon der Tisch gedeckt und eben trat Gaerros‘ Mutter mit einem breiten Lächeln ein. Sie hatte ihre blonden Haare zu einem dicken Knoten im Nacken geschlungen und sah auch in ihrem einfachen Kleid dank ihrer aufrechten Haltung wie eine Königin aus. Die wahre Königin Ar-Zimraphel, mit der sie auch ihren elbischen Namen Míriel teilte, war nur ein lebloser Schatten hinter ihrem Gatten.
„Na, wie geht es deinem Schiff?“ Fragte Míriel freundlich und stellte den irdenen Topf mit Suppe auf den Tisch.
Gaerros setzte sich umständlich. „Nicht so gut, fürchte ich. Ich werde es wohl erst im Frühling reparieren, falls es bis dahin noch Bäume in diesem Land gibt. Vorher lohnt es sich sowieso nicht.“
Ihr Gesicht verdunkelte sich. Da hatte er einen wunden Punkt getroffen, denn sie vermisste immer noch die duftenden Bäume der Elben, welche diese aus den Unsterblichen Landen in den glücklicheren Tagen der Insel als Geschenke zu ihrer alten Heimat in Eldalonde mitgebracht hatten.
In diesem Moment betrat sein Vater das Haus. Seine mächtige Gestalt erfüllte den Raum sofort mit Leben. Der Rest des Abends verlief in ruhigen Gesprächen und Henderch besang das Segensreich mit leiser Stimme in der verbotenen Sprache der Elben. Und sein Sohn spürte wieder diesen Schmerz, dessen Ursache er nicht kannte. Während Bilder von hellen Wäldern und fröhlichen Gesichtern vor seinem inneren Auge erschienen, zerrte es in seiner Brust, bis er sich abwenden musste, damit seine Eltern die Tränen nicht sahen.
Am nächsten Morgen wurde die ganze Familie beim ersten Tageslicht von lautem Rufen und Schreien geweckt. Eine große Menschenmasse schob sich durch die Straßen in Richtung Armenelos, an ihrer Spitze drei in schwarze Kutten gehüllte Gestalten auf Pferden, die einen erbärmlichen Jungen zwischen sich auf einem Karren zogen, der jämmerlich weinte. Die Menge dahinter johlte und klatschte in die Hände, begierig auf das Opfer. Sie wandten sich erschreckt von dem grausigen Anblick des zur Schlachtbank geführten Opfers ab. Gaerros‘ Vater verwünschte Sauron laut in der adunaischen Sprache, denn die Elbensprache kannte nicht solche Schimpfnamen, wie die, mit denen er diesen Sendboten Morgoths belegte.
Im nächsten Monat wurde endlich offenbar, zu welchem Zweck der König die Flotte hatte bauen lassen. Auf allen Plätzen der Stadt wurde laut nach Freiwilligen gesucht, die bereit wären, auf diesen Schiffen in den Krieg zu ziehen. Allerdings blieb der Feind immer noch ungewiss. Einige sagten, es ginge gegen die Elbenhäfen in Mittelerde, andere flüsterten sogar von einem Angriff auf Valinor, aber das war ja schlichtweg unmöglich und lächerlich. Gaerros selbst meldete sich nicht, sondern stand nur kopfschüttelnd daneben, als sich seine Freunde, alles einfache Fischer, begierig vordrängten. Er wollte zwar andere Länder sehen, aber nicht um den Preis, sie gleich mit Feuer und Schwert verwüsten zu müssen.
Schweigend wandte er sich ab und entzog sich den Bitten seiner Kameraden, sich doch auch zu melden, und wanderte still und alleine nach Hause. Plötzlich fühlte er sich schrecklich einsam. Seine Eltern liebten ihn und er hatte alles was er brauchte, aber der drückende Schatten von Saurons indirekter Herrschaft wurde immer schwerer und er konnte und durfte keine Freunde finden, mit denen er sich in der schönen Elbensprache unterhalten konnte. Diese einfachen Unterhaltungen und fröhlichen Lieder vermisste er am meisten. In dieser Nacht lag er lange grübelnd wach und der Mond stand schon hoch an einem ausnahmsweise klaren Nachthimmel, umrahmt von Vardas glitzernden Sternen, als er endlich Schlaf fand.


Sie schlief unruhig auf ihrem Flet, das seltsam drückende Gefühl wollte nicht weichen, die Luft war schwül wie vor einem gewaltigen Gewittersturm. Die immer neuen Wolkenstürme, die von Westen her aufzogen, gingen zwar meistens ohne Schaden anzurichten über sie hinweg, bevor sie sich über den besiedelten Gebieten weiter im Landesinneren entluden, aber nichtsdestotrotz war es sehr beunruhigend.
Von einigen der höchsten Bäume hielt sie manchmal Ausschau nach Westen, aber alles, was sie sehen konnte, war die von Schiffen schwarze Bucht vor ihrem Wald. Der Horizont, an dem sie früher so gerne die Sonnenuntergänge beobachtet hatte, war von den hohen Masten und Bannern vollständig verdeckt. Sie hatte sich immer gefreut, wenn das Funkeln, das manchmal dabei an einer besonderen Stelle zu sehen war, auftauchte, aber das war nun auch nicht mehr zu entdecken.
Dieser Sommer war seiner Schönheit beraubt, jetzt wurde der Verfall offensichtlich, der über Jahre hinweg schleichend vorangeschritten war. Vergebens versuchte sie, das teilweise Sterben ihrer geliebten Bäume aufzuhalten, aber sie war nur ein einsames Mädchen ohne große Kraft und konnte nicht alle Wunden heilen. Trotzdem gab sie die Hoffnung nicht auf und blieb in ihrem vertrauten Wald. Selbst wenn sie willens gewesen wäre, ihn zu verlassen, sie hätte nicht gewusst wohin sie sich wenden sollte. So verstrich langsam der Sommer, während dem viele Bäume im Osten des Waldes den Kampf gegen die Trockenheit und die Stürme aufgaben. Im Westen waren die duftenden immergrünen Bäume noch gesund, und jedem, der den Wald nicht so gut wie sie kannte, wäre die Veränderung nicht aufgefallen. Aber sie wurde unruhig bei dem Gedanken, ihre Heimat könnte sterben. Noch aber war sie unfähig sie zu verlassen.


Das Wetter wurde immer unfreundlicher. Der Sommer war ungewöhnlich trocken und ein Teil der Ernte verdarb, so dass die einfache Landbevölkerung im Westen der Insel unter der Nahrungsmittelknappheit zu leiden hatten. In den großen Städten Armenelos und Rómenna konnte man davon hingegen noch überhaupt nichts spüren. Der König protzte weiterhin mit seinem Palast und forderte seinen Tribut. Doch die größten Opfer forderte Sauron für Morgoth und der Tempel für den gefallenen Vala stieß ununterbrochen fettige Rauchschwaden und den Gestank von verbranntem Fleisch aus.


(Ina)