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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Winterruhe


Der Wald war still, die leichte Schneedecke dämpfte alle Geräusche und hatte die Bäume in verzauberte Gestalten verwandelt. Sie lief fröhlich über den nur knöcheltiefen Schnee, ihr goldenes Haar wehte hinter ihr her wie ein Schimmer des fast vergessenen Frühlings und sie bestaunte die von den weißen Kristallen umrahmten immergrünen Blätter an den Bäumen. Nur die wenigsten von ihnen ließen im Winter ihre Blätter fallen, sondern warteten auf die frischen im Frühling, bevor sie sich ihrer entledigten. Die Tiere würden allerdings ihre Schwierigkeiten haben, vor allem die Vögel kamen mit dem merkwürdigen weißen Zeug nicht zurecht, das auf einmal ihre Nüsse bedeckte und den Boden ganz hart werden ließ. Seufzend wandte sie sich den Aufgaben dieses Tages zu, sie musste Wasser holen und sich um einige junge Bäume kümmern, die sie unterwegs gesehen hatte und die unter der Last des Neuschnees eingeknickt waren.
Nachdem sie ihr Frühstück, das aus einem Becher Tee und einer Handvoll Haselnüssen bestand, zu sich genommen hatte, besah sie sich den Schaden an den kaum hüfthohen Schößlingen. Bei einem oder zwei waren ein paar der zarten Zweigchen geknickt, was sich schnell beheben ließ, aber einige der kleinsten, die in der Nähe des Sees standen und erst in diesem Frühling gewachsen waren und nicht einmal die Höhe ihrer Hand erreicht hatten, waren gänzlich begraben oder erfroren. Traurig häufte sie den Schnee wieder darüber und sah sich in ihrem Wald um. Es würde unmöglich sein, alle begrabenen Bäumchen zu retten - im nächsten Frühling würde der Boden nicht so grün wie üblich werden.
In dieser Nacht, als sie fest in ihre Decke gewickelt neben dem Feuer in ihrer Hütte lag, träumte sie. Nicht wie sonst von seltsam vertrauten Gesichtern, die weinten und bekannten Menschen, die ihre Hände nach ihr ausstreckten, sondern von Sternen... sie strahlten unglaublich hell über einer endlos weiten, schwarzen, spiegelglatten Fläche. Sehr weit entfernt schien sich ein kleiner Funken über den Horizont zu schieben. Und während sie in ihrem Traum fasziniert dieses kleine Leuchten verfolgte, erhob es sich plötzlich in die Luft und begann als weiterer Stern in den Himmel zu steigen. Immer heller und heller wurde er, bis er alle anderen Sterne überstrahlte.
Verwirrt erwachte sie an einem weiteren, strahlenden Wintermorgen. Es hatte nicht wieder geschneit, aber es war kalt und ein schwacher, aber eisiger Ostwind blies. Zitternd beschloss sie, heute im Warmen zu bleiben - sie konnte nicht alle Bäume und Tiere retten und sie konnte ihren Wald noch weniger beschützen, wenn sie krank wurde. Ihr selbst war das zwar noch nie passiert, aber sie erinnerte sich, wie die alte Frau krank geworden war. Sie hatte nichtmehr klar denken können und hatte sich die Seele aus dem Leib gehustet bis sie eines Nachts eingeschlafen war. Sie hatte ihre Ziehmutter nicht wieder aufwecken können und Tage gebraucht um zu verstehen, dass sie auch nicht wieder von selbst aufwachen würde.
Ärgerlich schob sie die Gedanken beiseite. Sie waren unbequem und erinnerten sie daran, dass es außerhalb des immer schönen Waldes viele dieser kränklichen Menschen gab.
Stattdessen versuchte sie, ihren Traum zu deuten. Das Meer kannte sie, auch wenn sie es selten bei Nacht gesehen hatte. Die Sterne betrachtete sie oft des Nachts und fand Trost in dem Gedanken, dass sie für alle Zeit bestehen würden, was immer auch ihrem Wald oder dem Rest der Welt zustoßen sollte.
Mit geschlossenen Augen versuchte sie, sich die Sternbilder von ihrem Himmelsabschnitt ins Gedächtnis zu rufen. Einige waren auch eindeutig die gleichen wie in ihrem Traum, aber den vom Meer aufsteigenden Stern konnte sie nicht einordnen - vielleicht war er heute Nacht zu sehen.
Ungeduldig verbrachte sie den Tag mit verschiedenen kleinen Reparaturen an ihrer Hütte und an ihrer Kleidung. Aber als es endlich Dunkel wurde, zogen dichte Wolken herauf, die jede Sicht auf den Himmel versperrten.
Frustriert kuschelte sie sich in ihr Bett und summte ein paar Lieder während sie den tanzenden Flammen zusah, wie sie das Holz verzehrten.
Sie wusste nicht, wann sie eingeschlafen war, und an ihren Traum konnte sie sich auch nichtmehr erinnern, außer einem vagen Gefühl der Freude war alles verschwunden.
Draußen war die Schneedecke gewachsen, sie reichte ihr jetzt schon bis über die Waden.
So schritt der Winter voran und obwohl der Schnee nie höher als eine Elle lag schien ihr der Wald gänzlich erfroren zu sein und bis zur Mitte des Winters wuchs in ihr die Befürchtung, dieses Leichentuch würde alle ihre geliebten kleinen Sprösslinge der Bäume und Blumen für immer bedecken. Den letzten Tag des Jahres, den Mettare, verbrachte sie deprimiert an dem müde vor sich hin glühenden Feuer bis sie am Abend in einen weiteren Traum vom Meer glitt. Diesmal war es alles andere als unbewegt und still, ein wilder Wind pfiff und heulte, sie konnte ihn an ihren Haaren reißen fühlen und unter ihr tanzten neun kleine Schiffe wie Nussschalen auf den wilden Wellen. Langsam wurden sie nach Osten abgetrieben und verschwanden schließlich aus ihrer Sicht.


Gaerros fühlte sich immer unbehaglicher. Der Winter in Rómenna war von einer Stille wie in einem Grabhaus. Er aber war jung und gesund und dieses Eingesperrtsein im Haus seiner Eltern gefiel ihm überhaupt nicht. Er fühlte sich wie ein Fuchs in der Falle: die Jäger warteten nur darauf, dass er den Bau verließ...
In letzter Zeit war er in den geheimen Zusammenkünften der Getreuen immer aktiver geworden, unter seinem neuen Decknamen Beleg kannten ihn viele. Sein Vater wurde hingegen immer ruhiger und beteiligte sich kaum noch aktiv an den Diskussionen. Schließlich wurde er so uninteressiert, dass es Gaerros war, der ihn zum Mitgehen überreden musste, während es früher andersherum gewesen war. Seine Mutter aber brachte mit ihrer leichten und unbekümmerten Art Leben in das kleine Haus oder hielt es dort fest: manchmal wusste er nicht, wie es mit ihm weitergehen sollte, falls seine Eltern einmal sterben sollten. Sie gingen schon auf die 200 Jahre zu und waren ein typisches Beispiel für die Tradition, spät zu heiraten und dem ältesten Sohn in gesetztem Alter das Geschäft oder die wichtigsten Arbeiten zu hinterlassen und sich zur Ruhe zu setzen.
Seine Zeit verbrachte er größtenteils mit Trainieren, seit seiner frühesten Jugend hatte er kein Schwert mehr angefasst. Damals hatte es zusammen mit Bogenschießen genauso zu seiner Ausbildung gehört, wie Lesen und Schreiben. Sein Vater sah im bei seinen Übungen zu und verbesserte ihn nötigenfalls, und ab und zu lieferten sie sich sogar ein kleines Duell, das meistens unentschieden endete, da keiner sich traute mit aller Kraft zuzuschlagen. Auch mit seinem Bogen hätte er gerne geübt, aber dazu fehlte der Platz und er wollte nicht auf die Hühner der Nachbarn schießen.
Eines Tages gegen Ende des Monats Girithron hielt er es aber nicht mehr aus. „Ich werde nach Armenelos reiten und Onkel Gethron und seine Familie besuchen,“ verkündete er eines Abends.
Seine Mutter sah erschrocken auf, ihre sonst immer lächelnden Augen geweitet. „Du willst nach Armenelos? Wo die wenigen Getreuen, die es noch dort aushalten, am allermeisten gefährdet sind?“
Sie schluckte. Beruhigend strich Henderch über Míriels Hand. „Der Junge weiß schon, was er tut. Er wird auf sich aufpassen und nicht zu sehr in die Öffentlichkeit gehen,“ fügte er mit einem mahnenden Blick auf Gaerros hinzu.
Der konnte nur schweigend nicken. „Wann soll es denn losgehen?“
Gaerros zuckte mit den Schultern. „Sobald ich ein Pferd besorgt hatte, wollte ich losreiten. Du hast doch Beziehungen, kannst du mir da helfen?“ „Aber immer doch, mein Junge. Wenn es sein muss, kannst du morgen früh auf und davon und das auf einem der besten Pferde von Rómenna.“
Gaerros schüttelte den Kopf. „Nein, ich will lieber nichts überstürzen... bis zum Mettare bleibe ich hier.“
Während das Jahr sich dem Ende neigte, verbrachte er seine Tage mit Vorbereitungen für die kaum 70 Meilen lange Reise. Bei einem Bekannten seines Vater suchte er sich ein Pferd aus, das ihn und die Geschenke für die große Kinderschar seines Onkels tragen sollte. Gethrons Frau war nach der Geburt des sechsten Kindes gestorben und für Gaerros waren die älteren in seiner Kindheit die Geschwister gewesen, die er selbst nie gehabt hatte.
Im Stall dieses Bekannten standen viele schöne Tiere, aber er musste sich für eines entscheiden. Das erste Pferd, an das er herantrat, war schwarz und sehr groß, es schüttelte wild seine Mähne und stampfte mit den harten Hufen. Aber als Gaerros auf ein Nicken des Besitzers hin näher heran trat, senkte es langsam den schönen Kopf und lehnte ihn sanft und vertrauensvoll an seine Brust. Vorsichtig strich Gaerros dem großen Hengst über die samtweiche Schnauze und bewunderte den fast perfekten fünfzackigen weißen Stern, der ihm zwischen den Augen saß. Das Pferd ließ es sich gefallen und damit war die Sache entschieden, keines der anderen Pferde ließ sich zu solch einer Zuneigungsbezeugung herab.
Am Mittag des Neujahrstages Yestare verabschiedete er sich fröhlich von seinen Eltern und führte sein Pferd auf die breite Straße, die nach Westen hin geraden Wegs nach Armenelos, der Königsstadt unter dem Schatten des Meneltarma, führte. Mit dicken Satteltaschen voller Geschenke für seine Cousins und Cousinen, seinem Schwert an der Seite und seinem in der hinter dem Sattel verschnallten Decke versteckten Bogen ritt er unbeschwert los und freute sich auf die Abwechslungen, die eine Hauptstadt wie Armenelos zweifellos zu bieten hatte.
Am Mittag des Neujahrstages Yestare verabschiedete er sich fröhlich von seinen Eltern und führte sein Pferd auf die breite Straße, die nach Westen hin geraden Wegs nach Armenelos, der Königsstadt unter dem Schatten des Meneltarma, führte.
(Ina)