Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel




Neue Erfahrungen



Míriel konnte diese Anspannung schier nicht mehr ertragen. Regungslos sah sie zu, wie die schwarz gekleideten Soldaten ihr Haus durchsuchten. Zu Anfang hatten sie noch Fragen gestellt, ob sie oder Henderch diesen jungen Mann (und hier folgte eine fürchterlich genaue Beschreibung von Gaerros) kenne. Sie hatte vor Schreck die Hand ihres Mannes ergriffen, aber noch die Geistesgegenwart besessen, nicht aufzuschreien oder sich sonst wie verdächtig zu machen.
Henderch saß stumm wie ein Stein an dem großen Tisch in der Küche, während Míriel versuchte den Anschein von Normalität zu bewahren, indem sie begann das Frühstücksgeschirr abzuspülen.
Nach etwa drei Stunden hatten sich die Soldaten überzeugt, dass hier kein Aufrührer zu finden war, und machten sich daran das Haus zu verlassen. Plötzlich hielt der Kommandant unter der Tür an und drehte sich noch einmal um.
„In den Unterlagen steht, sie hätten einen Sohn. Können sie mir sagen, wo er sich befindet?“
Míriel holte angstvoll Luft, aber ihr Mann sagte mit fester Stimme: „Seit wann gibt es denn solche Akten? Was wisst ihr noch über uns? Aber meinetwegen... Ja, wir stammen aus Eldalonde, sind aber dem König treu ergeben. Unser Sohn... er ist bei einem Verwandten in Armenelos. Sie können doch dort nach ihm suchen.“
Der Offizier zuckte unbehaglich die Schultern. „Wir haben ganz Armenelos schon abgesucht. Dort war niemand, auf den unsere Beschreibung passt.“
„Warum glauben sie dann, dass unser Sohn, der in Armenelos ist, ihr Gesuchter ist? Sie haben ihn ja offensichtlich nicht festgenommen!“
Mit einem mürrischen Schulterzucken verließ der Soldat endgültig das Haus.
Erleichtert atmeten sie auf. „Er wollte doch vorsichtig sein... was hat er nur wieder angestellt!“
Míriel begann jetzt, da sie wieder alleine waren, ungebremst zu schluchzen. Ihr Mann nahm sie sanft in seine großen Arme und drückte ihre zerbrechliche Gestalt an sich. „Mach dir keine Sorgen, mein Juwel. Ich werde gleich morgen nach Armenelos reiten und Gethron fragen, was er weiß. Aber wie du gehört hast, haben sie ihn ja offensichtlich nicht gefunden.“
Langsam beruhigte sich auch sein heftig schlagendes Herz wieder.
Die ersten Sonnenstrahlen des nächsten Morgens beschienen die Straße zur Königstadt und den frühen Reiter, der mit großer Geschwindigkeit über sie hinweg galoppierte.


Leise vor sich hinsummend kämmte sie ihr Haar mit den Fingern und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht. Der blasse Himmel und die wenigen leichten Federwolken spiegelten sich in den dunklen Tiefen des Sees Nísinen und dazwischen konnte sie schlanke Fische mit schimmernden Silberleibern umher schießen sehen. Als sie sich wieder aufrichtete schien es ihr, als sehe sie den Wald zum ersten Mal. Alle Bäume hatten inzwischen ihre letzjährigen Blätter abgeworfen und die frischen neuen Knospen begannen sich zu entfalten. Besonders die Mallyrn sahen in diesem Zwischenstadium besonders schön aus. Ihre glatten silbergrauen Stämme standen am Boden mit ihren Wurzeln in den silbernen Herbstblättern, während oben an den Zweigen sich die goldenen Blüten und ersten Blätter entfalteten.
Was würde dieses neue Jahr bringen? Es begann vielversprechend, aber das hatte es die Jahre davor auch getan... Grübelnd ging sie den schmalen Pfad am Ufer des Nunduine, des Waldflusses, entlang zurück zu ihrer Hütte. Diese würde sie wie in jedem Sommer verlassen und auf ihrem Flet, einer leichten Plattform in den Zweigen eines besonders großen Mallorn, wohnen.
Nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten in einen Beutel gepackt hatte, nahm sie die Holzkiste unter einen Arm und lief leichtfüßig die wenigen Schritte bis zu „ihrem“ Baum. Dort setzte sie alles auf den Boden und begann behände den Mallorn zu erklettern. Mit einem Sprung erreichte sie einen der unteren Äste, hangelte sich hinauf und stieg immer höher bis sie vom Boden aus nichtmehr zu sehen war. Nach kurzer Zeit, als der mächtige Stamm schon merklich schlanker geworden war, erreichte sie ihr Flet. Es hatte die Winterstürme ohne große Schäden überstanden und sogar das Seil, das sie hier oben gelassen hatte, befand sich noch an Ort und Stelle. Das eine Ende dieses Seiles verknotete sie an einem starken Ast, von dem aus sie den Boden sehen konnte und ließ den Rest hinuntergleiten. Flink wie ein Eichhörnchen begab sie sich wieder zur Erde und verknotete dort die Kiste mit dem Seil. Mit ihrem Beutel, dem Bogen und dem Köcher auf dem Rücken begann sie einen weiteren Aufstieg. Wieder oben angelangt begann sie die festgebundene Truhe hinaufzuziehen. Durch andere Äste kaum gehindert erreichte auch dieser, ihr kostbarster, Besitz sein Ziel.
In den nächsten Tagen war sie damit beschäftigt, eine leichte Stellwand gegen den Wind zu flechten, die an verschiedenen Stellen befestigt werden konnte. Woher kannte sie nur diese Kunst? Die alte Frau musste ihr auch das beigebracht haben, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte, jemals mit ihr auf einem Flet gewohnt zu haben. War das alleine ihre Idee gewesen? Sie wusste es nichtmehr. Aber wozu sollte sie sich auch an ihre Vergangenheit erinnern? Es war doch alles nur wie ein Traum...
Nach einigem Überlegen beschloss sie, auch ein Dach zu flechten. Bis jetzt war das Wetter zwar noch freundlich gewesen, aber sie wollte lieber nicht wissen, wie viel von diesem unfreundlichen Regen sie vertrug, der so ganz anders war als die sanften Schauer, die sie kannte.
Sie begann über den Stämmchen, die den Fußboden der Plattform bildeten, immer am Rand entlang, tote Äste etwas über Kopfhöhe an die lebenden Äste des Mallorn zu binden. Dann entwickelte sie langsam ein Netz von sich kreuzenden Ästen dazwischen, bis ihr Kopf kaum mehr durch die größten Lücken passte. Jetzt begann der wirklich ermüdende Teil der Arbeit; sie musste genügend langes Gras schneiden, es zu Schnüren drehen, dichte Matten daraus flechten und diese dann auf dem Zweiggerüst befestigen.
Nur ungern wagte sie sich auf die sonnenüberfluteten Wiesen, die an den Wald angrenzten. Hier kam sie sich schrecklich ausgeliefert vor. Aber wenn sie eine halbwegs geschützte Behausung haben wollte, musste sie ihre Furcht überwinden.
Nach zwei Tagen unbequeme Arbeit in der prallen Sonne hatte sie mit ihrem Messer genügend langes Gras geschnitten um mit dem Fertigen der Matten zu beginnen. Das Zusammendrehen der Halme war langweilig und erforderte angestrengte Konzentration, damit sie nicht zu viel Zug ausübte. Die meiste Zeit summte sie fröhlich vor sich hin, mit den unbekümmerten Vögeln in den Zweigen um sie herum wetteifernd. Nur manchmal, wenn ihr der Rücken besonders schmerzte, wurde sie still und unwirsch und die empfindlichen Schnüre rissen ihr besonders oft.
Einige Regenschauer musste sie während dieser Zeit ungeschützt überstehen, aber nach zwei Wochen waren die dichten Grasmatten fertig und mussten nur noch an dem Deckengerüst befestigt werden. An einem gerade mal wieder besonders passenden Tag, an dem ein ungemütlicher Wind feucht-kalte Nebelfetzen vor sich her trieb, machte sie sich an diese letzte Herausforderung. In einer halsbrecherischen Klettertour gelangte sie außen um das Zweiggerüst herum und endlich auf die Äste darüber. Ihr langes Haar klebte ihr in Strähnen im Gesicht. Achtlos wischte sie sie beiseite und konzentrierte sich nur auf ihre Aufgabe. Vorsichtig zog sie eine der auf ihrem Rücken zusammengerollten Matten aus dem zu diesem Zweck umfunktionierten Köcher und begann, sie über den Ästen zu befestigen. Im Laufe des Tages erschien eine kränklich blasse Sonne hinter den jagenden Nebelstreifen, hatte aber kaum die Macht sie zu durchdringen. Mit klammen Fingern knotete sie die Matten unzählige Male mit kleineren Seilstücken fest, bis sie ihre Hände kaum mehr bewegen konnte. Aber als sie gegen Ende des Tages wieder hinunter kletterte, war sie überrascht, wie viel wohnlicher dieses dünne Dach ihr Zuhause gemacht hatte. Zufrieden kuschelte sie sich in ihre Decken und beobachtete noch im Einschlafen das langsame Weichen der Wolken bis die Sterne klar und hell funkelten.


Gaerros schwitzte. Die steile Felsenwand vor ihm schien sich bis ihn den Himmel zu erstrecken und die zu zertrümmernden Felsbrocken kein Ende zu nehmen. Mit der Linken wischte er sich kurz über die Stirn während er mit der Rechten den schweren Hammer schon wieder anhob um ihn auf den widerspenstigen Steinbrocken zu seinen Füßen fallen zu lassen. In seiner zweiten Woche hier in der Stadt der Arbeiter, die dafür sorgten, dass weitere großartige Häuser in Armenelos und Rómenna gebaut werden konnten, fragte er sich zum hundertsten Mal, was ihn nur dazu getrieben hatte, den Vertrag dieses offensichtlichen Seelenkäufers zu unterschreiben. Wahrscheinlich sollte er nichtmehr so viel trinken. An jenem Abend war es wohl wirklich über das übliche Maß hinausgegangen. Und das war ansich kein Wunder, nachdem er tagelang durch die unwirtlichen Gegenden der Forostar geirrt war. Er hatte sogar an den nördlichsten Klippen gestanden und fasziniert die donnernden Wellen beobachtet, die von den unerbittlichen Felsen zu Schaum zersplittert wurden und manchmal sogar bis zu ihm hinauf gespritzt waren. Nach kurzer Zeit hatte ihn die Gischt allerdings bis auf die Haut durchnässt und mit dem immerwährenden Wind, der dort blies, war das eine besonders gute Konstellation um krank zu werden. Also hatte er sich nach kurzem Überlegen nach Süden, in Richtung bewohnter Gebiete aufgemacht. Einen kurzen Zwischenstopp bei dem Turm auf dem Sorontil konnte er sich allerdings nicht entgehen lassen. Die ganze Nacht hatte er auf der Spitze des inzwischen verlassenen Turms des früheren Sterne liebenden Königs Tar-Meneldur verbracht und wie er die Sterne beobachtet. Als er dann nach einer Woche in Ondosto angekommen war, hatte er seine Erkältung erst einmal in die nächstbeste Spelunke geschleppt, um sie vielleicht mit Alkohol zu vertreiben. Das war ihm zwar auch halbwegs gelungen, allerdings konnte er sich auch nur noch ungenau an die Einzelheiten, wie der „Vertrag“ mit den Steinbrüchen zustande gekommen war, erinnern. Der Kerl hatte ihm wohl etwas von einem verlorenen Glücksspiel erzählt und ihn die Schulden auf diese Weise abarbeiten lassen wollen. Da Gaerros den Wisch tatsächlich unterschrieben hatte, war er leider nicht in der Lage sich herausreden zu können.
Wütend machte er sich wieder über den unerbittlichen Felsbrocken her, den er in einen handlichen, oder besser, transportablen Quader von fünf Ellen Länge und drei Ellen Höhe sowie drei Ellen Tiefe verwandeln sollte. Bei jedem Schlag konnte er nur denken „dumm“, „dumm“, „dumm“, bis sich seine Arme betäubt anfühlten und sein Kopf seltsam leer zu sein schien.
Am Ende eines weiteren Tages voll anstrengender Arbeit, die sein Überleben und das seines Pferdes sicherte, ließ er sich zu Tode erschöpft in das Stroh neben Morroch sinken. Eine komfortablere Unterkunft konnte und wollte er sich nicht leisten. Dass er ein Pferd besaß war schon ungewöhnlich genug, er wollte seine Tarnung nicht noch weiter strapazieren. In seinen dicken Mantel gewickelt und mit dem leisen Schnaufen seines Pferdes im Ohr schlief er bald ein und störte sich auch nicht mehr an den pieksenden Strohhalmen.
Ein seltsamer Traum verfolgte ihn die ganze Nacht hindurch: er lief durch einen Wald und suchte jemanden oder etwas, aber er konnte sich nicht erinnern, was das sein könnte. Er wusste nur, dass er es unbedingt finden wollte, sein Leben schien davon abzuhängen. Die dichten Stämme schienen wie in einem wilden Tanz an ihm vorbeizuziehen während er kaum vom Fleck kam. Gerade als er aufgeben wollte spürte er plötzlich einen Kuss - aber einen der eher ungewöhnlichen Art: Morroch war dabei sein Gesicht mit seiner großen Zunge liebevoll zu säubern. Lachend schob Gaerros den großen Kopf von sich fort und richtete sich auf. Gähnend räkelte er sich und wäre dabei fast von einem weiteren spielerischen Stupser der weichen Pferdenase umgeworfen worden. Als er sich endlich für die Arbeit fertig gemacht hatte, kam auch schon der Vorarbeiter Malandûr in den zum Steinbruch gehörigen Stall, der den Pferden der Aufseher und jetzt auch Gaerros Unterkunft bot. Der Mann war einer von der brummigen, aber liebenswerten Art: vom Aussehen her hätte man ihn eher für einen Bären gehalten mit seinem gewaltigen schwarzen Bart der sein gütiges Gesicht, das so jungenhaft lachen konnte, über der breiten Brust fast gänzlich verdeckte. Heute morgen hatte er eine neue Aufgabe für den Neuling, der sollte schließlich alle Bereiche der Steinmetzarbeit kennen lernen. Das Talent des Jungen war ihm nicht entgangen, selbst das mühsame Quaderbehauen, an dem schon viele Neue gescheitert waren, hatte er außergewöhnlich gut gemeistert.
„Also gut, Kleiner, heute wird es für dich mal etwas anderes geben... nicht das stupide Blöckeklopfen!“
Mit einem schelmischen Grinsen drehte Malandûr sich zu dem ergeben hinter ihm her trottenden Gaerros um, der sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. Der hob hoffnungsvoll den Kopf, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, was es in einem Steinbruch für interessante Arbeit geben konnte. Vielleicht von den Steinbrechern selbst abgesehen, die der Klippe die großen Felsen abzuringen versuchten und dabei immer Gefahr liefen, von einem herunterfallenden Brocken erschlagen zu werden, lief Arbeit hier meistens nur auf langweilige anstrengendste körperliche Betätigung hinaus. Darauf hatte er allerdings nicht besonders große Lust. Aber der Vorarbeiter führte ihn zu einem Arbeitsplatz, genau gegenüber seiner vorherigen Stelle auf der anderen Seite des weiten Halbrundes des Steinbruches. Hier lagen ebensolche Quader, wie Gaerros sie in den letzten Wochen in Massen behauen hatte, auf Holzbalken aufgebahrt.
„So Kleiner, da wären wir. Jetzt kannst du mal beweisen, ob du außer Kraft auch Gefühl hast. Diese Blöcke sind natürlich immer noch zu groß um verbaut zu werden und das ist deine neue Aufgabe: spalte sie zuerst in der Mitte, dann die zwei Hälften noch einmal in der Länge. Hast du verstanden?“
Gaerros hatte nicht, aber das traute er sich gar nicht zu sagen, also nickt er ergeben. „Na schön, dann fang mal mit diesem hier an, den hast du selbst zu Anfang behauen (ist wirklich nicht gerade ein Prachtexemplar, aber was solls) und jetzt kannst du ihn selbst weiterverarbeiten. Großartig, was?“
Die echte Begeisterung in seinen Augen steckte sogar Gaerros ein Stück weit an, so weit jedenfalls, dass er sich sagte, dass er es wenigstens versuchen müsse, allein schon um diesen Bären nicht zu verärgern, der große Stücke von ihm zu halten schien.
„Also gut, Junge, jetzt versuchst du das mal, und zur Mittagsstunde werde ich mir ansehen, was du geschafft hast.“
Mit einem freundlichen Nicken entfernte sich Malandûr und ließ Gaerros mit dem großen Felsen allein. Um ihn herum begannen andere schon damit, ihre Brocken zu behauen, und Gaerros beschloss sich erst einmal ihre Technik anzusehen. Gegen den kühlen Stein gelehnt beobachtete er den ihm nächsten Arbeiter, der zunächst mit einem kleineren Hammer und einem Meißel eine etwa drei Finger tiefe Rille quer über die Oberfläche und die Seiten des Quaders hinunter klopfte und anschließend mehrere feuchte Holzkeile mit wuchtigen Hammerschlägen dazwischen trieb. Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens wurde ihm auch der Sinn dieser Maßnahme klar: das feuchte Holz dehnte sich aus und vertiefte die Rille, so dass das Spalten nachher leichter gehen musste. Tatsächlich wartete der andere nur etwa eine Viertelstunde, dann holte er seinen großen Vorschlaghammer und einen besonders großen Keil, den er möglichst tief in die Rille hineintrieb. Dann schien er über dem Stein fast einzuschlafen: Gaerros fragte sich, ob er wohl vergessen hatte, was er eigentlich tun wollte. Aber plötzlich ließ er den schweren Hammer mit solcher Wucht niedersausen, dass Gaerros durch das unerwartete Geräusch erschreckt zusammenzuckte. Der mächtige Quader aber ließ sich zunächst nichts anmerken, nur sehr zögerlich begann er sich zum Gespaltensein zu bequemen. Ächzend und knirschend brachen die zwei gleichgroßen Seiten auseinander und fielen mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Na also, das sah nicht einmal allzu schwer aus, und man konnte sich zwischendurch sogar einmal ausruhen. Insgesamt wohl einen Versuch wert.
Viel zu vorsichtig begann er damit, die Spaltungsrille zu klopfen. Als er merkte, dass es so ewig dauern würde, begann er mit zu viel Kraft auf den Meißel einzuschlagen, dass ihm die Splitter um die Ohren flogen. Erst nach einiger Zeit, einem blauen Daumen und mehreren Schnitten im Gesicht fand er das richtige Maß. Dann holte er sich aus einem mit Wasser gefüllten Eimer die feuchten Holzkeile und trieb sie vorsichtig in die Rille. War das normal, dass sich so viele Risse darum herum bildeten? Naja, er würde sehen, was daraus wurde. Anschließend ruhte er sich etwas im Schatten seines Quaders aus und genoss die kurze Pause. Als er meinte, dass das Holz sich nun genügend gedehnt haben müsste, begann er den großen Spaltkeil in die Rille hineinzutreiben. Dann nahm er seinen großen Hammer, suchte sich festen Stand mit beiden Beinen, hob den Hammer über seinen Kopf, wartete kurz - und ließ ihn mit aller Macht auf den Keil niedersausen. Auf den Keil? Nein, weit gefehlt, oder besser: mehr als eine Handbreit daneben.
Seufzend hob er sein Werkzeug ein weiteres mal, sah sich diesmal sein Ziel genauer an - und verfehlte es ein weiteres Mal. Die Risse um die Holzkeile herum wurden tiefer und weiteten sich aus, aber der Keil stand unverändert. Mit einem ärgerlichen Schnaufen nahm Gaerros den Hammer wieder hoch. Ganz langsam ließ er ihn in Richtung seines Zieles sinken und wiederholte diese Bewegung einige Male, bis er glaubte, sie auch schnell nachzuvollziehen können und weil ihm die Arme nun fast von den Schultern zu fallen drohten. Erschöpft schloss er die Augen. Er fühlte das immer drückendere Gewicht des Hammers auf seiner Schulter, er konnte den bösartigen Stein direkt vor sich spüren, der es ihm so schwer machte. Mit einer schwungvollen Bewegung, in die er alle seine verbliebene Kraft legte, ließ er den Hammer über seinen Kopf und genau auf den kleinen Keil in der harmlosen Ritze in dem unerschütterlichen Felsen donnern. Ein lautes Krachen war die sofortige Antwort. Erschrocken öffnete Gaerros seine Augen wieder und schaffte es gerade noch zurückzuspringen, bevor ihm die eine Hälfte seines besiegten Gegners auf die Füße viel. Mit einem lauten Jubelschrei warf er den Hammer fort und sprang ein bisschen lächerlich im Kreis herum. Seine Kameraden sahen größtenteils lächelnd zu ihm hinüber und einige spendeten sogar etwas Applaus. Dass die eine Hälfte seines Quaders beim Aufprall entzwei gegangen und die andere an den Rändern ziemlich zersplittert, von feinen Haarrissen durchsetzt und grobzackig war, störte ihn dabei überhaupt nicht. Auch der Bär, wie Gaerros den Vorarbeiter inzwischen nur noch nannte, schien zufrieden, als er auf seiner Inspektionsrunde vorbeikam. Das einzige was er sagte war: „Das nächste Mal gibst du dir aber bitte ein bisschen mehr Mühe, Kleiner, verstanden? Wir können dich hier nicht allzu viele Steine zu Schutt verarbeiten lassen. Denn mehr ist dieser hier nicht mehr.“
Gaerros erschien es wie das großzügigste Lob, das er jemals erhalten hatte. Sofort begann er mit der ganzen Prozedur bei dem nächsten Stein, und diesmal gab er sich tatsächlich Mühe. Er wusste nun, dass es nicht so leicht war, wie es ausgesehen hatte und dass er dem Stein Respekt entgegenbringen musste. Auch dieser Brocken war zum Schluss nicht zu gebrauchen, aber er sah schon wesentlich besser aus als sein erster.
Erfreut bemerkte Gaerros an diesem Abend, dass er jetzt anscheinend wirklich dazugehörte. Die Wochen davor hatte er sich immer sofort zu seinem Pferd zurückgezogen, da ihn keiner eingeladen hatte, an den gemeinschaftlichen Sauf- und Spielrunden teilzunehmen. Aber heute - sie waren alle sehr freundlich zu ihm, klopften ihm auf die Schulter und spendierten ihm ein Bier nach dem anderen. Aber diesmal konnte er sich noch soweit beherrschen, dass er alleine und auf eigenen Beinen (wenn auch zugegebener Maßen etwas schwankend) den Weg durch die Straßen der kleinen Arbeitersiedlung zu seinem Quartier fand. Morroch schnaubte ärgerlich, als er den Alkohol roch, aber davon bemerkte Gaerros schon nichts mehr.
(Ina)