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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Gewittersturm



Müde öffnete Gaerros seine Augen. Über sich sah er die dunklen Holzbalken, die die Decke seines Zimmers durchzogen. Auf seinem Bauch räkelte sich der ebenfalls gerade erwachte Huan und gähnte quietschend. „Ja, ist ja gut, mein Kleiner, du darfst ja gleich raus.... lass mich nur noch etwas liegen...."
Langsam fielen ihm die Augen wieder zu. Da klopfte es an seiner Tür, und er hörte die Stimme seiner Mutter durch das Holz: „Gaerros, das Frühstück ist fertig!" Jetzt öffnete Míriel die Tür. „Na, was ist denn das? Lässt hier den armen Hund verrückt werden.... Na komm, Huan, ich lasse dich in den Garten...."
Gemeinsam verließen seine Mutter und der Hund den Raum. Stöhnend wälzte Gaerros sich auf den Bauch. Manchmal wünschte er sich, er hätte ein eigenes Haus. Hier fühlte er sich immer wie der kleine Junge, der von seiner Mutter herum gescheucht wurde. Aber wie die Situation war, konnte er es sich nicht leisten auszuziehen, er war auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen. Widerstrebend zog er sich an und ging dann hinunter in die Küche um zu frühstücken.
Míriel sah ihrem Sohn lächelnd zu, während er mit grimmigem Gesichtsausdruck sein Essen hinunterschlang. Sie wusste, dass sie ihn oft zu sehr wie ein kleines Kind behandelte. Als er zurückgekehrt war, hatte sie ihn zuerst fast nicht wiedererkannt, so viel größer schien er geworden zu sein. Aber nicht nur, dass er deutlich an Muskeln zugelegt hatte, etwas anderes war noch geschehen, das spürte sie. Trotzdem wollte sie ihn nicht drängen. Er musste selbst wissen, wenn er darüber sprechen wollte.
Da er nicht mehr als Fischer arbeiten wollte und es auch nicht riskieren konnte, von seinen alten Freunden gesehen zu werden, hatte Henderch sich etwas umgehört und schließlich einen Steinmetz gefunden, der bereit war, noch einen Lehrling aufzunehmen. Bei ihm sollte Gaerros jetzt weiterlernen, was ihm Malandûr ansatzweise beigebracht hatte.
Als Gaerros fertig gegessen hatte, holte er seinen Werkzeugbeutel, band Huan das Lederhalsband um und machte sich mit ihm auf den Weg zu seinem neuen Lehrer Beltârik. Der Himmel war von einem öden, gleichmäßigen Grau aus dem ein feiner Regen herunter rieselte. Der Weg vom Hafen in das Arbeiterviertel war nicht gerade kurz und als er durch das große Tor in den Innenhof des Hauses trat, war er bereits fast vollständig durchnässt. Die anderen Lehrling waren bereits fleißig bei der Arbeit und klopften auf ihren Arbeitsstücken herum ohne sich um das nasskalte Wetter zu kümmern. Der große Meister selbst war natürlich noch nicht anwesend und würde wohl erst sein weiches Bett verlassen, wenn der Lärm seiner Schüler ihn beim besten Willen nicht mehr schlafen ließ oder seine Frau ihn mit ihrem Gezeter hinaus scheuchte. Verächtlich schnaubend begann Gaerros sein angefangenes Säulenkapitell weiter zu bearbeiten. Huan verkroch sich unter ein paar in einer Ecke liegenden Holzscheiten und Klötzen und lugte missmutig aus seinem Versteck hervor. Wenigstens war der Regen eine willkommene Abwechslung zu den trockenheißen Wochen zuvor. Damals hatte man sich kaum im Freien bewegen können ohne sofort in Schweißströme auszubrechen oder immer schier am Verdursten zu sein. Jetzt war die Luft angenehm mit Feuchtigkeit gesättigt, was auch die Bauern im Nordosten freuen würde, die nun hoffen konnten wenigstens einen Teil ihrer Ernte zu retten.


An diesem Abend nahm er wieder einmal an einer der seltener gewordenen Versammlungen teil. Aus Armenelos waren merkwürdige Gerüchte von einer schönen, rothaarigen Frau eingetroffen, die auf einem Pferd in Begleitung des Hauptmannes der schwarzen Garde durch die Straßen der Hauptstadt gejagt war. Einige brachten sie in Verbindung mit dem Mord an dem Königsmann im letzten Jahr. Aber weiterhin wusste niemand etwas genaueres über sie oder den möglichen Doppelspion. Als Gaerros in dieser Nacht unter den durch die Wolkenlücken blitzenden Sternen nach Hause ging, waren seine Gedanken bei Amandil, der heute die Sitzung geleitet hatte. Der ehemalige Vertraute des Königs wirkte immer müder und älter. Dennoch gab er nicht auf, und wenn er zu Beginn das Dank- und Bittgebet an Eru und die Valar sprach, war seine Stimme laut und kraftvoll. Ein Nachbar von Gaerros hatte etwas davon gemurmelt, dass jemand wie damals Earendil nach Valinor segeln sollte, um für die Númenórer um Hilfe zu bitten. Über das Meer in das Land der Unsterblichen... ein unerfüllbarer Traum, niemals wieder würde so etwas möglich sein.
Ein Traum vom Meer besuchte Gaerros auch, als der Mond schon untergegangen war. Es erstreckte sich so weit das Auge reichte, gleißend wie ein Spiegel unter der hellen Sonne. Aber ganz am Horizont hob sich ein schmaler, schwarzer Streifen ab, nur so schmal wie ein Federstreich. Dennoch wusste Gaerros, dass dort alles lag, was er sein Leben lang gesucht hatte.


„Hast du denn überhaupt kein Gespür für diesen Stein? Deinen Marmor kannst du meinetwegen wie ein Holzstück behauen, aber für diesen Granit brauchst du viel mehr Gefühl, damit er nicht splittert!" Gaerros hatte seine Stimme deutlich über die normale Lautstärke erhoben.
Der andere sah ihn nur mäßig interessiert an. „Sag mal, bist du hier der Meister, oder was? Habe ich da etwas verpasst? Ich werde diesen Stein so behauen, wie ich es für richtig halte, wenn mir Meister Beltârik nichts anderes sagt!"
Mit einem verächtlichen Schnauben wandte er sich wieder seinem Stein zu und begann weiter darauf einzuhämmern. Kopfschüttelnd drehte Gaerros sich um, und ging zu seiner Arbeitsstelle zurück. Bei diesem Wetter konnte man ja nur verrückt werden! Heute regnete es ausnahmsweise nicht, oder besser gesagt, noch nicht. Die Luft wurde immer drückender, selbst jetzt am Vormittag fiel das Atmen schon schwer. Dieser Sommer war eindeutig missraten.
Mit der einen Hand wischte er sich den Schweiß auf seiner Stirn ab und rückte sein Lederstirnband zurück, das er zum Verdecken der Narbe auf seiner Stirn trug. Bei der Arbeit fiel es nicht auf, wenn er damit seine schulterlangen Haare aus der Stirn hielt. Aber auf der Straße.... Nun ja, er würde noch seltsamer aussehen, nämlich sozusagen verhaftet, wenn er seine Narbe offen zeigte. Langsam trat er einen Schritt zurück und betrachtete den Wasserspeier, den er fertigstellen sollte. Es war die Büste einer Frau, mit feinen Gesichtszügen und langem, über die Schultern fließendem Haar. Ihr Mund stand offen und eigentlich sollte aus ihm später einmal das Wasser abfließen. Aber ihre Augen wirkten so tot. Vielleicht würde er das Wasser ja auch in Tränenbäche umleiten können um sie zu mehr Leben zu erwecken ... das war sehr kompliziert, aber vielleicht gelang es ihm ja. In diesem Moment schlug die helle Glocke des kleinen Turmes auf dem Dach des Hauses an. Die anderen drei Lehrlinge sahen nicht einmal von ihren Aufgaben auf, als Gaerros seine lange Lederschürze sowie Hammer und Meißel weglegte und den Innenhof verließ. Er hielt es bei diesem Wetter hier nichtmehr aus und Meister Beltârik konnte noch so viel schimpfen wie er wollte. Er würde jetzt versuchen, sich im Park zu erholen. Dort gab es Wasser und Schatten und vielleicht wehte ja sogar ein bisschen Wind. Und er konnte mit Huan spielen und ihm Neues beibringen, was ihm im Moment wichtiger war, als Dinge zu lernen, die er eigentlich schon konnte und das auch noch von einem sogenannten Meister, der wahrscheinlich seit zehn Jahren keinen Hammer mehr angefasst hatte.
„Na komm schon, fang mich doch!" rief er über seine Schulter und lief gerade schnell genug aus dem Hof hinaus und auf die Straße, dass sein Hund davon aufwachte.
Huan, der bis dahin friedlich im Schatten des Baumes, der bei dem Brunnen im Hof wuchs, gelegen hatte, hob alarmiert den Kopf und rannte eiligst los, als er seinen Herrn um die Ecke verschwinden sah. Mit seinen kurzen und wackligen Beinen hatte er kaum eine Chance ihn wieder einzuholen... Als er gerade hinaus auf die Straße laufen wollte, packten ihn zwei starke Arme und hoben ihn hoch. Überglücklich begann er Gaerros‘ Gesicht abzuschlecken. „Hey, du weißt doch ganz genau, dass du nicht alleine über die Straße laufen sollst, was meinst du, was passiert, wenn dich ein Pferd niedertrampelt? Genau, ich darf meiner Mutter erklären, was mit ihrem neuen Liebling passiert ist. Aber jetzt gehen wir in den Park, einverstanden?" Huan blieb zwar stumm, wedelte aber begeistert.
Leise summend und mit dem Hund auf dem Arm ging Gaerros beschwingten Schrittes die Straße entlang, an weiteren Werkstätten und Innenhöfen, in denen jetzt fleißig gearbeitet wurde, vorbei. Der Park war als eine Erholungsmöglichkeit für die Bürger gedacht und an den Hängen der Hügel im Südwesten der Stadt angelegt worden. Dort wuchsen einige der schönsten Bäume der Stadt, es gab zahlreiche Brunnen und weite Wiesen auf denen sich die Bewohner der Stadt aufhalten konnten. Um diese Zeit war hier meistens besonders viel los, wenn viele der angesehenen Bürger die Möglichkeit nutzten um sich hier zu treffen und wichtige Angelegenheiten flanierend in lockerer Umgebung zu besprechen.
Sobald er innerhalb des Parks angelangt war, ließ Gaerros Huan zu Boden und begann mit ihm Fangen zu spielen. Mit lautem Kläffen rannte der kleine schwarz-weiße Rüde ihm hinterher und sprang begeistert um ihn herum. Lachend ließ Gaerros sich im Schatten einiger Bäume ins Gras fallen. Sofort stürzte Huan sich auf ihn und begann sein Gesicht abzuschlecken und an seinen Ohren zu knabbern. Nur mit Mühe konnte Gaerros sich diesen Liebesbezeugungen entziehen. Dann setzte er sich auf und sah seinem neuen Freund in die erwartungsvoll auf ihn gerichteten rotbraunen Augen. „Also gut, was bringe ich dir denn heute bei? Wie wäre es mit sprechen? Immerhin heißt du Huan...."
Nach einigen nutzlosen und auch nicht wirklich ernst gemeinten Versuchen gab er dieses Bestreben aber auf, um stattdessen lieber das Kommando „komm!" zu üben, das Huan noch nicht einwandfrei beherrschte.
Die Zeit verflog und erst viel später machte er sich auf den Weg zurück zur Werkstatt. Er sollte wenigstens bei Abendschluss anwesend sein um seine Abwesenheit vielleicht noch vertuschen zu können. Auf den Kieswegen schlenderten gut gekleidete Bürger, in der schwülen Luft in ihren langen Gewändern schwitzend. Am Himmel zogen sich die grauen Wolken immer enger zusammen und ballten sich zu bleigrauen Haufen. Die Vögel waren schon lange verstummt und auch Huan schien bedrückt. Langsam trottete der Kleine hinter Gaerros her. Als dieser sich umdrehte und sich gerade bücken wollte um ihn hochzuheben, flog irgendetwas großes schwarzes lautlos direkt über seinen Kopf hinweg und verschwand in den Bäumen. Erschrocken duckte er sich und machte einen Schritt rückwärts um das Gleichgewicht zu behalten. Im selben Moment wurde Gaerros angerempelt und stolperte. Blitzschnell drehte er sich um und packte die Hand, die eben noch an seinen Gürtel gefasst hatte. Sie gehörte zu einer jungen Frau, eigentlich noch einem Mädchen, das über die unerwartete Gefangennahme sichtlich erstaunt war. Ihr hübscher Mund stand wenig intelligent offen und erst nach einigen Sekunden begann sie, sich zu wehren. Und Gaerros dachte gar nicht daran sie einfach so davonkommen zu lassen und lachte laut aber nicht unfreundlich über ihren erschrockenen Gesichtsausdruck: „Na, wen haben wir denn hier?"
Anstatt zu antworten begann sie, sich ernsthaft zu wehren, oder jedenfalls so, wie es zwischen den vielen Menschen hier nicht allzu sehr auffiel. Offensichtlich wollte sie das um keinen Preis riskieren. Trotzdem überraschte ihn ihre Kraft und auch die Entschlossenheit mit der sie versuchte, sich ihm zu entwinden. Auf einmal stieß ein großer Rabe von oben auf Gaerros hinunter und schlug mit seinen Flügeln nach ihm. Jetzt mischte sich auch Huan in das Geschehen mit ein und begann kläffend um die zwei Menschen herum zu hüpfen. Einige der Passanten sahen die seltsame Gruppe schon mit schiefem Blick an.
Plötzlich hörte das Mädchen auf, sich zu wehren. Mit einem kleinen Pfiff rief sie den Raben auf ihre Schulter und sah Gaerros fest in die Augen. „Nun gut, Ihr habt mich erwischt. Was gedenkt Ihr jetzt mit mir zu tun?"
Gaerros spürte, wie er rot wurde. Eine berechtigte Frage... Huan schlich vorsichtig um seine Beine herum und schielte aus sicherer Entfernung zu dem fliegenden Ungeheuer hinauf. Als der Rabe seine Flügel in einer Drohgebärde kurz aufspannte, ließ er sich erschrocken auf sein Hinterteil fallen. Bei dem Anblick des verschüchterten Welpen musste die Unbekannte lächeln, was ihr starres Gesicht mit dem unnahbaren Ausdruck unerwartet aufhellte. „Ruhig, Hêndû , der kleine da wird dir schon nicht gefährlich werden."
Dann wandten ihre dunkelgrauen Augen sich wieder Gaerros zu: „Wollt Ihr um meine Hand anhalten, oder gedenkt Ihr, die meinige auch irgendwann wieder loszulassen? Andernfalls könnten die Leute hier noch auf dumme Gedanken kommen..."
Verwirrt ließ er ihre Hand fallen und machte einen Schritt zurück. Aber irgendetwas versperrte ihm den Weg, etwas Großes und Starkes. Als er sich erschrocken umdrehte, sah er auf den schwarzen Stoff einer Uniform von Saurons Garde. Und der Soldat vor ihm sah mit grimmigem Gesichtsausdruck auf ihn hinunter: „Was habt Ihr mit der jungen Lady hier zu schaffen? Lasst sie sofort in Ruhe!"
Das Gesicht der jungen Lady aber war auf einmal leichenblass geworden und ihre Hand zuckte unwillkürlich zu der Narbe auf ihrer Wange. Ihr Rabe flog mit einem leisen Krächzen von ihrer Schulter auf und verschwand hinter ein paar Bäumen. Auf einmal sah sie wieder sehr jung und verletzlich aus, wie sie so ohne Schutz und offensichtlich in Panik da stand. Durch die Menge bahnten sich vier weitere schwarz gekleidete, hoch gewachsene Männer den Weg und kamen mit festen und weitausgreifenden Schritten direkt auf Gaerros, die junge Frau und den Anführer ihrer Gruppe zu. „Aber ich habe doch garnichts..." wollte er die Situation erklären, aber nach einem Blick in das Gesicht des Soldaten vor ihm stellte er fest, dass weitere Worte unnütz waren.
Der Gardist war fest entschlossen das Mädchen aus den Händen dieses Flegels zu befreien. Kurzentschlossen packte Gaerros sie am Ellenbogen und schob sie mit schnellen aber ruhigen Schritten vor sich her in die entgegengesetzte Richtung davon. „Wenn Ihr Euch ruhig verhaltet, können wir ihnen vielleicht noch entkommen!" zischte er ihr ins Ohr. „Ignoriert sie einfach, die wollen sich nur wichtig machen!"
Mit einem verächtlichen Schnauben sah sie im Gehen zu ihm hoch. „Ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe! Ich kann auf Eure Hilfe verzichten!"
Mit einem Ruck befreite sie ihren Ellenbogen aus seinem Griff, aber Gaerros packte sie an der Schulter. „Das mag ja alles sein, schöne Frau, aber ich kenne mich hier aus, was bei Euch ja nicht der Fall zu sein scheint, und nach Eurem Gesichtsausdruck zu schließen wollt ihr mit den Schwarzen genauso wenig zu tun haben wie ich. Also bleibt bei mir!"
Ein entrüsteter Ausruf der Soldaten hinter ihnen bewies, dass sie nicht so einfach davonkommen würden. Jetzt fast schon im Laufschritt vor den „Unhold" und „Dir werde ich es zeigen, anständige Mädchen zu belästigen" Schreienden erreichten die Flüchtenden den Ausgang des Parks. Hastig bückte Gaerros sich und packte Huan kurzerhand in sein Hemd. Sie würden rennen müssen und konnten es sich nicht leisten auf den kleinen Hund zu warten.
In diesem Moment erhob sich ein gewaltiger Wind, der ihnen für einen Moment den Atem von den Lippen riss, bis sie sich nach einer Schrecksekunde wieder gefasst hatten und weiterlaufen konnten. Ein Blick zum Meer zeigte ein beeindruckendes Schauspiel. Die bleidunklen Wolken, die mit dem Wind aus Westen heraneilten, quollen jetzt immer schneller in den fantastischsten Formen zu immer höheren Bergen auf und schon begannen die ersten Blitze zu zucken und schwerfällige Donnerschläge rollten durch die zum Schneiden dichte Luft. Noch im Untergehen schickte die Sonne einen tieforangenen Strahl über die ganze Insel bis nach Rómenna und weiter bis zum Horizont, der die nach Westen rasenden Wolkenarme mit einem grellen Rot säumte, bis sie versunken war. Dann wurde es innerhalb von ein paar Sekunden stockfinster. Gaerros und die schöne Unbekannte begannen zu rennen, schlängelten sich durch die vom nahenden Unheil aufgebrachte Menge und eilten hinunter in das Stadtzentrum. Anstatt zum Hafen zu laufen, wo es viele gute Verstecke gab, führte Gaerros die junge Frau in Richtung der vornehmeren Wohngegenden im Westen der Stadt. Dort würden die Soldaten nicht so schnell suchen, außerdem kannte er auch dort einige verwilderte Gärten und dunkle Toreinfahrten, die ihnen Unterschlupf bieten konnten. Der Rabe, der immer in der Nähe des Mädchens flog, fiel erschreckt etwa drei Fuß hinunter, als in den Hügeln direkt über der Stadt ein Blitz einschlug und das absolut gleichzeitig ertönende unendlich tiefe Grollen ihn vor Schreck vergessen ließ, mit den Flügeln zu schlagen.
Mit einem kurzen Blick über seine Schulter musste Gaerros erkennen, dass sie die Soldaten der Schwarzen Garde keineswegs schon abgehängt hatten, sondern diese ihnen mit unverminderter Beharrlichkeit folgten. Währenddessen leerten sich die Straßen zusehends, alles eilte in die Häuser oder an irgendeinen erreichbaren sicheren Platz um dem immer mehr wütenden Gewitter zu entgehen. Wenn sie nicht bald ein Versteck fanden, würden die Soldaten sie einholen, oder besser gesagt nur ihn.... sie rannte in einem gleichmäßigen Rhythmus, der die trainierte Läuferin erkennen ließ und war noch nicht einmal außer Atem. Gaerros hingegen spürte schon ein widerwärtiges Stechen in seiner Seite und das Atmen fiel ihm auch schon schwerer. Aber sie liefen immer weiter, inzwischen praktisch die einzigen Menschen, die sich außer ihren Verfolgern in der Stadt noch im Freien bewegten. Als Gaerros schon meinte, ihn würden die letzten Kräfte verlassen, erreichten sie einen der zahlreichen kleinen Plätze, die das Stadtbild auflockerten, von hohen Häusern mit schönen Fassaden umgeben und in seiner Mitte befand sich ein unbekümmert plätschernder Brunnen.
Dieser hatte einen hohen Rand, einem erwachsenen Mann musste er etwa bis zur Brust reichen. Das war ihre Chance! „In den Brunnen!" zischte er der jungen Frau zu.
Ohne auf ihre Reaktion zu warten rannte er mit einigen kraftvollen Sprüngen zu dem Brunnen und ließ sich kopfüber in das Wasser gleiten. Möglichst schnell umrundete er die breite Säule in der Mitte des Beckens mit ihren fantasievollen Wasserspeiern und kauerte sich an der entgegengesetzten Seite des Kreises mit dem Rücken zur Brunnenwand. Mit größter Anstrengung gelang es Gaerros auch seinen Atem wieder zu beruhigen. Unterhalb des breiten Simses hielt er seinen Kopf über Wasser und umfasste Huan mit beiden Händen. Der kleine Hund machte eifrige Schwimmbewegungen und wollte nicht stillhalten. Erst nach ein paar Sekunden des Kampfes überließ er sich ruhig den tragenden Händen.
Mit einem kleinen Pruster tauchte in diesem Moment auch die unbekannte Schöne neben ihm aus dem Wasser auf. Von einem jähen Blitz erhellt konnte er ihr totenbleiches Gesicht sehen, eine weiße Maske mit schwarzen Löchern als Augen und vereinzelten schwarzen Haarsträhnen, die an ihrer Haut klebten. Sie beachtete ihn überhaupt nicht, sondern schloss angestrengt lauschend die Augen und horchte auf die Schritte ihrer Verfolger. Und tatsächlich, da kamen sie schon, gleichmäßige schwere Tritte in einem schnellen Rhythmus, auch durch das Heulen des Windes noch gut zu hören. Auf einen Ruf hin teilten sich die Soldaten auf, in jede von dem Platz wegführende Straße und Gasse eilten ihre Schritte weiter, bald vom Rollen eines weiteren Donnerschlages übertönt. Aufseufzend schloss Gaerros kurz die Augen. Das war ja noch einmal gut gegangen. Als er die Lider wieder hob, zerplatzte der erste Regentropfen auf seiner Stirn, weitere folgten und er hatte kaum ein zweites Mal Luft geholt, da ließen die regenschweren Wolken über ihnen ihre gesamte Last auf einmal hernieder gehen. Plötzlich begann es neben ihm leise zu gluckern. Als er sich seiner Begleiterin zuwandte bot sich ihm ein seltsames Bild. Sie hielt den Kopf gesenkt, ihr Haar verdeckte ihr Gesicht fast vollständig und dazu dieses Geräusch - sie lachte! Mit einem breiten Grinsen hob sie ihren Kopf und lachte leise, ein sehr angenehmes Geräusch, das sich mit dem Plätschern des Brunnens vermischte. „Wie heißt es doch so schön? Vom Regen in die Traufe... bei uns ist es andersherum!"
Jetzt musste auch Gaerros lächeln. „Ich bleibe noch ein bisschen hier, wie sieht es mit Euch aus? Ich möchte draußen nicht gerne nass werden..."
Sie nickte zustimmend und in gegenseitigem Einverständnis saßen sie noch eine ganze Weile in ihrem Brunnen, sahen Huan beim Schwimmen zu und unterhielten sich halblaut über unwichtige Dinge, einfach nur glücklich, der Gefahr so leicht entronnen zu sein. Als sich die schlimmste Wut über ihnen ausgetobt zu haben schien, kletterten sie langsam über den Brunnenrand und machten sich auf den Weg zum Hafen. Das Mädchen folgte Gaerros jetzt wie selbstverständlich, offensichtlich hatte sie Vertrauen zu ihm gefasst. Ihr Rabe saß jetzt wieder auf ihrer Schulter, zog seinen Kopf tief zwischen die Schultern um dem stetig prasselnden Regen zu entgehen und krächzte manchmal missbilligend. Huan trottet langsam hinter ihnen her, bis Gaerros ihn mitleidig wieder auf die Arme nahm. Mit einem zufriedenen Seufzer schloss der kleine Hund die Augen und schlief fast sofort ein.
Jetzt wollte Gaerros aber doch langsam wissen, mit wem er es hier zu tun hatte. Gerade öffnete er den Mund, um eine diesbezügliche Frage zu stellen, als die junge Frau ihm mit einer kleinen Handbewegung Schweigen gebot. Mit einer fließenden Bewegung verschwand sie im Schatten eines großen Torbogens, Gaerros stolperte verblüfft hinterher. In diesem Moment kam eine Patrouille der Schwarzen Garde mit weit ausholenden Schritten um die Ecke und marschierte direkt an ihnen vorbei. Als ihre Tritte verhallt waren wandte sie sich ihm wieder zu. „Jetzt dürft Ihr fragen. Aber rechnet nicht damit, dass ich Euch alles sage."
Gaerros schüttelte den Kopf. „Alles will ich ja auch gar nicht wissen. Sagt mir nur, wie ich Euch ansprechen soll und wenn es Euch genehm ist, warum ihr vor Saurons Männern flieht."
Sie lachte trocken und hart, ganz anders als im Brunnen. „Das ist eigentlich schon fast alles, was es über mich nur zu wissen gibt. Aber meinetwegen, ich werde Euch das Wichtigste verraten: Mein Name, oder wie Ihr mich nennen könnt, ist Gwîndis. Ich bin von Beruf Informantin und besorge Leuten Dinge, die sie gerne haben möchten. Dabei bin ich einigen Männern wohl etwas zu nahe getreten und jetzt versuche ich verständlicherweise jeglichem Ärger aus dem Weg zu gehen. Mehr braucht Ihr nicht zu wissen. Aber wie ist Euer eigener Name, und was habt Ihr mit den Schwarzen zu schaffen?"
Mit einem trotzigen Gesichtsausdruck sah sie zu ihm auf. „Ich heiße Gaerros. Mein Verbrechen war es, zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein und jetzt bemühe ich mich ebenfalls Schwierigkeiten auszuweichen."
Etwas hilflos lächelte er sie an. „Aber nun zu etwas anderem: wollt Ihr mit zu meinem Haus kommen und Euch dort vielleicht etwas erholen? Ihr könntet sicher auch trockene Kleidung von meiner Mutter bekommen und die Nacht in Sicherheit bei uns verbringen."
Sie zögerte kurz, nickte dann aber entschlossen.
Sie brauchten nicht mehr lange um das Haus seiner Eltern zu erreichen. Hinter den Fenstern brannten Lichter und als Henderch die Haustür auf das dringliche Klopfen hin öffnete, wehte den Durchnässten eine angenehm warmer Hauch entgegen. Gaerros‘ Vater besah sich Gwîndis nur kurz, sagte aber nichts zu dem unerwarteten Besuch. In der Küche setzten sich beide auf die Bank nahe des Herdes, in dem immer noch Feuer brannte. Jetzt tauchte auch Míriel auf und begann sich in gewohnt fürsorglicher Weise um die zwei tropfenden Gestalten in ihrer Küche zu kümmern. Wie in einem Atemzug waren sie beide in Decken gewickelt, ihrer nassen Stiefel entledigt und hielten Becher mit dampfendem Tee in ihren Händen. Dabei unterhielt sich Gaerros‘ Mutter ungezwungen mit der Fremden, die von so viel Gastfreundschaft völlig überwältigt schien. Erst jetzt bemerkte Gaerros, dass ihr Rabe fehlte. Auf seine Frage meinte sie nur kurz angebunden, dass Hêndû sehr gut für sich selbst sorgen könne. Den Rest des Abends war sie eher schweigsam, auf Fragen antwortete sie entweder nur kurz mit Ja oder Nein, oder auch gar nicht, wenn sie ihr zu nahe gingen. Als das Abendessen verspeist war, zeigte Míriel Gwîndis das Gästezimmer, in dem sie die Nacht verbringen sollte. Mit einem leichten Nicken bedankte diese sich und zog sich zurück. Die Familie selbst saß noch einige Zeit am großen Esstisch beisammen und beriet über die Ereignisse des heutigen Tages. Als Gaerros aber auch nichts Näheres über seine Bekanntschaft erzählen konnte, lehnte Henderch sich aufseufzend auf seinem Stuhl zurück und betrachtete seinen Sohn mit gerunzelter Stirn. „Sowas... Jetzt schleppst du noch andere Verfolgte bei uns an und gefährdest damit uns alle. Ich mache mir Sorgen, mein Sohn. Wie weit soll das noch gehen? Mit Saurons Garde ist nicht zu spaßen. Bitte versprich mir, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen wird. Ich möchte es deiner Mutter ersparen, uns beide zum Tempel geführt zu sehen."
Gaerros nickte ergeben. Er wusste selbst, dass es sehr unvorsichtig gewesen war. Das nächste Mal würde er vielleicht an einen Verräter oder Spion geraten. Bei diesem Gedanken fiel ihm plötzlich siedendheiß wieder das Gerücht von der geheimnisvollen Frau ein, die mordend unter den Getreuen und Königsmännern wütete. Aber nein... die sollte doch rotes Haar haben. Aber Haare konnte man färben... Unbehaglich wünschte er seinen Eltern eine gute Nacht und begab sich zu seinem Zimmer. Als er an der Tür des Gästezimmers vorbei ging, verharrte er einen Moment, das Ohr lauschend an das Holz gepresst. Aber er konnte nichts Ungewöhnliches hören. Trotzdem beschloss er, in dieser Nacht nicht mehr zu schlafen, sondern Wache zu halten. In seinem Zimmer setzte er sich mit dem Rücken zur Wand auf sein Bett, wickelte sich in seine Bettdecke und begann seine Nachtwache.
Geweckt wurde er von Huans Zunge, die über sein Gesicht schlabberte. Stöhnend richtete Gaerros sich auf. Vor seinem Fenster lichtete sich schon der Himmel, der ferne Horizont hob sich bereits vom Firmament ab und die Wolken hatten sich fast vollständig verzogen. Der Tag würde in etwa einer halben Stunde beginnen. Langsam versuchte er, seine unbequeme Position zu verändern. Der steife und verspannte Rücken war wohl die Strafe dafür, dass er eingeschlafen war, ein vielleicht unverzeihlicher Fehler. Hastig kleidete er sich an und ging barfuß den Gang entlang bis zu dem Zimmer seines unerwarteten Gastes. Vorsichtig öffnete er die Türe einen Spalt weit und lugte mit einem Auge hinein. Nach einem kurzen Blick öffnete er die Tür vollständig und betrat das Zimmer ohne zu zögern. Es war leer, das Bett war anscheinend nicht einmal benutzt worden und nur das offenstehende Fenster, durch das die kalte Morgenbriese wehte, zeugte davon, dass hier überhaupt jemand gewesen war. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck ging Gaerros zum Fenster und schloss es. Gwîndis hatte seiner Familie nichts Böses getan, das spürte er. Sie war verschwunden, ohne ihn in die Verlegenheit zu bringen, sich von ihr verabschieden zu müssen oder mit ihr gesehen zu werden. In Gedanken wünschte er ihr alles Gute für ihre zweifelhafte Zukunft. Ihre unbeschwerte Art im Brunnen war eine eher versteckte Seite an ihre gewesen, die meiste Zeit schien sie verschlossen, immer aufmerksam und auf Gefahren gefasst zu sein. Vielleicht würde sie es ihm nicht verzeihen, dass er sie in dieser verletzlichen Verfassung gesehen hatte.
Als er an diesem Morgen wieder mit der Arbeit an seinem Wasserspeier fortfuhr, sah er das Gesicht der Frau plötzlich mit ganz anderen Augen. Es war nicht das der geheimnisvollen Gwîndis, sondern das einer anderen Frau... das Mädchen im Wald, das war es! Daran erinnerte es ihn schon die ganze Zeit im Unbewussten! Auch ihre Augen hatten so seltsam traurig ausgesehen, aber andererseits war es Gwîndis‘ Gesicht gewesen, das angesichts der Gefahr wie versteinert war. Das Gesicht der Fremden war voller Leben gewesen. Seltsam.... verwirrt begann er mit einem Steinbohrer die Tränenkanäle zu bohren. Zwei Frauen, in einem Gesicht vereint.... langsam fräste sich der Bohrer in den Stein, um ihm Leben einzuhauchen.
(Ina)