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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Heimatlos



Sie schlief unruhig. Das vertraute Blätterdach fehlte ihr, hier war es dünner und voller fremder Laute, die ihr den Schlaf raubten. In dieser Gegend gab es nur wenige zusammenhängende Waldstücke, meistens fand sie Unterschlupf in kleinen Dickichten. Wie ein gehetztes Tier irrte sie jetzt schon seit drei Wochen umher, Nahrung war nur in kleinen Mengen und schwierig zu finden und da sie sich sehr in Acht nehmen musste um nicht ständig auf Menschen zu treffen, lebte sie kaum mehr von der Hand in den Mund und hungerte oft auch ein paar Tage lang.
Die Menschen, die sie aus der Entfernung beobachtete, sahen nicht besonders freundlich aus, in keiner Weise wie Anariel, die Frau, die sie gepflegt hatte, nachdem sie von ihrem seltsamen Reittier, das sie „Pferd“ nannte, verletzt worden war. Und seltsam, auch der kleine Junge, Rhûmo, war ihr angenehm geworden, obwohl er sein fröhliches Wesen nur selten hervorblitzen ließ. Die meiste Zeit schien er von Sorgen geplagt gewesen zu sein, die auch Anariel nicht zerstreuen konnte. Auch wenn sie sich nicht hatten miteinander verständigen können, da er nur diese unangenehm harte Sprache verstand, die die meisten Menschen zu gebrauchen schienen, fehlte ihr seine Gesellschaft, mehr aber noch die von Anariel, die ihre Sprache gesprochen hatte.
Mit offenen Augen, nicht selten auch weinend, lag sie häufig nächtelang wach und betrachtete den Sternenhimmel, das einzige Vertraute in dieser fremden Welt. Doch jetzt drehte sie sich entschlossen auf die Seite, vergrub ihren Kopf tiefer in ihrer Decke und konzentrierte sich auf ihren Herzschlag und Atem bis der gleichmäßige Rhythmus sie eingeschläfert hatten.
Sie träumte von der Zeit, als sie nicht allein gewesen war. Zuerst war da die alte Frau, die sie großgezogen hatte, auch wenn sie sich kaum an mehr als ihre Ermahnungen und leise gesummten Lieder erinnern konnte. Dann waren da Anariel und Rhûmo, sie lachten und unterhielten sich mit ihr, während der Wald um sie herum im Sonnenlicht leuchtete. Sie lief durch den Wald, der immer unwirklicher wurde, transparent als seien die Bäume nur Schatten ihrer selbst. Beunruhigt sah sie sich um, sie stand alleine auf kahlem Erdboden. Das einzige was noch existierte, war sie...
Der Morgen fand mit seinen fahlen Sonnenstrahlen, die sich wie Finger durch die letzten Blätter tasteten, ein tief schlafendes Mädchen, das aus einiger Entfernung wie ein abgemagertes Vögelchen wirkte. Die ursprünglich hellen Haare waren staubig und lagen in wirren Strähnen um den Kopf, das Gesicht war spitz und die Augen groß und dunkel umrandet. Die dünne Decke aus Laub und Fell bedeckte nur Teile des Körpers, und doch schlief sie tief und traumlos bis ein keckerndes Eichhörnchen sie weckte. Da verschwand sie sofort in nur einem Augenblick zwischen den unbelaubten Bäumen und dürren Hecken. Weit über Felder und Wiesen lief sie, unter Bäumen, die immer mehr die goldgrüne Farbe verloren, die am Anfang des Herbstes die Sonne einfängt, bis die Blätter tiefrot oder braun wurden, nur vereinzelt von immergrünen Pflanzen und ihren dunkel schimmernden Blättern unterbrochen. Sie lief, immer der Sonne entgegen, weiter und weiter. Dunkle Wolken zogen von Westen herauf und versuchten den Sonnenaufgang zu verschlucken. Bald regnete es in Strömen, Nebel zogen auf und ein widerlicher Herbst verlangsamte ihren Weg nach Süden.


Alle Männer waren still. Schon lange nicht mehr hatte es solch eine Spannung während einer Versammlung gegeben. Denn heute waren nicht nur Elendil und seine Söhne anwesend, sondern auch sein Vater, Amandil, Fürst von Andunie. Gaerros war etwas zu spät gekommen und hatte nur in letzter Sekunde noch ins Haus schlüpfen können, bevor die Türen verschlossen wurden. Obwohl er jetzt in der letzten Reihe saß, spürte er die Autorität, die von dem grauhaarigen, aber immer noch aufrecht sitzenden, Mann dort vorn in der Mitte des Tisches ausging. Und was dieser zu sagen hatte verstärkte die Atmosphäre der Bedeutsamkeit nur noch mehr.
„Ich möchte euch etwas bekannt geben, Elbenfreunde, die ihr genau wie ich und meine Familie schon viel unter der Herrschaft Saurons zu leiden hattet.“ Er machte eine kleine Pause. Und als er weitersprach, hielten die meisten vor Schreck den Atem an.
„Ich werde nach Valinor segeln. Dort sehe ich unsere letzte Hoffnung auf Rettung und werde mein Bestes tun, um dieses Vorhaben zu einem glücklichen Ende zu bringen.“ Mit einer kurzen Geste ließ er das aufkommende Raunen verstummen und sprach mit ruhiger, aber auch eindringlicher Stimme weiter. „Vielleicht ist unsere Not nun wirklich so groß geworden, dass die Valar uns zu Hilfe kommen werden. Möglicherweise aber werden ich und diejenigen, die mich begleiten werden, nicht wieder zurückkehren, diese Alternative ist sogar sehr viel wahrscheinlicher. Aber dennoch werde ich es versuchen und deshalb bitte ich euch nun um eure Unterstützung. Denn unter Umständen kommt Hilfe zu euch, auch ohne dass ich zurückkehre. Dann sollt ihr wissen, dass ich mein Amt öffentlich auf Elendil, meinen Sohn übertrage. Er ist damit der Erbe des Königsthrones, sollte Ar-Pharazôn sterben. Er wird nun ebenfalls etwas zu euch sagen wollen.“ Damit nickte er seinem Sohn kurz zu und erteilte ihm damit das Wort.
Elendil erhob sich langsam und blieb einen Augenblick unbeweglich und ohne zu sprechen stehen. Bis zu diesem Moment hatte er augenscheinlich nicht glauben können, dass sein Vater seinen Plan wirklich durchzuführen gedachte, aber nun gab es wohl kein Zurück mehr...
„Nun, da mein Vater euch seine Absichten mitgeteilt hat, möchte ich an euch die Bitte richten, daran zu denken, dass es vielleicht nötig werden könnte zu fliehen. Denn ich kann nicht glauben, dass die Valar das in unserem Land herrschende Unrecht auf Dauer ungestraft bleiben lassen werden. Wir bemerken jetzt schon Veränderungen des Wetters, viele Menschen sterben lange vor ihrer Zeit und ich denke, die Strafe ist nahe. Doch wohin sollen wir gehen? Ich bin der Meinung, dass unsere einzige Möglichkeit einer neuen Heimat in Mittelerde liegt, wo uns bereits vor einiger Zeit Hilfe von unseren Freunden unter den Elben zugesagt worden ist.
Ich weiß, dass es schwierig werden wird, eine größere Anzahl von Schiffen geheim zu halten und zu beladen ohne dass jemand Verdacht schöpft. Aber vielleicht ist es für einige von euch möglich, seetüchtige Schiffe zu finden, zu klein um in die Große Flotte eingezogen zu werden, aber dennoch gut genug um uns bis Mittelerde zu tragen. Wer auch immer sich dazu bereit findet, soll sich später bei mir melden. Alle anderen halten sich bereit, die lebensnotwendigsten Dinge schnell transportieren zu können, vielleicht gibt es eine Möglichkeit sie in der Nähe des Hafens zu lagern.“
Nur kurz sanken seine Augen auf die Tischplatte und er räusperte sich mehrmals. Doch dann hob Elendil schon wieder den Kopf, straffte die Schultern und sprach mit wieder fester und klarer Stimme.
„Im Namen unserer Gemeinschaft danke ich dir, Vater, dass du diese letzte verzweifelte Hoffnung ergreifen willst. Lasst uns die Valar anrufen!“
Alle Männer erhoben sich, schweigend, nur das Rascheln von Mänteln unterbrach die Stille als Elendil das Gebet begann und alle mit gesenkten Köpfen einfielen.
Als die meisten der Männer den Raum schon verlassen hatten, blieb Gaerros zurück um sich gemeinsam mit anderen für die Organisation der Fluchtvorbereitungen einteilen zu lassen. Um Schiffe konnte er sich in seiner Position als Lehrling eines Steinmetzes zwar nicht kümmern, doch als ehemaliger Fischer war er in der Lage mehrere Freunde zu nennen, bei denen er ein paar Dinge und unauffällige Kisten unterstellen könnte. Elendil sah kaum auf, als er „Beleg“ in seine Liste eintrug und den nächsten heran winkte.
Als Gaerros sich der Zimmertür näherte, sprang Huan erwartungsvoll von seinem Platz in der Ecke auf. Der Hund wollte nie alleine zuhause bleiben, obwohl Míriel ihn mit Leckereien für alles belohnte und ihn stundenlang auf der Ofenbank kraulte. Statt dessen begleitete der schlaksige Junghund seinen Herrn lieber überall hin, auch wenn er nur still sein und warten musste.
„Na komm schon Junge, lass uns nach Hause gehen. Die Nacht war lang und morgen muss ich wieder arbeiten....“ Müde schlüpfte er in seinen Umhang und verließ mit gesenktem Kopf das Versammlungshaus.
Die Nacht war windig und kühl, die kleinen Regentropfen versprachen baldige heftigere Regenfälle. Eilig schritt Gaerros durch die dunklen Gassen nach Hause, größere Umwege ersparte er sich, da er zu schläfrig war und schließlich war er bis heute auch noch nie verfolgt oder kontrolliert worden. Kopfschüttelnd dachte er an das zurück, was er heute gehört hatte. Dieses Vorhaben war purer Wahnsinn, niemand konnte und durfte in die unsterblichen Lande segeln ohne die Strafe der Valar herauszufordern. Bis jetzt war ihm die Situation auch noch nicht so bedrohlich vorgekommen, zwar ging es allen langsam aber sicher immer schlechter, doch Rettung von den Unsterblichen erbitten...
Fröstelnd zog er den Umhang dichter zusammen, damit er den Wind nicht einließ und strich sich mit einer Hand die Haare aus der Stirn. Dabei stellte er fest, dass das breite Lederband, welches die verräterische Narbe auf der Stirn verdeckte, von der Feuchtigkeit schlüpfrig geworden war und sich gelöst hatte. Seufzend blieb Gaerros stehen, um es wieder hinter dem Kopf zu verknoten. Seine Finger waren ungelenk und kalt, das Leder wollte sich einfach nicht festziehen lassen. Insgeheim bewunderte er den Mut Amandils. Er selbst würde es nie über sich bringen, dieses Land zu verlassen, einem ungewissen Schicksal entgegen segelnd.
Plötzlich bellte Huan dreimal kurz und starrte mit aufgestelltem Nackenfell nach vorne in die Dunkelheit, als habe er eine Katze gesehen. Aber anstatt sich zu beruhigen begann er dann tief zu knurren, wie man es seinem schmächtigen Körper nicht zugetraut hätte. Erschrocken sah Gaerros nach vorne und hörte statt dem Kreischen einer Katze kurz darauf das Stampfen von Soldatenstiefeln, die im Gleichschritt auf ihn zu marschierten.
Ihre massigen Gestalten versperrten den Weg nach vorne und offene Flucht würde noch mehr Aufmerksamkeit auf ihn ziehen. Verärgert kniff er den Mund zusammen, glitt möglichst unauffällig in einen nahen Torbogen und zerrte Huan zu sich unter den Mantel. Gleichzeitig zog er die Kapuze so tief es ging ins Gesicht und verkrampfte seine Hand um das Lederband. So weit wie möglich in die Schatten gedrückt blieb er stehen und hörte sein Blut in den Ohren sausen. Die Soldaten näherten sich zu zweit nebeneinander laufend. Ihre schwarzen Mäntel wehten unbeachtet im Wind, keiner machte sich die Mühe etwas Wärme aufzuhalten. Huan stemmte sich zitternd vor Ärger gegen das Halsband, das sein Herr mit angehaltenem Atem umklammerte. Fast schon war die Patrouille vorbei, als einer der Letzten einen Blick in den Torbogen warf und die vermummte Gestalt bemerkte. Ein kurzer Befehl genügte um die Truppe zum Stillstand zu bringen und einen Augenblick darauf war der Verdächtige umringt.
„Wie heißt du? Was hast du mitten in der Nacht hier zu suchen?“ Der Wortführer starrte aus kleinen boshaften Augen misstrauisch auf Gaerros nieder. Als er keine sofortige Antwort bekam stieß er ihn mit einem behandschuhten Finger in die Schulter. „Antworte!“
Mit gesenktem Kopf nannte Gaerros seinen Namen während seine Gedanken rasten: „Ich bin Îbal, Sohn des Henderch. Ich...“ Er räusperte sich und sprach noch leiser: „Ich habe meine Freundin besucht, mein Vater will nicht, dass ich sie sehe und deshalb muss ich nachts zu ihr.“
„Sprich gefälligst lauter, wenn du Saurons Garde antwortest! Und zeig mir dein Gesicht, Bursche!“
Mit einer Hand umfasste er Gaerros‘ Kinn wie mit einem Schraubstock und schob sein Gesicht aus den Schatten. Die Kapuze rutschte von seinen Haaren und mit seiner linken Hand konnte er nur noch mühsam Huans Halsband festhalten. Angestrengt schluckte er und versuchte wie ein ungehorsamer, bei einem Vergehen ertappter Sohn auszusehen. Der Sprecher musterte ihn kurz und ließ dann sein Kinn wieder los. „Na, dann mach dich mal schnell davon, bevor sich deine Mutter vor Sorge graue Haare wachsen lässt!“
Mit zusammengebissenen Zähnen wandte Gaerros sich ab und drückte sich an zwei Soldaten vorbei aus dem Torbogen heraus. Hinter sich nahm er eine Bewegung wahr und fühlte sich plötzlich am Arm gepackt. Ein anderer Soldat, fast eine Handbreit kleiner als er, hatte ihn aufgehalten und starrte interessiert auf seine Stirn. Abrupt weiteten sich die Augen des Mannes und er rief indem er zurücktrat: „Ist das nicht der Kerl, der eine wichtige Verhaftung verhindert und einen Soldaten verletzt hat?! Diese Narbe hat er sich laut Beschreibung dabei zugezogen!“
Sofort streckten auch die anderen ihre Hände nach ihm aus und alles schien in Zeitlupe abzulaufen: schwarze, metallbeschlagene Handschuhe griffen nach ihm, Münder wurden zu wütenden Schreien aufgerissen doch es war kein Laut zu hören. Unversehens kehrte der Ton zurück, doch statt Befehlen und anderen Worten hörte er Schmerzenslaute und verblüffte Ausrufe. In seiner Linken hielt er das gerissene Halsband seines Hundes, der jetzt in alle Beine der Soldaten gleichzeitig zu beißen schien. Nach einer Schrecksekunde riss Gaerros sich los und begann zu rennen. „HUAN, komm schon!“ war alles, was er noch mit Gewalt herausbrachte, dann hatte er schon das seltsame Gefühl, dass sein Kopf ohne Verbindung zum Körper schwebte, während er das Blut in seinen sämtlichen Adern pulsieren fühlte und seine Lungen zu brennen schienen. Sein Mantel geriet hindernd zwischen seine Beine und brachte ihn einmal fast zum Stolpern während er rannte. Nach einer Weile hörte er das rhythmische Klopfen von galoppierenden Pfoten und Huans Hecheln. Doch in einiger Entfernung vernahm er auch das Stampfen von eilenden Stiefeln und Alarmrufe. Noch schneller lief er, ohne dass es ihm auch nur in den Sinn kam, einen Umweg zu nehmen, nach Hause und in den Stall. Das Haus war vollständig dunkel und still, seine Eltern schliefen wohl schon. Hoffentlich wurden sie nicht verhaftet und für sein Verhalten zur Rechenschaft gezogen!
Ohne den Sattel aufzulegen, zerrte er Morroch aus seiner Box und stülpte dem Hengst schnell sein Zaumzeug über. Das Gebiss stopfte er ihm übereilt ins Maul, schwang sich auf den bloßen Rücken und drückte ihm die Fersen in die Rippen. Das Tier, das solche Behandlung nicht gewohnt war und außerdem seit längerem schon nicht mehr hatte wirklich schnell rennen dürfen, sprang davon, über den Hof auf die Straße hinaus. Drei Schatten versuchten sie aufzuhalten, doch die Fliehenden stießen diese beiseite. Gaerros lehnte sich ganz auf den Nacken des Pferdes um bei dem Tempo den Halt nicht zu verlieren und verknotete seine Finger zusätzlich noch in der langen Mähne. Bei einem Blick über seine Schulter sah er, dass Huan noch Schritt hielt und hinterher preschte. In Richtung des Stadttores ging die Jagd, begleitet vom gedämpften Tuten der Hörner der Stadtwache. Und tatsächlich, sobald er auf die Straße zum Tor kam, sah er schon die Blockade vor dem Tor, dessen schwere Torflügel gerade langsam geschlossen wurden. Noch war genug Raum zwischen ihnen für fünf Männer nebeneinander und die Entfernung betrug wohl noch fünfhundert Fuß. Vor dem Tor standen Soldaten der Schwarzen Garde mit gezogenen Schwertern und blockierten so die Lücke. Verzweifelt versuchte Gaerros den Hengst zu zügeln, doch das Tier war in Wut geraten und ignorierte die Befehle seines Reiters völlig. Mit weit ausgreifenden Sprüngen raste er auf die Männer zu, die ihre Waffen hoben und schrieen. Schicksalsergeben schloss Gaerros seine Augen und ließ sich tragen. Er spürte noch wie Morroch sich wie eine Stahlfeder unter ihm krümmte und sich dann mit unglaublicher Kraft abstieß. „Lasst mich das überstehen, ich habe nichts getan, ich will nicht sterben! Eru, ich danke für deine Gaben und...“ Die Landung des Pferdes trieb ihm die restliche Luft aus den Lungen so dass er nur noch ächzen konnte und abrupt nach vorne geworfen wurde, als Morroch in den Vorderbeinen einknickte. Sofort rappelte der Hengst sich wieder auf und lief stolpernd weiter. Gaerros hatte endlich die Augen wieder geöffnet und sah mit Erstaunen, dass sie sich unmittelbar vor den nun fast geschlossenen Torflügeln befanden. Huan rannte mit gesenktem Kopf und heraushängender Zunge hindurch, von den Wächtern unbeachtet, die sich bei dem Anblick des gewaltigen schwarzen Pferdes mit seinen wahnsinnig aufgerissenen Augen noch eifriger mühten, das Tor zu schließen. Doch sie waren zu langsam, gerade eben noch konnten sich Reiter und Tier durch die Lücke flüchten, bevor sich die Flügel mit einem unendlich tiefen Donnern schlossen.


Der erwartete Regen holte sie im frühen Morgengrauen ein, als Gaerros nur noch müde gebeugt auf dem Pferd sitzen konnte und nur noch langsam durch die Hügel ritt. Die ganze Nacht war er geflohen, weiter und immer weiter von der Sicherheit und Behaglichkeit menschlicher Behausungen fort in die Wälder am Fuße des Meneltarma. Kleidung und Haare waren durchnässt und hafteten Gaerros am ganzen Leib, der nur von der Körperwärme des Hengstes ein bisschen gewärmt wurde. Die nassen Schichten hielten auch den stetigen Meereswind nicht auf, sondern verstärkten nur noch seine Kühle, bis sie ihm wie der eisige Biss eines Wintersturms erschien.
Gegen Mittag fanden sie eine Kuhle zwischen zwei Hügeln, geschützt vor Wind und fremden Beobachtern durch die windzerzausten Sträucher an ihrem Rand. Ermattet ließ Gaerros sich vom Pferd gleiten und rollte sich auf einem Flecken dichten Grases zu einem kleinen Knäuel ein, um dem Wind eine möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten. Morrochs Zügel behielt er ums Handgelenk gewickelt, während Huan sich mit weit heraushängender Zunge und heftig hechelnd neben ihm zu Boden fallen ließ. Erst lange nachdem sein Herr schon in tiefen Schlaf gesunken war, ließ der junge Hund den Kopf auf die Pfoten sinken und schloss ebenfalls die Augen.
Am nächsten Morgen wurde Gaerros von der Kälte der Stunde vor Sonnenaufgang geweckt und streckte sich langsam. Sein Rücken fühlte sich an, als sei er von sämtlichen Wurzeln der Umgebung durchbohrt worden, seine Kleider waren steif und klamm und sein Magen knurrte. Er hatte nicht einmal die Zeit gehabt, etwas Proviant oder einen wärmeren Mantel mitzunehmen. Das würde er sicher noch bitter bereuen, denn die Wolken versprachen weiteren Regen und kündeten von der fortgeschrittenen Jahreszeit. Genauso bereute er jetzt den Moment, in dem er sich vor, wie es schien, langer Zeit dem Soldaten in den Weg geworfen hatte, der einen alten Mann festnehmen wollte. War das die Mühe wert gewesen? Er hatte nie erfahren, wer der Mann eigentlich gewesen war und warum er selbst jetzt noch wegen dieser unglücklichen Geschichte verfolgt wurde. Offensichtlich war der Alte doch wichtiger gewesen, als es den Anschein hatte.
Mühsam stand Gaerros auf und lehnte sich erst einmal an die Flanke des Hengstes, der mit gesenktem Kopf noch halb schlief. Huan war verschwunden, vermutlich auf der Suche nach etwas Fressbarem. Gähnend kraulte Gaerros Morroch hinter den Ohren und strich ihm über die weichen Nüstern während sich das Pferd genüsslich seinen von Müdigkeit noch schweren Kopf von seinem Herrn stützen ließ.
„Na, was denkst du? Hat sich der ganze Aufwand überhaupt gelohnt? Wir haben eine harte Zeit vor uns, wir sind mal wieder ausgestoßen... und diesmal nicht so gut vorbereitet wie das letzte Mal! Der Winter wird kommen...“ Er seufzte ein bisschen und ließ dann den großen Kopf los. „Huan! Komm hier!“ Auf sein Rufen und Pfeifen kam nach kurzer Zeit der junge Hund in Sicht, sein Fell nass und verdreckt, seine Nase zerkratzt und leicht blutig. „Wo hast du dich denn herumgetrieben? Das Kaninchen wollte sich wohl nicht so leicht fangen lassen, was? Naja, Übung macht den Meister...“ Aufmunternd kraulte er die Stirn des Hundes und kletterte dann steif und ungelenk wieder auf den Rücken des Pferdes.


Nach einer Woche, die er vollständig ungeschützt in den Wäldern des Inselinneren verbracht hatte, war es vorbei mit seinem Glück. Zwar hatte er bis jetzt noch ausreichend Nahrung in Form von Beeren und Pilzen gefunden und hatte es sogar geschafft ein Kaninchen zu fangen, doch eines Morgens, als er vom leisen Tropfen des Regens durch die Zweige geweckt wurde, fühlte er sich ganz leicht. So leicht, er glaubte, ein Windstoß könne ihn davontragen. Er genoss das kalte Wasser in seinem unrasierten Gesicht, ihm war so warm, so wohl, so heiß - er glaubte die Tropfen müssten sogleich verdunsten, wenn sie seine Haut berührten. Kaum saß er auf dem Pferd begann er zu zittern. Sogar der Wind schien ihm warm, so kalt fühlte er sich, kalt bis in das Mark seiner Knochen. Bei der kleinsten Erschütterung fürchtete er, sie müssten brechen. Gaerros konnte nicht mehr klar denken, abwechselnd von Hitze und Frost geschüttelt ritt er auf Morroch weiter, doch das Pferd übernahm bald selbst die Führung und trug seinen willenlosen Herrn zu einer kleinen Siedlung nordöstlich des Meneltarma. Dort gab es sicher auch einmal wieder Hafer und einen warmen Stall und nicht nur halbverdorrtes altes Gras.
Huan trottete mit gesenktem Kopf hinterher, ihn beunruhigte das halblaute Gemurmel seines Herrn sehr. Als ein Hof in Sicht kam, lief er laut bellend darauf zu um Einlass zu erhalten.


Müde. Er war so unendlich müde. Sein Kopf pochte und er fühlte sich, als habe er seit zwei Wochen nichts mehr gegessen. Wo war er? Geflohen... die Wälder waren kalt, doch er fror nicht, er lag auch nicht auf hartem Boden, sondern in einem Bett. Vorsichtig öffnete er die Augen. Das helle Licht blendete ihn und mit halb geschlossenen Lidern sah er sich in dem Raum um, in dem er sich befand. Eine niedrige Decke aus groben Holzbanken sprach für ein Bauernhaus. Behutsam setzte er sich auf und schob die Decke zur Seite. Er war bis auf seine Unterkleider ausgezogen geworden und seine Kleidung lag, offensichtlich gewaschen und gesäubert, ordentlich zusammengefaltet auf einem nahen Hocker. Ein lautes Grummeln seines Magens machte ihn darauf aufmerksam, dass er seit geraumer Zeit nichts mehr zu sich genommen hatte. Möglichst schnell zog er sich an, nach einem ersten Schwindelanfall darauf bedacht, nicht zu ausschweifende Bewegungen auszuführen. Als er gerade den Gürtel schließen wollte kam ihm der Gedanke an Huan. Er war nicht hier, neben Morroch war er sein einziger Besitz, den er hatte mitnehmen können, und wichtiger als das: ein Freund.
Bevor er sich auf die Suche nach einem Menschen machen konnte, mit dem er sprechen konnte, betrat ein dicklicher Mann den Raum, gefolgt von einem dunkelhaarigen Mädchen, das den Blick gesenkt hielt und auf die Schüssel in ihren Händen starrte. Der Mann, dessen Haare sich bereits auf dem Rückzug befanden, wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn und begann hastig zu sprechen: „Gut, dass Ihr auf seid, gut, gut. Meine Frau versteht sich auf das Heilen, sie hat Euch lange schlafen lassen, so dass Ihr in Ruhe eure Krankheit bekämpfen konntet. Hier, Ihr werde sicher Hunger haben, meine Tochter hat Euch etwas kräftige Brühe zubereitet.“
Das Mädchen stellte die Schüssel, deren Inhalt noch dampfte, auf einen kleinen Tisch und warf Gaerros von unten her, so als ob ihr Vater nichts bemerken sollte, ein ganz und gar nicht schüchternes Lächeln zu. Mit offenem Mund starrte er sie an, doch sie hatte den Blick bereits wieder gesenkt und huschte aus dem Zimmer.
Gaerros räusperte sich. „Danke, guter Mann. Ich bin Euch äußerst dankbar, dass Ihr mein Leben gerettet habt. Mein Name ist Îbal, und Ihr seid...?“
Sofort entschuldigte sich der ältere. „Verzeiht, mein Name ist Ghùlar, wie unhöflich von mir. Setzt Euch, setzt Euch, erzählt mir doch, was Ihr um diese Jahreszeit hier draußen macht.“
Mit seinen breiten Händen bedeutete er Gaerros, sich an den Tisch zu setzen, zog sich dann selbst einen Hocker hinzu und begann auf ihn einzureden. Gaerros selbst sagte wenig, er ließ durchblicken, dass er einen Jagdausflug falsch geplant habe, ihm seine Ausrüstung abhanden gekommen sei und das schlechte Wetter sein Übriges getan habe.
„Ja, das Wetter, davon kann ich ein Lied singen. Verzeiht, wenn ich Euch langweilige, aber wir sind einfach Leute auf dem Land, wir spüren die Veränderungen als erste! Der Winter sollte noch gut und gerne drei Wochen entfernt sein und doch sind die Pflanzen schon alle abgestorben, sogar immergrüne beginnen zu welken. Ich frage mich, was das bedeuten kann.... Wo kommt Ihr her? Wie geht es bei Euch zu? Habt Ihr ebenfalls Probleme mit dem Wetter? Ihr müsst wissen, ich bin selten über die näheren Dörfer hinausgekommen, auch wenn ich in meinem langen Leben dazu die Gelegenheit gehabt hätte. Erzählt mir etwas mehr von Euch, schließlich muss ich meiner Frau ja etwas über den Mann berichten, den sie so gut gepflegt hat.“
Und Gaerros erzählte, er blieb bei seiner Geschichte von einem Jagdausflug, der ihn aus seinem Dorf weggeführt hatte. Über das schlechte Wetter musste er sich nichts ausdenken, das hatte er zur Genüge am eigenen Leib erfahren dürfen. Nach einer Weile solchen Geplauders räusperte Ghùlar sich unbehaglich und begann wieder mit dem Taschentuch über seine Stirn zu wischen.
„Ihr müsst wissen, wir haben Euch nicht umsonst und aus uneigennützigen Gründen gesund gepflegt und kostbare Kräuter verschwendet.“
Sein so freundliches Gesicht wurde plötzlich ernst und konzentriert. Auf halbem Weg zum Mund blieb Gaerros‘ Löffel in der Luft hängen. War er verraten worden? Hatte die Schwarze Garde ihn hier gesund pflegen lassen, um ihn später um so länger foltern zu können? Er spürte, wie ein kleiner Schweißtropfen sein Rückgrat hinunter rann.
„Ihr seht aus wie ein kräftiger Kerl. Ihr habt Muskeln, mit denen Ihr einem Mann den Arm brechen könntet. Sicher, Ihr braucht noch eine gewisse Zeit zur Stärkung - doch dann möchte ich, dass Ihr mir helft, meinen Brunnen wieder herzustellen.“
Erleichterung füllte Gaerros, als er das hörte. Er sollte für seine Pflege angemessen bezahlen, das war alles. „Ihr habt Glück, Ghùlar! Auf Steine verstehe ich mich, ich habe eine Lehre als Steinmetz hinter mir. Ich helfe Euch gerne, und werde auch andere Arbeiten übernehmen, wenn Ihr noch weitere Verwendung für mich haben solltet.“
„Oh, zu tun gibt es wahrhaftig genug, da habt mal keine Sorge. Nun esst aber die Suppe auf, sonst wird Elzâ enttäuscht sein. Und anschließen rasiert Ihr Euch, einen Waldschrat kann ich wahrlich nicht gebrauchen.“
Das Gespräch ging noch eine Weile gut gelaunt weiter bis Gaerros fertig mit Essen und wieder glatt rasiert war, dann führte Ghùlar ihn hinaus, um das Haus herum und zeigte ihm die verschiedenen Stellen, an denen Reparaturen nötig waren. Huan kam aus einer Ecke hervorgeschossen und begrüßte ihn stürmisch, sprang ihm fast auf den Arm und schleckte ihm begeistert das Gesicht ab. Morroch stand in einem kleinen Stall, gemeinsam mit zwei Pferden des Bauern und schien ebenfalls recht zufrieden mit seiner Situation.
Das Anwesen war nicht groß, aber offensichtlich einmal wohlhabend gewesen, andere Höfe schlossen sich mit ihm zu einem Dorf zusammen und die Felder erstreckten sich kahl und dunkel ringsherum.
Der Brunnen war eingestürzt, die großen dunklen Steinblöcke von Brombeeren überwuchert und offensichtlich schon lange in diesem Zustand. Auf die Frage, wo sie denn dann ihr Wasser herbekommen hätten, zeigte Ghùlar nur stumm auf den kleinen Bach, der hinter dem Hof vorbei floss.
„Eigentlich macht es keinen Unterschied, ob wir das Wasser aus dem Brunnen holen oder es aus dem Bach nehmen, oder zumindest sollte es keinen geben. Aber das Wasser im Bach scheint schlecht zu werden. Manchmal treibt übel riechender Schaum darauf, und der Geschmack verändert sich immer mehr. Dieser Brunnen gab immer sauberes Wasser, er wurde vor so langer Zeit gegraben, dass er sogar als Opferbrunnen für ...“ prüfend sah er Gaerros ins Gesicht. Dieser konnte schon erahnen, auf was der Mann hinauswollte, doch einem dahergelaufenen Fremden erzählte man lieber nichts über die Valar, schließlich konnte alles den Falschen zu Ohren kommen. Nach einer winzigen Pause wechselte Ghùlar das Thema und sprach über Möglichkeiten, die Steine wiederzuverwenden und wie sie wohl zu behauen seien.
An diesem Abend, als die ganze Familie, die aus Ghùlar, seiner Frau, Elzâ und ihrem kleinen Bruder bestand, am großen Esstisch saß und das Abendessen verzehrte, fühlte Gaerros sich wohl. So wohl, dass er bald immer mehr zu erzählen begann, unverfängliches Zeug natürlich, aber sein Lachen schien Elzâ für seinen Geschmack zu sehr zu gefallen. Immer wenn ihre Eltern nicht hersahen sah sie ihn mit ihren dunklen Augen auf eine Weise an, die ihn rot werden ließ. Schnell starrte er wieder auf seinen Teller und schob verlegen die letzte Kartoffel mit einem Stück Brot herum. Elzâs Bruder starrte ihn finster an, sagte aber nichts.


Die Zeit verging wie im Fluge, bevor der erste Schnee fiel und den fest gestampften Lehm des Hofes in Matsch verwandelte, sobald die Sonne wieder hervorkam, war der Brunnen wieder völlig instand gesetzt. Weil er nichts besseres zu tun gehabt hatte, hatte Gaerros den Rand mit einem feinen Weinrebenrelief verziert, in den verschlungenen Ranken hatte er sich während der Arbeit verlieren können. Er wusste nun, dass er diesen Beruf des Steinmetzes bis an sein Lebensende würde ausüben wollen. Die Freude, die es ihm bereitete den leblosen Brocken Leben einzuhauchen, schwand nicht etwa nach getaner Arbeit sondern wuchs in dem Wissen, etwas Gutes und Nützliches geschaffen zu haben.
Trotzdem war er froh, dass die Arbeit nicht anstrengend und es zu kalt war, so dass er sein Hemd anbehalten konnte. Denn Elzâ beobachtete ihn gerne, immer vorgebend etwas erledigen zu müssen, das keine Sekunde Aufschub duldete. Sie lächelte ihn auf ihre betörende Weise an und sooft sie ihn in eine unbeobachtete Ecke gedrängt hatte begann sie ihm Fragen zu stellen, harmlose Fragen, die ihm dennoch den Schweiß auf die Stirn trieben.
Ghùlars Frau blieb das Verhalten ihrer Tochter nicht verborgen, mit den scharfen Augen einer Mutter starrte sie immer öfter zu ihm, wenn Elzâ sich auch nur in der Nähe befand, und bohrte ihm förmlich Löcher in den Rücken mit ihren Blicken.
Eines Tages, als Gaerros gerade dabei war Morroch mit einer groben Bürste zu striegeln, kam Ghùlar in den Stall, die breiten Hände eines Bauern in den Manteltaschen vergraben, und sah stirnrunzelnd in die Streu. Mit einem Stiefel schob er ein paar Halme beiseite und kratzte sich anschließend seufzend am Kopf. Von seinem merkwürdigen Verhalten irritiert hörte Gaerros auf, über das inzwischen schon dicker gewordene Winterfell des Pferdes zu fahren.
„Was gibt‘s, Ghùlar? Kann ich helfen?“
Der Mann seufzte wieder und rieb sich mit der Hand über die Stirn. „Nun, Îbal, Ihr .... Ihr wisst, Ihr wart mir eine große Hilfe, wirklich, eine - große Hilfe, ihr habt mir viel Arbeit abgenommen. Nächsten Winter ist mein Sohn dann wohl soweit, selbst Hand anlegen zu können, aber wie die Dinge jetzt stehen... Ich will nicht länger um den heißen Brei herumreden. Meine Frau - sie befürchtet, Ihr könntet nicht gut für Elzâ sein. Nein, versteht mich nicht falsch, Ihr seid nicht zu schlecht für sie! Nur, sie möchte nicht, dass ihre Tochter sich mit einem dahergelaufenen Fremden abgibt. Versteht Ihr?“ Müde sah er Gaerros in die Augen und ließ dann den Blick wieder zu Boden sinken.
„Ihr bekommt von uns alles Nötige, einen warmen Mantel, etwas Proviant, so viel, dass Ihr das nächste Dorf erreichen könnt. Bitte verzeiht, aber bis zum Einbruch der Dunkelheit solltet Ihr uns verlassen haben.“


Der dunkle Mantel war etwas zu kurz, aber dick und gut gearbeitet. Unter dem Umhang getragen bot er einen hinreichenden Schutz vor dem beißenden Fauchen des Windes, der Schneekristalle in dichten Wolken vor sich her über das Land trieb. Ein Rucksack, gefüllt mit Brot und Wurst, ein paar Äpfeln und anderem leichten Proviant hing auf seinem Rücken und ein schweres Messer an seinem Gürtel. Zu seinem Abschied hatte die Familie am Tor gestanden und ihm nachgesehen, einer der Hunde war noch ein Stückchen mit Huan getrabt, schließlich stehen geblieben und mit gesenktem Kopf schnell wieder in die Wärme zurückgekehrt.
Jetzt waren die drei wieder ganz allein auf sich gestellt. Der Winter hatte Einzug gehalten und würde noch lange andauern. Ohne ein bestimmtes Ziel vor Augen ließ Gaerros sich vom Wind treiben und trabte auf Morroch in das wabernde Weiß des Schneesturms hinaus.
(Ina)