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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Belzamir

Arador verzog das feiste Gesicht und winselte.
„Lord Belzamir, müsst Ihr denn so ziehen? Würde nicht ein einfacher Aderlass reichen?“
Dieser zog die Brauen zusammen und sah auf das dicke gelbliche Gesicht seines Patienten. Sein Mundwinkel war aufgedunsen und eine große Eiterblase hatte sich gebildet. Einem guten alten Hausmittel folgend hatte er sich mit Wein vermischte Pferdeäpfel auf die Wunde gerieben. Nun kämpfte Belzamir mit einer Pinzette darum das erhärtete Gemisch wieder von der Wunde loszuzupfen.
„Wie ich Euch bereits sagte, wird Eure Wunde weitaus besser heilen, wenn sie offen bleibt und ihr sie in meiner Tinktur badet. Doch dazu muss ich den Pferdemist erst einmal entfernen!“
Und mit diesen Worten riss er einmal kräftig an einem Zipfel und zog – begleitet von einem langen Schrei seines Patienten – den Großteil der „Arznei“ von dessen Gesicht.
„Pferdemist!“ wimmerte Arador empört, „die Pferdeäpfel kommen von den Pferden des Königs selbst!“
Belzamir seufzte, das war wirklich nicht das Leben, das er sich bei seiner Ankunft in Armenolos vorgestellt hatte. Er war jetzt einer der angesehensten Hofheiler, aber anstatt dem König weisen Rat zu erteilen und verheerende Krankheiten zu heilen plagte er sich mit den Höflingen ab. Deren Auffassung von medizinischer Versorgung bestand darin, dass sie um einen Aderlass baten und – je nach aktuellem Trend – auf abwechselnde Kurpfuscher hörten und es wagten ihn zu kritisieren. Idioten! Er riss noch einmal kräftig an einem anderen Fetzen, so dass der arme Arador ein weiteres Mal gequält aufschrie.
„Eure Wunde ist nun frei, ich muss sie nur noch auswaschen und dann – hört Ihr mir eigentlich zu?“
Aradors Gesicht war der Tür zugewandt von der aus nun ein edel gekleideter Mann mit gepflegtem grauen Spitzbart in das Zimmer schlenderte. Er blieb vor Belzamir stehen und deutete eine Verbeugung an die dieser erwiderte.
„Lord Grizmor, was führt Euch hierher?“
„Wenn Ihr mir bitte folgen würdet, Lord Belzamir, Ihr werdet erwartet.“
„Erwartet? Mylord, ich beende die Behandlung in einigen Minuten. Wenn Ihr die Güte hättet so lange ...“
„Belzamir, diese Angelegenheit erlaubt keinen Aufschub. Folgt mir jetzt!“
Belzamir runzelte ein weiteres Mal verwirrt die Augenbrauen ob diesem offensichtlichen Bruch der Etikette, besann sich jedoch entgegen einer Auseinandersetzung und wandte sich seinem Assistenten zu.
„Pellorin, gib´ einige Kamillenblüten in eine Schale Wasser und reinige damit die Wunde. Dann lasse sie offen. Lord Arador, ich komme später am Tag vorbei und gebe Euch eine Wundsalbe, die Ihr auf die Wunde auftragt. Und nur diese Salbe kommt auf die Wunde, kein anderes sogenanntes Heilmittel, versteht Ihr?“
Arador grummelte eine Antwort in seinen schütteren Bart. Belzamir jedoch wusch sich die Hände und folgte Lord Grizmor aus dem Zimmer.


Lord Grizmor führte Belzamir auf verschlungenen Wegen durch das Labyrinth der Gänge des Palastes bis sie wie aus Zauberhand vor den Gärten standen. Diese durchquerten sie auf dieselbe umständliche Weise um schließlich an einem von Ranken überwuchertem Geräteschuppen anzuhalten. Dort klopfte Lord Grizmor dreimal kurz und zweimal lang und die Tür öffnete sich ohne dass jemand zu entdecken gewesen wäre.
Entgegen dem, was Belzamir erwartet hatte, befanden sich hier keine Gartengeräte, sondern nur eine schmale Treppe im hinteren Teil des Schuppens. Grizmor entzündete eine Fackel und sie begannen den Abstieg. Dieser führte geradewegs in eine runde Tropfsteinhöhle die durch zahlreiche Kerzen und Fackeln erhellt wurde. Belzamir verspürte einen kalten Luftzug, so dass er davon ausging, dass die Höhle einen Zugang zur Oberfläche hatte wodurch der Luftaustausch stattfand. Neugierig sah er sich um und erkannte als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten mehrere Gänge, die von dem Hauptraum ausgingen. Grizmor hatte Belzamirs Bestandaufnahme lächelnd mitverfolgt und führte diesen nun in den mittleren Gang. Dieser war geschwärzt als ob vor nicht allzu langer Zeit ein Feuer gewütet hätte und Belzamir war es, als ob er das Kreischen von Fledermäusen in der Ferne hören konnte. Er war so abgelenkt, dass er überhaupt nicht bemerkte wie Grizmor plötzlich stehen blieb und in diesen hinein lief.
„Entschuldigt, Lord aber ich ... bei den Köpfen des Gambolin!“
Der Raum, der sich vor seinen Augen erstreckte war im Grunde nur eine weitere Höhle mit niedriger Decke von der Stalaktiten herabhingen. Einige Stalagmiten ragten aus dem Boden heraus und an der Decke hing eine Familie Fledermäuse. Es war kalt und feucht, aber all das nahm Belzamir nicht wahr. Er hatte nur Augen für die zahlreichen Schränke entlang der Wände und deren Inhalt. Dieser bestand aus Einmachgläsern aller Form und Größe die mit einer trüben Brühe gefüllt waren in der Körperteile und Organe verschiedener Spezies schwammen. In einer Ecke der Höhle war ein menschliches Skelett und – welch unverhofftes Glück! – das eines Elben aufgestellt. In einer Kiste befanden sich weitere Knochen und inmitten der Höhle befand sich ein großer steinerner Tisch mit einer zentralen Einbuchtung aus der Flammen schlugen. Am Rand hatte er Rillen, damit das Blut obduzierter Tiere ablaufen konnte, mitten darauf jedoch lagen ordentlich sortiert mehrere Messer, Federkiele, Tintenfässer und Pergamente und in einem weiteren Schrank auf einer Erhöhung befanden sich so viele Bücher wie Belzamir noch nie auf einmal gesehen hatte.
Lord Grizmor waren Belzamirs bewundernde Blicke nicht entgangen und er drehte sich lächelnd zu diesem um.
„Dies, mein Junge, dies soll fortan dein Arbeitsplatz sein.“
„Lord Grizmor?“
„Ja, mein Junge, dein Talent ist nicht unbeachtet geblieben und deine Forschungen ebenso wenig. Du bist viel zu schade um degenerierten Höflingen Abführmittel zu verabreichen. Hier, an diesem Ort wirst du der Natur ihre Geheimnisse entreißen und mehr noch: du wirst ihr deinen Willen aufzwingen und sie umformen!“
Lord Grizmor schien mit einem Mal gewachsen zu sein und ein grünlicher Schimmer umgab ihn. Seine Augen glänzten in einem irren Licht und Balzamir musste gewaltsam ein Frösteln unterdrücken. Großäugig sah er auf Lord Grizmor.
„Mylord... wie kommt es, dass gerade ich... was muss ich dafür tun?“
„Das Einzige was von dir verlangt wird mein Junge ist dein Stillschweigen. Versorge tagsüber einige Höflinge um den Schein zu wahren, aber des nachts ist dein Platz hier! Und hier musst Du nichts weiter tun als forschen und lernen. In den Büchern wirst du mächtige Zauber finden. Hüte dich vor ihnen und wende sie nicht unvorsichtig an! Und nun lasse uns zurück an die Sonne gehen. Heute Nacht wirst du wieder hierher gebracht. Versteckt vor dem Auge der Welt, in ihrem Inneren, wirst du finden!“
Belzamir verbeugte sich.


Kurz nachdem Belzamir sich von den Aufregungen des Tages in sein Zimmer zurückgezogen hatte klopfte ein in die königliche Livree gekleideter Diener an seine Tür. Dieser reichte ihm ein aufgerolltes Stück Pergament und verschwand mit einer Verbeugung. Achselzuckend entrollte Belzamir das Papier und fand dort folgenden Text in einer altmodischen verschnörkelten Schrift geschrieben: Gehe zur jagenden Jungfrau und wende den Bogen. Folge dann dem Pfad und lausche der Flamme der Erkenntnis.
Nach einem kurzen Moment erhellte sich Belzamirs Miene. Die jagende Jungfrau war seines Wissens nach eine kostbare und berühmte Statue im Spiegelzimmer, so dass er sich kurzerhand dorthin begab. Nachdem er sichergestellt hatte, dass er allein war, begann Belzamir mit der Untersuchung ihres Bogens. Und wirklich! Der Griff des Bogens ließ sich durch einen leichten Ruck nach vorne schieben und schnellte dann wieder zurück als sei nichts geschehen. Auf der anderen Seite des Raumes jedoch begann die Fläche eines Spiegels zu flackern und von unbändiger Neugier getrieben näherte er sich ihm mit gebührender Vorsicht. Die Oberfläche des Spiegels schien wie dunkles Wasser und er nahm seinen Mut zusammen und berührte sie. Belzamir spürte eine durchdringende Kälte und plötzlich schien etwas seine Hand zu packen und sie immer tiefer in den Spiegel zu ziehen. Panisch stemmte er sich mit beiden Beinen in den Boden, doch er konnte nichts gegen den kalten Sog ausrichten der ihn schließlich in den Spiegel saugte.
Für kurze Zeit fühlte sich Belzamir wie inmitten eines gewaltigen Schneesturms. Spitze kalte Splitter schienen sich in sein Gesicht zu bohren und eine eisige Furcht erfasste sein Herz. Konnte es sein, dass ein lidloses Auge direkt in seine Seele schaute?
So schnell und intensiv diese Gefühle gekommen waren, so schnell verflogen sie wieder und ließen ihn daran zweifeln sie überhaupt empfunden zu haben. Einzig und allein die Tatsache, dass er sich nicht mehr im Spiegelsaal, sondern in einem unterirdischen Gang befand ließen ihn nicht an seinem Verstand zweifeln. Von dem Spiegel selbst war nichts mehr zu sehen und so kam Belzamir zu dem Schluss, dass es sich um eine Art Zauber gehandelt haben musste.
„Folge dem Pfad“ hatte auf der Nachricht gestanden und da der Gang keine Abzweigungen aufwies tat er genau wie ihm aufgetragen worden war. Nach einiger Zeit und etlichen Biegungen und Zusammenstößen mit Fledermäusen und anderem Getier erblickte er einen gelblichen Schein in der Ferne, der das Ende des Ganges zu markieren schien. Belzamir beschleunigte seine Schritte und fand sich kurz darauf in dem Studienraum wieder, den er zuvor mit Lord Grizmor besichtigt hatte. Mein Studienraum, berichtigte er sich stolz.
Das Feuer brannte fröhlich auf seinem Tisch und beim Näher treten erkannte er eine Auswahl von Büchern und Knochen auf einem Schemel direkt neben dem Tisch. Unwillig verzog er das Gesicht. Hatte es nicht geheißen, dass er erforschen könne was er wolle? Warum standen dann die Bücher dort? Grimmig schlug er das oberste auf und als er wieder aufblickte, war die Nacht vergangen und er hatte es von vorne bis hinten gelesen. Seine Beine und sein Rücken waren steif davon, dass er sich so lange nicht bewegt hatte und seine Augen brannten, denn das Buch war in derselben altmodischen Schrift wie die Nachricht abgefasst und die Buchstaben sehr klein und zum großen Teil vergilbt. Belzamir streckte sich und ging abwesend den Gang wieder zurück und befand sich bald im Spiegelzimmer ohne so recht zu wissen, wie er dorthin gekommen war. Benommen stolperte er zurück in sein Zimmer und fiel dort in einen traumlosen Schlaf.


Die nächsten Wochen verliefen in der gleichen Weise. Er behandelte missmutig einige Höflinge und tauschte mit ihnen den neuesten Tratsch und Klatsch aus und des nachts schlich er in das Spiegelzimmer und von dort aus in seine Studierkammer. Dort erwartete ihn im Schein des Feuers stets ein neues Buch, welches er erst am nächsten Morgen fertig ausgelesen wieder aus der Hand legte.
In dieser Zeit konnten die aufmerksamsten seiner Mitmenschen – am Hofe von Armenolos also praktisch niemand – einige Veränderungen in seinem Gebaren entdecken. Belzamir schien sanftmütiger geworden zu sein und seine gefürchteten hitzigen Ausbrüche traten seltener und seltener auf. Höflinge ließ er zur Ader und ersparte ihnen seine skurrilen Tinkturen, so dass sie ihm bald wohlgesonnener denn je waren und selbst der König und die Königin sich von ihm behandeln ließen. Er kleidete sich nach wie vor prächtig, jedoch trat nun eine gewisse dezente Eleganz in sein Erscheinungsbild und obwohl er nach wie vor an den höfischen Vergnügungen teilnahm schien er wie durch eine unsichtbare Mauer von den anderen Bewohnern des Hofes getrennt zu sein. Nur die wenigsten – unter ihnen Lord Grizmor – verstanden, dass hinter seiner neuen Besonnenheit und ruhigen Größe keineswegs ein ruhiger Geist standen, sondern dass diese vielmehr aus einem wachsenden Überlegenheitsgefühl entstammten. Lord Grizmor hatte gute Arbeit geleistet diesen hier zu finden und Sauron war zufrieden mit ihm. Schon bald würde Belzamir genügend Wissen der verborgenen Schriften errungen haben um mit seiner Aufgabe zu beginnen. Ja, sagte sich Grizmor, Sauron war sehr zufrieden, doch nun war es an der Zeit wieder in den Schwarzen Tempel zurückzukehren und mit den Vorbereitungen zu beginnen.
(Ingrid)