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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Der Besuch

„Ja Sauron. Es wird mir eine Ehre sein und Ihr werdet sehen, dass Ihr Euer Vertrauen in den richtigen Mann gesetzt habt.“
Lord Grizmor setzte zu einer tiefen Verbeugung an, unterbrach sie jedoch auf halbem Wege und richtete sich mit einem missmutigem Gesicht wieder auf.
„Nein, nein. So geht das nicht. Ich muss würdevoller auftreten als Saurons oberster Magier.“
Er räusperte sich geräuschvoll und baute sich ein weiteres Mal zu voller Größe auf und lächelte geschmeichelt und huldvoll seinem Spiegelbild zu.
„Mein Lord.“ Viel besser!
„Mein Lord Sauron. Ihr könnt gewiss sein, dass Ihr Euer Vertrauen in den richtigen Mann gesetzt habt. Ich werde Euch nicht enttäuschen und Eure Krötenmenschen erschaffen.“
Na also! Perfekt! Genau das richtige Maß an Unterwürfigkeit, aber dennoch nicht zuviel, um schwach zu wirken.
Befriedigt griff Grizmor an seinen Spitzbart und zupfte ihn mit befeuchteten Fingern zurecht, während er an sein Fenster trat und hinaus auf den Schwarzen Tempel sah.
Selbst jetzt, in der Dämmerung, hob er sich klar vom Horizont ab und seine dunklen Türme ragten wie nach den Sternen greifende Finger gen Himmel.
Und genau dort – zur Rechten des höchsten und kühnsten Turms, Saurons Turm – würde er bald seine Gemächer haben. Spitzel hatten ihm zugetragen, dass er von dort aus ganz Armenolos überblicken konnte und an wolkenlosen Tagen sogar bis weit über das Meer hinaus. Nicht, dass es noch viele wolkenlose Tage gäbe, dachte Grizmor achselzuckend, als er die dunklen Wolken betrachtete die ein erneutes Gewitter ankündigten.
Und welche Privilegien ihm als Zauberer Saurons zustehen würden! Nicht nur würde er einen Großteil seines Vertrauens genießen, sondern nur noch die wichtigsten Aufträge übernehmen, freie Auswahl unter den Gefangenen des Tempels haben und ein guter Teil der Tribute würde – freilich für Forschungszwecke – in seine Hände fließen. Nach all der Zeit in Saurons Diensten hatte er sich diese Belohnung redlich verdient.
Lächelnd wandte er sich wieder seinem Spiegel zu, um noch ein letztes Mal seine Dankesrede einzustudieren.
„Mein Lord Sauron...“
Ein harsches Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Wer wagte es?
„Wer da?“ brüllte er unwirsch.
„Lord Grizmor, Sauron schickt mich.“ Schallte es von draußen.
Grizmores Augenbrauen fuhren in die Höhe. So schnell hatte Sauron schon entschieden?
Sei´ s drum! Eilfertig huschte er zur Tür und öffnete sie mit einem milden Lächeln auf den Lippen.
Und fand sich Angesicht in Angesicht mit etwas Stinkendem, Pelzigem und Triefendem.
„Lord Sauron wünscht, dass Ihr Euch darum kümmert!“ sagte der dahinter stehende Soldat der Schwarzen Garde, der selber aussah, als ob er es kaum erwarten könne sich von seiner zappelnden Fracht zu trennen.
So drückte er es Grizmor grob in die Arme und verschwand zum nächsten Brunnen, um sich den penetranten Gestank abzuwaschen.
Angeekelt stieß Grizmor die Tür zu und warf das „Ding“ in ein spezielles Becken im hinteren Teil des Raumes, wogegen dieses laut quäkend protestierte.
Wieder eines von Belzamirs Monstern! Dieser schuf die Kreaturen bereits seit einigen Wochen in allen nur vorstellbaren Kombinationen, prüfte sie auf ihren Nutzen für Saurons Zwecke und wenn sie keinen hatten, vergaß er sie einfach. Daraufhin hatten es sich diese kleinen Biester zur Gewohnheit gemacht aus ihren Käfigen auszubrechen und durch ganz Armenolos zu streunen, wo sie regelmäßig Unheil anrichteten. Sauron bedachte diesen Zustand nur mit einem amüsiertem Lächeln, während Grizmor die Sorge dafür trug, dass diese kleine Pestbeulen eingefangen wurden und keine Verbindung zu Sauron hergestellt wurde. Als hätte er nichts Besseres zu tun! Nur einmal sollte Belzamir nicht vergessen die Käfige abzuschließen! Und die Kreaturen mit Trobelia-Blättern zu füttern, so dass sie oftmals wie benommen durch die Gärten torkelten und sich einmal sogar im Kleid einer Hofdame verfingen! Lord Grizmor hatte alle Hände voll zu tun gehabt, um diesen Vorfall zu überspielen, während Belzamir nur die Achseln zuckte und an neuen Ungeheuern bastelte.


Wie jeden Abend saß Belzamir in seinem Studierzimmer und schrieb mit gefurchter Stirn Pergament um Pergament voll. Welche Kräuter und Sprüche hatte er gestern benutzt, was war herausgekommen, wie um alles in der Welt sollte Wesen schaffen, die als furchteinflößende Krieger in Saurons Diensten stehen konnten, wenn er bislang nur zweitklassige Schoßtiere bearbeitet hatte. Und die einzige Eigenschaft die er in ihnen geweckt hatte, war augenscheinlich ein unbändiger Appetit auf einfach alles. Sie knabberten nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch Holz, Knochen, Waffen, Stoff, und vor allem die Gitter ihrer Käfige an. Regelmäßig machten seine kleinen Tierchen Ausbruchsversuche und ebenso regelmäßig ließ Belzamir sie gewähren, wohl wissend, dass er damit den alten Grizmor in den Wahnsinn trieb.
Dennoch war er der Lösung seines Problems noch keinen Schritt näher gekommen. Die Kreaturen waren bissig, einen Schutz gegen ihre Feinde stellten sie jedoch kaum dar.
Gedankenverloren griff er in einen Keramiktopf am Rande seines Tisches und warf begleitet von einigen gemurmelten Worten in einer vergessenen Sprache einige Kräuter gegen die Käfige seiner Kreaturen, da diese in den letzten Minuten ihr Gequäke in unerträgliche Lautstärke gesteigert hatten. Sofort bildete sich ein dicker, gelblicher Rauch und die kleinen Kreaturen begannen zu niesen. Langsam wurde ihr Protestgeschrei immer leiser und schließlich verstummten sie ganz als sie ihre Stimmen verloren und nun nur noch entgeistert mit ihren scharfen Krallen an den Gittern kratzten.
„Es geht also doch leiser“, murmelte Belzamir und wandte sich erneut seinen Überlegungen zu.


Unterdessen war sein tumber Gehilfe, Pellorin, herbeigekommen und näherte sich nun vorsichtig dem Schrank seines Meisters, um diesen nicht in seiner Konzentration zu stören. Leise begann er eine Schale nach der anderen mit den gesammelten Kräutern zu füllen, als genau in dem Moment ein Gitterstab schließlich den spitzen Zähnen der Kreatur nachgab und diese – sichtlich überrascht über ihren plötzlichen Erfolg – wie der Blitz aus ihrem Käfig mitten zwischen Pellorins Beine schoss. Dieser taumelte bedenklich, fing sich jedoch in letzter Sekunde, als die Kreatur plötzlich ihren Appetit wiederentdeckte und herzhaft in sein Bein biss. Mit einem Schrei warf Pellorin seine Schale in die Höhe, die klappernd unmittelbar vor Belzamirs Nase aufschlug und diesen nun endgültig aus seiner Konzentration riss.
„Pellorin!“ röhrte er aufgebracht.
„Meister...“, stammelte sein Gehilfe zitternd, „es war nicht meine Absicht. Dieses Untier...“
„Ich sollte dich zu ihnen in die Käfige stecken! Und deine Stimmbänder herausreißen und sie ihnen zum Fraß vorwerfen! Oder... noch besser... dich als Opfer in den schwarzen Tempel schicken! Vielleicht taugst du wenigstens dazu! Beim Sterben kann man nicht viel falsch machen!“ Die Hände zu einem Zauber ausgestreckt kam Belzamir auf ihn zu.
Pellorin erbleichte. „Es griff mich an! Es biss mich wie ein Wolf! Als, als wäre es wirklich ein Wolf...“ stammelte er immer leiser werdend.
Dies ließ Belzamir abrupt in seiner Bewegung erstarren. Seine Augen weiteten sich und Pellorin konnte seine Adern an Schläfen und Hals mit plötzlicher Aufregung wild pochen sehen. Würde sein Meister vor Wut sterben? Was würde dann aus ihm?
„Meister Belzamir?“ fragte er daher vorsichtig.
„Das ist es.“
„Das ist was? Meister Belzamir, ist Euch nicht wohl?“ Konnte man vor Wut in den Wahnsinn verfallen? War er dann ohne Anstellung?
„Beim Barte des Gambolin, das ist es!!!“ rief Belzamir aus und ein strahlendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er griff Pellorin an die Schultern und lachte ihn an.
„Du magst dumm sein, mein guter Pellorin, aber du bist doch auch sehr klug!“ freute sich Belzamir und begann wie wild auf und ab zu springen und dabei wie irre zu lachen.
Pellorin war sich nicht sicher was ihm mehr Angst einjagte, ein wütender Belzamir oder dies.
Nun begann sein Meister noch zu singen!
„Wöl-fe! Wöl-fe! Das ist es!”
Plötzlich wirbelte Belzamir herum und beugte sich über seinen Schreibtisch, wo er wild nach einem unbeschriebenem Pergament wühlte und es in aller Eile bekritzelte.
„Wölfe! Die Lösung! Aber dieses Mal will ich einen Menschen!“
„Und du!“ fuhr Belzamir an seinen Gehilfen gewandt fort, „du holst einen Boten. Ich habe eine Sendung für Sauron! Sein Problem ist bald gelöst!“
Kopfschüttelnd machte sich Pellorin also auf den Weg, seinen offensichtlich dem Wahn verfallenen Meister sich selbst überlassend.


Einige Meilen außerhalb von Armenolos verdunkelte sich der Himmel zusehends über der kleinen Reisegemeinschaft und der Wind nahm bedenklich an Stärke zu.
„Wie weit ist es noch, mein Herr?“ fragte ein untersetzter, kahler Mann mit vor Kälte geröteten Wangen.
Der Anführer der kleinen Gemeinschaft drehte sich auf seinem Pferd um und zog seine Kapuze tiefer in das Gesicht.
„Bei strammem Ritt noch gut einige Stunden. Ich denke nicht, dass wir dem Regen ausweichen können. Wir sollten Halt machen und einen Unterschlupf suchen.“
„Aber ich werde noch heute Abend erwartet“, schaltete sich daraufhin eine junge Frau ein.
„Lasst uns weiterreiten. Ein wenig Regen wird uns wohl kaum etwas anhaben können.“
„Lady Ligéia!“ prustete der kahle Mann empört. „Belzamir wird mir höchstpersönlich den Kopf abreißen, wenn es ihm zu Ohren käme, dass ich Euch Unpässlichkeiten ausgesetzt habe. Wir können es nicht riskieren, dass Ihr eine Erkältung bekommt!“
Ligéia zog die Brauen zusammen und baute sich zu ihrer vollen – nicht besonders beeindruckenden – Größe auf.
„Um Belzamir kümmere ich mich schon. Nach all den Jahren weiß ich genau, wie mit ihm umzugehen ist.“ Sprach sie, warf in einer kraftvollen Bewegung den Kopf zurück und reckte die Nasenspitze in die Höhe.
„Und nun – auf nach Armenolos! An den Hof des Königs!“
Kopfschüttelnd sahen sich ihre Begleiter an und machten sich auf ihr in das herbeiziehende Gewitter zu folgen.
So stur und furchtlos, dachte ihr kahler Begleiter betrübt, dass ihr das mal ja nicht zum Verhängnis würde wie einstmals ihrem Vater.
Langsam begannen die ersten kalten Tropfen zu fallen.


Sauron muss die Idee gefallen haben, wenn er mich in sein Gemach im Schwarzen Tempel zitiert, dachte Belzamir während er seiner Eskorte durch die dunklen Gänge unter dem Palast folgte. Tief in Gedanken versunken hatte er kaum bemerkt, wie sie an der verborgenen Anlegestelle angekommen waren, wo bereits Lord Grizmor auf sie wartete.
` Du meine Güte! Hoffentlich bleibt er still!´ dachte Belzamir verzweifelt, als er sich dem grauhaarigen Mann näherte.
„Belzamir, mein Junge! Welch Freude Euch zu sehen! Ihr vergrabt Euch zu sehr in Eurer Arbeit.“
Belzamir verdrehte die Augen in schierer Verzweiflung, setzte jedoch gleich darauf sein Lächeln auf, das er üblicherweise für besonders dumme und dreiste Patienten reserviert hatte.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Lord Grizmor. Doch sagt, was glaubt Ihr ist der Grund dafür, dass wir gerufen wurden?“ Und warum zusammen? fügte Belzamir in Gedanken hinzu.
„Da bin ich genauso im Unklaren wie Ihr selbst, Belzamir. Lord Sauron wird wie immer einen guten und weisen Grund haben.“ antwortete Grizmor.
In Gedanken setzte er jedoch seine Hoffnung darauf hinzu, dass Sauron ihn endlich zum obersten seiner Magier machen und er in die Gemächer zu Saurons Rechten einziehen würde. Ja, mein Junge, dachte Grizmor zufrieden, da schaffst du wochenlang deine kleinen Schoßtiere, aber es wird dir nichts nutzen. Ich bin immer noch Saurons bester Magier und kein kleiner Emporkömmling wird mir dieses Privileg abspenstig machen! Ich warte kaum auf dein Gesicht, wenn Sauron mir den Befehl erteilt den ersten Krötenmenschen zu erschaffen!


Belzamir dankte den Göttern, dass Grizmor heute – ganz entgegen seiner Gewohnheit – in tiefem Schweigen verharrte. Zwar zeigte sich auf dessen Gesicht von Zeit zu Zeit ein süffisantes und selbstzufriedenes Grinsen, doch solange er den Mund hielt wollte Belzamir sich nicht beschweren.
Die Fahrt in der kleinen Barke durch den unterirdischen Fluss, der das geheime Labyrinth unter dem Palast mit den Gängen unterhalb des schwarzen Tempels verband verlief ereignislos. Das leise Plätschern des Wassers gegen die Planken und das monotone Eintauchen der Ruder in das ruhige Gewässer wurde nur von Zeit zu Zeit von einigen aufgeschreckten Fledermäusen unterbrochen, so dass Belzamir Zeit hatte im Geiste noch einmal seinen Plan durchzugehen. Werwolf, so wollte er sein Geschöpf nennen, nach der Gestalt in den Märchen die seine Kinderfrau ihm als kleiner Junge immer vorgelesen hatte.
Geh nicht in den Wald, sonst holt dich der Werwolf, hatte sie erzählt und ihm dann lächelnd versichert, dass dies nur eine Geschichte sei.
Nun, meine Liebe, bald wird es weit mehr als das sein.


Im schwarzen Tempel angekommen erwartete Sauron sie in seinem Gemach im höchsten der fünf Türme. Belzamir wusste, es war die höchste aller Ehren dort empfangen zu werden und ihn erwartete entweder eine große Belohnung oder der Tod.
So war es nicht wegen der zahlreichen Treppen, dass sein Herz oben angekommen so stark schlug, dass es ihm beinahe die Brust zersprengte.
Zwei Wachen der Schwarzen Garde, die neben der tiefschwarzen, reichbeschnitzten Tür postierten, beäugten die Ankömmlinge misstrauisch und Belzamir merkte, wie neben ihm auch Lord Grizmor es mit der Angst zu tun bekam.
Eben als die Wachen die Türe öffnen wollten schwang diese von alleine auf und gab den Blick in eine große, karge Halle frei.
Langsam traten Belzamir und Grizmor vor, nur zögernd gefolgt von ihrer Eskorte.
Die Eingangshalle Saurons war in Schwarz und Blutrot gehalten. Kunstvoll beschnitzte Säulen ragten sich in die Höhe und im Licht der Blitze schien es, als ob die Bilder an den Wänden und der Decke zum Leben erwacht und sie von zahlreichen Ungeheuern mit langen Fängen und scharfen Krallen beobachtet würden.
„Warum zögert ihr?“ fragte da eine aufreizend sanfte Stimme. „Ich habe euch eingeladen, also tretet ohne Angst ein.“
Sauron.
Lord Grizmor und Belzamir folgten schweigend der Stimme, die sie sicher durch die Vorhalle in einen kleinen Nebenraum geleitete, der als kleiner Turm an der Seite von Sauron´s Turm herausragte. Unter ihnen stiegen gelbliche Schwaden aus dem Inneren des Tempels hinauf und neben ihnen entlud sich das Gewitter, welches sich bereits den ganzen Tag zusammengebraut hatte.
Sauron selbst erhob sich bei ihrem Eintreten aus einem prachtvoll bearbeiteten Stuhl und kam ihnen – ganz der gute Gastgeber – lächelnd entgegen.
„Welch freudige Überraschung, dass ihr mich besuchen kommt. Es ist das erste Mal, dass ihr meine Gemächer hier im Schwarzen Tempel betretet, nicht wahr?“
Nervös nickten die beiden.
„Aber, aber, nur keine falsche Bescheidenheit. Wen, wenn nicht meine talentiertesten Magier, sollte ich hier lieber empfangen? Seid nicht ängstlich... Ihr seid hier, um Eure rechtmäßige Belohnung für Eure Mühen zu erhalten!“
Belzamir lief es kalt über den Rücken. Sauron schien dies zu merken und lächelte ihm wissend zu, so dass Belzamir nur mit Mühe ein Zittern unterdrücken konnte.
Abrupt wandte sich Sauron Lord Grizmor zu.
„Und Ihr,“ schnurrte er in einer einschmeichelnden Stimme, “Ihr habt so ausgezeichnete Arbeit geleistet mit Euren ... ahem ... Krötenmenschen. Ein sehr interessantes Konzept.“
Grizmor gewann etwas von seiner Sicherheit zurück und baute sich bei diesen Worten auf.
„Andererseits“, fuhr Sauron fort, „Krötenmenschen! Was soll ich mit so etwas anfangen? Wie seid Ihr nur auf so einen Schwachsinn gekommen? Und was, wenn sie gut schwimmen könnten! Ihr sollt Krieger schaffen, keine Meisterschwimmer! So vertut Ihr die Möglichkeiten die ich Euch biete?“
Grizmor schien in sich zusammenzuschrumpfen.
„Lord Sauron, verzeiht.“ Flüsterte er. „Es kommt nicht wieder vor ... das nächste Mal...“
„Es wird kein nächstes Mal geben, Grizmor!“ wurde er scharf unterbrochen.
„Ich habe nicht vor, Versager zu beschäftigen!“
Grizmor erbleichte als Sauron daraufhin seine Hand nach ihm ausstreckte. Würde er nun sterben? Gewiss würde er das! Bebend wartete er darauf, dass Sauron ihn erwürgte.
Doch dieser tätschelte ihm nur in einer vergebenden Geste die Wange
„Mein lieber Grizmor. Zum Magier mögt Ihr nicht taugen, aber glücklicherweise kümmert Ihr Euch so aufopfernd um Belzamirs kleine Kreaturen, dass dies fortan Eure Aufgabe sein soll.
Helft unserem jungen Freund und seid ihm zur Hand.
„Aber mein Lord...“, setzte Grizmor an.
„Schweig! Und nun aus meinen Augen!“ donnerte Sauron, so dass der Turm in seinen Grundfesten zu erzittern schien.
Grizmor jedoch huschte hängenden Kopfes und unter tiefen Verbeugungen aus dem Raum, so dass Belzamir mit Sauron alleine blieb.
„Und nun zu Dir, mein junger Heiler.“
Belzamir spürte, wie sein Herz einen Schlag aussetzte. Wenn er schon Grizmor, einen seiner treuesten und ältesten Diener fast umgebracht hätte, was würde er mit ihm tun?
„Wolfsmenschen...“ begann Sauron verächtlich.
Oh hätte ich ihm nie dieses Pergament geschickt! wünschte sich Belzamir leise.
„Wie bist du nur auf Wolfsmenschen gekommen? Das ist so...“ Sauron machte eine unentschlossene Geste mit der Hand, die für Belzamirs Verständnis viel zu sehr an Köpfen erinnerte.
„So ... brilliant! Genau was wir brauchen! Und ich habe da auch schon einen Gefangenen für dich im Sinn. Ein ganz besonderer junger Mann...“ lächelte Sauron und legte Belzamir den Arm um die Schultern, während dieser den Atem entließ von dem er noch nicht einmal gemerkt hatte, dass er ihn angehalten hatte.
„Freilich sollst du nicht mehr viel länger in deinem kleine Studierzimmer hocken. Mit wachsenden Herausforderungen brauchst du wachsende Möglichkeiten. In den nächsten Tagen wirst du deine Studien hier machen können. In deinen neuen Gemächern im Turm zu meiner Rechten.“
Und wieder stockte Belzamir der Atem, dieses Mal jedoch wegen der unverhofften Gunst, die Sauron ihm zuteil werden ließ.
Konnte es doch sein, dass all seine Träume sich nun erfüllen würden?


Es war bereits tief in der Nacht als die kleine Reisegemeinschaft am Hofe von Armenolos ankam. Sie waren bis auf die Knochen durchnässt, da sie in ein schweres Gewitter geraten waren. Bibbernd saßen sie nun in einer der großen Empfangshallen und warteten auf die Ankunft des Hofheilers.
„Ich habe Euch doch gesagt...“ setzte der kahlköpfige Mann an.
„Ach schweigt! Wir sind angekommen, nicht wahr? Wo liegt also Euer Problem?“ antwortete Lady Ligéia fröhlich.
„Wir werden alle furchtbar krank werden, meine Liebe. Wollt ihr etwa so Euren Beginn als Hofdame machen?“
„Galinor...“ antwortete Ligéia nun mit etwas Ungeduld in ihrer Stimme. „Wenn Eure Eltern wüssten, dass ...“
„Belzamir!“ rief Ligéia plötzlich glücklich aus, als sich die Tür öffnete und dieser eintrat. Sie sprang von ihrem Platz auf, eilte ihm entgegen und sank dann glücklich in eine innige Umarmung.
„Ligéia! Welch freudige Überraschung dich hier anzutreffen!“ rief Belzamir entzückt aus.
Sie strahlte zu ihm hoch und strich ihm eine dunkle Strähne aus der Stirn.
„Ich konnte doch meinen großen Bruder nicht so lange alleine lassen, oder?“ antwortete seine Schwester und ließ sich überglücklich von ihm herumwirbeln.
(Ingrid)