Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel




Geschichten

Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest, dass es in der Nacht geschneit hatte. Der Schnee lag so hoch, dass er mir bis zum Knie ging. Die Schafe mussten in ihrer Umzäunung bleiben, weil sie draußen sowieso kein Gras mehr gefunden hätten. Wir holten getrocknetes Gras aus einer Scheuer, das wir ihnen zum Fressen hinlegten. Das Gras musste im Frühling oder frühen Sommer geschnitten und getrocknet worden sein, denn es war grün und duftete. Das Gras, das ich im Spätsommer und Herbst gesehen hatte, war trocken und hart gewesen.
Der Schnee blieb einige Tage liegen, dann schmolz er wieder. Der Regen, der im Sommer gefehlt hatte, kam nun geballt in wenigen Wochen. Obwohl das Land eine Schlammwüste war, mussten Yâmareth und ich jetzt wieder mit Cruc die Schafe auf die Wiesen führen. Es gab nicht genug Heu für den ganzen Winter und so lange es irgend möglich war, mussten die Schafe grasen. Es regnete von morgens bis abends und obwohl wir dicke Mäntel trugen, waren wir bald bis auf die Haut durchnässt. Die Sachen trockneten abends vor dem Feuer kaum, denn das Feuer musste niedrig gehalten werden, weil auch nicht genug Holz da war.
Die Luft war kalt und wir froren erbärmlich. Um uns warmzuhalten rannten wir zuerst immer um die Herde, bis ich einmal im Matsch ausrutschte und der Länge nach hinfiel, so dass ich von oben bis unten besudelt war. Von da an liefen wir auf der Stelle oder schlugen mit den Armen um uns.
Den Schafen ging es nicht besser. Das gute Gras, das sie finden und fressen sollten, gab es nicht. Die toten verwelkten Stängel des Sommers faulten im Regen. Nachts war es draußen so kalt, dass das Regenwasser in ihrem Pelz zu Eis gefror. Morgens führten Yâmareth und ich dann eine Horde klingender Schafe an, wenn die Eiszapfen unter den Bäuchen gegeneinander schlugen. Aber das hörte bald auf, denn der Boden wurde so sehr aufgeweicht, dass die Tiere bis zum Bauch im Matsch steckten.
Schließlich sah mein Onkel ein, dass es keinen Zweck hatte. Die Herde kam wieder in ihren Pferch und bekam Heu zu fressen. Die Schafe drängten sich eng zusammen, um nicht so zu frieren, denn es hörte nicht auf zu schütten.
Am andern Morgen wollte Yâmareth nicht aufstehen. Sie war sehr bleich und sagte, ihr sei kalt. Ich fand es auch sehr kalt, aber im Gegensatz zu der Kälte draußen im Regen bei den Schafen war es richtig warm. Meine Tante fühlte ihr die Stirn und sagte, sie habe Fieber. Yâmareth bekam ein Lager direkt am Feuer hergerichtet und wurde in viele Decken gepackt, aber sie fror immer noch. Um das Fieber zu kühlen, legte ihr die Tante feuchte Tücher auf die Stirn, denn obwohl sie fror, glühte Yâmareth beinahe. Sie war sehr schwach und konnte kaum essen und trinken. Fast den ganzen Tag schlief sie und fantasierte im Schlaf.
Inzwischen hatte der Regen endlich aufgehört, aber er wurde von schweren Schneestürmen abgelöst. Mit dem Schnee kamen die Wölfe. Der Onkel und Krothar wachten jede Nacht bei den Schafen. Sie zündeten Feuer an, um die Wölfe fernzuhalten. Tagsüber trauten sich die Tiere nicht an den Hof heran, aber der Onkel befürchtete, dass der Hunger sie bald die Angst vergessen lassen werde und sie sich dann auch am Tage näher wagen würden. Auch würden er und Krothar sie dann nachts nicht mehr alleine abschrecken können, und so schickte er Krothar los, um andere Schäfer um Hilfe zu bitten. Ich half nun dem Onkel so gut ich konnte, aber ich konnte es wohl nicht besonders gut.
Drei Tage, nachdem Krothar gegangen war, kam er mit mehreren anderen Männern und Schafen zurück. Die näheren Nachbarn hatten ihre Herden gebracht, damit sie nun alle Schafe gemeinsam beschützen konnten. Meine Tante stöhnte, denn es war nicht genug zu essen für alle da. Auch das Holz wurde schnell weniger.
Denn abends wurden noch immer die Feuer angezündet und das Feuer in der Stube musste auch unterhalten werden.
Noch hielten die Wölfe Abstand und draußen an den großen Feuern wurden die alten Geschichten erzählt. Yâmareths Fieber ging zurück, aber sie war noch nicht ganz gesund. Sobald sie konnte, ging sie abends in eine Decke gewickelt hinaus, um die Erzählungen zu hören.
Utheko, ein sehr alter Schäfer, erzählte von Aldarion, der das Meer und Mittelerde liebte, und von seiner Frau Erendis, die von ihm allein gelassen wurde und mit ihrer Tochter Ancalime nach Emerië zog. Er sprach davon, wie Ancalime sich als die Schäferin Emerwen ausgab und so einen Schäfer namens Mámandil traf, der sich dann aber als ihr Verwandter herausstellte und wie sie stolz wurde und auf seinen Heiratsantrag antwortete, sie heirate höchstens Úner, also niemanden. Wie sie dann doch heirateten, wie sie Königin wurde und es zwischen ihnen nur noch Hass gab, wie ihr Vater auf einer Fahrt nach Mittelerde umkam und ihre Mutter ins Meer ging.
Die Geschichte war zu Ende. Alles drehte sich um mich. Das konnte doch nicht wahr sein! Ich stand von meinem Platz am Feuer auf und wankte davon. Ich hörte noch einen Ruf, wo ich denn hinwolle, Vorsicht die Wölfe, aber ich lief weiter. Als ich mich ziemlich weit von den Feuern entfernt hatte, bekam ich doch Angst und kehrte wieder um. Ich ging mitten in die Schafherde und kauerte mich zwischen den schlafenden Tieren auf den Boden. Mein ganzes Unglück kam wieder in mir hoch, bis ich kaum mehr atmen konnte. Ancalimes Vater war auf einer Fahrt mit dem Schiff gestorben. Wahrscheinlich hatte ihn dasselbe Ungeheuer geschluckt, das auch meinen Vater gefressen hatte. Wie Mutter hatte ihre Mutter sich getötet, als sie von dem Unglück hörte. Utheko hatte genau meine Geschichte erzählt! Ich wollte am liebsten sterben. Aber Ancalime war auch nicht gestorben. Statt dessen war sie Königin geworden. Sie war aber auch schon älter als ich gewesen, als ihre Eltern starben. Glücklich war sie trotzdem nicht geworden. Würde es mir genauso gehen, wie ihr? Würde auch ich nie wieder glücklich sein? Es ist nur eine Geschichte, sagte ich mir. Nur eine Geschichte? Sie war so wahr! Wieder einmal wusste ich nicht, was ich tun sollte.
Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ich noch zwischen den Schafen. Ich rappelte mich auf und ging zum Haus. Ich öffnete die Tür und ging hinein. Meine Tante sah auf, warf mir einen eisigen Blick zu und wandte sich dann wieder ihrer Arbeit zu.
Mein Magen knurrte. „Ich habe Hunger“, sagte ich.
Die Tante reagierte nicht. „Ich habe Hunger“, wiederholte ich noch einmal.
Wieder geschah nichts. Was war nur los? Auf dem Tisch lag ein Brot. Ich ging hin, um mir ein Stück davon abzureißen.
„Auch dir einen guten Morgen“, sprach die Tante plötzlich. Es klang sehr unfreundlich. „Hast du gut geschlafen?“
Ich wunderte mich, wie feindlich so ein freundlicher Satz sich anhören konnte. Ich murmelte: „Guten Morgen“ und griff nach dem Brot.
„Lass das Brot liegen. Wo warst du?“
„Draußen.“
„Was hast du nachts draußen allein zu suchen, wenn die Wölfe herumschleichen? Ich sagte, lass das Brot!“
„Ich war bei den Schafen!“ schrie ich. Warum ließ sie mich nichts essen? Ich hatte Hunger! „Und überhaupt, was interessiert es dich, wo ich schlafe! Wenn mich die Wölfe gefressen hätten, wärt ihr sicher nicht sehr traurig gewesen! Dir ist es doch sowieso egal, wenn deine Verwandten sterben und dein Mann würde sich freuen, wenn es einen Esser weniger gäbe!“
„Das ist genug!“ rief die Tante und gab mir eine Ohrfeige.
Ich rannte aus dem Haus und knallte die Türe zu. Meine Backe brannte. Keine Sekunde länger wollte ich in diesem Haus bleiben! Aber es war Winter und ich dachte an die Wölfe, die da draußen lauerten. Ich verschob meine Flucht noch einmal und versteckte mich stattdessen bei den Schafen.
Später fand mich Yâmareth und setzte sich zu mir.
„Ich hab dir doch gesagt, dass das Ende traurig ist“, sagte sie.
„Du hast doch keine Ahnung!“ sagte ich.
Sie ging wieder.


„Erzähl uns das Märchen von der tapferen Yâmareth!“ bat meine Kusine eines Abends.
Und Utheko erzählte: „Zu der Zeit, als die Menschen noch viel älter wurden, als wir heute, lebten einmal ein Schäfer und seine Frau. Die beiden hatten alles, was man zum Leben braucht und eine große Herde, aber es waren ihnen bisher keine Kinder vergönnt gewesen. Da sie beide schon fast vierhundert Jahre alt waren, was auch für die damalige Zeit ein sehr hohes Alter war, fragten sie sich, wer einmal ihre Herde übernehmen würde, wenn sie dazu nicht mehr im Stande wären. Eines Tages sagte der Alte zu seiner Frau: 'Geh in die Königsstadt und bitte Eru, uns einen Sohn zu schenken.' Und sie machte sich auf den Weg zum Meneltarma.“
„Wer ist Eru?“ wollte ich wissen.
„Yâmareth, weißt du es?“ fragte Utheko.
„Nicht mehr so genau“, meinte sie. Also erklärte er:
„Es heißt, er habe die Welt erschaffen und lenke noch immer die Geschicke der Menschen. Früher hat ihm der König an bestimmten Tagen im Jahr ein Opfer gebracht, damit er Anadûnê wohlgesonnen ist. Doch unser König behauptet, es gibt ihn nicht.“
„Und deshalb schickt er uns schlechtes Wetter?“ fragte Yâmareth.
„Psst!“ machte Utheko und sagte laut: „Das habe ich nicht behauptet. Ich habe nur gesagt, dass die Leute früher geglaubt haben…“
„Du brauchst dich nicht vor uns zu rechtfertigen, Utheko!“ unterbrach ihn einer der anderen Männer, die zugehört hatten, „vor uns musst du wirklich keine Angst haben!“
Daraufhin schwieg Utheko.
„Gibt es diesen Eru jetzt eigentlich, oder nicht?“ wollte ich wissen.
„Ich weiß es nicht“, sagte Utheko leise. „Wie soll man auch etwas wissen, in diesen Zeiten!“
Jetzt schwieg er vollends und kaute nur noch auf seinem Strohhalm herum.
„Ist ja auch egal“, meinte Yâmareth ungeduldig, „wie geht’s weiter?“
„Ach ja. Wo war ich stehengeblieben?“
„Die alte Frau wollte gerade diesen Eru bitten, dass sie ein Kind kriegt.“
„Ja, stimmt. Die alte Frau zog also zum Heiligtum und ihr Wunsch wurde erhört. Ein Jahr später gebar sie einen Knaben, den sie Frôthek nannte. Der Junge wuchs heran und wurde schöner als Sonne und Regen und war ein guter Schäfer. Manche Leute behaupteten, er könne mit den Tieren sprechen, weil er wie kein anderer sofort wusste, was einem Schaf fehlte.“
„Aber er konnte nicht mit den Tieren sprechen, oder?“ fragte Yâmareth.
„Wer weiß? Vielleicht konnte er ja wirklich mit Schafen sprechen. Mit anderen Tieren konnte er sicher nicht sprechen, wie ihr gleich selbst sehen werdet.“
Yâmareth grummelte. Ich hoffte, dass er diesem Thema nicht weiter folgte, weil ich wissen wollte, wie es weiterging. Mit welchen Tieren dieser Frôthek sprechen konnte, war mir egal. Aber Yâmareth war immer noch unzufrieden. Sie hörte das Märchen ja schließlich auch nicht zum ersten Mal und wusste, wie es weiterging.
„Sieh mal, Yâmareth“, meinte Utheko, „es ist nicht wichtig, ob er wirklich die Schafsprache sprechen konnte. Wichtig ist, dass er wusste, was in diesem Augenblick gut für die Tiere war. Ob ihm das die Schafe gesagt haben, oder ob er es selbst wusste, ist nicht so wichtig.“
Das fand ich auch. Yâmareth anscheinend nicht, aber Utheko fuhr trotzdem fort: „Nun lebte in der Gegend auch ein Mädchen namens Yâmareth. Dieses Mädchen war schön wie eine saftige grüne Wiese voller Schafe und sehr verständig. Als Frôthek mit seinen Schafen unterwegs war, sah er Yâmareth, wie sie an einem Bach Wasser holte. Er verliebte sich sofort in sie und auch sie fand Gefallen an ihm. Und so geschah es, dass Frôthek seine Schafe immer öfter in der Nähe von Yâmareths Elternhaus weiden ließ und sie ihn in jeder freien Stunde aufsuchte. Dann spielte er ihr seine Lieder vor. Sie webte ihm abends heimlich ein buntes Band und als es fertig war, band sie es ihm um den Arm, damit er sie nie vergessen sollte. Fortan trug er dieses Band immer und nahm es nie ab.
Eines Tages saß Frôthek bei seinen Schafen, blies auf seiner Hirtenflöte und schaute dann und wann aus, ob er vielleicht Yâmareth sehen konnte, die gerade auf dem Weg zu ihm wäre. Leider hatte Yâmareth an diesem Tag sehr viel zu tun und konnte ihn nicht besuchen. So musste Frôthek vergeblich nach ihr ausschauen.
Als er wieder einmal seinen Blick schweifen ließ, ob sie sich nicht näherte, gewahrte er statt seiner Liebsten einen Wolf, der sich an die Schafe heranschlich. Natürlich wunderte sich Frôthek, dass sich ein Wolf an einem Sommernachmittag auf die offene Wiese wagte. Doch weiter dachte er sich nichts dabei. Er legte seine Flöte ins Gras und ging dem Wolf mit seinem Hirtenstab entgegen, um ihn zu verscheuchen. Der Wolf aber schlich weiter auf die Schafe zu, und so gab ihm Frôthek mit dem Stab einen Schlag auf die Flanke und zog sein Messer. Doch kaum hatte er ihn geschlagen, begann sich das Tier zu verwandeln. Wo eben noch der Wolf gestanden hatte, stand nun…“
Hier machte er eine Pause und fragte dann: „Na, Yâmareth?“
„Ein Elb!“ flüsterte sie voll ehrfürchtigem Schrecken.
Ein Elb? Was war denn das? Ich hatte dieses Wort noch nie gehört. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Art Meerungeheuer für Grasland. Vorsichtshalber fragte ich aber noch einmal nach.
„Darf ich, darf ich?“ fragte Yâmareth aufgeregt.
Utheko nickte.
„Elben sind so etwas wie böse Zauberer. Sie können sich in Tiere verwandeln und sie können andere Leute in Tiere verwandeln oder vergiften. Sie können auch die Quellen vergiften, so dass die Schafe krank werden und sie können nie sterben, außer jemand tötet sie. Sie sind sehr hässlich, aber sie kennen einen Zauber, dass jeder denkt, sie sind schön und macht, was sie wollen.“
Utheko nickte und erzählte weiter: „Der Wolf war also ein Elb. Der Elb war sehr erbost darüber, dass Frôthek ihn geschlagen hatte und zur Strafe verwandelte er ihn in einen Esel, der ihn nach Hause tragen sollte. Dann wollte er die Herde mitnehmen, doch Frôtheks Hund hinderte ihn und verteidigte die Herde. Da verwandelte sich der Elb in ein Ungeheuer und fraß den Hund. Er verwandelte sich zurück und verzauberte die Schafe, dass sie ihm willig folgten. Sodann bestieg er den Esel und ritt nach Hause.“
„Und was war mit Yâmareth?“ fragte Yâmareth.
„Yâmareth hatte zwei Tage lang so viel zu tun, dass sie keine Möglichkeit hatte, zu Frôthek zu gehen. Am dritten Tag fand sie endlich Zeit und suchte ihn. Doch er war nicht da. Nicht dort, wo sie ihn verlassen hatte und auch nicht in der Umgebung. Yâmareth ahnte, dass ihm etwas zugestoßen war. Sie suchte die Stelle ab, wo sie zuletzt mit ihm gesessen hatte und fand schließlich seine Flöte neben einem großen Stein im Grase liegen. Jetzt war sie sicher, dass er in Gefahr war. Weil aber seit der schändlichen Tat zwei Tage vergangen waren, konnte sie nicht mehr am Gras erkennen, in welche Richtung man ihren Liebsten gebracht hatte. Und trotzdem kehrte sie nicht um, sie beschloss ihren Liebsten zu finden, und wenn sie dabei durch die ganze Welt reisen musste.“
„Und das hat sie dann auch gemacht.“
„Ja, fast. Drei Jahre lang durchsuchte sie ganz Anadûnê, bis sie schließlich in Andustar in die Nähe der Behausung des Elben kam. Der Elb erfuhr, dass ein Mädchen aus Mittalmar ihren verschwundenen Liebsten suchte. Er dachte bei sich: 'Vielleicht kann ich sie ja in mein Haus locken und eine Ziege aus ihr machen.'
Und er sandte einen Raben aus, der ihr sagen sollte: 'Geh geradewegs in den Wald, bis du auf eine große Lichtung kommst. Auf dieser Lichtung steht ein hoher Baum, von dem eine Leiter herabhängt. Steige die Leiter hinauf und du wirst in ein Haus kommen. Dort wirst du erfahren, wo du deinen Liebsten finden kannst.'
Yâmareth ging geradewegs in den Wald, bis sie auf die Lichtung kam. Auf der Lichtung stand ein hoher Baum, von dem eine Strickleiter herabhing. Yâmareth nahm sich ein Herz und stieg die Leiter hinauf. Sie stieg so hoch, dass sie fast die Wolken greifen konnte und dann war sie in dem Haus. Sie rief, ob jemand da sei, aber es antwortete niemand. Sie sah, dass ein Kanten Brot auf dem Tisch lag und dass in einer Ecke des Zimmers ein Bett stand. Weil es schon dämmerte und weil sie müde und hungrig war, aß sie das Brot und legte sich in das Bett. Alsbald schlief sie tief und fest.
Als sie schlief, kehrte der Elb zurück und wollte sie in eine Ziege verwandeln. Als er aber sah, wie schön das Mädchen war, das da in seinem Bett lag, wagte er es nicht, ihr etwas anzutun. Er beschloss, sie zu seiner Frau zu machen. Er nahm die Strickleiter ab und warf sie auf die Erde. Dann verwandelte er sich in einen Vogel, flog hinab, versteckte die Strickleiter und sann nach, wie er das schöne Mädchen wohl dazu bewegen konnte, seine Frau zu werden. Schließlich dachte er, dass seine falsche Schönheit genügen werde.“
„Aber Yâmareth fällt nicht darauf rein, oder?“ fragte meine Kusine, obwohl sie es genau wusste.
„Natürlich fällt sie nicht darauf rein. Sie erklärte ihm, dass sie ihn nicht heiraten konnte, weil sie ihren Liebsten suchen musste und dass sie nur im Haus des Elben war, weil ihr ein Rabe erzählt hatte, dass sie dort erfahren könne, wo sich ihr Liebster aufhielt. Der Elb grinste schlau: 'Wenn ich dir zeige, wo dein Liebster ist, wirst du mich dann heiraten?'
'Nein', antwortete sie, 'dann werde ich ihn befreien und ihn heiraten.'
Da wurde der Elb wütend und überlegte, ob er sie doch noch in eine Ziege verwandeln sollte. Aber er beherrschte sich und sagte sich, dass die Zeit sie schon mürbe machen würde. Zu ihr aber sprach er: 'Du kommst hier nicht heraus, bevor du nicht meine Frau bist. Mir macht die Zeit nichts aus, aber du wirst immer älter und hässlicher, so dass ich dich am Ende verstoßen könnte und du würdest keinen Mann mehr finden.'
'Wenn ich Frôthek nicht heiraten kann, will ich gar nicht heiraten', antwortete sie.
'Und wenn er dich verstößt?'
'Warum sollte er das tun?'
Der Elb lachte teuflisch. 'Ich werde ihm erzählen, dass du in meinem Bett gelegen hast!'
Yâmareth erschrak: 'Das ist nicht wahr! Lügner!'
'Wohl ist es wahr', höhnte der Elb, 'das Bett, in dem du die letzte Nacht verbracht hast, gehört mir. Dass ich in dieser Nacht im Wald geschlafen habe, werde ich eben verschweigen.'
Yâmareth war verzweifelt. 'Bitte tut das nicht!“ bat sie, 'ich werde alles tun…'
'Dann heiratet mich!'
Yâmareth wusste nicht mehr, was sie tun oder sagen sollte und begann zu weinen. Den Elb freilich rührten ihre Tränen nicht und er machte sich gleich daran, seine Drohung wahrzumachen und suchte seinen Esel auf.
Das arme Mädchen wusste nicht, was tun in ihrer Not. Sie wollte fliehen, aber die Strickleiter war verschwunden. Sie hätte sich beinahe vom Baum gestürzt, doch sie dachte daran, dass sie gekommen war, um Frôthek zu befreien. Sie war über die ganze Insel gereist, um ihn zu finden, und nun, da sie endlich eine Spur gefunden hatte, konnte sie nicht einfach aufgeben. Sie schwor sich, ihn zu erlösen, ganz gleich, ob er dem Elb glaubte und sie verstieß. Vielleicht konnte sie den Elb ja überlisten. Sie nahm das Brotmesser an sich, falls der Elb versuchen sollte, ihr Gewalt anzutun.
Als der Elb am Abend zurückkam, sagte sie zu ihm: 'Gibt es nicht eine Möglichkeit, dass Ihr meinen Liebsten freigeben könnt?'
Er antwortete: 'Nein. Es gibt keine Möglichkeit.'
Aber Yâmareth sagte: 'Ihr könnt mir doch ein Rätsel stellen. Wenn ich es löse, ist mein Liebster frei', denn Rätsel raten konnte sie gut.
'Gut. Ich stelle dir drei Aufgaben. Du musst ihn dreimal erkennen. Wenn es dir gelingt, seid ihr beide frei und könnt gehen, wohin ihr wollt. Wenn du aber versagst, musst du meine Frau werden.'
Yâmareth erklärte sich einverstanden und der Elb verwandelte sich in einen Vogel und flog wieder fort.
Am nächsten Morgen war er wieder da. Er verwandelte sie in eine Maus und trug sie als Vogel auf eine Weide. Dort gab er ihr ihre eigene Gestalt wieder.
Die Weide aber war voller Schafe und er sagte zu ihr: 'Finde deinen Liebsten unter all den Schafen heraus, dann hast du die erste Aufgabe gelöst.'
Yâmareth sah sich jedes Schaf genau an und eines unter ihnen hatte ein buntes Band an einem Bein. Daran erkannte sie, dass dieses Schaf Frôthek war.
Der Elb war wütend, dass sie die erste Aufgabe gelöst hatte, trug sie in sein Haus zurück und kehrte dann zu den Schafen zurück. Er wollte wissen, wie sie ihren Liebsten erkannt hatte. Er fand das bunte Band und ärgerte sich, dass er sich hatte überlisten lassen. Er nahm es ab und warf es fort.
Doch zwei Aufgaben blieben ihr noch. Der Elb sagte sich, dass er es ihr das zweite Mal nicht so leicht machen werde.
Am nächsten Morgen trug er sie zu einem großen Baum im Wald. In dem Baum saßen viele Vögel und sangen. Als Yâmareth ihre Hand ausstreckte, kamen sie zu ihr.
'Dies ist die zweite Aufgabe', sagte der Elb, 'du musst deinen Liebsten unter diesen Vögeln herausfinden.'
Yâmareth ließ einen Vogel nach dem anderen auf ihre Hand sitzen und hörte sich sein Lied an. Es war aber ein Vogel unter ihnen, der sang lauter Hirtenlieder, die Frôthek Yâmareth einst vorgespielt hatte. Daran erkannte sie ihn.
Der Elb ärgerte sich, dass sie auch diese Aufgabe gelöst hatte. Er trug sie in sein Haus zurück und versuchte dann, herauszufinden, woran sie ihn erkannt hatte. Aber er fand es nicht heraus, weil er das Lied nicht kannte, das der Vogel sang. Er bekam es mit der Angst zu tun, sie könne auch die letzte Aufgabe noch lösen, und schwor sich deshalb, mit allen Mitteln zu verhindern, dass dieses geschah.
Er flog zu ihr und sagte ihr, so und so müsse sie am Morgen gehen und sie werde an einen großen Teich voller Fische kommen. Unter diesen Fischen müsse sie ihren Liebsten herausfinden, dann habe sie auch die letzte Aufgabe gelöst. Als sie schlief, machte er die Strickleiter wieder fest und ging dann in den Wald, wo er einen See zauberte und Frôthek und die Schafherde in Fische verwandelte. Als er damit fertig war, legte er sich nicht schlafen, sondern ging hin und verwandelte auch sich selbst in einen Fisch und mischte sich unter den Schwarm.
Yâmareth aber stand früh am nächsten Morgen auf und suchte den Teich. Dort sah sie den Fischschwarm. Sie war verzweifelt, denn sie wusste nicht, woran sie einen Fisch erkennen sollte. So saß sie nur traurig im Gras und beobachtete den Schwarm. Besonders fiel ihr ein Barsch auf, der immer wieder Jagd auf die anderen Fische machte. Mit der Zeit merkte sie, dass der Barsch immer dieselbe Forelle zu jagen schien. Sie streckte ihre Hand ins Wasser und alle Fische flohen. Nur die Forelle und der Barsch schwammen auf sie zu. Nun war sie sicher, dass der Barsch der Elb sein musste und die Forelle Frôthek. Sie fing die beiden Fische und legte sie auf das Ufer. Dann nahm sie ihr Brotmesser und tötete den Barsch. Sofort verschwand der See, die Forelle verwandelte sich wieder in Frôthek und die anderen Fische in seine Schafherde.
Frôthek fragte sie, ob es wahr sei, was der Elb ihm erzählt hatte und Yâmareth beteuerte, dass es alles gelogen sei. Er glaubte ihr und sie zogen nach Hause, heirateten und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende. Das war die Geschichte von der tapferen Yâmareth.“
„Und wer wurde nach ihr benannt?“ fragte Yâmareth, meine Kusine.
„Du“, antwortete Utheko und strich ihr über den Kopf. Sicher hatte er ihr schon tausendmal auf diese Frage diese Antwort gegeben.
Dies war die letzte Geschichte für diesen Abend und als Yâmareth und ich ins Haus gingen, meinte sie: „Ich wäre auch gerne so mutig wie die Yâmareth aus der Geschichte.“
Nach einem Augenblick des Schweigens, als wir schon kurz vor der Tür waren, fragte sie mich: „Du auch?“
„Ja“, antwortete ich.
Aber solche Abenteuer konnte ich sowieso niemals erleben und außerdem wäre ich mit einer normalen Familie auch schon zufrieden gewesen. Aber das wollte ich ihr nicht sagen.


Der Winter wurde immer schlimmer. Das neue Jahr kam ohne Aufsehen, denn die Wölfe wagten sich von Nacht zu Nacht näher heran, gelangten auch dann und wann an den Männern vorbei und rissen ein Schaf und dann wurde auch noch Yâmareth wieder krank. So fiel das Neujahrsfest aus.
Sie lag wieder den ganzen Tag am Feuer und glühte und fror abwechselnd. Am einen Tag war sie zu schwach, um überhaupt zu essen und sie glaubte zu erfrieren, dann schien es ihr wieder besser zu gehen, sie war fröhlich, ihre Wangen rosig und sie wollte hinaus zu den Männern und den Schafen gehen. Die Tante fühlte ihre Stirn und merkte, dass sie noch immer fieberte. Sie verbot ihr, vor die Tür zu gehen. So lag Yâmareth also weiter in ihrem Bett und erzählte mir die Geschichten, die sie nicht hören konnte, und welche Taten sie später vollbringen wollte.
Dann fing sie an zu husten. Tagelange Hustenkrämpfe wechselten sich ab mit genauso langen Zeiten, in denen sie ganz gesund schien, wenn man vom Fieber absah. Dann wieder war sie so schwach, dass jedes Mal Husten ihre ganze Kraft zu brauchen schien und sie kaum flüstern konnte. Mal verschlief sie den ganzen Tag und mal konnte sie eine ganze Nacht lang keinen Schlaf finden. Die Tante ließ Saraphel die meiste Arbeit tun und kümmerte sich so viel sie konnte um Yâmareth. Sie schlief nur noch wenig, denn sie lief mit tiefen Ringen unter den Augen umher. Auch ich saß die meiste Zeit an Yâmareths Bett und ging nur selten hinaus an die frische Luft. Ich überlegte mir: Ob sich die Tante genauso um mich kümmern würde, wenn ich krank wäre?
Yâmareth hatte wieder einen Hustenanfall. Sie hustete und hustete schlimmer als zuvor und ich hatte schon Angst, dass sie erstickte, da machte sie ein Geräusch, als ob sie Schleim im Hals hätte, doch als sie ihn auf ein Tuch gespuckt hatte, war es kein Schleim, sondern Blut. Die Tante nahm das Tuch weg und fühlte ihr die Stirn. Dann legte sie mehr Holz aufs Feuer, gab Yâmareth ein frisches Tuch und versuchte, sie zum Trinken zu verleiten. Ich hatte das Gefühl, als seien ihr Gesicht noch besorgter und die Ringe unter ihren Augen noch dunkler geworden. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, denn ich hatte selber schreckliche Angst um Yâmareth.


Eines Nachts erwachte ich von einem großen Lärm. Er kam von draußen. Ich zog mich an und sah nach. Zuerst konnte ich nur ein paar Männer erkennen, die schreiend und rufend herumliefen. Dann sah ich auch die gedrungenen, ausgemergelten Gestalten, mit denen sie kämpften. Die Wölfe hatten es endlich gewagt und die Männer offen angegriffen.
Ich rannte hinaus und wollte helfen, doch ich hatte keine Waffe. Also holte ich mir den Bratspieß aus dem Haus. Der alte Utheko sah mich und fragte, was ich hier zu suchen habe. Ich erklärte, dass ich dabei helfen wollte, die Schafe zu verteidigen. Er rief, das solle ich mir ja aus dem Kopf schlagen, ich solle sofort ins Haus gehen. Ich zögerte. Ich sah zum Haus und dann zu den kämpfenden Männern. Also gut! Ich kehrte um.
Plötzlich erblickte ich einen der grauen Schatten an der Haustür, die ich offen gelassen hatte. Das war mein Wolf! Ich musste ihn töten! Aber als ich das große Tier genau ansah, kam ich mir plötzlich sehr hilflos vor mit meinem Bratspieß. Wieder zögerte ich. Wollte ich wirklich diesen Wolf angreifen? Doch der Wolf war auf dem Weg ins Haus. Ich hatte die Türe offen gelassen. Im Haus war Yâmareth. Sie war krank und konnte sich nicht wehren.
Ich schrie, so laut ich konnte. Der Wolf drehte sich um. Ich schrie noch lauter und stürmte mit meinem Bratspieß auf ihn los. Der Wolf ging einige Schritte auf mich zu und blieb dann stehen. Er hatte sich vom Haus abgewandt, aber für mich war es zu spät zum Anhalten. Der Wolf duckte sich, ich warf den Spieß fort und ließ mich auf den Boden fallen, wo ich mich einrollte. Gleich war der Wolf über mir. Ich hatte furchtbare Angst. Aber der Wolf biss mich nicht, sondern jaulte auf, ließ von mir ab und wandte sich einem neuen Gegner zu. Vorsichtig rappelte ich mich auf und sah nach. Einer der Männer hatte den Wolf angegriffen und verletzt, gerade noch rechtzeitig, bevor der Wolf mich verletzen konnte, und kämpfte jetzt mit ihm.
Ich stand auf. Meine Knie flatterten, als seien sie Wäsche, die im Wind zum Trocknen aufgehängt ist. Mein Herz raste. So schnell ich konnte, ging ich ins Haus und verriegelte die Tür von innen. Auch nachdem der Angriff der Wölfe abgeschlagen worden war, fand ich keinen Schlaf mehr.
Die Männer hatten den Angriff alle überlebt, aber einige hatten schlimme Bisswunden, um die sich Saraphel und die Tante kümmerten. Die Tante hatte nun so viel zu tun, dass ich die meiste Zeit allein an Yâmareths Bett saß.
Der Bratspieß fiel mir am nächsten Morgen wieder ein. Ich fand ihn, ganz verbogen, irgendwo in die Erde gestampft. So gut ich konnte, bog ich ihn zurecht und legte ihn zurück, ohne der Tante etwas zu sagen.
Die Wölfe wagten noch weitere Angriffe, aber ich versuchte nicht wieder, mich einzumischen.
(Nene)