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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Weinlese

Gänsehüten war nicht schwer. Die Tiere waren zwar anfangs etwas aufgeregt, doch sie gewöhnten sich schnell an mich. Wenn ich sie morgens aus dem Gehege ließ, machten sie einen ohrenbetäubenden Lärm, liefen dann aber brav vor mir her. Ab und zu versuchte eine, auszubrechen, dann trieb ich sie mit meinem Stock zurück in den Haufen. Man hatte mir beschrieben, wo die besten Kräuter wuchsen. Dort setzte ich mich ins Gras und sah den Gänsen zu, wie sie fraßen oder sich stritten. Wenn sie zu streitsüchtig waren, musste ich dazwischen gehen. Manchmal wünschte ich mir doch Cruc herbei, um sie zusammenzuhalten. Aber es tat weh, an den Hund zu denken. Denn an ihn denken hieß an Yâmareth denken und an meine Eltern und alle, die mich verraten hatten. Der Gedanke an all dies sorgte für ein taubes Gefühl an einer Stelle in meiner Brust, wo eigentlich Schmerz sein müsste. Und diese Taubheit war fast schlimmer zu ertragen als der Schmerz selbst. Sie machte mich unbeweglich, von innen und von außen.
Ich war den ganzen Tag allein. Dabei versuchte ich, an das Schöne zudenken, das ich mit Mizûreth erlebt hatte, an die Zeit mit der Waldfrau und die Reise bis hierher. An die Geschichten, die die Herrin Mizûreth mir erzählt hatte. An Elben und Unsterblichkeit. Menschen und Sterblichkeit. Und schon kehrten meine Gedanken zu Yâmareth zurück. Ich verfiel in ein stumpfes Dösen. Ich hörte auf, zu denken. Manchmal begann ich, mir eine Geschichte auszudenken, doch jedesmal gelangte ich bald in eine Sackgasse. Die Versuche, aus dem Stumpfsinn in Geschichten zu entkommen, wurden immer seltener. So schleppte sich die Zeit bis zur Weinlese dahin.
Ich war noch nie zuvor bei der Weinernte dabei gewesen und fragte mich, ob die Arbeit schwer sein würde. Gern hätte ich mich einmal davongestohlen, um in die Weinberge zu gehen und ein paar Trauben zu probieren. Aber wenn abends die Gänse wieder eingesperrt waren, wurde es sehr rasch dunkel, dazu waren Hunger und Müdigkeit zu groß. Gleich nach dem Essen ging ich in den Raum, den ich mit Mizûreth teilte. Er war nicht zu groß, aber so groß, dass jeder ein eigenes Bett hatte. Ich gewöhnte mir an, abends auf Mizûreth zu warten, die immer etwas später kam. Sie sagte dann, sie habe so viel zu tun gehabt, dass sie länger habe arbeiten müssen und sprach von Unstimmigkeiten in den Büchern. Mit der Zeit kam sie noch später heim, manchmal schlief ich schon. Morgens war sie übernächtigt und schlecht gelaunt. Wenn ich doch einmal noch wach war, wenn sie hereinkam, sprach sie kaum mit mir und legte sich gleich schlafen. Sie kam mir immer unruhiger vor und eines Morgens sah ich, wie Nardûr sie beobachtete, als sie über den Hof ging. Sein Blick machte mir Angst. Abends war sie nun nicht mehr nur müde, sondern zunehmend auch ärgerlich. Einmal hörte ich sie murmeln: „Dieser Mann macht mich verrückt! Ich schreibe und rechne besser als er und er behandelt mich wie… Hoffentlich…“ Dann schwieg sie und ich hörte ihre Schuhe in die Ecke fliegen.
Wenige Tage später kam sie freudestrahlend von der Arbeit zurück. Sie lachte, als sie mich sah, und pfiff vor sich hin. „Ich habe heute mit Ragnor gesprochen. Er lobte meine Schrift und sagte, er finde die Tabellen übersichtlicher, seit ich ein paar kleine Änderungen vorgenommen habe. Und er bat mich, während der Erntezeit die Listen zu führen. Das wird Nardûr gar nicht schmecken. Er hat mir nämlich erst letzte Woche unter die Nase gerieben, dass bei der Weinlese alle Hände gebraucht würden und dass ich mithelfen müsste, weil er die Listen auch allein machen könne. Tja, jetzt sieht es so aus, als müsste er sich selbst die Hände schmutzig machen… Und keiner wird mich überwachen und mir dauernd dreinreden, da wird das Schreiben doppelt so gut gehen.“
Ich freute mich zwar für sie, aber wie es mir erging, fragte sie nicht. Und ich hatte gelernt zu schweigen. Wieder versuchte ich, mit den Gänsen zu sprechen, doch sie hörten mir nicht zu. Wie ich mich auf die Weinlese freute. Wie satt ich es hatte, den ganzen Tag allein zu sein mit ein paar dummen, lauten Tieren!
Die Lese rückte näher und Mizûreths gute Laune hielt an. Wenige Tage bevor die Ernte beginnen sollte, kam sie abends wieder zorngeladen ins Zimmer. Nardûr war an diesem Tag mit einem verbundenen Bein und Krücken umher gehumpelt. „Er hat mir gesagt, er müsse möglichst viel sitzen und hat mich durch das ganze Haus hin und her geschickt, um für ihn Besorgungen zu machen. Ich bin doch nicht sein Botenjunge! Und komischerweise hat er diese Verletzung jetzt, ein paar Tage, bevor die Lese beginnt. Das heißt, er wird die Listen führen. Wenn die Weinlese vorüber ist, geht es seinem Bein sicher wieder prächtig!“
Die Sonne nahm noch einmal alle ihre Kraft zusammen und schien die ganze Weinlese hindurch so warm, als wolle sie den Sommer noch einmal zurückholen. Wir waren ihr ungeschützt ausgesetzt. Die anstrengende Arbeit sorgte zusätzlich dafür, dass bald der erste Mann sein Hemd auszog. Es dauerte nicht lange, bis wir uns alle unserer Hemden entledigt hatten. Die Wasserkrüge, die am Rand des Weinberges standen, mussten von den Frauen ständig nachgefüllt werden. Ich war froh, als ich mich während der Essenspause mittags ein wenig in den Schatten setzen konnte. Mizûreth trug als einzige noch ein Hemd, das ihr bald klatschnass am Körper hing. Sie war abends noch zerschlagener als ich und doch trug sie am nächsten Morgen ein Hemd aus dickerem Tuch, weil sie fürchtete, entdeckt zu werden. Ich sah sie nur während der Essenspausen oder wenn wir uns zufällig bei den Wasserkrügen trafen. Einmal traf ich sie am großen Bottich, in die die Trauben aus den vollen Schütten geleert wurden. Dort stand Nardûr und führte die Liste. Selbstgefällig saß er im Schatten eines Tuches und hatte sein Bein hochgelegt. Als Mizûreth ihre Schütte leerte, sah ich, dass er etwas sagte. Es war zu leise für mich, um es zu verstehen, doch Mizûreth erbleichte und kniff die Lippen zusammen. Sie murmelte etwas, was ich nicht verstand und ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen.
Als die Sonne untergegangen war, unterbrachen wir die Arbeit und gingen schlafen. Ich schlief ein, kaum dass ich mich hingelegt hatte. In der Nacht erwachte ich von einem leisen Stöhnen. Mizûreth lag auf ihrem Bett und wälzte sich ständig hin und her. Sie war kreidebleich und hatte Schweißtropfen auf der Stirn. Obwohl sie fieberte, zitterte sie vor Kälte. Ich reichte ihr ihre Decke, die auf dem Boden lag. Sie fror immer noch. Plötzlich erhob sie sich und wankte aus dem Zimmer. Ich folgte ihr und sah, wie sie sich draußen erbrach. Ich holte frisches, kühles Wasser aus dem Brunnen, damit sie sich den Mund ausspülen und das Gesicht benetzen konnte. Sie würgte noch einige Male, es kam aber nichts mehr. Nachdem sie etwas Wasser getrunken hatte, ging es besser. Sie legte sich wieder in ihr Bett und schwitzte und fror abwechselnd, obwohl ich sie mit unser beider Decken zudeckte. Immer wieder flößte ich ihr Wasser ein. Ich wollte bei ihr bleiben, bis sie einschlief, doch sie meinte, es wäre jetzt in Ordnung und ich solle schlafen. Von der Anstrengung, meine Augen offen zu halten, fiel ich völlig erschöpft wieder in mein Bett und schlief, bis am nächsten Morgen die Sonne aufging.
Mizûreth sah aus, als habe sie die ganze Nacht nicht geschlafen und fieberte immer noch. Als sie aufstehen wollte, fragte ich sie vorsichtig, ob sie nicht lieber im Bett bleiben wolle. „Nein, ich muss…“, presste sie hervor, und, als es ihr beim zweiten Versuch endlich gelungen war, aufzustehen: „Das verstehst du nicht.“
„Du bist heute aber noch nicht oft hier vorbeigekommen.“, sagte Nardûr, als Mizûreth kam, um ihre Schütte zu leeren. „Schon erschöpft? Ja, so geht es, wenn man einmal richtig arbeiten muss, anstatt dauernd seine Nase in Dinge zu stecken, die man nicht versteht.“
„Von Buchführung verstehe ich mindestens soviel wie Ihr.“, entgegnete Mizûreth müde, aber mit erhobenem Haupt.
„Hat man so etwas schon gehört?“, brauste Nardûr auf, „Ihr habt Euch nur bei mir eingeschlichen, um herumzuschnüffeln und Euch vor harter Arbeit zu drücken!“
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging Mizûreth fort, doch der Mann, der hinter ihr in der Reihe stand, meinte mit einem Blick auf Nardûrs Bein: „Das sagt gerade der Richtige!“
„Genau. Und sie ist krank und arbeitet trotzdem“, setzte ich hinzu.
„Wer ,sie‘?“, fragte Nardûr misstrauisch.
Ich spürte, wie ich rot wurde. „Er. Mein Bruder. Wenn sich hier jemand drückt, dann Ihr.“
Das fand Nardûr unverschämt und begann wieder zu schimpfen. Ich hörte nicht hin, sondern ging zurück an meine Arbeit und fragte mich, was ich womöglich gerade angestellt hatte.
Die Weinlese war eine wahre Schinderei und ich freute mich schon darauf, danach wieder die Gänse hüten zu können. Das war zwar langweilig, aber besser als sich unter der erbarmungslosen Sonne ständig bücken und Beeren zupfen zu müssen. Dazu kam, dass Mizûreth nicht wieder gesund wurde und trotzdem jeden Tag arbeitete. Sie würde das nicht mehr lange überstehen. Aber was konnte ich ihr sagen? Sie hörte nicht auf mich.
Die Erntezeit neigte sich dem Ende zu, als ich Mizûreth in der Mittagspause vermisste. Ich fragte nach ihr und erfuhr, dass sie ins Bett geschickt worden sei. Die Frau, die sie begleitet hatte, erzählte mir: „Ich hab nun seit Tagen mit angesehen, wie dein Bruder sich quält, aber ich hab mir gedacht: Der Mann ist alt genug, um zu wissen, was er tut. Aber als er heute morgen bei den Wasserkrügen fast umgekippt ist, hab ich mir gesagt: Jetzt reicht es! Ich hab ihn in sein Bett gesteckt. Er hat zwar heftig protestiert, aber in seinem Zustand hat er sich natürlich nicht gegen mich durchsetzen können. Dieser alberne männliche Stolz!“ Bei diesen Worten war sie laut geworden, doch nun senkte sie ihre Stimme wieder. „Vielleicht wär es ihm besser ergangen, wenn er nicht auch noch dieses dicke Hemd getragen hätt. Dein Bruder ist ein schmucker Bursche, warum zeigt er seinen Körper nicht?“
Ich murmelte etwas von einer Wolfsnarbe, die er nicht gerne zeigen würde. Anscheinend war das ein Fehler, denn die Augen der Frau begannen zu leuchten. Ich hoffte, dass sie nicht zu Mizûreth gehen und sie auf die Narbe ansprechen würde.
Mizûreth blieb auch während des Kelterfestes im Bett und noch einige Zeit danach. Das Kelterfest dauerte eine ganze Woche und alle waren sehr lustig und ausgelassen. Die jungen Burschen und Mädchen aus dem Dorf tanzten in den Bottichen mit den Trauben und quetschten so den Saft aus den Früchten. Dann wurde der Saft zum Vergären vorbereitet. Das Fest interessierte mich nicht so sehr, mich zog es mehr zu den Fässern mit dem Saft. Ich lernte, dass aus roten Trauben weißer Wein werden konnte und warum manchmal noch Traubenschalen oder ganze Früchte in den vergärenden Saft gemischt wurden.
Anfangs verbrachte ich viel Zeit bei Mizûreth, doch ich war dankbar, als sie mich hinausschickte. Mittlerweile hatte ich genug davon, an Krankenbetten zu sitzen und streunte lieber draußen herum. Außerdem wollte ich nicht schon wieder die einzige Person verlieren, die mir geblieben war. Ich war wütend auf Mizûreth, weil sie so leichtsinnig gewesen war und darum wollte ich sie auch nicht besuchen.
Noch während des Kelterfestes meinte die Frau, die Mizûreth ins Bett geschickt hatte und sie nun regelmäßig besuchte, dass die größte Gefahr vorüber sei. Es dauerte trotzdem noch einige Tage, bis Mizûreth wieder selbst gehen konnte, ohne schwindelig zu werden. Ich dankte den Göttern, an die Mizûreth glaubte, dass sie sie beschützt hatten.
(Nene)