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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Herbst 3299
I
„Anoriel! Zeit zum Aufstehen! Hörst du mich?......Anoriel??“ Celebriel öffnete die Tür zu dem Schlafzimmer ihrer Tochter, schaute hinein, seufzte und schloss sie wieder.
„Was ist denn los?“
„Sie ist wieder verschwunden,“ klagte Celebriel und drehte sich zu ihrem Mann, der die breite Treppe aus dunklem alten Holz hinaufstieg. „Kannst du nicht mit dem Kind reden?“
„Bitte, meine Liebe, ich habe es wirklich oft genug versucht,“ schüttelte dieser den Kopf. „Was soll ich ihr denn noch sagen was ich ihr nicht gesagt habe?“
„Aber sie kann sich doch nicht ständig alleine irgendwo herumtreiben!“ Die kleine dunkelhaarige Frau schüttelte gereizt den Kopf und stieg in die Stube herunter, dicht gefolgt von Calíondo. „Wenn Worte nicht helfen dann musst du sie eben bestrafen!“
„Bestrafen?“ Calíondo lachte auf. „Wie denn? Schlagen werde ich sie bestimmt nicht, und einsperren... du weißt bestimmt noch was passiert ist, als ich es vor einiger Zeit versucht habe.“
Celebriel schürzte die Lippen und machte sich daran, Frühstück vorzubereiten. Ja, an das letzte Mal konnte sie sich gut erinnern. Nachdem sie festgestellt hatten, dass es nichts bringt, Anoriel in ihrem Zimmer einzuschließen da sie sofort in einer halsbrecherischen Aktion aus dem Fenster des im dritten und obersten Stockes des Hauses gelegenen Zimmer kletterte, hatte ihr Mann vor einigen Monaten, von den neuesten Eskapaden seiner Tochter gereizt, beschlossen, sie eben für einen Tag im Keller einzusperren, wo es nur kleine vergitterte Fenster gab. Doch als das Ehepaar, Reue zeigend für ihr strenges Vorgehen, schon einige Stunden später herunterkam um das „arme frierende Kind“ zu befreien, fanden sie ein mittels Anoriels Haarspange aufgebrochenes Schloss und einen leeren Keller vor.
„Und wenn sie nun in die Hände von Saurons Häschern gerät?“ Celebriel senkte die Stimme. „Du weißt doch genau wie gefährlich die Lage in letzter Zeit für uns ist, und den Soldaten ist es egal, dass sie nicht mehr ist als ein trotziges Kind, das jedem seine Meinung auf die Nase binden muss. Es kann ihnen ausreichen, dass sie nicht genügend Respekt vor ihnen zeigt, um sie zu verhaften.“
Calíondo sah grimmig aus dem Fenster auf das verregnete Feld und trommelte mit den Fingern nervös auf das Fensterbrett. Respekt hatte seine Tochter noch nie vor jemandem gezeigt, und dass sie bestimmt nicht still den Mund halten würde, falls irgendein Soldat sie deswegen anfahren sollte, war ihm auch mehr als klar. Er würde gerne wissen, warum seine Älteste so geworden war. Alle guten Eigenschaften, die seine zwei Söhne hatten, besaß sie zwar ebenfalls, doch sie schaffte es auch, jede von ihnen ins Schlechte umzukehren. Ihr Mut war erstaunlich, doch grenzte schon an Leichtsinn, Unnachgiebigkeit wurde zur Sturheit, Ehrlichkeit zur Respektlosigkeit, Stolz zur Arroganz, Witz zum Spott, und ihre feinfühligen und geschickten Hände benutzte sie dazu, um Schlösser aufzubrechen! Er fragte sich wie so oft, was er und seine Frau bei der Erziehung des Mädchens falsch gemacht haben könnten. Und was je aus ihr werden sollte.


„Na los, schneller!“ Anoriel kletterte noch einige Fuß höher.
„Nein, da geh ich nicht hin.“ Ihr Begleiter setzte sich auf einen kleinen Vorsprung in der Felswand und sah zu ihr hoch. „Das bricht man sich ja den Hals.“
„Wie du willst, Irzûn. Es war ja klar, dass du dafür zu feige bist.“
„Das bin ich nicht!“ Irzûn sprang auf und sah wütend zu dem rothaarigen Mädchen hoch, das, mit dem Wind und dem Regen kämpfend, sich immer mehr der Spitze der Klippe näherte, hinter der die stürmische See brüllte. Er brauchte sich nicht von einer Frau sagen zu lassen, die auch noch zwei Jahre jünger war als er, er sei ein Feigling.
„Dann beweis es doch!“
„Werde ich auch! Ich bin schneller oben als du, wetten?“
„Wette gilt!“ lachte Anoriel. „Na komm, ich warte sogar bis du auf meiner Höhe bist.“
In wenigen Sekunden hatte Irzûn sie erreicht, und beide kletterten mit trotzigen Gesichtern so schnell wie sie nur konnten weiter. Plötzlich rutschte Anoriels Fuß auf dem nassen Stein ab, doch ehe Irzûn sich erschrecken konnte fing sie sich wieder und lachte fröhlich, als wäre sie nicht gerade eine Handbreit vom Tod entfernt gewesen.
„Pass doch ein bisschen mehr auf!“ fuhr er sie an. Statt einer Antwort streckte sie ihm die Zunge raus, stieß sich von dem Vorsprung unter ihren Füßen ab und klammerte sich an dem begehrten Klippenrand fest.
„Erste!“ rief sie. Irzûn fluchte und klettere ihr nach. Als er sich schließlich hochgezogen hatte, stand Anoriel bereits auf der Klippe und sah begeistert auf die stürmische See unter ihnen.
„Ist das nicht toll?“ schrie sie, um das Toben der Wellen und den Wind zu übertönen.
Irzûn antwortete nicht und starrte statt dessen sie an. Es war ihm rätselhaft, wie ein Mädchen gerade an solch einem Ort derart schön erscheinen könnte. Sie stand nicht, sie tänzelte, nur in ein, gründlich von der Kletterei mitgenommenes, graues Kleid gehüllt, barfuß auf den spitzen Steinen der Klippe als wäre es der glatte Marmorboden eines Ballsaals, der Wind riss an ihren Haaren, ihre grünen Augen leuchteten und ihre Lippen waren vor Begeisterung halb geöffnet. Würde er nicht wissen, wer vor ihm ist, hätte er wahrscheinlich sämtliche Lehren seiner Eltern vergessen und gedacht, dass da eine Meeresnymphe auf den Klippen tanzte, um die Seeleute in ihren Tod zu locken, wie in den Greuelmärchen, die ihm seine Großmutter immer erzählt hatte. Er hoffte, er würde sie eines Tages heiraten können. Natürlich würde es seinen Eltern nicht so recht sein, wenn er ein Mädchen aus dieser seltsamen Familie zur Frau nehmen würde, doch Anoriel schien nicht viel von den Spinnereien ihrer Eltern und Brüder abbekommen zu haben, und einen besseren als ihn würde sie sowieso nie finden. Er war schließlich der einzige der sie öfter bei ihren Ausritten und Kletterpartien begleitete und mit dem sie gerne zusammen war, außerdem verbrachten sie seit einiger Zeit ab und zu die Nacht miteinander. Aber zu seinem Bedauern konnte er nicht beurteilen, wie ernst ihr das alles war, denn ansonsten benahm sie sich so, als wäre nie etwas passiert, und als Irzûn ein paar mal versucht hatte, mit ihr über ihre Beziehung zu reden, erntete er nur einen verständnislosen Blick. Doch dessen ungeachtet war er sich mittlerweile fast sicher, dass sie seine Frau sein würde... auch wenn sie vielleicht noch nichts davon wusste.


II


Die Dunkelheit brach gerade herein und der Regen hatte endlich aufgehört, als Nariol, Anoriels zwei Jahre jüngerer Bruder, in das Kaminzimmer gestürmt kam. Seine Eltern unterhielten sich leise beim Kamin, während der jüngste der Familie, Calnir, unter dem Tisch mit seinen Holztieren spielte.
„Sie kommt zurück!“ rief er aufgeregt.
„Na endlich.“ Calíondo stand auf und eilte zum Haupteingang. Celebriel lief mit Calnir hinterher.
„Ich hoffe, du lässt ihr das nicht schon wieder durchgehen?“ fragte sie ihren Mann, als sie ihre Tochter über das Feld auf einem rabenschwarzen Hengst auf sich zu galoppieren sahen. „Jetzt hat sie schon wieder dieses schreckliche Tier geholt, das sich kaum beherrschen lässt, und den Sattel garantiert im Stall gelassen.“
Calíondo runzelte nur die Stirn. Er mochte es nicht, seine Tochter ausschimpfen zu müssen, auch wenn sie es verdient hatte. Als Anoriel wenige Minuten später bei ihnen ankam und von dem schäumenden Pferd herunter sprang, bestätigte sich die Ahnung ihrer Mutter; von einem Sattel war tatsächlich nichts zu sehen, dafür aber sehr viel von den Beinen ihrer Tochter in den zahlreichen Schlitzen des Kleides, von denen ihr einige bis zur Hüfte reichten.
„Kind!“ Celebriel schlug sich erschrocken die Hände vor den Mund. „Wie siehst du denn aus?“
„Wie denn?“ Anoriel blickte verständnislos an sich herunter.
„Ganz davon abgesehen, dass deine Haare sich in nasse Lumpen verwandelt haben und du vollkommen durchnässt bist, ist es mehr als unverschämt, mit solchen Löchern im Kleid öffentlich herumzurennen!“ pflichtete Calíondo seiner Frau bei.
„Ach, die sieht in der Dunkelheit doch sowieso keiner, und außerdem gibt es dort, wo ich war, keine Leute, die ich damit schockieren könnte!“ Anoriel warf sich eine Strähne aus dem Gesicht und schaute ihre Eltern trotzig an.
„Das ist keine Ausrede!“ donnerte ihr Vater zornig. „Los, geh auf dein Zimmer und zieh dich ordentlich an, dann reden wir weiter!“
Anoriel funkelte ihn böse an und lief ins Haus.
„He, Nora,“ hörte sie plötzlich die Stimme von Nariol hinter sich, als sie gerade die Treppe hinaufsteigen wollte.
„Was willst du?“
„Nanana, du musst mir nicht gleich den Kopf abreißen,“ lachte ihr Bruder. „Ich wollte dich nur warnen, falls du vorhast, auf direktem Wege zu verschwinden sobald du oben bist, ich würde es heute lassen und ihre Anweisungen befolgen. Die zwei sind ziemlich wütend auf dich und haben gedroht, dir Gitter vors Fenster zu machen.“
„Das sollen sie nicht wagen,“ schnaubte Anoriel.
In ihrem Zimmer zog sie sich langsam um und beeilte sich genauso wenig was ihre Haare anging; wenn ihre Eltern unbedingt reden wollten, würden sie sich eben gedulden müssen. In der letzten Zeit glaubten die beiden anscheinend, sie unbedingt erziehen zu müssen, aber das konnten sie sich gleich aus dem Kopf schlagen. Gut, dass Nariol sie wegen dem Fenster gewarnt hatte, sonst wäre sie tatsächlich sofort wieder hinaus geklettert und womöglich mit Gittern bestraft worden – nicht, dass es sie aufgehalten hätte, aber das unbemerkte Hinauskommen aus dem Haus würde sich so wesentlich schwieriger gestalten. Auf einmal hörte sie draußen laute, grobe Stimmen. Als sie vorsichtig aus dem Fenster sah, stockte ihr der Atem.
Soldaten. Mindestens ein Dutzend von schwer bewaffneten Soldaten. Sie löschte sofort die Kerze auf ihrem Tisch und horchte mit klopfendem Herzen in die Dunkelheit hinein. Die Tür unten wurde aufgemacht, sie hörte die Stimme ihres Vaters, der aber sofort von einer fremden, tiefen Stimme zum Verstummen gebracht wurde, dann waren die Stimmen und Schritte unter ihr, ihre Mutter kreischte und Calnir fing an zu heulen, und in diesem Moment hörte sie auch Schritte auf der Treppe. Ohne den weiteren Verlauf der Dinge abzuwarten, riss sie das Fenster auf, glitt hinaus und schloss es so gut es ging hinter sich. Sie hatte keine Zeit mehr, hinunter zu klettern, und so blieb sie auf dem um das ganze Haus herumgehenden Steinvorsprung neben dem Fenster stehen. Einen Moment später hörte sie, wie mehrere Soldaten die Tür zu ihrem Zimmer eintraten und wie Möbel hin- und hergerückt wurden.
„Hier ist es leer,“ sagte eine Stimme nach einiger Zeit.
„Und verflucht kalt auch noch,“ murrte eine andere. „Suchen wir in den anderen weiter.“
Die Schritte und Stimmen entfernten sich, und tauchten nach einigen Sekunden in dem Zimmer neben dem ihren auf. Das diente Anoriel als Signal. So schnell sie konnte kletterte sie an der Hauswand hinunter. Sie musste weg, und Hilfe holen. Anscheinend hatten ihre Eltern es doch geschafft, sich Ärger mit den Herrschenden von Númenor einzuhandeln, doch vielleicht konnte sie das Schlimmste verhindern. Sie wusste noch in etwa, wo eine Familie wohnte, die sehr mit ihrem Vater befreundet war und auch den Getreuen angehörte, die würden wissen was zu tun ist. Endlich blieben nur noch wenige Fuß bis zum Boden und Anoriel sprang. Sie landete weich und fast lautlos auf der regennassen Erde, und wandte sich zu den Ställen, als plötzlich zwei große Arme sie von hinten packten.
„Da haben wir ja die Flüchtige,“ sagte jemand hinter ihr und lachte.
„Lass mich los!“ schrie Anoriel und versuchte sich zu befreien, doch vergeblich, der Griff war eisenhart. Ohne auf ihre Tritte zu achten schleppte der Soldat sie zum Haupteingang und stieß sie mit solcher Wucht ins Haus, dass sie das Gleichgewicht verlor und auf dem Boden landete. Das ihr entgegenschlagende Licht blendete sie für einen Moment.
„Wo soll ich sie hinbringen?“ hörte sie die gleiche Stimme sagen.
„Den Gang geradeaus, dort ist auch der Rest,“ bekam er zur Antwort.
Wieder wurde Anoriel von zwei Armen gepackt und in das Kaminzimmer gestoßen. Ihre Familie war da; Calíondo drückte ihre schluchzende Mutter an sich, während ihre Brüder in der entgegengesetzten Ecke von drei Soldaten festgehalten wurden. Auch vor ihren Eltern waren einige postiert.
„Anoriel!“ rief Celebriel als ihre Tochter in den Raum geworfen wurde und versuchte zu ihr zu laufen, doch der hinter ihr stehende Soldat riss sie mit Gewalt zurück, und die Frau erneut unter Tränen zusammen.
„Ich habe sie gefunden, Herr.“
„Gut gemacht, Soldat,“ antwortete ein untersetzter, älterer Mann in schwarzer Kleidung, der in dem Sessel ihres Vater thronte. „Wo ist sie gewesen?“
„Sie war gerade die Wand des Hauses hinunter geklettert, der Himmel weiß, wie sie das geschafft hat.“
„Das werden wir noch alles herausfinden. Und jetzt bringt sie weg.“
Anoriel musste einen Aufschrei unterdrücken als man sie brutal hochriss und ihre Arme hinter ihrem Rücken verschränkt wurden, das gleiche passierte mit ihren Eltern und ihren Brüdern, dann wurden alle fünf nach draußen geführt und in einen Karren gesetzt.
Zu ihnen gesellten sich vier Soldaten als Wache, vier weitere Männer sprangen auf die Pferde und der Zug setzte sich in Bewegung. Als Anoriel sich umdrehte und zurückblickte, sah sie wie in allen Räumen des Hauses Licht brannte und Silhouetten der gebliebenen Soldaten hier und dort auftauchten.
Sie fuhren die ganze Nacht durch, und es war ihnen weder erlaubt zu reden, noch aufzustehen oder etwas zu trinken. Ab und zu gesellte sich ein weiterer Karren zu ihnen, und es war immer das gleiche Bild: eine verängstigte Familie, die Kinder sitzen getrennt von den Eltern, bewacht von acht Soldaten, vier im Karren und vier Reiter, angeführt von einem fünften Reiter in schwarzer Uniform. Viele Gesichter kannte Anoriel, es waren alles Freunde ihrer Eltern, Getreue, doch ihre Eltern sahen die anderen nur flüchtig an und hüteten sich, mit einem Blick, einer Geste oder gar einem Wort preiszugeben, dass sie jemanden erkannt hatten. Die Nacht zog sich hin, und Anoriel kam es nach einer Zeit vor, als würde es nie Morgen werden. Ihre Brüder waren irgendwann eingedöst, während ihre Mutter sich mit bleichem Gesicht und tränengefüllten Augen an ihren Vater drückte, der über ihren Kopf strich und immer wieder versuchte, ihr etwas Beruhigendes zuzuflüstern und jedes mal mit einem Tritt des neben ihm sitzenden Soldaten bestraft wurde. Anoriel selbst hatte man getrennt von allen anderen hingesetzt, mit einem Soldat an jeder Seite. Sie blickte mürrisch auf die Felder und die Nachbarkarren und fragte sich, womit sie diese Sonderbehandlung verdient hatte.


III


Im Morgengrauen setzte der Regen wieder ein. Zu dieser Zeit bestand ihr Zug aus acht Karren, die in ein kleines Dorf einrollten und dort in der Nähe des Wirtshauses Halt machten. Es würde alles wie ausgestorben wirken, wenn nicht hier und da ein ängstliches Gesicht aus einem dunklen Fenster hervorlugen würde. Zwei schwarz gekleidete Soldaten gingen in die Schenke hinein. Nach kurzer Zeit kam einer von ihnen zurück und gab den Befehl, alle Gefangenen in den Stall zu bringen. Dieser war klein, vollkommen leer und ziemlich verdreckt, nur in einer Ecke lag etwas verrottetes Stroh. Hier bekam jeder etwas Brot und eine Schüssel Wasser in die Hände gedrückt, und in einem winzigen Nebenraum konnte man sich mit eiskaltem, trüben Regenwasser aus einem Holztrog waschen, doch geredet wurde nicht.
Anoriel setzte sich neben ihrer Mutter auf den Boden und warf ihr Brot angeekelt in die Ecke. Das Wasser war ihr viel lieber. Ihre Familie schien sich mittlerweile gefasst zu haben, sie alle waren bleich und müde, jedoch weinte niemand mehr, nicht einmal der kleine Calnir. Müde trank sie ihr Wasser, es war zwar eiskalt, aber sauber und erfrischend. Nachdem sie mit den ersten Schlucken den ersten Durst gestillt hatte, sah sie sich um. Die meisten anderen Gefangenen waren noch beim Essen, einige der kleineren Kinder schliefen allerdings schon auf den Schössen ihrer Mütter. Rechts von ihr saß eine Familie, die nur aus drei Leuten bestand, Mutter, Vater, und die direkt neben Anoriel sitzende Tochter, ein schmächtiges, hübsches Mädchen mit riesigen grauen Augen und glänzendem schwarzen Haar. Als ihre Nachbarin Anoriels Blick bemerkte wandte sie den Kopf und lächelte ihr zu.
„Mein Name ist Rálien,“ stellte sie sich vor. „Und du bist die Tochter von Calíondo, nicht wahr?“
„Ja, ich heiße Anoriel. Woher kennst du meinen Vater?“
„Ihn kennt doch jeder,“ lachte Rálien hell auf. „Er ist schließlich unser Anführer.“
„Das weiß ich auch,“ nickte Anoriel. „Aber ich dachte nicht, dass er so berühmt ist.“
„Berühmt genug, um verhaftet zu werden, und nicht von irgendwem, sondern von dem Oberhaupt von Saurons Garde,“ zog Rálien die Augenbrauen hoch.
„Du meinst... du meinst dieser schwarz angezogene Mann der mit uns reitet...?“ flüsterte Anoriel mit weit aufgerissenen Augen.
„Ja, ja.“ Ihre Nachbarin nickte. „Hast du ihn denn noch nie bei großen Festen in Rómenna gesehen? Er sitzt ab und zu rechts von dem Gesandten des Königs und erfüllt ihm gegenüber die gleiche Aufgabe wie Sauron gegenüber dem König: er berät ihn. Oder zwingt ihm seinen Willen auf, wenn man es anders ausdrückt,“ beendete sie mit einem sarkastischen Lächeln.
„Seinen Willen aufzwingen? So habe ich das noch nie betrachtet... Aber warum lässt der König das zu?“
„Warum?“ Rálien grinste. „Weil er ein Narr ist natürlich. Es ist nicht schwer, einen Narren zu beeinflussen.“
„Meinst du?“ Anoriel runzelte die Stirn. „Nur... wie konnte der König die Macht an sich reißen und sie halten, wenn er ein solcher Narr ist?“
„Dazu braucht man nicht viel Hirn,“ winkte Rálien ab und legte ihre Hand vertrauensvoll auf Anoriels Arm. „Hör mal. Es ist der Irrtum von vielen, zu glauben, Sauron hätte eine besondere Brillianz an den Tag gelegt, weil er den König so unter seine Fuchtel bekommen hat. Er hat damit nicht mehr gemacht als eine Frau, die ihren vertrottelten Mann herumkommandiert – nur in einer etwas anderen Größe. Sauron ist ein herzloser Tyrann, Anoriel,“ ihre Stimme wurde ernst. „Glaub nicht er wäre ein Genie. So sind schon viele auf den falschen Weg gekommen.“


Schon wenige Stunden später ging es weiter, alle wurden hinausgetrieben und auf die Karren geladen. Anoriel saß auf dem nassen Holzboden, glitt mit den Augen über das verregnete Land und dachte über das Gespräch mit ihrer neuen Bekannten nach. War es wirklich möglich, ohne jegliche Anstrengung einen derart herrischen Mann wie den König so unter seinen Einfluss zu kriegen, nur weil der ein Narr war? Die Argumente von Rálien klangen zwar einleuchtend, doch so ganz konnte Anoriel es immer noch nicht glauben. Sie seufzte und versuchte an etwas anderes zu denken. Es hatte jetzt sowieso keinen Sinn mehr, darüber zu grübeln.
So wie an diesem Tag ging es auch in den nächsten Tagen, sie hielten morgens und abends für einige Stunden an Wirtshäusern von kleinen Dörfern und fuhren den Rest der Zeit, vorsorglich jede größere Siedlung meidend. Die Karren schleppten sich unendlich langsam auf der aufgeweichten Landstraße dahin, und der Regen hörte kaum einmal auf. Von dem Schütteln des Karrens hatte sie bald überall blaue Flecke und kleine Blutergüsse, ihre Kleider waren durchnässt und zerrissen, doch obwohl es allen anderen nicht besser ging, klagte niemand – und so ertrug auch sie alles schweigend, die Schmerzen, die Kälte, den Durst und den Hunger, die Angst und die Blicke, die einige Soldaten über ihre durch die nasse, am Körper klebende Kleidung nur zu gut sichtbaren Formen gleiten ließen. Ihr einziger Lichtblick waren die Gespräche mit Rálien, die sie bei jedem Halt führten. Sie mochte die ruhige, überzeugende Art ihrer neuen Freundin, ganz anders als die fanatischen Reden ihrer Eltern und deren Bekannter. Mehr als alles bereute Anoriel es, das Mädchen nicht früher kennen gelernt zu haben, denn noch nie war sie so gut mit jemandem ausgekommen.
Am Abend des zweiten Tages passierte schließlich einer anderen das, wovor es Anoriel schon beim ersten der Blicke gegraut hatte, die ihr von den Soldaten zugeworfen wurden: bei einem Halt, als alle anderen in einen Stall geführt wurden, zerrten einige der Männer ein dunkelhaariges Mädchen, kaum älter als Anoriel selbst, in eine kleine leerstehende Anbaute auf dem Hof. Es war das erste Mal, dass jemand von den Menschen sich wehrte, denn die Eltern und der ältere Bruder des Mädchens versuchten, das in Tränen ausgebrochene Kind zu befreien, und wurden mit brutalen Tritten in die Scheune zurückgetrieben. Bald wurde die Tür aufgerissen und das Mädchen zu den anderen zurückgeschleudert. Es hatte ein blau unterlaufenes Auge, frischer Dreck klebte an ihren Haaren und den noch mehr zerrissenen Kleidern und es schluchzte ununterbrochen, als ihre Mutter sie in die Arme nahm und ihr hektisch etwas ins Ohr zu flüstern begann.
„Was sind das nur für gewissenlose Tiere,“ flüsterte Rálien. Ihre grauen Augen blitzten zornig.
„Denkst du, die könnten so etwas noch einmal machen?“ fragte Anoriel.
„Und wie. Sie halten uns doch nicht einmal für Menschen – und es ist ihnen egal, wenn sie einer von unseren Frauen so etwas antun.“
„Ich hoffe, wir bleiben verschont,“ schüttelte Anoriel den Kopf.
„Ja. Hoffen ist das einzige, was uns noch bleibt.“ Rálien schloss die Augen und ihre Lippen fingen an, sich schnell zu bewegen. Anoriel wusste, dass sie da zu den Valar oder ihrem Schöpfer betete, denen ihre gesamte Familie treu ergeben war. Aber das war etwas, wo sie nicht einmal Rálien folgen konnte – die Gefangennahme und das schluchzende Mädchen in der Ecke der Scheune waren für sie die besten Beweise, dass die Valar auch ihre treuesten Anhänger im Stich ließen.


Die anderen Familien rückten näher zusammen, und während der Fahrt drückten die Väter und Mütter ihre Töchter an sich, als wollten sie diese nie wieder loslassen, doch es nützte nichts – am Abend des nächsten Tages teile niemand anderes als Rálien das Schicksal des dunkelhaarigen Mädchens. Fast ohne sich zu wehren folgte sie den Soldaten und lächelte nur traurig, als sie Anoriels entsetztem Blick begegnete. Verzweifelte Angst um die Freundin schwappte sofort in Anoriel hoch und ließ sie vorstürzen, doch als hätte ihr Vater es vorausgesehen schloss sich genau in dem Moment seine Hand um Anoriels Arm und hielt sie zurück.
"Du kannst nichts tun," flüsterte er ihr leise zu. "Versuchst du, sie zu befreien, wird es nur schlimmer."
Gereizt schüttelte Anoriel seinen Arm ab und folgte schwer atmend und mit Tränen der Wut in den Augen den in der sich herabsenkenden Nacht verschwindenden großen Figuren der Soldaten, mit der verlorenen kleinen Gestalt in ihrer Mitte.
Ohne etwas zu essen oder zu trinken saß sie die nächste Zeit in der Scheue neben ihrer Familie und versuchte an nichts zu denken, doch ständig wandte sich ihr Kopf wie gegen ihren Willen zur Seite – um einen leeren Platz vorzufinden. Nach einer halben Ewigkeit flog schließlich die Tür auf und Rálien wurde hineingeschubst.
Calíondo drückte Anoriels Hand zusammen als das Mädchen wie im Traum durch die Scheune stolperte und mit leeren Augen die Wand anstarrte.
„Keine Angst mein Kleines, wir geben dich nicht her,“ flüsterte er aufmunternd, doch Anoriel sah ihn nur wortlos an und drehte sich weg. Sie wusste genau dass weder ihr Vater noch ihre Mutter etwas dagegen ausrichten konnten. Seit diesem Abend hörte sie Rálien nichts mehr sagen, sie ließ sich wie eine Puppe von ihren Eltern führen.
Anoriel schien sie nicht einmal mehr zu erkennen.


Am vierten Tag nach ihrer Gefangennahme packten plötzlich bei einem Halt die zwei sonst an ihren Seiten sitzenden Soldaten Anoriel und zogen sie mit sich in das direkt hinter der Schenke gelegene Wäldchen. Sie war starr vor Angst, und hörte, wie aus unendlicher Ferne ihre Eltern etwas schrien. Dann schlugen ihr nasse Blätter ins Gesicht und die zwei Männer stießen sie auf einer kleinen Lichtung auf den Boden.
„Rock hoch,“ befahl einer von ihnen und baute sich über ihr auf. Plötzlich verschwand die Angst so schnell wie sie gekommen war, und machte einer Wut Platz, wie Anoriel sie noch nie vorher erlebt hatte. Ohne lange zu überlegen riss sie beide Beine hoch und trat so fest sie konnte zu. Der Soldat schnappte nach Luft und hielt sich die Hände vor den Bauch. Ohne ihm eine Pause zu geben, sprang sie auf und setzte mit einem neuen Tritt nach. Der Mann fiel zu Boden, Anoriel flog förmlich über ihn und im gleichen Moment packte sie der andere Soldat am Hals.
„Das hätte dir wohl so gepasst,“ zischte er. Anoriel antwortete nicht und biss statt dessen mit aller Kraft zu. Ihr Gegner schrie auf und lockerte den Griff. Anoriel befreite sich von seiner Hand und rammte ihm einen Ellenbogen in den Bauch. Er blieb kurz mit krampfhaft geöffnetem Mund stehen, nur für einen Moment, doch der reichte ihr aus, um mit einem Sprung den Rand der Lichtung zu erreichen und in den Bäumen zu verschwinden.


Sie wusste nicht, wie lange sie sich durch den Wald kämpfte als es vor ihr endlich hell wurde und sie auf ein großes Kartoffelfeld hinaus rannte. In der Ferne sah man ein paar Häuser, wahrscheinlich das nächste Dorf, aber sie hatte keine Kraft mehr zu rennen. Schwer atmend setzte sie sich an einen Baumstamm gelehnt auf die feuchte schwarze Erde und schloss die Augen. Der Morgen begann über dem Land. Sie hörte Vögel schreien, Regentropfen auf die gelben Blätter der Bäume prasseln und irgendwo in der Ferne auch das Gebrüll von Vieh. Lange saß sie da und hörte nur zu, bis sie etwas anderes hörte. Schwere, langsame Schritte. Anoriel wusste genau, wem sie gehörten, aber sie konnte sich nicht mehr rühren, sie fühlte weder Angst noch Wut, nur Verzweiflung.
„Steh auf,“ hörte sie eine ruhige, tiefe Stimme sagen. Langsam öffnete sie die Augen und erhob sich. Der in schwarz gekleidete Mann, der die Soldaten in ihrem Haus angeführt hatte, stand vor ihr.
„Du hast die zwei Männer ganz schön zugerichtet, mein Mädchen,“ sagte er mit einem leichten Lächeln und streckte seine Hand nach ihr aus. Anoriel schob sich zitternd von ihm weg, was den Mann in Lachen ausbrechen ließ.
„Ich tu dir schon nichts,“ schüttelte er belustigt den Kopf. „Solange du ohne Ärger zu machen mitkommst, versteht sich. Deine Eltern haben sich schon die Augen nach dir ausgeweint.“
Das Mädchen sah ihn einige Augenblicke lang misstrauisch an, dann stieß sie sich vom Baumstamm ab und folgte dem schwarzen Soldaten.
Er ging schnell, und sie hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten, doch sie versuchte es, so gut es ging. Nur einmal fragte sie sich verwundert, warum sie diesem Mann überhaupt widerstandslos folgte – und woher dieser wusste, dass sie es tat, denn er drehte sich kein einziges Mal um. Bald hörte man vorne Stimmen, die Bäume traten auseinander und sie kamen bei dem Wirtshaus hinaus. Die anderen Menschen waren bereits auf die Karren verteilt und Celebriel schrie auf, als sie Anoriel mit dem Soldat aus dem Wald kommen sah. Sie stürzte auf ihre Mutter zu und diese drückte sie an sich.
„Mein Mädchen, mein armes kleines Mädchen,“ schluchzte Celebriel immer wieder, während sie ihrer Tochter über den Kopf strich.
„Das reicht,“ befahl der schwarz gekleidete Soldat scharf. Er trat zu Anoriel und fesselte ihre Hände hinter dem Rücken.
„Während der Fahrt bleibt sie gefesselt, merkt euch das,“ wandte er sich an die vier Soldaten in ihrem Karren. Die zwei, mit denen sie vorher gekämpft hatte, waren allerdings durch zwei andere ersetzt worden.
„Und noch etwas,“ fügte er hinzu, als Anoriel in den Karren gesetzt wurde, wie immer abseits von den anderen. „Keiner von euch soll es wagen, diesem Mädchen auch nur ein Haar zu krümmen. Ungehorsam wird mit dem Tod bestraft.“


IV


Die nächsten drei Tage wurden fast noch schlimmer als die vorhergehenden. Die Seile hatten die Haut an Anoriels Handgelenken schon zum Abend des ersten Tages wund gescheuert, und jetzt konnte sie sich nicht einmal mit den Händen abfangen, wenn sie bei einem Ruckeln des Karrens mal wieder gegen eine Kante geworfen wurde. Calnir bekam Fieber und wollte zum Ende des sechsten Tages seit ihrer Gefangennahme nichts mehr essen, und auch aus den anderen Karren war immer öfter Gehuste und Niesen zu hören, und in den Nächten sprachen viele, größtenteils Kinder, im Fieberwahn. Als Anoriel zu Rálien blickte, lag diese mit weißem, von Schweiß überzogenem Gesicht auf dem Boden ihres Karrens und ihre Mutter beugte sich mit einem nassen Lappen über sie, wo immer sie ihn auch her hatte. Dann war sie also nicht einmal von der Krankheit verschont geblieben.


Anoriel empfand es fast schon als Erleichterung, als sie am Mittag des siebten Tages in Armenelos ankamen. Es war der erste sonnige Tag der letzten Monate, und zum ersten Mal seit dem Antritt ihrer unfreiwilligen Reise wurde es den Menschen warm. Anoriel blickte sich wie die meisten Jüngeren neugierig um als sie durch die großen Stadttore fuhren. Das hier war ganz anders als Rómenna, viel größer, lebhafter und prunkvoller. Die breiten, teilweise mit glitzernden Steinen gepflasterten Straßen, die bunten und reichen Kleider der Menschen, das Gedränge, die eindrucksvollen Herrenhäuser mit den vergoldeten Dächern, das alles raubte ihr schier den Atem und für einen Augenblick vergaß sie ihre Sorgen um Rálien, ihre blutenden Handgelenke und den nagenden Hunger.
Doch je weiter sie kamen, starrten immer mehr Menschen sie an. Viele blieben stehen und betrachteten den Gefangenenzug, Kinder kamen herbeigerannt und hüpften fröhlich um die Karren. Anoriel schauderte als sie in die ihr entgegenblickenden Gesichter blickte, in fast allen war nur Schadenfreude und Verachtung zu lesen, nur selten sah man so etwas wie mit Neugier gemischtes Mitleid.
„He, schaut mal, eine Rothaarige! Das ist bestimmt eine Hexe!“ rief plötzlich eine schrille Stimme. Anoriel hob den Kopf und ihre Augen trafen mit den eines zehnjährigen Bengels zusammen, der unverblümt mit dem Finger auf sie zeigte. Im nächsten Moment flog ein fauler Apfel an ihrem Kopf vorbei und der Junge verschwand lachend in der Menge, als zwei Soldaten sich drohend in seine Richtung bewegten. Anoriel sah ihm wütend nach und versuchte, sich seine Gesichtszüge für immer einzuprägen. Er würde es noch büßen. Irgendwann würden alle dafür büßen, was sie ihr angetan hatten.


Nach einiger Zeit hatten die Karren einen großen Hügel erreicht, auf dem ein riesiger weißgoldener Bau stand.
„Das ist der Palast des Königs,“ meinte der herangerittene Schwarze, wie Anoriel den in schwarz gekleideten Anführer ihrer Gruppe für sich nannte. Seit dem Vorfall im Wald schien er irgendwas an ihr gefunden zu haben, denn er ritt öfter neben ihr und erklärte ihr dies und das – falls es etwas Interessantes zu sehen gab. „Wir werden jetzt um den Hügel herumreiten, dann kommt ihr durch den Hintereingang in die Verliese. Diesen weißen Hauptweg können wir nicht nehmen, denn da sind überall Höflinge... und wir wollen sie ja nicht verschrecken.“ Er lächelte spöttisch.
Anoriel sah ihn interessiert an, der Mann hielt wohl nicht viel von Höflingen. Tatsächlich sah sie bald den etwas niedriger gelegenen Hintereingang des Palastes auf der anderen Seite des Hügels – und gegenüber am Hügelfuß ein großes schwarzes Gebäude.
„Was ist das?“ fragte sie den Schwarzen.
„Das ist der Tempel Melkors,“ erklärte er bereitwillig. „Er wurde vor einiger Zeit von dem Berater des Königs erbaut. Dort enden übrigens einige Getreuen auf einem Feueraltar. Oh nein, nein,“ lachte er, als er den Schock auf Anoriels Gesicht sah. „Nur Männer, und nur wirklich bedeutende Männer. Keine Angst Kleines, du kommst da bestimmt nicht hin. Tja, und nun sind wir da und unsere Wege trennen sich. Viel Glück!“
Er schnitt das Seil um ihre Hände durch, streckte den Arm aus und wuschelte ihr freundlich durchs Haar. Anoriel lächelte, doch ihr Lächeln verschwand als sie den eisigen Blick ihres Vaters bemerkte, der die Szene mitverfolgt hatte.
Nachdem die Karren den Hügel hinauf gerollt waren, wurden alle Gefangen durch ein unscheinbares kleines Tor in der Nähe des Hintereinganges gebracht, von dem auf jeder Seite jedoch schwer bewaffnete Soldaten in schwarzen Uniformen postiert waren. Sie wurden durch einen engen, abfallenden Steingang getrieben, der von wenigen rauchenden Fackeln erleuchtet wurde, und kamen durch einige noch schmalere Gänge zu einer großen Eisentür, die ebenfalls von zwei bewaffneten Soldaten bewacht wurde.


Einer nach dem anderen wurden die Gefangenen hineingestoßen und die Tür ging mit einem Knirschen hinter ihnen zu, das Anoriel an das Schließen eines Grabdeckels erinnerte. Nachdem ihre Augen sich ein wenig an das Halbdunkel gewohnt hatten, sah sie sich um. Anscheinend waren sie nicht die einzigen, die in der letzten Woche verhaftet wurden, aber wohl die letzten. Etwa vierzig andere verängstigte Gesichter sahen ihnen aus der Tiefe des großen, nur von einem kleinen vergitterten Fenster in der hohen Decke erhellten, Raumes entgegen. Ihre Gruppe setzte sich an die angrenzende Wand, einige schienen sich erkannt zu haben und redeten leise miteinander. Anoriel setzte sich mit ihrer Familie gegenüber dem Ausgang auf den kalten, dreckigen Boden und besah sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre aufgescheuerten Handgelenke.
„Was hattest du mit diesem Soldat zu schaffen?“ fuhr ihr Vater sie plötzlich an.
„Was?“ Anoriel sah verwirrt zu ihm.
„Ich fragte dich, warum du es wagst, dich mit einem Schwarzgardisten anzufreunden?“
„Calíondo, lass das Kind doch!“ schritt ihre Mutter ein. „Sie hat schließlich nichts schlimmes gemacht.“
„Nichts schlimmes? Während wir alle leiden müssen, schäkert sie ausgerechnet mit einem unserer ärgsten Feinde, mit einem Soldaten der Schwarzen Garde!“ Calíondo schnaubte wütend.
„Während ihr alle leiden müsst?“ fragte Anoriel nach einigen Augenblicken leise und hielt ihm ihre Handgelenke hin. „Und was ist damit? Hast du auch solche Wunden? Wurdest du auch in den Wald verschleppt, um dort entehrt zu werden? Ist es so schlimm, wenn ich mich nach alledem über ein freundliches Wort freue, ohne zu fragen von wem es kommt?“ Zitternd hielt sie inne und bemerkte erst jetzt, dass es in der Zelle totenstill geworden war, und sie den letzten Satz fast geschrien hatte. Anoriel warf den Kopf zurück und schloss die Augen. Sie wollte nichts mehr hören noch sehen.
Stunden waren vergangen bis die Tür erneut aufging und fünf in Schwarz gekleidete Soldaten eintraten.
„Wer sind Calíondo und Celebriel?“ fragte einer von ihnen. Schweigen war ihnen die Antwort. Dann hob Calíondo langsam die Hand.
„Sind das eure Kinder?“ Der Soldat zeigte abfällig auf Nariol, Calnir und Anoriel.
„Ja, aber sie...“ fing Calíondo an.
„Still!“ brüllte der Soldat. „Ihr habt nichts zu sagen, außer ihr werdet gefragt. Und jetzt los, aufstehen!“
Alle fünf wurden hoch gezerrt, ihre Hände hinter dem Rücken gefesselt und zum Ausgang geführt. Anoriel war als letzte in der Tür als auf einmal jemand sie am Arm packte. Ráliens bleiches Gesicht mit eingefallenen Wangen und brennenden Augen blickte ihr aus der Dunkelheit entgegen.
„Du wirst es hier raus schaffen, Anoriel,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Versprich mir, dass du mich dann nicht vergisst.“
„Du hast mein Wort,“ nickte Anoriel, und schon zog sie ein Soldatenarm nach draußen.


Sie wurden durch den ihnen schon bekannten Gang gezerrt, doch dieses Mal bogen sie vor dem Ausgang nach rechts. Es folgte noch eine Vielzahl anderer Gänge, die bald wesentlich breiter, sauberer und besser beleuchtet wurden, bis sie schließlich vor einer großen glänzenden Holztür ankamen, vor der ein ebenfalls schwarz uniformierter Wachmann stand. Er warf der Gruppe einen kurzen Blick zu und verschwand hinter der Tür. Nach einigen Augenblicken kam er wieder heraus und nickte.
„Rein mit euch,“ befahl der Soldat, der Anoriel festhielt, und sie wurden auf den Boden des Raumes hinter der Tür gestoßen.


Mit Mühe erhob sich Anoriel und sah sich neugierig um. Das Zimmer war geräumig und in ein angenehmes Dämmerlicht getaucht. Es standen kaum Möbel darin außer einem riesigen Tisch, hinter dem ein hoch gewachsener, schwarz angezogener Mann hervorkam. Wie hypnotisiert starrte sie ihn an. Er hatte ein von pechschwarzen Haaren umrahmtes, junges, blasses Gesicht mit makellosen Zügen und sehr hellen, gelben Augen, deren Blick in ihre Seele zu dringen schien.
„Schön, euch endlich kennen zu lernen, Calíondo,“ sagte er mit einer weichen, eindringlichen Stimme. Ihr Vater sah den Mann ohne zu antworten kalt an.
„Ihr scheint wohl nicht sehr gesprächig zu sein?“ lächelte dieser. „Nun gut, kommen wir gleich zur Sache. Erzählt mir doch bitte, was ihr über die Getreuen bei Hof wisst.“
„Du wirst nichts von mir erfahren, Sauron,“ knurrte Calíondo.
Anoriel riss verblüfft die Augen auf. Das also war Sauron, der Berater des Königs? Dieser freundliche Mann und die Bestie, von der ihre Eltern ihr so oft erzählt haben, sollten ein und dieselbe Person sein? Sie konnte es kaum glauben. Verstohlen schielte sie zu ihrer Mutter und ihren Brüdern, doch auf ihren unbeweglichen Gesichtern war nichts von Verwunderung zu sehen, sogar der kleine Calnir hatte einen seltsam verächtlichen, kalten Blick bekommen, der ihn um Jahre älter erscheinen ließ.
„Ich brauche die Namen der bei Hof lebenden Getreuen, und ich werde sie auch erfahren, von wem auch immer,“ zuckte Sauron die Schultern. „Ich habe fast alle von euch verhaften lassen, und die werden nicht alle schweigen. Was für mich unbequem ist, keiner außer euch kann mir alle Namen gleichzeitig nennen, und wenn ihr mir nichts sagt, werde ich sie stückchenweise zusammentragen müssen. Deswegen auch mein Angebot an euch: erspart mir die Mühe, dann lasse ich euch nicht nur leben, ich werde euch erlauben, euch irgendwohin aufs Land zurückzuziehen und als friedliche Bauern Abstand von der Politik zu nehmen.“
„Und wenn wir dir nichts sagen?“ fuhr Nariol dazwischen.
„Wenn nicht, mein aufgeweckter junger Freund,“ lächelte Sauron. „dann erwartet euch ein schmerzvoller Tod.“
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass du uns damit Angst machen kannst,“ lachte Calíondo auf.
„Du kannst uns ermorden, aber du wirst uns nie dazu bringen, unsere Freunde zu verraten,“ fügte Celebriel leise hinzu.
„Wirklich nicht? Nicht einmal wenn ich eure drei Kinder ebenfalls in den Tod schicke?“
„Nein. Du kannst mit uns machen, was du willst. Auch wenn du die Namen auf andere Weise erfahren solltest, wir werden wenigstens nicht die Verräter sein,“ sagte Calíondo fest.
„Ist es dein letztes Wort?“ seufzte Sauron.
„Ja.“
„Nun, dann hast du es nicht anders gewollt. Wachen!“
Anoriel traute ihren Ohren kaum und starrte den Berater des Königs ungläubig an, als sie von einem Soldaten hochgerissen wurde. Sie würden jetzt alle sterben müssen? Wegen ein paar Namen? Verzweifelt sah sie zu ihrer Mutter und ihren Brüdern, doch sie alle blickten wie ihr Vater zur Decke und beteten. Schon wieder dieses verfluchte Beten. Zornig ballte sie die Fäuste. Wie konnte ihr Vater sich eigentlich anmaßen, über ihr Leben zu entscheiden, das kaum angefangen hatte? Sie hatte nie wirklich zu ihrem Bund dazu gehört, und sie wollte es nicht einmal, doch trotzdem musste sie in der letzten Woche so viel Angst und Schmerzen erleiden, und jetzt auch noch sterben, wegen einer Sache, die sie nicht im mindesten interessierte? Nein. Da spielte sie nicht mehr mit. Sie hatte Träume und Wünsche, die ganz anders waren, als die ihrer restlichen Familie, und sie wollte diese nicht aufgeben müssen, nur weil ihre Eltern ihre geliebten Vorstellungen von Recht und Ehre, durch die sie ja doch niemanden retten konnten, höher stellten als das Leben und den freien Willen ihrer Kinder. Sie wollte leben, mit jeder einzelnen Zelle ihres Körpers, Leben um jeden Preis.


„Lass mich los,“ schrie Anoriel den sie festhaltenden Soldaten an und wandte sich zu Sauron. „Hört mich an.“
Sauron sah sie eine Sekunde lang abschätzend an, dann gab er dem Soldat einen Wink und der stahlharte Griff um ihre Handgelenke verschwand.
„Anoriel, was tust du denn da?“ flüsterte Calíondo entsetzt. Ohne auf ihn zu achten trat Anoriel vor und senkte sich auf die Knie.
„Erlaubt mir, euch die Namen der Getreuen zu nennen,“ sagte sie leise. Ein triumphierendes Lächeln erschien auf dem Gesicht Saurons.
„Ich wusste doch, dass zumindest jemand von euch einen klaren Kopf hat. Du darfst reden.“
„Nein!“ Calíondo versuchte erfolglos, sich loszureißen, doch der ihn festhaltende Mann war stärker. „Du wirst gar nichts sagen! Du wirst es nicht wagen, diese Menschen in den Tod zu schicken!“
„Das kannst du nicht tun, Anoriel,“ fügte Celebriel zu. „Denk doch nur an ihre Familien. Willst du, dass ihnen das gleiche wie uns passiert? Und die Valar, die Elben? Anoriel, willst du wirklich alles verraten, an was du je geglaubt hast?“
Anoriel wandte den Kopf und sah die beiden kalt an. Sie hatten es wohl noch immer nicht begriffen.
„Diese Menschen werden so oder so sterben,“ sagte sie langsam. „Durch euer Schweigen sind sie nicht zu retten. Und die Valar...“ Anoriel lachte auf. „Es ist eure Sache. Eure Ideale und euer Glaube, wegen denen ich hier gelandet bin. Mich habt ihr nie gefragt. Nicht woran ich glauben möchte oder was für Wünsche ich habe und nicht einmal jetzt habt ihr mich gefragt, ob ich vielleicht leben will, verdammt!“ Die letzten Worte schleuderte sie mit aller Wut die sie in sich hatte ihren Eltern entgegen.
„Ihr hattet eure Chance,“ fügte sie nach einigen Sekunden leise hinzu. „Nun lasst mir die meine.“
Ohne ihre Familie noch einmal anzuschauen, blickte sie wieder zu Sauron und nannte der Reihe nach deutlich fünf Namen, die ihrer Mutter einen Verzweiflungsschrei und Sauron ein zufriedenes Lächeln entlockten.
„Sehr gut,“ meinte er, als Anoriel fertig war. „Bringt das Mädchen und ihre Mutter zurück in die Verliese, aber jede in eine andere Zelle. Und der Rest kommt in den Tempel.“
Anoriel schloss die Augen und ließ sich durch die Gänge ziehen. Sie wollte an nichts mehr denken. Irgendwo in weiter Ferne hörte sie die Schreie ihrer Mutter und ihrer Brüder, die Flüche ihres Vaters, doch das war ihr alles egal. Sie musste sich entscheiden, und sie hatte sich entschieden. Keiner konnte ihr das zum Vorwurf machen. Irgendwann hörte sie eine Tür quietschen und wurde auf einen harten, trockenen Boden geworfen. Erst jetzt machte sie die Augen auf, doch das brachte ihr nicht viel. Vollkommene Stille und Dunkelheit hüllten sie ein. Ihre Hände waren immer noch hinter ihrem Rücken verbunden, so schleppte sie sich so gut es ging auf ihren Knien vorwärts bis sie gegen eine Wand stieß, lehnte sich an den kühlen trockenen Stein und schloss die Augen erneut. Sie wollte nur noch schlafen.


V


Anoriel wusste nicht, wie lange sie in der Zelle blieb, oder wie groß diese Zelle überhaupt war. Es musste lange gewesen sein. Nach einer Zeit war sie weinend aufgewacht und wollte alles rückgängig machen, ihre Familie zurück haben. Dann schlief sie erneut ein und wurde von ihren eigenen Schreien geweckt. Sie merkte nie, wann sie wieder in den Schlaf glitt, und ob das überhaupt Schlaf oder Besinnungslosigkeit war, sie war nur dankbar, dass sie sich an keine Träume erinnern konnte.
Plötzlich schlug Anoriel die Augen auf und wusste, dass sie nicht mehr einschlafen würde. Sie war ausgeruht und ihr Kopf klarer denn je. Wegen ihrer Familie spürte sie nur noch eine leise Trauer, doch nichts weiter. Entspannt seufzte sie und setzte sich auf, im Schlaf war sie vollends auf den Boden geglitten. Sie starrte in die Dunkelheit und fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis jemand kommt. Oder war schon jemand da gewesen während sie schlief? Doch entgegen ihrer Erwartung dauerte es nicht lange, und die Tür wurde geöffnet.
„Komm raus,“ sagte eine Männerstimme.
„Wie denn?“ gab Anoriel spöttisch zurück. Angst hatte sie nicht mehr. „Ihr habt mir doch die Hände zusammengebunden, wie soll ich da aufstehen?“
„Sei still!“ bellte die Stimme. Ein dunkler Schatten erschien in dem Lichtspalt und zog sie so rücksichtslos hoch, dass ihr ein Schmerzensschrei entfuhr – und sofort hätte sie sich für diese Schwäche am liebsten selbst einen Tritt gegeben. Rálien hatte recht gehabt, es waren Tiere – und vor Tieren würde sie niemals kriechen. Wieder wurde sie durch unzählige Gänge geschleift und in den ihr schon bekannten Raum gestoßen.
Wie beim ersten Mal waren die Vorhänge zugezogen, Kerzen brannten in großen Ständern und hinter dem Tisch saß der Berater des Königs, doch nun stand auf der anderen Seite des Tisches ein weiterer Sessel.
„Nimm ihr die Fesseln ab und geh,“ befahl Sauron dem Soldaten, der sie hereingebracht hat, ohne Anoriel selbst anzusehen. Erst nachdem seinem Befehl Folge geleistet wurde, legte sich der Blick der gelben Augen auf das Mädchen.


„Setz dich,“ deutete er mit der Hand auf den Sessel. Vorsichtig ließ sie sich auf dem Sessel nieder und zuckte vor Schmerz zusammen, als sie versuchte, sich mit den Händen abzustützen. Ihre Handgelenke waren eine einzige blutende Wunde.
„Zeig deine Arme her,“ sagte Sauron unvermutet. Ruhig besah er sich die unsicher hingestreckten Gelenke einige Minuten lang.
„Sie sind entzündet.“
„Es hätte mich gewundert wenn sie es nicht wären,“ murmelte Anoriel. Sie fragte sich, was jetzt eigentlich von ihr erwartet wurde und womit das ganze überhaupt enden sollte.
„Nun, dagegen wird etwas getan werden.“ Sauron lächelte. „Doch vorerst möchte ich mich mit dir unterhalten. Ich habe mit Tarizôn gesprochen, dem Mann, der dich und deine Familie hergebracht hat. Und er hat mir einige interessante Sachen über dich erzählt.“ Er hielt einen Moment inne bis er weitersprach. „Unter anderem, dass du ohne jegliche Hilfe eine Wand hinunter geklettert bist, die für viele meiner besten Männer ein ernstzunehmendes Hindernis gewesen wäre, und dass du, geschwächt und ohne Waffen, zwei Soldaten überrumpeln konntest. Ist das wahr?“
„Ja,“ nickte Anoriel. „Ja, das ist wahr.“
Die gelben Augen bohrten sich in die ihren, bis sie dem Blick nicht mehr standhalten konnte und den Kopf senkte.
„Auch deine Vorstellung hier fand ich äußerst interessant. Ich habe nicht oft jemanden so reden gehört... schon gar nicht ein sechszehnjähriges Mädchen. Erzähl.“
„Erzählen? Von was soll ich Euch erzählen?“ Anoriel sah ihn verständnislos an.
„Von dir.“ Sauron lehnte sich zurück und kniff die Augen zusammen. „Von deinem Leben, von deinen Interessen, Wünschen, von deinen Fähigkeiten und wie du sie erworben hast, einfach alles, was dir in den Sinn kommt. Wir haben viel Zeit.“
Obwohl sie sich immer noch fragte, was das ganze sollte, folgte Anoriel dem Befehl. Erst erzählte sie stockend, machte oft Pausen und überlegte, was sie nun eigentlich sagen wollte, doch mit der Zeit wurde ihre Rede immer flüssiger. Sauron unterbrach sie nur ab und zu und stellte kurze Fragen, um etwas von dem Gehörten zu verdeutlichen. Stunden vergingen, und irgendwann ertappte sie sich mit Verwunderung dabei, wie sie dem Mann, der erst vor kurzem ihre Familie in den Tod geschickt hatte, ihre geheimsten Gedanken und Ängste offenbarte, über die sie noch nie ein Wort verloren hatte. Schließlich schilderte sie ihre Gefangennahme und die Reise nach Armenelos, und als sie der Stelle angelangt war, an welcher sie mit den anderen Getreuen in das Palastverlies gesperrt wurde, nickte Sauron und beugte sich vor.
„Das ist genug,“ meinte er. „Ich muss sagen, ich habe mich in dir getäuscht. Du bist wesentlich vielversprechender, als ich am Anfang den Eindruck hatte.“
Sauron erhob sich, ging um den Tisch herum und hob Anoriels Kinn mit kühlen Fingern sanft an, damit er direkt in ihr Gesicht sehen konnte.
„Du wirst einmal eine außergewöhnliche Schönheit werden, mein Mädchen,“ sagte er nachdenklich. „Du hast Köpfchen, du bist schnell und geschickt, kennst dich mit allem, was die Getreuen angeht, aus, und vor allem hast du Mut. Eine wirklich bemerkenswerte Mischung...“
Er ließ seine Hand sinken, kehrte zu seinem Sessel zurück und ließ seinen Blick im Zimmer umherschweifen. Anoriel rutschte unruhig hin und her, sich verwirrt fragend, was Sauron mit seinen letzten Sätzen gemeint haben mochte.
„Warum eigentlich nicht...“ hörte sie ihn murmeln.
Schließlich wandte er sich wieder dem Mädchen zu, und ein kaum merkbares Flackern erhellte seine Augen als er zu reden begann.
„Ich will dir einen Vorschlag machen. Wie du sicherlich weißt, habe ich mehr als genug Soldaten und Spione, doch obwohl es wenige mit einem gut ausgebildeten Soldat meiner Garde aufnehmen können, lassen sich mit Soldaten keine Verschwörungen wie die deiner Eltern aufdecken. Und meine Spione teilen früher oder später stets das Schicksal aller Spione – sie werden als solche entlarvt, und dann ist ihr Schicksal gewöhnlich besiegelt, ehe sie mir alles Erfahrene berichten können. Was ich eigentlich brauche, ist eine Art perfekter Spion; jemand, von dem keiner vermutet, dass er überhaupt ein falsches Spiel spielen könnte, und der die Macht hat, sich in jedes Herz einen Weg zu bannen, der sich in jeder Gesellschaft auskennt und wie zu Hause fühlt. Doch auch jemanden, der es mit seinen Feinden aufnehmen kann, und der es meistens gar nicht erst soweit kommen lässt, enttarnt und in eine Falle gelockt zu werden.“ Sauron lächelte leicht. „Jemanden wie dich.“


Anoriel starrte ihn entgeistert an. Sie hätte alles erwartet, von einem neuen Verhör bis zu einem Todesurteil, doch nicht das Angebot, zu einem Spion von Sauron zu werden.
„Warum gerade ich?“ presste sie schließlich heraus.
„Ganz einfach,“ zuckte Sauron die Schultern. „Vor allem, da die Menschen dich nicht kommen sehen – und weil du bei Gefahr viel überlegter und kaltblütiger handelst, als die meisten es tun würden. Das war es, warum du all die Zeit in Fesseln bleiben musstest; denn Tirazôn war überhaupt der einzige, der erkannt hat, dass du gefährlich bist. Und von seiner Art gibt es nicht viele. Niemand von meinen Leuten hätte je erwartet, dass die sechszehnjährige Tochter des Hauses aus dem Fenster des dritten Stocks klettern kann, dort waren nicht einmal Wachen aufgestellt. Vor allem da die normale Reaktion bei lauten Stimmen im Haus eher gewesen wäre, zu der Familie zu rennen oder zu schreien oder sich wenigstens unter dem Bett zu verstecken, und nicht mit der Gefahr, sich den Hals zu brechen, lautlos und ohne Zeit zu verschwenden aus dem Fenster zu klettern. Dass du doch gefangen wurdest, war purer Zufall. Und die zwei Soldaten, mit denen du gekämpft hast? Du hättest doch eigentlich keine Chance gegen sie gehabt, aber du hast derart schnell und unerwartet zugeschlagen, dass du fliehen konntest. Die beiden hätten niemals gedacht, dass ein junges wehrloses Mädchen zu einer solchen Tat fähig wäre. Dass du geschickter und kräftiger bist als die meisten Frauen hilft dir nur dabei. Und wenn man dein Aussehen und deine Kenntnisse über die Getreuen betrachtet, könnte ich kaum jemanden finden, der mir ein besserer Diener wäre.“
„Aber...aber ich kann jetzt doch nicht einfach...“ stammelte Anoriel. Sie konnte das alles nicht glauben. Und verstehen auch nicht.
„Natürlich kannst du jetzt nicht einfach losgehen und Spion spielen,“ lachte Sauron auf. „Wenn du mein Angebot annimmst, wirst du Jahre harter Ausbildung vor dir haben, denn du magst zwar gute Ansätze haben, doch es ist längst nicht genug. Du müsstest vieles lernen; kämpfen, den Umgang mit Giften und Kräutern, Spurenlesen, wie man sich in höheren Kreisen bewegt und spricht, du müsstest sämtliche Angelegenheiten und Intrigenspiele des Hofes kennen und wie man so etwas auslösen und steuern kann, du musst viel über Strategie, Logik und die Denkweise der Menschen erfahren, und noch vieles mehr. Erst wenn du alles beherrschst, was ich von dir verlange, erst dann könntest du deinen Dienst antreten.“
Anoriel schloss die Augen und presste sich die Hände an die Schläfen. Der Kopf schwirrte ihr und sie begriff immer weniger von dem Geschehen. Sicher, das, was Sauron sagte, war einerseits klar und einleuchtend, doch unter den Umständen kam es ihr wie ein absurdes Spiel vor. Erst nach einigen Minuten begann sie langsam zu realisieren, welche Chance sich ihr gerade bot. Sie konnte nicht nur leben, sie würde auch all das bekommen, was ihr in ihrem alten Leben ewig verwehrt geblieben wäre. Nie mehr Angst, nie mehr die quälende Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen spüren müssen, diese Aussicht verschlug ihr den Atem. Wenn sie dieses Angebot annehmen würde, würde ihr die ganze Welt offen stehen. Langsam hob sie den Kopf und sah Sauron immer noch etwas ungläubig an.
„Meint Ihr das ernst?“ flüsterte sie.
„Natürlich meine ich das ernst.“ Sauron nickte belustigt. „Doch überleg es dir gut, denn leicht werden die nächsten Jahre nicht für dich.“
„Das erwarte ich nicht, und es ist mir auch gleich,“ schüttelte Anoriel den Kopf. „Ich nehme Euer Angebot an.“
„Sehr gut.“ Saurons Augen leuchteten auf. „Ich habe gehofft, dass du dich so entscheidest. Dann wirst du jetzt etwas für deine Wunden bekommen, und ein Zimmer, in dem du dich erst einmal ausschlafen kannst. Ab morgen wirst du deine Ausbildung antreten. Hast du noch irgendwelche Fragen?“
„Ja.“ Anoriel spielte nervös mit ihren Fingern, dann holte sie schließlich tief Luft und öffnete den Mund. „Was ist mit meiner Mutter und mit Rálien, dem kranken Mädchen in meinem Alter?“
„Deine Mutter... Deine Mutter wollte ich eigentlich nicht hinrichten lassen, zumindest vorerst nicht. Doch sie hat den Tod gewählt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das zu verhindern lag nicht in meiner Macht. Und das Mädchen von dem du sprichst ist bereits an dem Abend, an dem ihr zu mir gebracht wurdet, an ihrem Fieber gestorben.“
Anoriel nickte. Sie hatte solche Nachrichten schon halb erwartet, und es war kein Schlag mehr für sie. Ihre Tränen hatte sie alle in der dunklen Zelle ausgeweint, jetzt wurde es Zeit, an sich zu denken, und an die Zukunft.
„Wenn du keine anderen Fragen hast,“ sprach Sauron nach einigen Augenblicken. „Dann hätten wir noch etwas zu klären. Und zwar deinen neuen Namen.“
„Ich brauche einen neuen Namen?“
„Anoriel klingt zu eindeutig nach einer Getreuen. Du brauchst etwas neutrales, aber auch etwas, was für dich nicht allzu fremd ist...“ Nachdenklich strich er mit den Fingern über den Tisch. „Wie wäre es mit Anôra?“
„Anôra...“ Das Mädchen wiederholte den Namen einige Male, als wollte sie sich jeden Laut auf der Zunge zergehen lassen. „Ja, Anôra klingt gut.“
„Dann wäre vorerst alles klar.“ Sauron stand auf, öffnete die Tür und gab dem Wachmann dahinter einige schnelle Befehle, dann wandte er sich seiner neuen Dienerin zu.
„Man wird dich gleich auf dein Zimmer bringen. Es ist jetzt Morgen, und du hast bis zum Morgen des nächsten Tages Zeit, dich auszuruhen und etwas zu essen. Ich schicke dir außerdem gleich einen Heiler, der sich um deine Handgelenke kümmern wird. Tirazôn wird dich dann abholen und zu deinem Lehrer bringen. In ein paar Tagen werden auch wir uns wiedersehen. Du kannst gehen, Anôra.“
„Ja, Herr,“ verbeugte sie sich und ging langsam hinaus. Das Leben konnte endlich beginnen.


VI


Anôra schlug die Augen auf und streckte sich mit einem Lächeln. Sie hatte schon ganz vergessen was es hieß, ohne jegliche Angst und Sorgen in einem sauberen weichen Bett zu schlafen. Sie setzte sich auf und schaute sich um. Ihr Zimmer war nicht sehr groß, doch es war mit allem ausgestattet, was ein junges Mädchen brauchen könnte, sogar eine kleine Holzwanne gab es hinter einem in Pastelltönen gehaltenen Seidenschirm, die sie am Vortag schon ausgiebig benutzt hatte. Es befand sich in dem Ostflügel des Palastes, unweit von den Unterkünften der Schwarzen Garde entfernt, wie ihr der Soldat erzählt hatte, der sie am Vortag hergebracht hatte.
Sonne schien durch das große Fenster, aus dem sich ein Blick über einen Teil der Palastgärten und der Übungshöfe, die ebenfalls der Schwarzen Garde gehörten, bot. Leicht sprang sie aus dem Bett und lief zum Tisch, auf welchem ein Teller mit frischem Brot und Früchten und eine große Tasse noch warmer Milch stand, und bei diesem Anblick meldete sich der in den letzten Tagen fast vergessene Hunger mit doppelter Kraft wieder. Erst als kein einziger Krümel mehr auf dem Teller blieb, stand sie auf und wusch sich mit dem klaren kalten Wasser aus einer großen Porzellanschüssel. Doch als sie zufällig in den darüber hängenden Spiegel blickte, hielt sie erschrocken inne. Das Gesicht, das ihr entgegensah, schien einer Fremden zu gehören. Es war viel schmaler geworden und die Wangenknochen traten deutlicher hervor. Die Haut war blass und fast durchsichtig, was ihre grünen Augen noch größer erscheinen ließ und ihnen einen fast übernatürlichen Glanz gab. Sie fuhr mit den Fingerspitzen über ihre Haare, deren größter Teil glanzlos und hoffnungslos verfilzt war. Das würde sie nie im Leben durchkämmen.
Ohne zu überlegen schnappte sie sich die neben der Schüssel liegende Schere. Eine Viertelstunde später besah sie sich zufrieden das Ergebnis; ihr von nur noch bis zum Kinn reichenden Haaren umrahmtes Gesicht sah längst nicht mehr so kindlich und verletzlich aus, und auch der hilflose Ausdruck war sofort verschwunden.
Sie musste sich nun beeilen, Tirazôn wurde sie bestimmt bald abholen.
Anôra öffnete den in der Ecke stehenden Schrank, aber statt des erwarteten Kleides befanden sich darin eine schwarzes Hose, schwarze leichte Stiefel aus feinem Leder und ein graues Hemd. Darauf lagen zwei lange weiche Stoffstreifen für ihre nur durch einen dünnen Verband geschützten Handgelenke, den ihr der Heiler am Vortag angelegt hatte. Schnell schlüpfte sie in die Kleider und umwickelte ihre Arme so fest es ging mit den Bandagen. Kaum war sie damit fertig klopfte es an der Tür und Tirazôn trat ein.
„Du hast es ja ganz schön weit gebracht, kleines Mädchen,“ lächelte er. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass ein so hübsches Gesicht unter dem ganzen Dreck versteckt war.“
„Spart Euch die Witze,“ schüttelte Anôra den Kopf, doch gegen ihren Willen kroch auch auf ihre Lippen ein Lächeln. Sie mochte den Mann, und war froh, ihn wiederzusehen. „Wo gehen wir denn jetzt hin?“
„Auf die Übungshöfe, die hast du bestimmt schon aus deinem Fenster gesehen,“ erklärte Tirazôn, sie den Gang entlangführend. „Dort wurde mittlerweile eine kleine Ecke von dem übrigen Hof abgetrennt, damit du mit deinem Lehrer in Ruhe üben kannst.“
„Seid Ihr denn nicht mein Lehrer?“
„Nein, nein, dazu hätte ich nicht die Zeit,“ lachte er. „Ich werde dich nur in einigen theoretischen Sachen wie Strategie unterrichten, aber die meiste Zeit wirst du eher mit der Praxis verbringen. Vorerst zumindest.“


Bald hatten sie den Ausgang erreicht und kamen in der Ecke eines großen Hofes heraus, der zu dieser frühen Zeit allerdings noch leer war. Rechts erstreckte sich in einiger Entfernung eine hohe Wand mit einem kleinen Durchgang darin, und in der ihnen gegenüberliegenden Ecke des Hofes war eine Art zweiter, kleiner Hof mit Hilfe eines hölzernen Zauns errichtet worden.
„Das hier ist mein Arbeitszimmer,“ sagte Tirazôn, auf eine Tür links von sich deutend. „Wenn du irgendwelche Fragen oder Probleme hast, wirst du mich dort meistens treffen können.“
Sie überquerten den Hof und traten durch ein kleines Tor in den von dem Holzzaun abgegrenzten Raum ein. Der kleine Hof war gänzlich leer, nur in einer Ecke war eine schiefe Holzbank, an die ein Schwert gelehnt war. Auf der Bank saß ein in Schwarz gekleideter Mann und polierte ein zweites. Sobald er die Hereinkommenden sah, sprang er auf und verneigte sich leicht in Richtung von Tirazôn, ohne Anôra eines Blickes zu würdigen, die ihn misstrauisch beäugte.
Er war jung und hatte schwarzes, auf seine Schultern fallendes Haar, das ein wohlgeformtes Gesicht mit zwei funkelnden grauen Augen umrahmte. Was ihr aber ganz und gar nicht gefiel war der überhebliche, selbstzufriedene Ausdruck, der auf seinen Zügen ruhte. Solche Menschen konnte sie nicht ausstehen.
„Könnte ich kurz ein Wort mit Euch sprechen?“ fragte er Tirazôn, noch immer ohne Anôra zu beachten und sie damit nur in ihrer Meinung über sich bestätigend.
„Arroganter Depp,“ flüsterte sie, während der Mann Tirazôn beiseite nahm und heftig gestikulierend schnell zu reden begann, zu ihrer Überraschung immer wieder auf sie deutend. Neugierig hörte sie genauer hin, doch er sprach leise und so konnte sie nur Wortfetzen erkennen.
„... könnt nicht ... eine Stunde ... niemals ... verwöhnte Adelsgöre ... andere Sorgen ... ich werde nichts ... zu viel ... was ihr wollt, aber ... auf keinen Fall ... gleich vergessen ... weigere ... vollkommen unfähig ... weder Lust noch Zeit um ... selbst machen!“
Tirazôns Antwort konnte Anôra nicht hören, denn er sprach wesentlich ruhiger und leiser als sein Gegenüber, aber sie hatte genug gehört. Dieser eingebildete, begrenzte Schnösel hielt sie also für eine „verwöhnte Adelsgöre“, ach ja. Er würde es noch bereuen, das jemals gesagt zu haben.
„Es ist genug!“ sagte Tirazôn plötzlich laut und der Mann hielt sofort inne. „Anôra, komm bitte her.“
„Das hier ist Xâdres,“ meinte er mit einem Wink auf den Schwarzhaarigen. „Er ist einer der besten Männer Saurons, was Kampf und Spurensuche angeht, und wird dich in der nächsten Zeit in diesen Künsten unterrichten. Ihr werdet gleich mit dem Schwertkampf beginnen. Du findest mich in meinem Arbeitszimmer, falls du etwas brauchen solltest.“
Er nickte knapp und entfernte sich.


Zum ersten Mal an diesem Morgen sah ihr neuer Lehrer Anôra richtig an.
„Wie Tirazôn es schon gesagt hat, ich werde dich unterrichten,“ stieß er schließlich hervor. „Und jetzt hol dir in der Ecke ein Schwert, wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„Jawohl Majestät,“ murmelte Anôra, unwillig zu der Bank gehend.
„Wie bitte?“ fragte Xâdres, der anscheinend ein besseres Gehör besaß, als sie erwartet hätte. „Hast du etwas gesagt?“
„Nein. Habt ihr vielleicht dieses Ohrenrauschen, von dem viele bei Hof lebende Menschen befallen sein sollen?“ lächelte Anôra zuckersüß.
„Nein, danke der Nachfrage,“ verzog Xâdres gereizt das Gesicht, während Anôra grinsend das Schwert holte und zu ihm zurückkehrte.
„Stell dich jetzt hier auf,“ befahl er. „Du musst die Beine etwas mehr spreizen, sonst fällst du ja gleich um. Und halte das Schwert so wie ich, es ist doch keine Keule. Gut, jetzt werde ich dich angreifen, versuche dich zu wehren.“
Versuchen ist gut, dachte Anôra erschrocken, als sein Schwert wie ein Blitz heruntergesaust kam, so dass sie nicht einmal Zeit hatte, ihres zu heben, und kurz vor ihrem Gesicht zum Stillstand kam.
„Du wärst jetzt tot,“ teilte Xâdres ihr überflüssigerweise mit. „Ich weiß nicht, ob man es dir schon gesagt hat, aber der schöne glitzernde Stock da in deinen Händen ist eigentlich dafür gedacht, um solche Schläge abzuwehren, und zwar, indem man sich bewegt.“
Anôra funkelte ihn wütend an und umklammerte das Heft ihres Schwerts etwas fester. Sie konnte ihren Lehrer von Sekunde zu Sekunde weniger leiden. Als der zweite Angriff kam, riss sie die Waffe zwar rechtzeitig hoch, doch der Schlag traf ihre Klinge mit einer solchen Wucht dass sie das Gleichgewicht verlor, auf dem vom Regen der vergangenen Tage glitschig gewordenem Boden ausrutschte und rücklings in eine große schlammige Pfütze hinter sich fiel.
„Oh ja, eine perfekte Art sich zu verteidigen,“ brach Xâdres in Lachen aus, sie aus dem Dreck herausziehend. „Leider habe ich noch nie von einem Krieger gehört, der seine Laufbahn in einem Schlammloch angefangen hätte.“
„Wenn Ihr beim nächsten Mal nicht so hart zuschlägt, dann werde ich vielleicht sogar die Gelegenheit haben, etwas zu lernen, anstatt in dem besagten Schlammloch herumzusitzen,“ fauchte Anôra. Am liebsten würde sie diesem Kerl irgend etwas Schweres an den Kopf werfen.
„Willst du das deinen zukünftigen Gegnern auch sagen?“ Xâdres kniff zornig die Augen zusammen. „Wenn du keine harten Schläge magst, dann kannst du jetzt nach Hause gehen und etwas tun, wofür du mehr geeignet bist, Sticken zum Beispiel.“
„Den Gefallen tu ich dir sicher nicht,“ dachte Anôra. Sie stellte sich erneut auf und biss die Zähne zusammen, der würde lange auf ihr Aufgeben warten können. Als sein Schwert wieder auf ihres traf, taumelte sie, doch sie schaffte es, stehen zu bleiben. So ging es den ganzen Tag lang, mit Ausnahme einer kurzen Pause in der Mittagszeit. Alles, worauf sie bedacht war, bestand darin, stehen zu bleiben und sich nicht das Schwert aus der Hand schlagen zu lassen – was allerdings längst nicht immer klappte, und ihr jedes Mal eine spöttische Bemerkung von Xâdres einbrachte.
Als Anôra abends endlich in ihr Zimmer zurückkehrte, war sie vollkommen zerschlagen. Missmutig wusch sie den Dreck von sich und ihren Kleidern. Jeder Knochen in ihrem Leibe tat weh, von den geschundenen Handgelenken ganz zu schweigen, und sie wollte nicht einmal daran denken, dass ihr am nächsten Tag das Gleiche bevorstand. Der Heiler, der gekommen war, gleich nachdem sie ihr Abendessen beendet hatte, sah sich seufzend ihre Wunden an.
„Wenn es in meiner Macht stände würde ich dir ganz verbieten, in der nächsten Woche etwas mit deinen Händen zu machen, was auch nur die geringste Anstrengung erfordern würde, von Schwertkampf ganz zu schweigen, denn so wird das kaum richtig heilen. Aber ich habe ja nichts zu bestimmen,“ zuckte er mit den Schultern.


Am nächsten Morgen glaubte Anôra, nicht aus dem Bett kommen zu können, es kam ihr vor, als hätte am Vortag eine wütende Stierherde auf ihr herumgetrampelt. Mühsam schleppte sie sich zu dem Übungshof, auf dem Xâdres sie mit mürrischem Gesicht darüber aufklärte, dass sie nicht jeden Tag bis Mittag schlafen kann, wenn sie noch etwas lernen wolle.
„Mittag? Anscheinend hat die geheimnisvolle Krankheit Eurer Ohren auch Eure Augen befallen, sonst würdet ihr ja sehen dass die Sonne gerade erst aufgeht,“ fuhr ihn Anôra an, und bewirkte damit nichts außer einer Reihe so schneller und heftiger Ausfälle, dass sie innerhalb weniger Minuten ihre Hände kaum spüren konnte. Obwohl sie wusste, dass der Gedanke absurd war, kam es ihr an diesem Tag oft vor, als wüsste Xâdres von ihrer Verletzung und würde absichtlich so angreifen, dass ihr das Abwehren Schmerzen bereitete.


„Wie ich es befürchtet habe,“ schüttelte der Heiler abends den Kopf, ihr den blutdurchtränkten Verband abnehmend. „Die Haut, die sich auf deinen Wunden gebildet hatte, war noch zu dünn und ist jetzt aufgesprungen. Hör mal Mädchen, kannst du den Schwertkampf nicht wenigstens für einige Tage absetzen?“
„Wohl kaum,“ verzog Anôra das Gesicht. „Könnt Ihr mir nicht eine Salbe geben, die das schneller heilen lässt?“
„Ich bin ein Heiler, und kein Zauberer,“ sah der Mann sie streng an. „Aber ich kann dir das hier geben, es könnte die Schmerzen ein wenig lindern, wenn du deine Gelenke öfter damit einreibst.“ Mit diesen Worten reichte er ihr ein kleines Döschen, in dem sich etwas Blaugrünes befand, das stark nach irgendwelchen Kräutern roch, die sie nicht kannte. Tatsächlich erstreckte sich eine wohltuende Kühle über die verletzten Stellen, sobald sie die Masse dort auftupfte.
Dieses Döschen half ihr, das morgendliche Training am nächsten Tag auszuhalten, auch wenn Xâdres sie mit unverminderter Strenge über den Platz jagte. Als endlich die Sonne hoch über den Palastdächern stand, erlaubte er ihr wie immer, eine Viertelstunde Pause zu machen. Schwer atmend verzog sich Anôra in eine Ecke des kleinen Hofes, nahm die Bandagen und den Verband ab und strich sich die Salbe vorsichtig über einen Arm. Kaum war sie damit fertig und wollte sich den zweiten Arm vornehmen, als sich plötzlich ein Schatten auf sie legte.
„Was machst du da?!“ fragte Xâdres scharf. Sofort versteckte Anôra das Döschen samt ihren Händen hinter ihrem Rücken.
„Das geht Euch nichts an!“ Das fehlte ihr noch, dass dieser aufgeblasene Gockel ihre Schwäche sah.
„Es geht mich sehr wohl was an! Ich bin dein Lehrer, und ich habe darauf zu achten, dass du nichts falsches machst, also zeig mir endlich, was du in den Händen hast!“
„Nein!“ Anôras Augen blitzen zornig auf, um keinen Preis würde sie jetzt nachgeben.
Anstatt einer Antwort langte Xâdres unerwartet nach ihren Armen und zerrte sie hinter ihrem Rücken hervor. Das Döschen kullerte über den Boden und Anôra biss sich auf die Zunge, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Aber die erwartete spöttische Bemerkung blieb aus, statt dessen lockerte sich sein Griff sofort.
„Großer Himmel,“ flüsterte Xâdres, entsetzt ihre Handgelenke anstarrend. Dann hob er den Kopf und sah sie ungläubig an. „Warum in aller Welt hast du mir das nicht früher gesagt?“
„Damit Ihr mir erzählen könnt, dass Verletzungen keine Entschuldigung dafür sind, dass ich eure Schläge nicht abhalten kann?“ Vor Wut und Demütigung stiegen ihr nun doch Tränen in die Augen, die sie so gut es ging zurückdrängte. Warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen und sich auf den Unterricht beschränken?
Xâdres ließ vorsichtig ihre Arme los und setzte sich neben sie.
„Hör mir mal zu,“ sagte er leise. „Du musstest in diesen Tagen Schläge abwehren, die für zwei gesunde Hände schon eine große Anstrengung wären. Aber mit solchen Wunden hätte ich dir so etwas niemals zumuten dürfen. Wo hast du sie her?“
Anôra schüttelte kaum merklich den Kopf und starrte auf den Boden vor ihren Füßen.
„Das kann ich Euch nun wirklich nicht sagen,“ flüsterte sie schließlich.
„Gut,“ sagte Xâdres nach einigen Augenblicken. „Das ist deine Entscheidung. Betrachten wir den Unterricht für heute als beendet, ruh dich lieber aus. In den nächsten Tagen konzentrieren wir uns auf die Beinarbeit, bis es deinen Armen besser geht.“
Verblüfft sah Anôra ihn an, sie hätte nie erwartet, dass er auf einmal so rücksichtsvoll reagiert. Dann nickte sie, hob ihr Döschen auf und verschwand im Palast.


„Was ist mit diesem Mädchen passiert?“ fragte Xâdres wütend, die Tür zu Tirazôns Arbeitszimmer aufreißend.
„Was meint Ihr?“ Der Hauptmann der Garde hob den Kopf und sah ihn verwundert an.
„Was ich meine? Ich meine ihre verdammten Wunden! Ich hätte sie in diesem Zustand auf keinen Fall so belasten dürfen! Dass sie geschwiegen hat, kann ich ja noch verstehen, aber warum habt Ihr kein Wort darüber verloren?“
„Jetzt hört erst einmal auf zu schreien und setzt Euch hin.“ Tirazôns Stimme war unverändert ruhig geblieben. „Es war der Befehl von Sauron, dass sie so gut wie möglich in allen Kampfkünsten unterrichtet wird, vor allem im Schwertkampf. Hättet ihr von der Verletzung gewusst, hättet ihr Eure Forderungen an das Mädchen zurückgeschraubt, und das durfte nicht passieren. Solange sie in der Lage war, zu kämpfen, solange brauchtet ihr also nicht davon zu wissen.“
„Trotzdem, ich hätte vielleicht erst einmal etwas anderes mit ihr ausgearbeitet,“ schüttelte Xâdres den Kopf. „Wo konnte sie sich solche Wunden holen?“
„Ihr solltet nicht so viel fragen, Xâdres,“ zog Tirazôn die Augenbrauen hoch. „Die Vergangenheit von Anôra ist für Euch vorerst tabu, habt ihr verstanden? Sie ist auf Saurons Geheiß hier, und Sauron allein kann Euch über ihre Herkunft aufklären, sonst niemand. Und kommt ja nicht auf die Idee, sie selbst darüber auszufragen... obwohl ich nicht denke, dass sie Euch etwas sagen würde. Ihr könnt gehen.“
Nachdenklich verließ Xâdres den Raum und ging langsam über den Hof, ohne auf die Zurufe seiner Kameraden zu achten. Die Tochter eines einflussreichen Adeligen, der aus irgendwelchen Gründen wollte, dass sein kleiner Sonnenschein kämpfen lernt, wie er es am Anfang vermutet hatte, war sie eindeutig nicht. Diese Wunden, die Tatsache dass sie auf Saurons persönlichen Befehl seine Schülerin wurde und die Heimlichtuerei warfen seine frühere Vorstellung von Anôra über den Haufen, und widerwillig musste er zugeben, dass nicht viele es geschafft hätten, sich mit solchen Verletzungen seinen Schwertschlägen zu stellen, ohne sich etwas anmerken zu lassen, ein Verhalten, das ebenfalls nicht zu der verwöhnten Tochter eines Höflings passte. Es gab irgendein Geheimnis um dieses Mädchen, er wusste nur nicht welches. Aber er würde es noch herausfinden.


In der nächsten Zeit änderte sich einiges in den täglichen Trainingsstunden. Xâdres ließ die ersten Tage Anôras Arme tatsächlich fast gänzlich in Ruhe, und verlangte ihr erst wieder vollen Einsatz ab, als sie nach einer Woche ohne Bandagen auf dem Hof erschien. Doch ansonsten änderte sich sein Benehmen nicht im geringsten, seine spöttischen Bemerkungen blieben die gleichen, genau wie seine hohen Anforderungen, und obgleich sie ihm mindestens einmal am Tag am liebsten an die Kehle springen wollte, war Anôra ihm irgendwo auch dankbar dafür, dass er den Vorfall mit ihren Handgelenken mit keinem Wort erwähnte.
Nach einem Monat, sobald sie die Grundlagen des Schwertkampfes erfasst hatte, änderte sich Anôras Zeitplan vollkommen; nun kamen auch Bogenschießen, Dolche, und schließlich auch Kampf ohne jegliche Waffen hinzu, und sie trainierte nur noch bis zum Mittag mit Xâdres. Den restlichen Teil des Tages führte Tirazôn sie in die Künste der Logik und Strategie ein und erklärte ihr die verschiedenen Wechselbeziehungen bei Hofe, oft ging er mit ihr als Dienstmädchen gekleidet durch den Palast und zeigte ihr die bedeutenderen Höflinge, aber auch die geheimen Gänge und Winkel unter dem Palast. Der Heiler Nardûn, der in ihrer ersten Zeit im Palast Anôras Wunden versorgt hatte, lehrte sie alles, was er über Kräuter und Wunden wusste, und zwei Mal in der Woche brachte ihr Sauron persönlich die Schwarze Sprache und die Kunst, sich Menschen untertan zu machen und zu beherrschen, bei. In diesen Tagen dachte sie mit Sehnsucht an ihren ersten Monat zurück, an dem sie keine weitere Aufgabe hatte als sich von Xâdres über den Hof hetzen zu lassen.
(Polina)