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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Herbst 3300
I


"Da ist sie," die blonde Hofdame nickte auf eine am Fenster stehende hochgewachsene Schöne mit glänzenden schwarzen Haaren, länglichen dunkelbraunen Augen und einem Lächeln das sämtlichen Männern bei Hof den Kopf verdrehte.
"Meint ihr wirklich wir sollten es ihr sagen?" Ihre etwas pummelige Begleiterin rümpfte nachdenklich die Nase. "Was ist, wenn es gar nicht stimmt, was euch dieser Wachmann erzählt hat? Er ist doch gar nicht bei der Schwarzen Garde."
"Und wenn schon," zuckte die Blonde mit den Schultern. "Auf jeden Fall könnte das spaßig werden. Jetzt kommt endlich." Sie zog ihre Freundin über den zu dieser frühen Tageszeit fast leeren Palastflur zu den großen Fenstern.
"Guten Morgen, Áncabeth," lächelte sie die am Fenster stehende breit an.
"Mirûza, schön euch zu sehen," nickte Áncabeth ihr zu. "Und euch auch, Ûreth. Was treibt euch in dieser Frühe aus dem Bett?"
"Das gleiche, was euch nicht mehr schlafen lässt," senkte Mirûza die Stimme. "Wir machen uns Gedanken um Xâdres. Er ist so seltsam zerstreut in letzter Zeit."
"Ja, man vermisst seinen alten Witz," nickte Ûreth eifrig.
"Wie bitte?" Áncabeth sah die zwei ausdruckslos an.
"Hört mal, meine Liebe." Mirûza legte ihr vertraulich den Arm um die Schultern. "Ihr braucht euch nicht zu verstellen, wir sind eure Freunde. Der ganze Palast redet doch schon über Xâdres´ seltsame Vorliebe zu diesem Landmädchen."
"Was meint ihr?" kniff Áncabeth die Augen zusammen.
"Nun, da gibt es ein junges Mädchen, das er angeblich unterrichten soll... doch sagt mir, welche Frau möchte schon den Schwertkampf erlernen?"
Áncabeth schwieg eine Weile, dann wendete sie ihre Aufmerksamkeit wieder Mirûza zu.
"Wo sagtet ihr läuft dieser 'Unterricht' ab?" fragte sie scharf.
"Auf einem der Höfe der Schwarzen Garde," gab diese an. "Ihr solltet euch beeilen."
"Das werde ich. Habt vielen Dank." Ohne ein weiteres Wort wandte Áncabeth sich ab und eilte den Gang hinunter.
"Was denkt ihr was jetzt passieren wird?" Ûreth sah ihr interessiert nach.
"Wer weiß... vielleicht existiert dieses Mädchen ja gar nicht. Und wenn doch, wird es eine amüsante Zeit werden," lächelte Mirûza dünn.


"Schneller. Beweg deine Füße. Noch schneller. Halt dein Schwert richtig." Xâdres´ knappe Anweisungen erklangen laut und überdeutlich in der kalten, klaren Herbstluft. Anôra leistete ihnen so gut es ging Folge, und trotz der Kälte rannte ihr bereits Schweiß über das Gesicht. Nach einer Woche halbherzigen Unterrichts hatte ihr Lehrer heute wohl beschlossen, seine Forderungen zu verdoppeln. Auf einmal aber ließ er sein Schwert sinken und bedeutete ihr mit der Hand, zu warten.
"Áncabeth," rief er überrascht aus, die Augen auf jemanden hinter Anôra gerichtet. Sie drehte sich um und sah eine große, dunkelhaarige Frau am Tor stehen, deren schönes Gesicht von dem darauf liegenden hochmütigem und unzufriedenem Ausdruck ziemlich verdorben wurde. Die Fremde muss wohl schon eine Weile da gestanden und ihnen zugesehen haben. Xâdres legte sein Schwert hin und ging schnell auf sie zu.
"Áncabeth, was tust du denn hier?" fragte er verwundert. "Und wie bist du überhaupt auf einen Hof der Schwarzen Garde gekommen?"
"Ich habe so meine Mittel," warf Áncabeth den Kopf zurück. "Ich wollte sehen wer dieses Mädchen ist, das du unterrichten sollst. Warum hast du mir nie etwas von ihr erzählt?"
"Weil es nicht deine Sache ist," erwiderte Xâdres scharf. "Es war ein Befehl von oben, dass ich Anôra kämpfen beibringen soll, und über solche Befehle dürfen wir nicht mit Außenstehenden reden, das weißt du auch genau."
"Natürlich. Aber ich habe mir Sorgen gemacht, das musst du verstehen," Áncabeth lächelte ihn an. "Darf ich sie wenigstens genauer sehen, wenn ich schon hier bin?" Ohne eine Antwort abzuwarten glitt sie an Xâdres vorbei und baute sich vor seiner Schülerin auf.
"Du heißt also Anôra, ja?" fragte sie kalt. "Und wo kommst du her?"
"Ich glaube kaum dass es euch etwas angeht," fauchte Anôra. Sie würde sich von dieser Pute bestimmt nicht ins Bockshorn jagen lassen.
"Oh, das Bauernmädchen wird unhöflich?" Áncabeth lächelte spöttisch. "Wirklich ein feiner Zug. Du solltest lernen, Respekt vor Menschen zu haben, die dir überlegen sind, und das bin ich... in jeder Hinsicht," fügte sie verächtlich hinzu. "Ich muss sagen, meine Befürchtungen haben sich nicht bestätigt," sprach sie an Xâdres gewandt weiter. "Entschuldige bitte meine Sorge, sie war mehr als unbegründet. Von diesem kleinen Dreckspatz geht wohl kaum eine Gefahr aus." Áncabeth küsste den sie wortlos anblickenden Xâdres leicht und wandte sich zum gehen.
Anôra zitterte vor Zorn. Niemand durfte sie so behandeln, schon gar nicht eine verwöhnte Hofdame die sich sonst was auf ihrer gepuderten Person einbildete. Wie von selbst fiel ihr Blick auf eine schlammige Pfütze vor ihren Füßen, von denen es seit Beginn der Regenzeit mehr als genug auf dem Hof gab.
"Ich zeige dir, wer hier der Dreckspatz ist," flüsterte sie.
Flatsch! Dem nassen Geräusch folgte ein schrilles Kreischen von Áncabeth, deren Gesicht und Kleid mit Schlamm beschmiert waren.
"Anôra!" rief Xâdres entsetzt aus mit dem Blick auf seine mit einem zufriedenen Lächeln und schlammverschmierten Händen dastehende Schülerin
"Ja? Habe ich etwas falsches gemacht?" Das Lächeln wurde breiter.
Mit wenigen schnellen Schritten hatte ihr Lehrer sie erreicht und fest an der Schulter gepackt.
"Ist dir klar was du eben getan hast?!"
"Natürlich. Ich habe ein Ferkel in den Dreck zurückgebracht, dem es ursprünglich entstammte." Anôra´s Augen glitzerten belustigt.
"Du...du verdammtes kleines Biest!" Wütend hob Xâdres den Arm und holte zum Schlag aus. Das Lächeln verschwand sofort aus Anôra´s Gesicht.
"Na los," sagte sie plötzlich leise. "Schlage ruhig zu. Mach nur."
Xâdres´ Arm blieb kraftlos in der Luft hängen. Er starrte wie gebannt auf das vor ihm stehende, blasse Mädchen mit der gleichen seltsamen Verbissenheit im Gesicht, die er bei schon bei dem Schwertkampf vor einigen Monaten bei ihr gesehen hatte. Langsam ließ er seine Hand sinken und lockerte seinen Griff. Sie wich zurück und sah ihn eisig an.
"In meinen Adern fließt königliches Blut, Xâdres." Anôra´s kaum hörbare Stimme war genauso kalt wie ihr Blick. "Ich brauche mich von niemandem beleidigen zu lassen, ob Hofdame oder nicht."
Sie wandte sich von dem wie versteinert dastehendem Mann ab und verließ den Hof, ohne die schluchzende Áncabeth auch nur eines Blickes zu würdigen.


II


Von der Zinne der die Übungshofe umzingelnden Mauer bot sich ein weiter Blick auf die von Mondeslicht beschienen Gärten, die schlafende Stadt unter ihnen und die weichen, nur spärlich bewaldeten Hügel von Mittalmar dahinter. Ein kühler Windhauch glitt über die Dächer des Palastes, der Anôra schaudern ließ, die in ihren dünnen, eher sommerlichen Hemd und Hosen mehr als ungeeignet für die späte Herbstzeit angezogen war, von ihren nackten Füßen ganz zu schweigen. Doch sie achtete nicht groß auf die Kälte, ihre Gedanken waren noch immer bei dem Vorfall mit Áncabeth.
Sie wusste nicht warum sie sich überhaupt so darüber den Kopf zerbrach, nur weil die Geliebte von Xâdres eifersüchtig auf den Hof gestürmt war. Eigentlich war die ganze Sache eher komisch, doch Anôra war nicht zum Lachen zumute. Nicht einmal wegen der Beleidigungen, nein, aber sie konnte das Bild von Xâdres nicht mehr aus ihrem Kopf kriegen, wie er mit drohend erhobener Hand vor ihr stand, und wie sich sein Gesicht dann totenblass färbte. Beinahe hätte er sie tatsächlich geschlagen, so weit war es also schon.
Sie drängte die aufkommenden Tränen zurück, genau wie den plötzlichen heftigen Wunsch, wie früher mit ihrem Lehrer Sticheleien austauschen zu können, sein Lachen zu sehen und selbst lachen zu können, wenn sie mal einen Fehler beim Kämpfen machte, und nicht die ständige Anspannung zu fühlen, sich auf wenige Worte beschränken zu müssen und um krampfhaften Ernst bemüht zu sein. Zum ersten Mal seit ihrem leidigen Schwertkampf im Spätsommer gestand Anôra sich ein, dass ihr der alte Xâdres fehlte, so sehr dass sie schreien mochte. Sie grub die Fingernägel tief in ihre Handfläche, bis kleine Blutströpfchen aus der im Mondlicht gespenstisch weiß aussehenden Haut hervortraten. Das half, zumindest hatte der reale Schmerz den in ihrem Inneren verdrängt. Sie atmete tief durch und schloss die Augen. Vielleicht konnte Sauron ihr ja einen anderen Lehrer geben. Ja, das wäre wohl die beste Lösung, Xâdres einfach nicht mehr sehen zu müssen. Sie würde ihren Herrn gleich morgen darum bitten.
"Anôra?" Erschrocken schlug das Mädchen die Augen auf. Eine dunkle Gestalt saß mit einem Mal neben ihr auf der Mauer. Sie brauchte nicht hinzusehen um zu wissen wer es war.
"Wie habt ihr mich gefunden?"
"Das war einfach." Xâdres lächelte leicht. "In deinem Zimmer warst du nicht, also war das erste was mir in den Sinn gekommen ist, auf deinem Lieblingsplatz nachzusehen."
"Warum habt ihr mich überhaupt gesucht?" Anôra schüttelte verwirrt den Kopf.
"Weil ich mit dir reden wollte," erklärte er ernst.
"Nein, ich werde eure Geliebte oder Hure oder wer sie sonst ist nicht um Verzeihung bitten, und ich bereue es auch nicht!" Anôra´s Augen blitzen sofort wütend auf.
"Nicht doch," hob Xâdres beschwörend die Hände. "Ich wollte mich bei dir entschuldigen."
Anôra schluckte und starrte ihn entgeistert an.
"Euch entschuldigen?" stieß sie schließlich ungläubig hervor.
"Ja... Sieh mal, es ist so." Er setzte sich bequemer zurecht und hielt einen Moment inne, seine Gedanken sammelnd. "Es war sicherlich falsch von mir, dich von anfang an so schlecht behandelt zu haben. Kein Wunder dass du mir es mir mit der gleichen Münze heimgezahlt hast, doch ich.... " Xâdres lachte kurz auf. "Ich bin so etwas nicht gewohnt. Deswegen der Wutausbruch damals im Sommer, das ist die erste Sache, für die ich mich entschuldigen möchte. Und der Vorfall heute. Deine Reaktion auf Áncabeth´s Kommentare war vielleicht etwas... übersteigert, aber zum einen war Áncabeth selbst Schuld daran, und zum anderen gab es mir lange nicht das recht, dich schlagen zu wollen... Verzeih mir bitte." Seine letzten Worte flüsterte er, auf die Steine vor sich stierend. Erst nach einer Weile traute er sich, aufzusehen. Anôra saß unbeweglich da, den Blick auf die Dächer der Stadt gerichtet.
"Ich bin kein Bauernmädchen," sagte sie plötzlich leise. "Ich glaube, ihr solltet langsam wissen, wer eure Schülerin ist. Meine Eltern waren Getreue aus der Linie der Königin Ancálime."
Xâdres riss überrascht die Augen auf.
"Getreue?!"
"Ja." Anôra nickte, immer noch ohne ihn anzusehen, und fuhr mit der gleichen tonlosen Stimme fort. "Ich war immer das schwarze Schaf der Familie. Ich glaubte nicht an ihre Ideale und interessierte mich nicht für die Valar oder die Elben, mein Zuhause waren die Klippen um Rómenna und mein Glaube die Freiheit auf dem Rücken eines Pferdes. Wir wurden im letzten Herbst verhaftet und nach Armenelos gebracht. Am selben Tag hat man uns vor Sauron gestellt, er wollte die Namen der Getreuen wissen, die damals noch verdeckt am Hof lebten. Meine Eltern wählten den Tod, und sie wählten auch für meine Brüder und für mich." Anôra wandte unerwartet den Kopf und schaute Xâdres mit einem zornigen Glimmen in den Augen an. "Könnt ihr euch vorstellen, was für ein Gefühl das ist? Für eine Sache sterben zu müssen, in die man gegen den eigenen Willen hineingezogen wurde? Wenn der eigene Tod von anderen beschlossen wird, ohne dass man selbst gefragt wurde?"
"Du hast ihm die Namen gesagt," flüsterte Xâdres.
Anôra nickte wieder.
"Diese Menschen wären durch unseren Tod nicht zu retten gewesen. Ich wollte leben. Würde ich jetzt noch einmal vor dieser Entscheidung stehen, hätte ich genauso gehandelt. Danach wurde ich in eine Zelle gebracht, ich weiß nicht, wie lange ich dort drin war. Doch irgendwann brachte man mich wieder zu Sauron, und er bot mir etwas an, was ich mir nie träumen gelassen hätte; zu seinem Spion ausgebildet zu werden. Ich bekam einen neuen Namen und ein neues Leben mit dazu. So bin ich bei euch gelandet. Habe ich euch schockiert?"
Xâdres sah sie wortlos an. Er konnte es nicht glauben, dass Anôra eben einfach so das Geheimnis gelüftet hatte, mit dem er sich so lange erfolglos beschäftigt hatte. Und noch unglaublicher schien ihm das, was er gehört hatte, doch es erklärte alles. Ihre Wunden, als er sie kennen gelernt hatte, die wohl von Seilen stammen mussten, ihren verbissenen Unwillen, jemals aufzugeben oder zurückzuweichen, die Heimlichtuerei, ihr faszinierendes Klettertalent, ihr von allen unbemerktes Auftauchen in der Stadt, alles, jede Kleinigkeit die ihm je an seiner Schülerin aufgefallen war fand nun eine Erklärung.
"Nein," sagte er schließlich langsam. "Du hast mich nicht schockiert. Das, was du geschafft hast, ist einmalig. Du hast vielmehr Bewunderung verdient. Ich hoffe, du wirst zu Ende bringen, was du angefangen hast. Und ich.... " Er stockte. "Ich möchte dir dabei helfen, so gut ich kann."
Anôra blickte ihn einige Sekunden lang wortlos an, bis sie schließlich langsam den Arm vorstreckte und die ihr hingehaltene Hand ergriff.
"Ich nehme eure Hilfe an," sagte sie ruhig.
"Deine," berichtigte Xâdres sie mit einem leichten Lächeln. "Deine Hilfe. Du hast heute Morgen schon 'du' zu mir gesagt, ich finde wir sollten dabei bleiben."
"Gut." Jetzt erhellte auch Anôra´s Gesicht ein Lächeln. "Wie du meinst."
Sie saßen noch lange Zeit ohne zu reden auf der Mauer, bis Xâdres sich plötzlich seiner Pflichten erinnerte und seine Schülerin ins Bett schickte, mit der strickten Anweisung, nie mehr barfuß in solcher Kälte herumzustreunen. Nachdem sie gegangen war blieb er noch eine Weile sitzen, mit nichts sehenden Augen in die Nacht starrend. Als sein Blick auf den Mond fiel kam es ihm vor, als würde er wieder ihr Gesicht vor sich sehen, mit seinen feinen, im silbrigen Licht weißschimmernden Zügen und den bodenlosen Augen. Sie waren groß, viel zu groß, und die Erinnerung daran ließ Xâdres nicht mehr aus ihrem Griff.
(Polina)