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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Vorgeschichte



Winter 3300/Frühling 3301


I


Aufgeregt lief Anôra nach dem Training in ihr Zimmer zurück. In nur zwei Stunden würde der lang erwartete Frühlingsball stattfinden, und es sollte schließlich nicht nur ihr erster Ball werden, sondern auch der Zeitpunkt, an dem sie zum ersten Mal in die Hofgesellschaft eingeführt werden würde. Und so sehr sie auch über die Höflinge lachte, füllte die Aussicht, bald zu ihrer Glitzerwelt zu gehören, Anôra mit freudiger Nervosität. Nachdem sie mehrmals jemanden in den Fluren umgerannt hatte stürzte sie durch die Tür in ihren Raum und blieb ehrfürchtig vor dem Bett stehen.
Auf der Decke lag das schönste Kleid, das sie je gesehen hatte. Es war von einem sanften créme-Ton, der die raffinierten Goldstickereien an den durchsichtigen, erst in Schulterhöhe beginnenden Ärmeln, und an dem engen Mieder am günstigsten betonte. Daneben lag passender Goldschmuck; eine Spange, Ohrringe und ein aus mehreren Ketten kunstvoll geschmiedetes Kollier, am Boden standen leichte Halbstiefel aus goldschimmerndem weichen Leder. Nach einigen Minuten atemloser Bewunderung wirbelte Anôra herum, riss ihre eigenen Kleider herunter und stürzte förmlich in den mit kühlem Wasser gefüllten Badezuber.
Doch sobald sie, sauber und mit notdürftig am Kamin getrockneten Haaren, versuchte, in das Kleid zu schlüpfen, musste sie feststellen, dass diese Aufgabe schwieriger war, als sie anfangs erwartet hatte. Es schien aus zahllosen verschiedenen Stoffstücken, Röcken, Schnüren, Verschlüssen und Bändern zu bestehen, und wie sie anzulegen und miteinander zu verbinden waren bildete für das Mädchen ein unlösbares Rätsel. Verzweifelt stand sie vor dem Spiegel und versuchte zum zehnten Mal, die Ärmel so zu befestigen, dass keine unerklärlichen Falten am Rücken erschienen, als sich die Tür öffnete und eine ältere, mürrisch dreinsehende Dienerin hereintrat.
„Lass es lieber sein,“ fing sie ohne große Vorworte an. „So verschandelst du nur das Kleid.“
„Was sucht ihr hier überhaupt?“ Anôra blickte die Frau verwundert an. „Und was soll das heißen, ich verschandele das Kleid?“
„Man hat mich hergeschickt um dich genau davon abzuhalten. Ich glaube für deinen Herrn ist es kein großes Geheimnis dass du von solchen Dingen keine Ahnung hast,“ lächelte die Dienerin schief. „Ich heiße Ireth, falls du das auch wissen möchtest. Und jetzt lass mich am besten machen, anstatt noch mehr dumme Fragen zu stellen.“
Vollkommen verblüfft von dem harschen Ton der Frau hielt Anôra tatsächlich gegen ihre Gewohnheit den Mund und überließ sich Ireth´s knappen Anweisungen und schnellen Handgriffen.
„Das Band um deine Schultern muss gut festgebunden werden, er soll schließlich beide Ärmel festhalten, dass du das nicht gesehen hast ist mir schleierhaft...ja, die Schultern sollen frei bleiben... pass auf deine Röcke auf... zerr nicht so an den Stiefeln, du zerreißt sie ja, ach, ich mache das lieber selbst... nein, die Kette darf nicht so liegen... wer hat dir denn die Haare geschnitten, hast du dir die Spitzen von betrunkenen Mäusen abnagen lassen? Wo hast du die Schere?... halt den Kopf gerade... zappele nicht so... und hör endlich auf zu murren!“
Nach einer Stunde war Anôra nahe dran, der unaufhörlich nörgelnden Dienerin an den Hals zu springen, als diese plötzlich von ihr abließ und ihr Werk mit einem zufriedenem Kopfnicken betrachtete.
„Jetzt siehst du doch fast wie eine anständige Dame aus,“ knirschte sie. „Na los, sieh dich an.“
Langsam trat das Mädchen vor den Spiegel und blickte skeptisch hinein – um in nächster Sekunde überrascht die Augen aufzureißen.
„Das...das bin ich?“ stotterte sie schließlich.
„Na siehst du hier noch jemanden mit roten Haaren?“ lächelte Ireth belustigt.
„Aber so sehe ich doch gar nicht aus.“ Anôra schielte kurz zu der Frau hinüber, und wandte sich dann sofort wieder ihrem neuen fremden Spiegelbild zu.
„Ja, so siehst du nicht aus wenn du seit Tagen nicht gekämmte Haare, Staub im Gesicht und Lumpen am Leibe hast,“ winkte die Dienerin ab. „Und nun genug geredet und gestaunt, du musst gehen.“
„Gehen? Jetzt schon?!“
„Natürlich, was hast du denn gedacht? Es war nicht so leicht dich in Ordnung zu bringen, der Ball muss mittlerweile seit etwa einer halben Stunde laufen, wenn nicht noch länger. Also beeil dich, wenn du noch etwas davon mitkriegen willst.“
Tatsächlich fiel Anôra erst jetzt auf, wie still es draußen auf den Fluren und vor dem Fenster geworden war. Sie raffte ihre zahllosen Röcke auf und stürzte zur Tür.
„Nicht so!“ hielt sie ein verärgerter Ausruf Ireth´s zurück. „So wird sich dein Kleid in einen Lappen verwandelt haben noch ehe du den Saal erreichst. Eine Dame rennt nicht, und das hat seine Gründe. Geh gefälligst langsam, falls du nicht auf dem halben Wege umkehren willst.“
„Ist ja gut,“ murmelte Anôra, ließ den Rock los und lief, so schnell wie es die zahllosen Stoffschichten um ihre Beine erlaubten, aus dem Zimmer und durch die Flure zum Ballsaal. Der gesamte Palast wirkte wie ausgestorben, nur ab und zu begegnete ihr ein seinen Verpflichtungen nacheilender Diener. Sogar vor den Türen des Frühlingssaals, einer riesigen Halle, die ausschließlich dazu bestimmt war, einmal im Jahr zum Feiern des Frühlingsanfangs benutzt zu werden, standen keine Wachen. Hier blieb sie stehen, von einer plötzlichen Angst befallen, in all die Festgeräusche einzutauchen, die hier draußen gedämpft zu hören waren. Letztendlich nahm sie ihren ganzen Mut zusammen, streckte langsam die Hand nach der Kristallklinke einer der zwei riesigen Türen aus und trat zögernd ein.


Sofort schwappte eine Welle von Licht, Musik und Stimmengewirr über sie, so dass Anôra einige Sekunden lang bewegungslos dastand und versuchte, die auf sie einstürzenden Eindrücke zu verarbeiten. Zwar kannte sie den Frühlingssaal bereits, sie mochte seine mit anmutigen Kristallkolonnen und Kerzenhaltern übersäten blassgrünen Wände wesentlich mehr als die wuchtige Pracht des Großen Saals, in dem sämtliche anderen Feste und Empfänge stattfanden. Doch dieses Mal sah der Saal ganz anders aus, als sie es in Erinnerung hatte. Tausende von Girlanden aus im südlichen Teil der Insel gezüchteten Blumen schmückten ihn nun und die brennenden Kerzen füllten den Raum bis zur Decke mit strahlendem Licht; aber was Anôra wirklich in den Bann zog, waren die Menschen.
Der Saal war randvoll gefüllt mit festlich gekleideten Höflingen, und der Regenbogen aus zahllosen Edelsteinen, bunten, schimmernden Stoffen und leuchtenden Augen machte Anôra ganz benommen. Noch nie hatte sie eine so große Anzahl Menschen auf einem Fleck versammelt gesehen, noch nie so viele fantastische Gewänder. Sie alle scherzten, lachten, tanzten und redeten miteinander, und sie hatte plötzlich große Lust, wieder in ihr schlichtes vertrautes Zimmer zurückzukehren. 'Reiß dich zusammen,' dachte sie gereizt, 'das hier ist deine erste Aufgabe, und wenn du die schon verpatzt, wie willst du etwas wirklich Ernstes übernehmen?!' Diese innere Rüge half, oder zumindest hatte sie nun genug Willen, endlich die Tür loszulassen und langsam nach vorne zu gehen.
In diesem Moment passierte etwas seltsames. Menschen, die flüchtig in ihre Richtung blickten, schienen förmlich mit den Augen auf ihr haften zu bleiben. Wenige Schritte hatten genügt, damit Anôra von allen Richtungen angestarrt wurde. Erst blieb sie verunsichert stehen, doch dann bemerkte sie, dass die Blicke weder höhnisch noch herablassend waren, sondern viel mehr voller Überraschung, Neid, und... Bewunderung. Die unverborgene Verzückung, die fast an Begierde grenzte und ihr aus den Augen der meisten Männer entgegenstrahlte verwirrte sie zunächst mehr, als sie ihr gefiel, aber mit jedem weiteren Schritt wurde Anôra sicherer und ihr Gang ruhiger, bis ein feines Lächeln auf ihren Lippen erschien.
"Äußerlichkeit kann eine mächtige Waffe sein, sie hat mehr Macht über andere, als du glaubst," hatte Sauron ihr in einer ihrer ersten Unterrichtsstunden gesagt, und das hatte sie ihm nie so ganz geglaubt. Bis jetzt.


II


Nach und nach siegte Neugierde über den Stolz der Höflinge, und bald stellten sich die Ersten Anôra vor, mit denen sie schnell ins Gespräch kam, so dass sich schließlich ein kleiner Kreis um sie bildete, zu dem immer neue Gesichter dazukamen.
"Nein, ich komme nicht aus Andunié," schüttelte sie den Kopf auf die wohl zum zehnten Mal an diesem Abend gestellte Frage nach ihrer Herkunft. "Meinen Eltern gehört ein Gut in Emirié, und nun dachten sie anscheinend, ich hätte genug Schafe gesehen und es wäre an der Zeit, mich nach Armenelos zu schicken."
"Womit sie auch vollkommen recht hatten," meinte Lord Minathôr, ein hochgewachsener junger Mann mit einem länglichen Gesicht und kleinen wachen Augen.
"Es wäre unverzeihlich gewesen, eine solche Schönheit noch länger vor uns zu verbergen," verneigte sich ein anderer lachend, der sich kurz zuvor als Lord Kordun vorgestellt hatte... oder war es Lord Pharthôn, und Lord Kordun der kleine dickliche Mann mit dem schütteren hellen Haar?
Anôra wusste es nicht mehr, doch sie ließ keine Verzweiflung aufkommen. Ihr Herr hatte sie gewarnt dass die erste Zeit als Hofdame nicht leicht werden würde, und auch, dass sie da keine Hilfe von ihm erwarten konnte – es würde seltsam wirken, wenn sich der Berater des Königs öffentlich um ein kürzlich eingetroffenes Mädchen aus Emirié kümmern würde. So drängte sie das ab und zu aufsteigende, schon fast an Panik grenzende Gefühl, sie würde nie mehr aus diesem Meer von Gesichtern herauskommen oder irgendeinen fatalen Fehler machen, der alles zugrunde richten würde, was sie erreicht hatte, und tauschte weiterhin strahlend lächelnd Höflichkeiten mit den ihr schon bekannten Höflingen aus und gab vorsorglich vorbereitete Informationen über ihr Leben in Emirié an die neu dazugekommen preis.


Xâdres schaute sich gelangweilt um. Der Saal war bereits fast voll mit festlich gekleideten Menschen, die meisten von denen aufgeblasene Wichtigtuer waren, mit denen er nicht viel zu tun haben wollte. Von seinen Freunden, und den wenigen Höflingen deren Gesellschaft er schätzte, war noch nichts zu sehen. Zwar hatte er kurz vorher Tirazôn mit einem Weinglas in einer Nische stehen gesehen, jedoch war der gerade in ein Gespräch mit dem Oberhaupt der Palastgarde vertieft, und da hatten sich auch höher Offiziere wie Xâdres rauszuhalten.
Zum hundertsten Mal ließ er seine Augen über die wogenden Massen von bunten Stoffen und Menschenköpfen gleiten, als sich aus einer der überall im Saal gebildeten Grüppchen zwei Höflinge lösten, und er geradewegs in zwei bodenlose grüne Augen blickte.
Im ersten Moment erschrak er, zu sehr grenzte die Situation an den Traum, den er vor einiger Zeit gehabt hatte. Dann erinnerte er sich, dass es nichts ungewöhnliches war Anôra hier zu sehen; schließlich hatte er schon seit langem gewusst, dass sie an dem Ball teilnehmen sollte. Trotzdem starrte er sie weiterhin an, nicht fähig, den Blick in eine andere Richtung zu wenden. Sie hatte sich auf eine so unglaubliche Art und Weise verändert, wie er es nie erwartet hätte. Seine Schülerin schien verschwunden zu sein, an ihre Stelle war eine atemberaubend schöne junge Frau getreten. Die langen roten Haare (warum war ihm nie aufgefallen, wie lang sie seit ihrer ersten Begegnung geworden waren?) fielen ihr in einer einzigen glatten Welle über die von jeglichem Stoff befreiten, zierlichen Schultern, die feinen Züge ihres Gesichts schienen im weichen Kerzenlicht wie aus Marmor gemeißelt, und der Anblick der in ein elegantes Kleid gehüllten zarten Figur schnürte ihm schier den Hals zu. Erneut sah sie zu ihm, und ein leichtes Lächeln huschte über die hellroten Lippen, als sie ihm kaum merklich zunickte. In diesem Moment schob sich der breite Rücken eines Höflings vor Anôra. Verärgert biss sich Xâdres auf die Lippe und hoffte, der Mann würde wieder verschwinden, aber der schien sich auf ein längeres Gespräch mit Anôra eingestellt zu haben.
Der Soldat seufzte und fing an, sich zu der Gruppe durchzuarbeiten, stieß jedoch im nächsten Augenblick mit der Person zusammen, der er an diesem Abend am wenigsten begegnen wollte.
"Sieh mal an, man trifft dich auch noch," zog Áncabeth die Augenbrauen hoch. "Ich dachte schon, du würdest mich ewig ignorieren."
"Warum sollte ich?" zuckte Xâdres mit den Schultern. "Du bist doch nicht mein Feind oder ähnliches."
"Da hast du recht." Die Hofdame lächelte. "Was hast du in all der Zeit denn gemacht?"


Anôra redete mit einer neu hinzugekommen Frau, genauer gesagt spulte ihre Zunge die schon so oft an diesem Abend wiederholte Geschichte ihrer Herkunft von alleine ab, während ihre Gedanken immer noch bei Xâdres waren. Sie konnte nicht genau sagen, was vorhin passiert war, außer dass der leuchtende Blick seiner wie aus dem Nichts aufgetauchten Augen sich in die ihren gebohrt hatte, und sie an nichts anderes mehr denken konnte. Sie hatte sich fast verraten, als sie mehr als auffällig zum zweiten Mal in seine Richtung geschaut hatte, schließlich durfte keiner hier wissen, dass zwischen ihr und Xâdres bereits eine Verbindung bestand, doch zum Glück war in diesem Moment der ihr schon bekannte Lord Minathôr erneut zu ihr getreten und den Blickkontakt unterbrochen. Als er sich jedoch kurz zur Seite drehte, um einen Bekannten zu begrüßen, konnte Anôra es doch nicht lassen. Wie von selbst drehte sich ihr Kopf; um den Platz, an dem Xâdres kurz zuvor gestanden hatte, leer vorzufinden. Halb enttäuscht und halb erleichtert wollte sie sich wieder ihren neuen Bekannten zuwenden – und fand ihren Lehrer nicht weit von sich stehend. Sie schnappte nach Luft als sie sah, mit wem er redete. Áncabeth. Diese verdammte Schlange, die ihr so viel Leid zugefügt hatte. Nach dem ersten Schock fühlte Anôra sofort eine heiße Welle Zorn in sich aufsteigen. Xâdres hatte ihr erst vor kurzem versichert, sie zu beschützen und den Übeltäter zu bestrafen, und nun redete er in aller Seelenruhe mit der Schuldigen. Zitternd ballte sie die Fäuste, so stand es also mit seinen Versprechen. Sie musste ihren ganzen Willen aufwenden, um sich von der Szene wegzudrehen und wieder den bei ihr stehenden Menschen zuzuwenden.


Nach einigen Minuten hatte sich Xâdres endlich von Áncabeth losgemacht, die sich wohl fest entschlossen hatte, ihn über sämtlichen Einzelheiten seines Lebens auszufragen, und erreichte bald die Anôra umringende Gruppe von Höflingen.
"Guten Abend wünsche ich euch allen," nickte er ihnen freundlich zu und stellte sich dann mit einem Lächeln und leichtem Augenzwinkern Anôra vor. Doch anstatt eines Lächelns bekam er nur einen gleichgültigen Blick zur Antwort.
"Ich bin sehr erfreut, eure Bekanntschaft machen zu dürfen," sagte sie knapp mit einer Stimme, die nicht mehr Wärme und Sympathie ausstrahlte als ein Stück Eis, wandte sich von ihm ab und setzte ihr Gespräch mit einem jungen Höfling fort.
Vor den Kopf gestoßen blieb Xâdres mit offenem Mund stehen und sah seine Schülerin ungläubig an. Was war mit ihr passiert, dass sie ihn scheinbar nicht mehr zu kennen schien? Hatte er etwas falsches gesagt oder gemacht? Doch nein, sie hatten sich vor einigen Stunden wie immer von einander verabschiedet. Einige Minuten stand er ratlos da, darauf wartend, dass sie sich umdreht, aber Anôra würdigte ihn keines Blickes mehr. Langsam wurde er ärgerlich, dann wütend. Die Kleine schien sich wohl viel darauf eingebildet zu haben, auf einmal das Zentrum des Geschehens zu stehen, so viel, dass sie es nicht mehr für nötig hielt, ihn zu beachten.
"Wie du willst," murmelte er und entfernte sich rasch. Er würde die Nacht auch so zu verbringen wissen.
Nach einiger Zeit riskierte Anôra einen schnellen Blick zurück. Xâdres war verschwunden. Sogleich spürte sie einen leichten Stich im Herzen, doch ihr Zorn war noch zu groß, als das sie ihm viel Bedeutung beigemessen hätte. Sie hatte nicht mehr vor, mit diesem Verräter zu reden.


Die Stunden wurden eine nach der anderen von dem Strom aus Musik, Stimmen, Stoffen und Licht weggespült, bis der Mond draußen sich dem dunklen Rand der Hügel näherte. Bald sollte es hell werden und der erste Tag des Frühlings anbrechen.
"Ihr glaubt nicht wie schön es dann wird," zwitscherte Lady Ûreth fröhlich.
"Ach wirklich?" Anôra blickte sie an, sehr darum bemüht, ihre gereizte Stimmung zu verbergen. Diese unmögliche, in alle Farben des Regenbogens gekleidete kleine Frau redete schon seit einer geschlagenen Stunde auf sie ein, und langsam aber sicher war das Mädchen versucht, ihr irgendwas in den Mund zu stecken, um wenigstens ein bisschen Ruhe vor der schrillen, überschwenglichen Stimme zu haben. Anfangs hatte Anôra noch gehofft, Ûreth würde sie schon von selbst in Frieden lassen, doch die schien einen Narren an ihr gefressen zu haben, was man nicht von ihrer Freundin, Lady Mirûza sagen konnte, die all die Zeit etwas abseits stand und sich nur selten zu einem hochnäsigen Blick in Richtung Anôra herabließ, in der sie Anscheinend eine Art Konkurrenz zu der eigenen überirdischen Schönheit sah. Anôra grinste bei diesem Gedanken schief, da würde Mirûza sich ja mit einigen im Saal anlegen müssen, außer den goldenen Locken hatte sie nun wirklich nichts besonderes vorzuweisen. Nun, im Grunde war ihr das egal, genau wie das Gerede von Ûreth, die gerade etwas über irgendeinen schwachsinnigen Brauch am Morgen des ersten Frühlingstages erzählte.
Das einzige, was sie in dieser Nacht wirklich beschäftigt hatte, war Xâdres. Nachdem die erste Wut abgeflaut war kam sie immer mehr zu der Einsicht, sich vollkommen falsch verhalten zu haben. Schließlich hatte er nichts davon wissen können, dass Áncabeth für die Sache mit den Katzen verantwortlich war, sie hatte es nie jemandem erzählt. Und dass Anôra selbst Áncabeth nicht ausstehen konnte verpflichtete ihren Lehrer nicht dazu, es ebenfalls zu tun. Letztendlich fasste sie den Entschluss, sich so schnell wie möglich von Ûreth loszumachen und sich bei ihm zu entschuldigen, ob ein solches Verhalten nun auffällig wäre oder nicht.
Tatsächlich konnte sie sich nach einiger Zeit von der gesprächigen Hofdame mit Hilfe irgendeiner unsinnigen Ausrede retten und hielt nach Xâdres Ausschau. Es dauerte nicht lange, und schon sah sie ihn in der Nähe der Throne stehen und desinteressiert in die Menge blicken. Freudig ging sie auf ihn zu, doch verlangsamte dann ihren Schritt.
Sie sah wie plötzlich Áncabeth hinter Xâdres aufgetaucht war, die Hände auf seine Schultern legte und mit einem Lächeln begann, ihm etwas ins Ohr zu flüstern, während er mit einer kaum merklichen Drehung des Kopfes etwas antwortete. Angespannt beobachtete Anôra den Wortwechsel zwischen den beiden, als Áncabeth´s Lächeln feiner wurde und sie mit ihren ringbehangenen Fingern sanft über Xâdres´ Wange strich. Als hätte dieser darauf einen plötzlichen Entschluss gefasst nickte er knapp, drehte sich um und verschwand mit Áncabeth aus dem Saal.
Anôra blieb wie versteinert stehen, mit ungläubig aufgerissenen Augen die Türe anstarrend, durch die beide eben hinausgetreten waren.
Nach der anfänglichen Fassungslosigkeit drängte sich nach und nach Verstehen zu ihr durch. Die eben noch wie durch Watte gedämpft zu hörenden Stimmen und Geräusche des Saales stiegen mit einem Schlag wieder zu einer ohrenbetäubenden Lautstärke an, die sie taumeln ließ. Mit letzter Kraft schleifte sie sich zu einer freien Nische in der Wand und lehnte ihren Kopf an den kühlen Stein. Langsam stieg ein immer schriller werdendes Klingeln in ihren Ohren auf, während die Menschen um sie herum weiterhin redeten und tanzten, ohne die totenblasse, von Krämpfen geschüttelte Figur im Halbdunkel einer Wandnische zu bemerken.


III


Wortlos folgte Xâdres seiner ehemaligen Geliebten. Er wusste dass es nichts bringen würde, heute Nacht erneut mit ihr das Bett zu teilen, dass sie sich am Morgen wieder anschreien und trennen würden, aber das interessierte ihn nicht mehr. Statt dessen gingen ihm die Bilder der vergangenen Stunden immer wieder durch den Kopf. Die Kälte Anôra´s war so überraschend wie schmerzhaft gewesen, doch obwohl er anfangs vorgehabt hatte, sich eben auch ohne ihre Gesellschaft zu amüsieren, hatte er bald feststellen müssen, dass er nicht von ihrer Seite weichen konnte. Stunde um Stunde folgte er ihr wie ein Schatten durch den Saal, ließ keine Sekunde die Augen von ihr und ballte jedes Mal zornig die Fäuste, sobald ein neuer Galan sie zum Tanz führte. Aber sie hatte ihn in all der Zeit nicht ein einziges Mal angeblickt, hatte mit ihren vielen neuen Freunden gelacht und geredet, bis ihm Enttäuschung wie bittere Galle den Hals hochstieg. Als schließlich Áncabeth wie aus dem Nichts aufgetaucht war und ihre Berührung ihm unerwartet zumindest einen Bruchteil der Wärme und Zuwendung gab, nach der es ihn wie einen Verdurstenden nach Wasser verlangte, gab er auf. Es war ihm egal, was das morgen für Folgen haben oder nicht haben würde, wenn es ihn nur für eine Zeitlang den Schmerz und die Enttäuschung vergessen ließe.
Kaum waren sie in einen der kleineren Gänge eingebogen hielt Áncabeth an, drehte sich abrupt zu ihm und hängte sich mit einem lautem Aufstöhnen, das wohl Leidenschaft symbolisieren sollte, an seine Lippen. Ohne selbst eine Bewegung zu machen ließ er sich küssen, doch das Gefühl von Wärme, das er im Saal gespürt hatte, schien vollends verschwunden, statt dessen stieg immer deutlicher Abscheu in ihm auf. Er mochte ihre nach widerlich süßem roten Glanzfett und Wein schmeckende Lippen nicht, genausowenig wie den Geruch der ebenfalls eingefetteten Haare und des viel zu starken Rosenparfums.
"Lass es," murmelte er endlich erstickt und schob sie von sich.
"Was ist denn nun wieder los?" Áncabeth schürzte beleidigt die Lippen. "Erst willst du, und dann wieder nicht!"
"Ich habe es mir eben anders überlegt," zuckte Xâdres mit den Schultern. "Ich gehe jetzt lieber schlafen. Allein."
"Das hätte ich ja wissen müssen," fuhr die Hofdame ihn an. "Du bist immer noch nicht über diese Bauerndirne hinweg!"
"Was hast du gesagt?!" Der bereits zum Gehen gewandte Xâdres wirbelte herum und funkelte sie an.
"Ich sagte dass du derart in sie vernarrt bist dass es dir anscheinend sogar Spaß macht, von ihr herumgetreten zu werden!" Ancâbeth´s Augen blitzten in haltlosem Zorn. "Du bist kein Mann mehr, du bist ein schwächlicher Waschlappen! Ich habe ja schon vieles erlebt, aber noch nie dass sich jemand derart den Kopf verdrehen lässt! Wenn sie dir so viel bedeutet, dann geh verdammt noch mal hin und hol sie dir, doch verschone mich von diesem erbärmlichen Schauspiel der verschmähten Liebe!!!"
Wutentbrannt fuhr sie herum und rauschte davon.
Xâdres stand noch eine Weile da, ihr wie vom Donner gerührt hinterherstarrend. Bis nach einiger Zeit ein unerwartetes, weiches Lächeln sein Gesicht erhellte.
"Ja," flüsterte er. "Ja, vielleicht hast du Recht."


Langsam erhellte sich der Himmel draußen, die Musik verstummte und die Höflinge versammelten sich in einer aufgeregten Menge vor den riesigen Glastüren, die hinaus auf eine große Wiese und die Gärten führten. In der Mitte der Wiese war eine zierliche, nicht sehr große Säule aus glänzend poliertem, bräunlichen Marmor mit goldenen Adern zu sehen, auf deren Spitze eine durchsichtige Kristallkugel lag.
Gleichgültig ließ Anôra ihre Augen darüber gleiten und starrte dann wieder in den heller werdenden Himmel über den Bäumen im Hintergrund.
"Der erste Sonnenstrahl fällt quer über die Dächer auf diese Kugel," ertönte plötzlich eine schmerzlich bekannte schrille Stimme hinter ihr und Lady Ûreth stellte sich strahlend und vor lauter Aufregung japsend neben sie. "Dann müssen wir bereits draußen sein, um den Frühlingsanfang zu begrüßen. Oh, ihr glaubt nicht wie schön es ist, wenn die Kugel die Strahlen der Sonne in allen Farben die es nur gibt über die Wiese streut, ihr werdet euch wünschen, es möge nie aufhören!"
Ausdruckslos blickte Anôra die Frau an. Alles was sie sich wünschte war, dass diese Nacht endlich enden würde und sie in ihr Zimmer zurückkehren könnte.
"Leider wird die Kugel zu Mittag weggeräumt, bis zum nächsten Frühlingsfest," fuhr Ûreth ungerührt fort. "Sie soll aus sehr wertvollem Material gemacht sein, wisst ihr. Manche sagen sogar..." sie blickte sich verschwörerisch um und beugte sich zu Anôra´s Ohr hinunter. "Manche sagen sogar sie wäre ein einziger riesiger Diamant!"
"Schön," meinte Anôra und wandte sich wieder der Betrachtung des Himmels zu, ohne auf Ûreth´s Geschwätz zu achten. In diesem Moment ertönte der helle Ruf einer silbernen Fanfare und die Türe schwangen auf, um die Menge nach draußen strömen zu lassen. Anôra wurde mitgezogen, löste sich aber im Gewimmel auf der Wiese unbemerkt von der Hauptmenge und stellte sich still und unauffällig unter die Zweige der ersten Bäume. Mit leeren Augen sah sie den Höflingen dabei zu, wie sie sich über die Grasfläche und die kleinen Marmorbänkchen an ihren Rändern verteilten und ließ ihren Blick dann über die Palastdächer zum östlichen Himmel wandern, wo der Horizont bereits glühte. In ihrem Innern war längst alles verglüht.


Xâdres rannte atemlos durch die Gänge und stürzte förmlich in den Saal, um jedoch nichts außer einer Horde von Dienern vorzufinden, welche die Kerzen löschten und den Dreck und die Betrunkenen vom Boden aufsammelten. Aus den geöffneten Glastüren strömte frische Luft hinein, und der Wind brachte Gelächter und Stimmengewirr mit sich. Rasch durchquerte der Soldat den Saal und lief auf die Wiese hinaus. Doch solange er auch suchte, Anôra war nirgendwo zu erblicken. Und schnell fiel ihm auf, das noch jemand fehlte: Minathôr. Minathôr, der ihr die ganze Nacht über am hartnäckigsten von allen den Hof gemacht hatte.
"Nein, das darf nicht sein, das darf einfach nicht sein," murmelte er und stütze sich an der Wand ab. Die schreckliche Vorstellung ließ ihn keinen klaren Gedanken mehr fassen. Er war zu spät gekommen.
Nach einigen Minuten öffnete Xâdres mühsam die Augen und biss die Zähne zusammen. Erst musste er Gewissheit haben. Ûreth war den Rest der Nacht nicht von Anôra´s Seite gewichen, sie würde wissen, wo seine Schülerin steckte. Die Hofdame war dank ihrer Statur und ihrer Stimme leicht in der Menge auszumachen.
"Wo ist Lady Anôra?" fragte er ohne große Vorworte, sobald er sie erreicht hatte.
"Lady Anôra?" Ûreth sah ihn verwirrt an. "Ich weiß es nicht, wirklich nicht..."
"Aber ihr wart doch die ganze Zeit bei ihr!" Xâdres sah sie verzweifelt an.
"Sicher, und ich war auch noch bei ihr als wir in die Gärten kamen, aber dann habe ich sie in der Menge verloren," erklärte sie.
"Sie war alleine?"
"Jaja, ich mache mir Sorgen um das arme kleine Ding," nickte Ûreth. "So ganz alleine mit den vielen unbekannten Leuten, ich suche sie schon die ganze Zeit!"
"Ihr glaubt nicht was ihr mir gerade gesagt habt!" rief Xâdres mit unendlicher Erleichterung aus, verneigte sich vor der verwirrt dreinschauenden Frau und eilte davon.


Wenn Anôra nicht in der Hauptmenge war, musste er eben in den entfernteren Winkeln der Wiese suchen. Er stellte sich abseits von der Menge und blickte scharf unter die Baumkronen. Und tatsächlich konnte er bald an der Seite eine unbewegliche kleine Figur zwischen den Stämmen erkennen, fast unsichtbar im Schatten der Bäume. Als er näher kam sah er mit Beunruhigung, dass jetzt nicht nur die Züge, sondern auch die Farbe ihres Gesichts an Marmor erinnerte, und versuchte so schnell wie möglich zu ihr zu kommen, doch mit einem Mal wollten ihn seine Füße nicht mehr tragen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Knie zitterten, als er sich mit einer gewaltigen Anstrengung zwang, einen Fuß vor den anderen stellend sich langsam der Baumgruppe zu nähern.


Anôra nahm ihre Augen schließlich vom Himmel, überflog die Menge und musste das plötzliche starke Bedürfnis unterdrücken, auf jedes dieser lachenden, selbstzufriedenen Gesichter einzuschlagen. Sie hasste diese Menschen, schon allein dafür, dass sie das einzige Gesicht nicht hatten, das sie wirklich brauchte. Angewidert wandte sie sich von ihnen ab und erstarrte. Xâdres kam quer über die Wiese auf sie zu. Als er ihren Blick bemerkte verharrte er kurz, setzte seinen Weg dann aber fort bis er schließlich vor ihr stehen blieb, nervös mit den Fingern spielend.
Mit einem Mal hatte Anôra einen Kloß im Hals. Wortlos starrte sie in sein verkrampftes Gesicht, sich mit aller Macht beherrschend, doch sobald sie den Blick der glühenden grauen Augen traf spürte sie, dass ihr Wille dieses Mal versagen würde. Ihre Lippen begannen zu zittern und eine einzige Träne rollte über ihre Wange. Eine zweite folgte ihr, dann eine dritte und eine vierte.
"Nein, nein," Xâdres schüttelte erschrocken den Kopf. "Weine bitte nicht."
Anôra sah ihn immer noch hilflos schweigend an, bis schließlich ein Schaudern durch ihren Körper ging und ihr Mund sich wie von selbst öffnete.
"Ich liebe dich," flüsterte sie kaum hörbar. "Ich kann nichts dagegen tun, ich liebe dich und wenn du mich dafür verdammen solltest."
Anstelle einer Antwort machte Xâdres einen schnellen Schritt nach vorne und drückte sie an sich.
"Was redest du da bloß," murmelte er, zärtlich über den roten Schopf streichend. Nach einigen Minuten löste er ihr Gesicht von seiner Brust, ihren Kopf sanft mit beiden Händen haltend, und schaute in die nassen grünen Augen.
"Hör zu," sagte er leise. "Ich habe mir nie, nie etwas sehnlicher gewünscht als diese Worte aus deinem Mund zu hören, und du meinst, ich würde dich dafür verdammen? Ich würde die ganze Welt auf den Kopf stellen wenn du mich darum bitten würdest Anôra, und für das, was du mir eben gesagt hast hole ich dir jeden einzelnen Stern vom diesem verdammten Himmel herunter. Verstehst du das?"
Anôra sagte nichts, aber Xâdres brauchte keine Worte um zu sehen, dass sie alles verstand, sobald ein kleines glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht erschien. Vorsichtig, als wäre sie eine seltene Blume, die durch eine zu heftige Bewegung zerstört werden könnte, berührte er ihre Lippen. Sie schmeckten weder nach Glanzfett noch nach Wein, nur nach salzigen Tränen, und ein tobender Orkan schien sich plötzlich seinem Kopf gebildet zu haben, als Anôra den Kuss erwiderte.
Doch sobald sie sich von einander gelöst hatten musste er feststellen, dass das Rauschen in seinen Ohren einen anderen Ursprung hatte – das tosende Jubeln der Menge, die unter den ersten Sonnenstrahlen tanzte. Der Kristall auf der Säule warf dieses Licht in tausend verschiedenen Farben über die Wiese, als wäre ein ganzer schimmernder Regenbogen vom Himmel auf die Erde herabgestiegen.
"Es ist ja wirklich wunderschön," murmelte Anôra verwundert.
"Das schönste was ich je gesehen habe," pflichtete Xâdres ihr bei und drückte sie fester an sich.
"Willst du mir alle Rippen brechen?" hörte er seine Schülerin sofort belustigt kommentieren.
"Ja, das war mein erklärtes Ziel von Anfang an," grinste er auf Anôra herab. Ihre Wangen hatten wieder Farbe bekommen, und das schelmische Lächeln und der unverschämte Blick ihrer Augen ließen keinen Zweifel daran, dass die alte Anôra wieder da war. Nur dass sie jetzt ihm gehörte. Glücklich wirbelte Xâdres sie durch die Luft, ohne auf die verdutzten Gesichter der Höflinge zu achten. Das einzige was zählte waren ihre bodenlosen grünen Augen, und die Liebe darin.
(Polina)