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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Entscheidungen

"Wir müssen Elendil und seine Söhne sofort festnehmen, Herr!"
Zimalkhâd sprang auf und fing an, unruhig vor dem großen Tisch auf und ab zu gehen.
"Wir haben doch alle längst vermutet, dass sie Leiter einer dieser Getreuenversammlungen sind, und jetzt hat sich dieser Beweis endlich bestätigt!"
"Das können wir nicht tun Zimalkhâd", entgegnete Anôra leise.
Sie setzte sich etwas tiefer in ihren Sessel und trommelte mit den Fingern auf die geschnitzte Holzlehne.
"Warum nicht? Alatarion hat uns doch gesagt, wo ihr Versammlungsraum ist! Er hat bezeugt, dass Elendil die Getreuen von Armenelos anführt! Wir brauchen nur noch mit einem Dutzend gut ausgebildeter Männer hinzugehen und die ganze Bande zu verhaften!"
"Nein, das können wir nicht machen. Elendil und seine Söhne haben zu viel Einfluss..." Anôra verzog das Gesicht und ließ die Finger über ihre Schläfen kreisen. "...zu viel Einfluss als dass wir sie einfach so verhaften könnten. Das Volk würde es nicht zulassen."
Sauron sah sie scharf an und wandte sich wieder Zimalkhâd zu.
"Das VOLK?" Zimalkhâd starrte Anôra verständnislos an. "Wen interessiert schon dieser Pöbel, wenn es darum geht, eine solche Gefahr aus dem Weg zu schaffen! Außerdem, warum sollte das Volk drei Verräter des Staates beschützen?"
"Weil diese Verräter nun mal beliebt sind, Zimalkhâd. Ich verstehe nicht, warum Ihr das nicht einsehen wollt. Das habe ich Euch doch schon mal erklärt. Und würdet Ihr bitte aufhören, so zu schreien."
Wie im Ausgleich zu dem immer lauter werdendem Zimalkhâd wurde Anôra´s Stimme immer leiser, doch sie war genauso fest.
"Na und?" Ungeachtet der Bitte war Zimalkhâd nun tatsächlich nicht mehr weit vom Schreien entfernt. "Dann sollen sie doch beliebt sein! Die Informationen, die sie uns liefern könnten, sind schließlich wichtiger als ein paar kleine Unruhen!"
"Nein, und das ist ja der Knackpunkt", erklärte Anôra geduldig. "Sie werden nichts sagen, und wenn wir sie noch so lange foltern oder hungern lassen."
"Warum nicht? Aus dem Jungen habt Ihr ja auch alles herausgekriegt was er wusste!"
"Das war etwas anderes. Alatarion war jung und unerfahren, und er hatte Angst um seine Schwester. Doch Elendil ist anders, wir könnten seine beiden Söhne vor seinen Augen hinrichten und er würde trotzdem nicht ein Wort sagen. Und die sind übrigens nicht anders als ihr Vater."
"Das werden wir ja noch sehen!" Zimalkhâd sprang erneut auf. "Ich werde jetzt eine ganze Einheit von meinen Leuten hinschicken, und sollte jemand aus dem Straßenpöbel was gegen diese Verhaftung vorzubringen haben, wird er mit unseren Schwertern diskutieren müssen!"
"Das können wir uns nicht leisten, verdammt!"
Anôra verlor schließlich doch die Beherrschung und sprang ihrerseits auf. Ihre zornige Stimme, die eben kaum noch ein Flüstern gewesen war, füllte nun das Zimmer.
"Wir haben nicht genug Macht, um einen ernsthaften Aufstand niederzuschlagen, und genau den wird es geben, wenn Ihr versucht, Elendil zu verhaften! Und sogar, wenn es uns doch gelingen sollte, das Vertrauen des Volkes in unseren Herrn würde dadurch auf jeden Fall erheblich wanken, und genau das dürfen wir jetzt nicht erlauben! Der Bau der Flotte ist ein zu heikles Unternehmen als das wir ihn mit Euren leichtsinnigen Kriegsspielchen gefährden könnten, versteht Ihr das endlich, Ihr Narr?"
Sie ließ sich zurück in den Sessel fallen und fing wieder an, ihre Schläfen zu massieren. Zimalkhâd stand regungslos vor dem Tisch und starrte wortlos einen Sonnenstrahl an, der durch einen Spalt in den dunklen Vorhängen gedrungen war und sich auf den Boden gelegt hatte. Es war totenstill in dem Raum. Das einzige was zu hören war, war das Zwitschern von Vögeln im Garten und ganz schwach der Lärm der aufwachenden Stadt.
Schließlich sprach Sauron.
"Zimalkhâd hat recht, wir müssen so schnell wie möglich handeln. Wir haben viel zu lange gewartet, und nun droht die Situation außer Kontrolle zu geraten. Doch ich muss auch Anôra zustimmen, eine offene Verhaftung können wir jetzt einfach nicht riskieren. Noch nicht. Deshalb möchte ich, dass Elendil und seine Söhne verstärkt kontrolliert werden. Ich will wissen, zu wem sie Kontakt haben und mit wem sie sich treffen. Lasst sie beschatten wo es nur geht, aber macht es unauffällig. Sie dürfen nicht noch vorsichtiger werden als sie es jetzt durch die Verhaftung von Narmacil ohnehin schon geworden sind, das würde unsere Lage nur unnötig erschweren. Zimalkhâd, du kannst jetzt gehen. Übertrage diese Aufgabe an deine besten Leute. Anôra, du bleibst bitte noch hier."
Nachdem Zimalkhâd gegangen war sah Sauron Anôra eine Weile ruhig an. Sie saß unverändert auf einen unsichtbaren Punkt in der Luft starrend da und drückte mit den Händen auf ihre Schläfen. Dann ging er um den Tisch herum und stellte sich neben sie.
"Wie lange hast du nicht geschlafen Anôra?" fragte er ernst.
Anôra hob den Kopf und sah in ein ehrlich besorgtes Gesicht. Es erstaunte sie immer wieder, wie jung es war, von fast krankhafter Blässe, die von den pechschwarzen Haaren noch mehr hervorgehoben wurde, doch es hatte auch den hochmütigen Ausdruck eines Königs.
"Nur die letzten Nächte, weil..." begann sie, dem hypnotischen Blick seiner hellen Augen ausweichend.
"Nein", unterbrach sie Sauron. "Ich möchte wissen wie lange du wirklich nicht geschlafen hast."
Anôra blinzelte und ließ den Kopf wieder sinken. "Seit Narmacils Verhaftung nicht mehr richtig", gab sie schließlich zu.
"Das habe ich mir gedacht."
Sauron seufzte und setzte sich neben sie in Zimalkhâd´s Sessel. Er schwieg kurz, bevor er mit der gleichen leisen und ernsten Stimme weiter sprach.
"Du bist meine rechte Hand, Anôra, und das weißt du sehr wohl. Du arbeitest viel, und das ist auch gut so. Aber ich halte nicht viel von unsinnigen Anstrengungen, die dich an die Grenzen deiner Kraft treiben."
"Das war nicht die Grenze! Zimalkhâd hat ja auch..."
"Zimalkhâd", Sauron hob beschwörend die Hand, "Zimalkhâd ist etwas anderes. Egal was für eine Ausbildung du genossen hast und egal wie viel Anstrengung du von Natur aus vertragen kannst, du wirst nie soviel wie Zimalkhâd aushalten. Das verlange ich auch gar nicht. Zimalkhâd kann eine Woche lang nicht schlafen und die schwersten Arbeiten verrichten und wird danach trotzdem noch putzmunter in die nächste Schlacht stürmen. Aber du kannst es nicht, und das verlange ich auch gar nicht. Ich brauche nicht einen zweiten, weiblichen Zimalkhâd, ich brauche deinen klaren Kopf, Anôra."
"Ich weiß, aber in der letzten Zeit ist so viel schief gegangen, und ich dachte..." Anôra ließ den Kopf sinken.
"Und du dachtest indem du jetzt mehr machst als du kannst um ja nichts zu verpassen wirst du es irgendwie wieder wettmachen?"
Sauron schüttelte lächelnd den Kopf.
"Meinst du wirklich es bringt mir etwas, wenn du dich grundlos überanstrengst und dann in den unpassendsten Augenblicken die Beherrschung verlierst? Es ist ein Glück, dass du in diesem Zustand beim Verhör von Alatarion keine Fehler gemacht hast. Aber vergessen wir das. Geh jetzt in deine Räume und schlaf dich richtig aus. So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben."
Anôra nickte und wollte aufstehen, doch Sauron hielt sie zurück.
"Noch etwas Anôra", sagte er. "Wenn du ausgeruht bist, möchte ich, dass du dich nach Hyarrostar aufmachst und Anariel suchst. Ich denke nicht, dass sie es wagen wird, sich in einem Gasthaus oder bei Bekannten aufzuhalten, deshalb geh erst in die Palastbibliothek. In den Verwaltungsbüchern steht alles über die Besitztümer jeder mehr oder weniger vermögenden Familie, es sollte also nicht so schwierig werden, herauszufinden wo Anariel in Hyarrostar steckt, falls sie sich noch dort aufhält. Geh allein, Soldaten erwecken zu viel Aufsehen, das könnte sie aufscheuchen. Ich denke, du wirst auch alleine mit eventuellen Beschützern fertig, und wenn nicht, kann ich dir immer noch Unterstützung schicken. Zimalkhâd wird sich in der Zeit um die Suche nach diesem Retter von Narmacil und nach Narmacil selbst kümmern."
"Wie ihr wünscht, Herr." Anôra verneigte sich und eilte hinaus.


Anôra schlug ihre Kapuze zurück und schaute sich um.
Von der Anhöhe, auf der sie mit ihrem Pferd stand, konnte man gut das umliegende Land erkennen; hinter ihr eine flache Ebene mit einigen wenigen Dörfern, vor ihr ein von Bäumen bedecktes Gebiet, die sich allerdings nur selten zu richtigen Wäldern zusammenschlossen. Doch man sah auch in dieser Richtung am Horizont einige Rauchfäden aufsteigen, anscheinend gab es in der Nähe der Küste wieder Dörfer. Die Straße verlief vom Fuß des Hügels geradeaus und verlor sich dann zwischen den Bäumen.
Ein eisiger Windstrom wirbelte ihre Haare auf und seine Kälte kroch sogar unter Anôras fellbeschlagenen Mantel. Sie fröstelte und zog sich die Kapuze wieder über den Kopf, darauf achtend, dass auch ihr Gesicht verdeckt wurde.
Doch diese Vorsichtsmaßnahme, zu der sie in den letzten Tagen greifen musste, erschien jetzt unnötig: man sah kein Leben weit und breit, und auf der makellosen weißen Schneedecke, die auf der Straße lag, gab es keine Spuren, weder von Tieren noch von Menschen.
Anôra setzte wieder auf und ritt weiter. Das Pferd lief in einem gemächlichen Trab und der Schnee knirschte unter den Hufen des Tieres.
Es war ärgerlich, dass man ihre Spur so gut verfolgen könnte, aber andererseits glaubte Anôra nicht, dass sie jemand bei diesem Frost verfolgen würde, und warum auch? Sie hatte kein Aufsehen erregt in den vier Tagen, die sie nun schon in Hyarrostar verbracht hatte. Wer interessierte sich schon für einen Reiter in einem einfachen Kapuzenmantel auf einem ebenso unauffälligen dunkelgrauen Pferd?
Davon gab es in letzter Zeit viele, Menschen, die vor den Leuten des Königs flüchteten oder auch einfach nur junge Leute, die nach schlechten Zeiten in den großen Städten nun zu ihren Eltern aufs Land zurückkehrten.
Etwas schwieriger war es gewesen, an Informationen über die genaue Lage des Hauses zu kommen, das irgendwo im Wald sein sollte (genaueres stand in den Verwaltungsbüchern natürlich nicht drin).
Aber auch da machte sich Anôra nun keine großen Sorgen, die Menschen, die sie ausgefragt hatte, waren zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr nüchtern. Es hätte sie sehr gewundert, wenn sich jemand von ihnen an mehr erinnern würde als an einen etwas seltsamen Fremden, der irgendwelche unwichtigen Fragen gestellt hatte. Vier Tage hatte Anôra gebraucht, um aus dem Gemurmel der Betrunkenen etwas sinnvolles herauszukriegen, aber es hatte sich gelohnt.
Noch vor Ende dieses Tages dürfte sie das Haus, oder vielmehr die Hütte, wenn man den Worten ihres letzten Gesprächspartner glauben schenken konnte, erreichen.
Nach einiger Zeit verdichteten sich die Bäume schließlich zu einem richtigen Wald und Anôra wurde aufmerksamer.
Sie musste dem ersten Flüsschen, der den Weg kreuzte, bis zu seiner Quelle folgen, doch bei diesem Wetter konnte es gut möglich sein, dass der Fluss zugefroren und von Schnee bedeckt war.
Anôra beugte sich etwas vom Sattel hinunter und ritt in Schritttempo weiter, genau den Boden an den Seiten der Straße betrachtend.
Schließlich hörte sie ein deutliches Murmeln von Wasser und atmete erleichtert auf, der Fluss war also nicht zugefroren und musste sich irgendwo in der Nähe befinden. Tatsächlich kam sie nach einigen Dutzend Schritten an einen kleinen Wasserstrom, dem das Eis in der Mitte noch etwas Platz zum Fließen gelassen hatte.
An der einen Seite des Flüsschens standen die Bäume nicht so dicht, und als Anôra genauer hinschaute erkannte sie, dass da unter dem Schnee wohl ein Pfad entlang des Flusses verlief, wahrscheinlich war er vor langer Zeit von den Erbauern der Hütte angelegt worden.
Sie wandte das Pferd zur Seite und folgte dem Weg.
Nach einigen hundert Schritten kamen die Bäume etwas dichter heran und ihre herunter hängenden, vom Schnee beladenen Äste ließen nicht mehr genug Platz zum Reiten. Anôra stieg ab und führte das Pferd langsam auf dem uneben und eng gewordenen Pfad am weiter.
Die Bäume kamen immer dichter und schließlich war alles in Dämmerlicht getaucht. Hier lag auch kaum Schnee auf dem Boden, dafür war es durch den auf den Ästen liegenden Schnee um so dunkler geworden.
Es war anscheinend der richtige Weg, denn die Hütte stand im Herzen des Waldes und da konnte es nicht mehr weit sein.
In der Tat lichteten bald sich die Bäume und gaben die Sicht auf eine kleine steinerne Hütte an einem kleinen Wasserbecken frei.
Anôra ließ das Pferd stehen und ging lautlos zur Tür. Obwohl es hier heller war als im Rest des Waldes, so war die Lichtung doch in dämmriges Licht getaucht, in der ihr hellgrauer Mantel nicht auffiel, doch sie bewegte sich trotzdem so weit wie möglich im Schatten der umherstehenden Bäume.
Als sie näher kam sah sie auch einen baufälligen Schuppen an der Hinterwand der Hütte. Die Läden vor den kleinen Fenstern des Hauses waren geschlossen. Auch konnte sie nichts riechen, weder Rauch noch Pferdegeruch.
Anôra runzelte die Stirn und setzte ihren Weg zur Tür fort. Anscheinend hatte ihr Herr mit seinen Befürchtungen recht gehabt und Anariel war nicht hier. Aber sie brauchte Gewissheit.
An der Tür angelangt, gab Anôra ihr einen vorsichtigen Stups. Die Tür knirschte laut und öffnete sich einen Spalt breit. In dem Dunkel dahinter konnte man nichts erkennen. Anôra zog ihren Dolch und öffnete die Tür ganz.
Obwohl das einfallende Licht nicht sehr hell war, konnte man gut erkennen, dass die Hütte leer war. Sie ging um die Hütte herum und prüfte auf gleiche Weise den Schuppen.
Leer.
Und so wie es aussah waren hier schon länger keine Pferde mehr drin gewesen. Der Waldboden um die Hütte herum zeigte ebenfalls keine Spuren und wahrscheinlich wäre auch keiner durch dieses Dickicht gekommen, schon gar nicht ein Reiter.
Sie seufzte und holte ihr Pferd.
Nachdem das Tier in dem Schuppen angebunden war gab sie ihm etwas von dem Futter aus den Satteltaschen und schaute sich das Innere der Hütte an.
In der Mitte war eine Feuerstelle und an den Wänden standen einige alte Möbelstücke, von denen nur der Stuhl und das Bett einigermaßen benutzbar erschienen. Nirgendwo waren Spuren eines längeren Aufenthalts von Menschen zu sehen, das Bett war nicht bezogen und der halb zerfallene Schrank leer.
Anôra schaute vorsichtshalber unter dem Bett und in den Ecken auf dem Boden nach eventuell vergessenen Gegenständen, doch auch da war nichts zu sehen. Nur in einer Ecke lag noch etwas trockenes Holz herum.
Sie legte ihren Mantel ab und machte Feuer. Auch wenn jemand den Rauch sehen sollte, es würde jetzt noch kaum etwas ausmachen. Das trockene Holz fing sofort zu brennen an. Anôra setzte sich in die Nähe der Flammen auf den Boden und überlegte, was sie nun tun sollte.
Es war klar, dass diese Hütte ein Fehlgriff gewesen ist, hier war schon seit Jahren niemand mehr gewesen. Es musste noch irgendwelchen Besitz von Narmacil in Hyarrostar geben, denn wie sie im Palast erfahren hatte lebten hier schon lange keine Freunde oder Verwandte von ihm, also konnte sich Anariel auch nicht bei ihnen aufhalten. Sie hatte wohl etwas übersehen als sie nach Informationen in der Palastbibliothek gesucht hatte.
Das hieß, dass sie wieder die Verwaltungsbücher brauchte, denn ohne jegliches Wissen, wonach sie eigentlich suchte, würde sie auch in den Wirtshäusern der Gegend nicht weiterkommen. Sie musste so schnell wie möglich nach Armenelos zurück.
Kurz spielte sie mit dem Gedanken, sofort wieder auf das Pferd zu steigen um schon gegen Abend des nächsten Tages dort zu sein, doch dann verwarf sie ihn wieder. Die Nacht brach bereits herein und es wäre nicht klug, nachts durch den Wald zu reiten, außerdem brauchte das Tier Ruhe. Nein, es wäre wirklich das beste, bis zum Morgen hier zu bleiben und dann zurück zureiten.
Sie stand auf, um die Satteltaschen aus dem Schuppen zu holen, in denen sich auch eine Felldecke befand, doch als sie sich zur Tür wandte stutze sie.
In der Stelle, an der das Dach die Wand über der Tür berührte waren die Steine nicht ganz ebenmäßig gelegt und bildeten einen kleinen abgesenkten Vorsprung fast direkt über dem Eingang. Und auf diesem Vorsprung war ganz deutlich etwas grünliches zu erkennen. Anôra ging etwas näher heran und berührte den Stein.
Schimmel. Es war Schimmel, von der Art, der entsteht, wenn Regenwasser zu lange auf ein und dieselbe Stelle gerät. Doch obwohl die in diesem Herbst ungewöhnlich heftigen Regenfälle erst vor kurzem aufgehört hatten war der Schimmel vollkommen vertrocknet und fiel sogar teilweise ab, als Anôras Finger ihn berührten. Anôra sprang, bekam eine der das Dach stützenden Balken in der Nähe der Wand zu fassen und zog sich daran hoch. Sie setzte sich rittlings darauf und schaute sich aufmerksam das Dach an.
Das Holz war größtenteils sehr alt und dunkel, doch an einigen Stellen war es deutlich heller, auch auf der Stelle über der Tür. Es war eindeutig gedichtet worden, und zwar nicht vor allzu langer Zeit. Sie ließ ihre Finger über die helle Stelle gleiten. Das Holz fühlte sich sehr fest an. Es konnten nicht mehr als ein oder zwei Monate gewesen sein, dass sich hier jemand aufgehalten hatte, und zwar über eine längere Zeit. Anôra sprang wieder auf den Boden und lächelte. Sie konnte sich denken wer dieser jemand war.
"Du bist schlau Anariel", flüsterte sie, "doch nicht schlau genug. Nun weiß ich dass du hier warst, und egal wo du jetzt bist, ich werde dich finden."


(Polina)