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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Unter der Erde

"Lady Anôra! Lady Anôra! So macht doch auf!"
Das Klopfen und die Schreie hörten für einen Moment auf, um gleich wieder von Neuem anzufangen.
"Es ist wichtig! Lady Anôra, ich bitte Euch, öffnet die Tür wenn Ihr da seid!"
Doch hinter der Tür war immer noch kein Laut zu hören, und man sah kein Licht durch die Ritze am Boden dringen. Belzamir ließ entmutigt die Hände sinken. Anscheinend würde er auch hier kein Glück haben. Diese Nacht war wie verhext. Welche Strafen würden ihn jetzt wohl erwarten? Er seufzte und wollte kehrtmachen, doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Belzamir stieß einen kleinen Schrei aus und machte einen Satz nach hinten, als auf einmal ein Gesicht vor ihm auftauchte, wo eben noch massives Holz gewesen war, bleich und mit dunklen Löchern anstatt von Augen.
"Was wollt Ihr hier mitten in der Nacht?" herrschte das Gespenst ihn mit unzufriedener Stimme an und verwandelte sich sofort in Anôra, die wohl etwas Dunkles anhaben musste, was sich nicht vom Schwarz des Zimmers dahinter abhob.
Belzamir atmete tief durch. So weit war es also schon mit seinen Nerven, dass er Menschen für Geister hielt. Es war wirklich eine verhexte Nacht.
"Verzeiht, dass ich Euren Schlaf gestört habe, aber ich wusste einfach nicht, wohin ich sonst gehen soll", sagte er und verbeugte sich, soweit es seine immer noch weichen Knie zuließen. "Darf ich hereinkommen?"
"Wartet hier", sagte sie mit der gleichen wenig begeisterten Stimme und verschwand. Wenige Augenblicke später öffnete die Tür sich erneut und Belzamir trat ein.


Diesmal war das Zimmer vom Schein einiger Kerzen erleuchtet, und er starrte verwundert Anôra an, die statt in ein Schlafgewand in ein dunkles leichtes Hemd, eine schwarze Hose und ebenfalls schwarze Stiefel aus weichem Leder gekleidet war. So zog sich keine junge Frau an, vor allem keine Hofdame, und schon gar nicht mitten in der Nacht. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er eigentlich gar nichts über sie wusste. Wie ist er nur darauf gekommen, dass sie zwangsweise mit Sauron verbunden war anstatt mit den Getreuen oder einer anderen Bande?
Kurz blitzte ein Bild vor seinen Augen auf, von Anôra in den schwarzen Kleidern, die mit einem Dolch in der Hand herumwirbelte und ihn damit mitten ins Herz traf. Er keuchte und hielt sich die Hand an seine Brust, erst dann begriff er, dass das, was er gesehen hatte, nicht real war, und Anôra immer noch mit ruhig verschränkten Armen vor ihm stand. Doch jetzt wurde ihm die Gefahr der Lage, in der er sich befand, klar. Er musste raus, sofort.
"Ich... ich glaube ich kann auch morgen früh mit Euch reden, verzeiht dass ich Euch gestört habe", murmelte er und wollte sich umdrehen. Doch eine an seine Kehle gedrückte, dieses mal nur zu echte, Dolchspitze hielt ihn davon ab.
"Setzen", befahl Anôra mit einer leisen kalten Stimme und deutete mit der freien Hand auf den Sessel neben dem großen Kamin in der Wand zu seiner Linken. Vorsichtig und fast ohne zu atmen, bewegte sich Belzamir auf den Sessel zu und atmete erleichtert auf, als er auf den dunkelroten Samt sank und der Druck auf seinem Hals verschwand. Anôra lehnte sich direkt ihm gegenüber an den marmornen Kaminsims. Den Dolch legte sie griffbereit neben sich. Als Belzamir hochschaute, sah er in ein fast fremdes Gesicht. Alles was an eine Hofdame erinnerte war verschwunden. Anôras Augen hatten sich in zwei grüne Eisstücke verwandelt und ein harter Zug hatte sich um ihren Mund gelegt. Belzamir schauderte. Wo war er da bloß hineingeraten?
"Ihr könnt mich so nicht behandeln", protestierte er trotzdem. "Sauron wird..."
"Sauron", unterbrach ihn Anôra mit der gleichen eisigen, fast zischenden Stimme, "wird sich noch früh genug um Euch kümmern. Aber vorerst werdet Ihr mir einige Fragen beantworten müssen. Ich wüsste zum Beispiel nur allzu gerne, was Ihr ausgerechnet jetzt hier zu suchen hattet. Und Eure Erklärung sollte überzeugend sein, sonst könnte es ein schlechtes Ende mit Euch nehmen", fügte sie mit einem kurzen Blick auf den Dolch hinzu.
Belzamir seufzte innerlich. Einen anderen Ausweg sah er nicht, also blieb ihm wohl oder übel nichts anderes übrig, als ihre Fragen zu beantworten wenn er noch lebend aus dieser Affäre herauskommen wollte, woran er aber langsam Zweifel bekam.
"Also gut. Ich habe eigentlich den Berater des Königs gesucht, aber keinen Erfolg damit gehabt. Auch der Hauptmann von seiner Garde war wie vom Erdboden verschluckt, und keiner der Gardisten konnte mir sagen, wo sie sind."
Anôra nickte. Sie wusste nur zu gut, wo die beiden waren. Schließlich waren Sauron und Zimalkhâd aus dem gleichen Grund abwesend aus dem sie eben erst in den Palast zurückgekehrt war.
"Da ich Sauron nirgends finden konnte habe ich mir gedacht, dass ihr vielleicht wissen könntet, wo er sich aufhält", fuhr Belzamir fort. "Ich habe Euch nämlich oft in seiner Gegenwart gesehen, und es schien ihm damals auch besonders wichtig gewesen zu sein, dass ihr wieder gesund werdet. Deshalb habe ich angenommen, dass Ihr vielleicht seine...." er errötete und hielt inne.
"Seine Mätresse bin?" beendete Anôra mit einem ironischen Lächeln den Satz für ihn. "Interessante Theorie, Heiler. Leider nicht ganz richtig."
Das ist mir mittlerweile auch klar geworden, dachte Belzamir missmutig, hütete sich aber, es laut auszusprechen.
"Und warum Ihr ihn gesucht habt wollt Ihr mir nicht sagen?" fragte Anôra mit dem gleichen süffisanten Lächeln.
"Das sollte nun wirklich nicht Eure Sorge sein", antwortete Belzamir in dem kältesten und überheblichsten Ton, den er in dieser Situation zustande bringen konnte.
"Ach wirklich?" Anôra zog die Augenbrauen hoch. "Ich mache es aber hiermit zu meiner Sorge. Und Ihr solltet langsam aufhören, Euch wie ein Narr zu benehmen."
Der spöttische Ausdruck verschwand vollends von ihren Zügen, und weder ihr Blick noch ihr Ton verhießen etwas gutes als sie weitersprach.
"Hört mir jetzt genau zu, Heiler, denn ich werde mich nicht wiederholen. Das hier ist kein Spiel. Ihr habt mich ausgerechnet in dem Moment aufgesucht, in dem ich mich in einer Lage befand, die nicht für fremde Augen bestimmt ist. Ihr müsst mir recht geben, dass solche Zufälle ziemlich selten vorkommen, was mich auf die Frage bringt, was Euch wirklich zu meinen Gemächern geführt hat. Natürlich könnte es auch, wie ihr sagt, ein unglücklicher Zufall gewesen sein und Ihr habt nur Sauron gesucht, aber dann wüsste ich gerne den Grund für eure Suche. Ansonsten kann ich Euch leider keinen Glauben schenken, und in diesem Fall könnte die Sache, wie ich schon gesagt habe, sehr schlecht für Euch ausgehen. Also überlegt Euch gut, was Ihr mir sagen wollt."
Belzamir schwieg eine Weile. Das Geheimnis, das er eigentlich hüten sollte, war wichtig, doch sein Leben war ihm noch wichtiger. Er hatte Anôra oft genug verbinden müssen und wusste, dass ihr Körper längst nicht so zerbrechlich war, wie er vielleicht auf den ersten Blick wirken mochte. Und nach dem, was er eben gesehen und gehört hatte, kam ihm nicht einmal der geringste Zweifel daran, dass sie ihre Drohung wahrmachen konnte und würde, wenn er sich weiter sträubte. Außerdem, was zählte letztendlich mehr, ein ausgeplaudertes Geheimnis oder sein Leben und damit sein Talent? Das letztere wohl eher. So schob er den aufflackernden Gedanken an mögliche Folgen beiseite und fing an zu erzählen.


"Nun, vor einiger Zeit wurde ich von Sauron damit beauftragt, einen Weg zu finden, so etwas wie einen perfekten Soldaten zu erschaffen. Nach einigem Überlegen kam mir die Idee, aus einem normalen Menschen einen willenlosen Diener zu machen, doch auch einen, der mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ausgestattet ist und mit jedem Gegner fertig wird. Ein Wesen, das sich sowohl in der Menschengestalt, als auch im Wolfspelz bewegen kann. Sauron gefiel mein Plan und er meinte, er habe genau den Richtigen für meinen ersten Versuch, So bekam ich einen jungen Gefangenen namens Erâzon ausgehändigt, einen Verräter oder ähnliches."
"Weiter", flüsterte Anôra.
"Anfangs schien es sehr leicht zu sein", fuhr Belzamir fort.
"Ich habe eine Methode gefunden, Mensch und Wolf zu verbinden, und zwar einfach durch Blut. Ich habe also das Blut von Erâzon mit Wolfsblut vermischt. Natürlich war es nicht ganz so simpel wie es sich anhört, ich habe ihm nicht einfach nur Wolfsblut gespritzt und darauf gewartet dass er zum Wolf wird, aber darauf habe ich alles aufgebaut. Schließlich, nach vielen Versuchen, hatte ich es vollendet, Erâzon lag bewusstlos vor mir in einem unterirdischen Raum, der sich in den Kellergewölben unter dem Tempel befindet. Ich war überzeugt, dass, sobald er aufwacht, sein früheres Leben keine Bedeutung für ihn haben würde und er wie ein unbeschriebenes Blatt Papier an neue Herren und Werte gewohnt werden könnte. Doch plötzlich wachte er auf und schlug mich zu Boden. Als ich wieder aufgestanden war, war er verschwunden. Ich schickte sofort Soldaten aus, denn er konnte in dem Labyrinth dort unten unmöglich weit kommen, so schwach wie er zu diesem Zeitpunkt war. Tatsächlich wurde er kurze Zeit später in einem Gang gefunden. Er lag auf dem Boden, und alle Kräfte hatten ihn verlassen. Die Soldaten brachten ihn in eine der Zellen, derer es auch unter dem Tempel nicht mangelt. Ich habe in den nachfolgenden Wochen oft versucht, ihn zu untersuchen, doch es war unmöglich. Er schien es nicht mehr zu verstehen wenn jemand zu ihm sprach und fiel jeden an, der versuchte, sich Eingang in seine Zelle zu verschaffen, wie ein wildes Tier. Es war ein grauenhafter Anblick."
Belzamir wischte sich mit der Hand über sein Gesicht, wie um die Bilder vor seinem inneren Auge zu vertreiben.
"Ich konnte ihm auch keine Schlafmitteln in seine Nahrung mischen, denn er merkte es sofort. Schließlich gab ich es auf. Ich ließ ihn nur noch so viel füttern, dass er nicht verhungerte und versuchte stattdessen alleine herauszufinden, warum mein Experiment nicht geklappt hat, denn er benahm sich wie ein Wolf, konnte aber nicht zu einem werden. Leider kam ich nicht sehr weit, aber ich gab nicht auf. Aber heute Nacht... heute Nacht ist etwas passiert. Er ist verschwunden."
"Verschwunden?" wiederholte Anôra und beugte sich mit angespanntem Gesicht vor. "Wie meint ihr das?"
"Jemand hat seine Zelle geöffnet. Soldaten haben die Zellentür quietschen gehört und sind sofort dorthin gerannt, doch er war schon weg, genau wie sein Befreier. Ich habe mir seine Zelle angesehen, es sieht so aus, als hätte ihn sogar jemand hinausgelassen. Es gibt keine Spuren eines gewaltsamen Ausbruchs, und das Schloss ist heil, wir haben also einen Verräter im Tempel. Das gesamte Gelände um den Tempel herum wird gerade abgesucht, aber man konnte bis jetzt niemanden finden. Deshalb wollte ich Sauron sehen."
"Der erst morgen wieder auftauchen wird. Ihr hattet Glück, dass ihr zu mir gekommen seid", sagte Anôra. Sie stieß sich vom Sims ab und reichte Belzamir zu seiner Verwunderung die Hand.
"Ich bin sozusagen die rechte Hand von Sauron. Ich habe Euch für einen Verräter gehalten, der mir nachspioniert. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir."
Belzamir zog überrascht die Augenbrauen hoch.
"Ich habe mir ja gedacht, dass Ihr nicht gerade eine gewöhnliche Hofdame seid, aber Saurons Rechte Hand..." Er hielt halb vor Staunen und halb vor unfreiwilliger Bewunderung inne.
"Dann wäre das ja jetzt geklärt", lächelte Anôra. "Und nun lasst uns jetzt nicht unnötig noch mehr Zeit verlieren. Zeigt mir seine Zelle."
Mit diesen Worten steckte sie den Dolch ein, durchquerte rasch das Zimmer und verschwand hinter der Tür. Belzamir blieb immer noch wie vom Donner gerührt in dem Sessel sitzen, und erst als er nach einigen Augenblicken Anôra rufen hörte, wo er denn bleibe, rappelte er sich auf und eilte ihr nach.
Da erwartete ihn schon die nächste Überraschung. Anstatt, wie er es selbst immer tat, den Palast zu verlassen um durch die Gärten zu dem Tempel zu kommen, führte sie ihn schnellen Schrittes zu einer Sackgasse in einem dunklen Gang, unweit von ihren Räumen entfernt. Belzamir schaute sich neugierig um. Er kannte diesen Teil des Palastes so gut wie gar nicht, doch es musste der älteste von allen sein. Die rauen Steinwände waren nicht einmal mit Farbe verkleidet, und man sah wenn, dann nur schwere, schmucklose Türen, deren Holz im Laufe der Jahre dunkel geworden war. Ein seltsames Gefühl überkam ihn, als wäre er in einer düsteren, mächtigen Festung, die Tausende von Meilen und Jahren von dem Palast, den er kannte, entfernt war.
Dann verging die Vision so schnell wie sie gekommen war, denn seine Aufmerksamkeit wurde auf Anôra gelenkt, die gerade auf einen der Steine in der Wand vor ihnen drückte. Verblüfft beobachtete er, wie daraufhin ein Stück der Wand, von einer großen Sprungfeder bewegt, so leicht aufschwang, als würde sie aus Holz bestehen und nicht aus tonnenschwerem Stein. Dahinter führte eine steile Treppe nach unten, dessen Ende sich in der Dunkelheit verlor. Anôra ging ohne zu zögern hinein und verschwand ebenfalls, während Belzamir immer noch vor der Öffnung stand und zweifelnd hinuntersah. Es war bestimmt mehr als leicht, sich auf den schmalen Steinstufen in der vollkommenen Dunkelheit unter ihm den Hals zu brechen. Dann gab er sich einen Ruck und machte einen Schritt nach vorne. Keine Minute zu spät, wie es sich erwies, denn fast zeitgleich glitt die Wand lautlos an ihren Platz zurück. Langsam tastete er sich hinunter.
Als er letztendlich unten angekommen war, fand er sich einem niedrigen, von rußenden Fackeln erhellten Gang wieder, der wenige Schritte vor ihm eine scharfe Kurve machte. Anôra erwartete ihn schon.
"Das hat ja lange genug gedauert", sagte sie schnippisch. "Beeilt euch jetzt, bitte."
Belzamir verbiss sich die Antwort und folgte ihr. Ihr Weg wurde ständig von anderen Gängen gekreuzt, viele von denen unbeleuchtet waren und aus denen deutlich der Geruch von Moder und anderen Substanzen kam, über deren Natur er nicht einmal nachdenken mochte.
Das Mauerwerk der Wände war dem in dem eben verlassenen Palastteil ähnlich, aber es war noch älter. Die Steine waren recht grob behauen und in einer Weise gelegt worden, wie er es noch nie gesehen hatte, einfach und ohne viel Kunstfertigkeit, doch gleichzeitig auch so perfekt aufeinander angepasst, dass die Wände ohne Mörtel auskamen. Ja, sie waren so eigenartig mit der Decke und dem Boden verbunden worden, dass es keine Ecken gab und der Gang etwas von einem rundlichen Tunnel hatte, obwohl der Boden unter seinen Füßen eben zu sein schien. Auch die einmündenden Gänge waren auf die gleiche Art gebaut worden, und die Übergänge waren ebenfalls so fließend gemacht, dass Belzamir den Eindruck hatte, es wären nicht einfach nur viele Gänge, sonder ein Ganzes, ein Bauwerk, in dem jeder Stein von Anfang an geplant worden war und seinen eigenen Platz hatte.
Auf einmal begriff er, was die Ähnlichkeit mit den Gängen im Palast ausmachte; sie waren ein missglückter Versuch, dieses Tunnelsystem nachzuahmen Wie alt war es wirklich? Von wem waren diese Gänge wohl angelegt worden, und welchen Zweck sollten sie ursprünglich erfüllen? Wie weit erstreckte sich dieses Labyrinth überhaupt? Er nahm sich vor, in der nächsten Zeit ein wenig in den alten Bauplänen des Palastes zu stöbern, vielleicht würde er so mehr erfahren.
Schließlich gelangten sie an einer großen Tür aus glänzendem schwarzen Marmor an, vor der zwei Soldaten der Schwarzen Garde postiert waren. Während sie Belzamir gegenüber die übliche leichte Verbeugung andeuteten, verneigten sie sich tief vor Anôra und öffneten die Tür. Belzamir schüttelte nur den Kopf. Was hatte er auch erwartet?
Sie traten in einen neuen, etwas geräumigeren und gepflegter aussehenden Gang, der deutlich später gebaut worden war, und diese Normalität hatte etwas Beruhigendes an sich. Es war der Tempel, oder besser gesagt das riesige Kellergewölbe unter dem selbigen.
"Lasst mich jetzt vorangehen", sagte Belzamir. "Hier kenne ich mich aus. Und seine Zelle ist nicht weit entfernt."
Tatsächlich hörten sie bald Stimmen und nach einer neuen Kurve standen sie vor der Zelle, einer viereckigen Nische in der Wand rechts von ihnen, die mit fingerdicken Eisenstäben von dem Gang abgegrenzt wurde. Einige Soldaten in schwarzen Uniformen und mit Fackeln in den Händen waren vor der geöffneten Zellentür versammelt und redeten aufgeregt aufeinander ein, aber sie verstummten, sobald sie Belzamir und Anôra sahen. Einer von ihnen, den Belzamir als einen der höher gestellten Offiziere der Schwarzen Garde erkannte, ging sofort auf Anôra zu.
"Ich hätte nicht erwartet, Euch hier zu sehen, Mylady", sagte er mit einer Verbeugung.
"Ich komme meistens unerwartet, Minaldûn", erwiderte Anôra. "Was wisst ihr bereits?"
"Na ja, es sieht so, aus als hätte jemand einen zweiten Schlüssel für die Zelle gehabt... es muss also jemanden geben, der Zugang zu dem Tempel hatte und einen Abdruck von dem Schlüssel machen konnte."
"Kann ich mir das mal ansehen?"
Ohne eine Antwort abzuwarten schob Anôra den sie um einen Kopf überragenden Mann beiseite und kniete sich vor dem schweren Schloss, das immer noch an der Zellentür hing, hin. Vorsichtig hob sie es an und winkte einen Soldaten mit der Fackel heran. In den nächsten Minuten untersuchte sie es aufmerksam mit spitzen Fingern.
"Es war schon mal niemand aus dem Tempel, zumindest niemand, der die Möglichkeit gehabt hätte, einen Abdruck zu machen", sagte sie schließlich. "Wo bleibt eigentlich euer Kopf, Minaldûn? Oder besser gesagt, wie lange habt Ihr Euch mit dem Schloss beschäftigt? Schaut Euch mal diese Kratzer an, ist Euch nicht einmal der Gedanke gekommen, dass sie von etwas anderem stammen könnten als nur vom Alter des Schlosses? Ganz sicher bin ich mir zwar auch nicht, denn es ist wirklich sehr alt und eingerostet, aber ein Aufbruch erscheint mir als ziemlich wahrscheinlich."
Anôra stand auf und klopfte sich den Staub ab.
"Warum waren keine Wachen an der Zelle postiert?" fragte sie scharf.
"Wir hielten es nicht für notwendig... man kann ja eigentlich nicht aus dem Tempel ausbrechen, und es ist mir immer noch ein Rätsel, wie er es geschafft hat. Keiner der Soldaten am Eingang hat etwas gesehen."
"Nicht notwendig? Ihr habt eine seltsame Vorstellung von Notwendigkeiten. Es gibt keinen einzigen Ort, aus dem man nicht ausbrechen könnte, egal mit wie vielen Soldaten und Fallen er gespickt ist. Das solltet Ihr eigentlich wissen. Nun, Ihr werdet Euch dafür vor Zimalkhâd verantworten müssen, sobald er zurück ist. Ich habe andere Sorgen. Niemand hat also etwas Verdächtiges gesehen? Weder heute noch in den letzen Tagen?"
Minaldûn schüttelte den Kopf. "Gar nichts, Mylady."
Sie überlegte kurz und drehte sich dann zu Belzamir, der halb amüsiert und halb bewundernd dem Schauspiel gelauscht hatte. So bekommt man diese Tölpel also dazu seinen Befehlen zu folgen, dachte er mit einem Lächeln und wandte sich dann Anôra zu, die ihn bereits ungeduldig ansah.
"Lady Anôra ?"
"Hat Erâzon sich vielleicht irgendwie ungewöhnlich benommen?"
"Nein, er kauerte wie immer in seiner Ecke." Belzamir zeigte auf die hinterste Ecke der Zelle.
Anôra nahm einem der Soldaten die Fackel ab und trat hinein.
"Ich kann mir gut vorstellen, dass er es eilig hatte, von hier zu verschwinden", rümpfte sie die Nase über den Gestank, der ihr entgegenschlug. "Geht Ihr immer so mit euren wichtigsten Gefangenen um, Belzamir? Dann ist es kein Wunder, wenn sie aggressiv reagieren, sobald Ihr Euch nähert."
"Meine Gefangenen werden wesentlich besser behandelt als die in den Palastverliesen, für die Füllung derer Ihr ja anscheinend zum Teil verantwortlich seid", gab Belzamir verärgert zurück.
Anôra ignorierte seine Bemerkung und untersuchte mit angewidertem Gesicht die winzige Zelle, was nicht viel Zeit in Anspruch nahm.
"Hier gibt es nichts außer Unrat, jedenfalls nichts, was uns weiterhelfen könnte", meinte Anôra als sie heraus trat. "Minaldûn, untersucht mit Euren Soldaten noch einmal die Umgebung um den Tempel herum, und auch die Umgebung des Palastes. Erkundigt Euch, ob jemand von der Palastgarde, von den Höflingen oder von den Dienstboten nachts aus dem Palast verschwunden oder dorthin zurückgekehrt ist. Verschärft die Kontrollen an den Stadttoren. Jeder, der den Wachen auch im mindesten verdächtig erscheint, soll sofort festgenommen werden. Lasst auch die Stücke der Stadtmauer überwachen, über die man hinüberkommen könnte. Ich werde mich jetzt hier unten nach dem möglichen Fluchtweg umschauen, schickt jemanden nach mir, falls Eure Suche irgendwelche Ergebnisse bringen sollte. Belzamir, Ihr kommt mit, es kann sein dass ich Euch brauche."
"Ich bin kein Soldat den Ihr in einem solchen Ton herumkommandieren könnt!" Belzamir blitzte sie wütend an. So etwas brauchte er sich von niemandem gefallen zu lassen.
Anôra warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
"Dann könnt Ihr in Zukunft Eure entflohenen Gefangenen selbst einsammeln! Mein Problem ist es nicht, ich habe ihn ja nicht entkommen lassen!"
"Ich habe ihn nie..."
"Kommt Ihr nun mit oder nicht?" unterbrach Anôra ihn.
Belzamir machte den Mund für eine Antwort auf und klappte ihn wieder zu. Ein Streit würde jetzt nichts als Zeitverlust bedeuten. Er zuckte die Schultern und folgte ihr wortlos.
In den folgenden Stunden verfluchte sich Belzamir dafür, dass er mitgekommen war. Anôra suchte mit einer Fackel in der Hand grundsätzlich nur die unbeleuchteten, schwer zugänglichen Gänge ab, die nicht mehr benutzt wurden, jedoch nicht so alt waren wie das Labyrinth, durch das sie in den Tempel gekommen waren, und längst nicht so stabil. Stellenweise tropfte übel riechendes Wasser von der Decke, und zu allem Überfluss waren die Gänge voll mit den verschiedensten Fallen. Es war ihm unerfindlich, wie Anôra es schaffte, jede von ihnen zu kennen und fast ohne darauf zu achten zu umgehen. Obwohl er sich bemühte, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen, hätte er trotzdem mehrmals beinahe eine Falle ausgelöst und wurde jedes Mal in letzter Sekunde von Anôra weggezogen. Nach stundenlanger Suche hielt sie am Anfang eines Tunnels an, der sogar noch etwas kleiner als die anderen war und deutete auf die gegenüberliegende Wand, unter der mehrere kleine Holzpfeile mit gezackten Stahlspitzen lagen.
"Wir sind auf dem richtigen Weg", sagte sie fröhlich.
"Unser Freund hat auf der Flucht wohl eine Falle ausgelöst. Ich wette, es werden noch einige mehr folgen... wenn wir nicht ihn selbst irgendwo finden, was ich für sehr wahrscheinlich halte. Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand, der hier zum ersten Mal durchläuft, ohne eine entsprechende körperliche Verfassung zu haben, sämtliche Fallen umgehen konnte."
Sie setzten ihren Weg durch den Gang fort, doch je weiter sie kamen, desto finsterer wurde das Gesicht von Anôra, bis sie schließlich erneut stehen blieb und stirnrunzelnd ein gähnendes Loch im Boden ansah, das sich plötzlich vor ihren Füßen auftat. Es war sehr breit und auf erstreckte sich von Wand zu Wand.
"Aber das ist doch nicht möglich..." hörte Belzamir sie murmeln.
"Was ist nicht möglich?" fragte er.
Doch wie so oft an diesem Abend erhielt er keine Antwort. Stattdessen trat Anôra an die Wand neben ihnen und zog an einem rostigen Nagel, der herausragte. Ihre Handlung wurde mit einem Ächzen und Knirschen tief unter ihnen beantwortet und nach wenigen Minuten fuhr eine Holzplattform aus der Öffnung hoch. Obwohl die Plattform den Schacht noch nicht vollständig ausfüllte, überquerte Anôra schnell diese provisorische Brücke, und Belzamir musste sich beeilen um sie nicht aus den Augen zu verlieren, auch wenn ihm das Herz stockte, als er über die morschen Bretter lief.
Von da aus gingen sie keine hundert Schritte bis sie an die den Gang begrenzende Wand kamen, in deren oberen Ecke einige Steine fehlten. Silbriges Licht drang durch die Öffnung und ein kalter Windhauch streifte ihre Gesichter. Ohne lange zu überlegen warf Anôra die Fackel durch, klammerte sich an den Rändern der Breche fest, stieß sich vom Boden ab und glitt wie eine Schlange hindurch. Belzamir hatte etwas mehr Mühe und vor allem mehr Skrupel, durch den Schmutz zu kriechen, der danach wahrscheinlich kommen würde, doch er hatte noch weniger Lust, allein in dem dunklen Gang gelassen zu werden, dessen Decke so aussah, als würde sie jeden Moment über seinem Kopf zusammenstürzen. So quälte er sich durch die enge Öffnung und landete wie schon vermutet bäuchlings im Dreck.
Fluchend richtete er sich auf und schaute sich um. Er war in einem schmalen, vom Licht des untergehendes Vollmondes erfüllten Zwischenraum, den der Tempel und die ihn von der Stadt abgrenzende Mauer bildeten. Frische, kühle Nachtluft füllte seine Lungen, und kam ihm nach der abgestandenen Luft in den Gewölben unter dem Tempel süßer vor als der beste Wein des Königs. Das Loch, durch das er eben hindurch gekrochen kam, war nun zu seinen Füßen und fast unsichtbar durch den Schutt davor. Die Mauer vor ihm war an dieser Stelle zwar recht niedrig, doch ist dieser Mangel nie behoben worden da es ohnehin zweifelhaft war, dass jemand versuchen würde, in den Tempel einzubrechen. Nach den Häusern zu urteilen, die Belzamir auf der anderen Seite sehen konnte, war dort eine parallel zur Mauer verlaufende, schäbige Straße.
Anôra kniete unweit vom Fuße der Mauer auf dem Boden, die erloschene Fackel achtlos neben sich geworfen. Als sie seine Schritte hörte hob sie den Kopf und winkte ihn zu sich heran.
"Schaut Euch das mal an", sagte sie.
Belzamir folgte ihrem Finger und sah einen etwas verwaschenen Abdruck eines bloßen menschlichen Fußes in der feuchten Erde.
"Passt er zu Erâzon?" fragte Anôra.
"Ja, es könnte gut hinkommen", nickte Belzamir. "Außerdem, wer sollte es denn sonst gewesen sein? Sein Befreier wird wohl Schuhe angehabt haben."
"Da habt Ihr recht. Er scheint gar nicht darauf geachtet zu haben wo er hintritt, wenn er die einzige Stelle hier erwischt hat, an der bloße Erde vorzufinden ist und keine Kieselsteine. Aber dann verstehe ich das ganze noch weniger...", Anôra schüttelte den Kopf.
"Was versteht Ihr nicht? Nun sagt es doch endlich", bat Belzamir.
Anôra erhob sich und ließ den Blick über den Boden schweifen, doch es waren keine anderen Spuren zu sehen. Schließlich sprach sie.
"Na gut, ein großes Geheimnis ist es ja nicht. Die Sache ist die: ich kenne sämtliche Fallen in diesen Gängen. Und was meint Ihr, wie viele von ihnen er ausgelöst hat?"
"Die Hälfte?" schätzte Belzamir.
"Die Hälfte wäre noch halbwegs erklärbar", seufzte Anôra. "Es waren alle, Belzamir."
"Alle?!" rief er ungläubig aus.
"Alle ohne Ausnahme", bestätigte sie. "Das würde bedeuten, der Junge ist einfach kopflos durch den Gang gerannt, ohne auf irgendetwas zu achten. Doch dann hätte er es gar nicht überleben dürfen. Niemand kann dauerhaft so schnell rennen, dass sämtliche Fallen erst dann losgehen, wenn er schon vorbei ist. Vor allem ist es mir ein Rätsel, wie er das Loch überwunden hat."
"Konnte er es denn nicht übersprungen haben?"
"Eigentlich schon... Aber wie Ihr bemerkt haben dürftet, liegt es fast direkt hinter einer Kurve. Das heißt, er konnte einfach nicht genügend Anlauf gehabt haben, um zu springen. Und sogar wenn, die Decke des Ganges ist viel zu niedrig um einen Sprung zu erlauben. Es ist schlicht und einfach unmöglich."
"Das Fundament des Tempels ist aber alt, und es gibt bestimmt einige andere Löcher in den Wänden. Vielleicht ist er dann an einer anderen Stelle herausgekommen, und dann hierher gekommen, weil sich sonst keine Möglichkeiten boten, die Mauer zu überwinden?" schlug Belzamir vor. "Und die Fallen hat jemand anders schon vorher ausgelöst? Zum Beispiel Soldaten die sie getestet und dann vergessen haben, alles wieder an seinen Platz zu bringen?"
"Dann wäre es aber eine recht sinnlose Überprüfung gewesen, vor allem aber eine, von der weder ich noch Zimalkhâd etwas wussten", entgegnete Anôra.
"Nein, das kann nicht sein. Aber wartet kurz, ich will mir ansehen, ob es auf der anderen Seite Spuren gibt. Dann wüssten wir wenigstens, in welche Richtung er gelaufen ist. Darüber, wie er überhaupt so weit gekommen ist, können wir uns ja später die Köpfe zerbrechen."
Mit diesen Worten sprang sie in die Höhe, zog sich hoch und schaute über den Rand der Mauer.
"Wir haben Glück", rief sie.
"Das Stück Straße hinter der Mauer ist nicht gepflastert, also muss er hier Spuren hinterlassen haben. Kommt mit!"


Sie zog sich gänzlich hoch, sprang und verschwand hinter der Mauer. Belzamir kam kurze Zeit später nach. Sobald er ebenfalls in der Gasse gelandet war, bot sich ihm ein seltsames Bild. Anôra stand ganz in seiner Nähe unbeweglich wie eine Statue da, die Augen nach unten gerichtet. Diesmal reagierte sie nicht auf das Geräusch seiner Schritte, genau so wenig wie auf seine Stimme als er sie ansprach. Erst als er näher kam und sie an der Schulter berührte, drehte sie langsam den Kopf zu ihm und Belzamir erschrak, als er sah, dass ihr Gesicht so weiß war wie der Mond, mit weit aufgerissenen Augen und zitternden Lippen. Wortlos deutete sie auf die Erde vor sich, und als Belzamir hinuntersah, fing auch er an zu zittern.
"Ihr habt es geschafft", flüsterte Anôra heiser.
"Verdammt sollt Ihr sein, Ihr habt es tatsächlich geschafft. Ist Euch klar, was das bedeutet?"
Belzamir starrte ohne zu antworten weiter auf den Boden. Ihm war die Bedeutung, von dem, was er da gerade sah, nur zu klar.
Ein einziger Abdruck war deutlich in der Erde zu sehen. Er hätte einem Hund gehören können, wenn er dafür nicht zu groß gewesen wäre. Es war der Pfotenabdruck eines Wolfes.


Es graute bereits, als sie über die stillen Straßen in den Palast zurückkamen. Die Wachen an den Toren sahen die zwei blassen, verdreckten Gestalten misstrauisch an und machten Anstalten, sich ihnen in den Weg zu stellen, doch ein nicht gerade freundlicher Blick von Anôra reichte aus, um sie hastig zurückweichen zu lassen. Immer noch wortlos durchquerten sie den noch ruhigen, von morgendlichem Zwielicht erfüllten Palast bis zu einem Kreuzgang, wo sich ihre Wege trennten. Dort hielt Anôra an und brach zum ersten Mal, seit sie die Spur am Boden gesehen hatten, das Schweigen.
"Sauron wird heute noch vor Sonnenuntergang eintreffen", sagte sie mit seltsam kraftloser Stimme. "Kommt bei Anbruch der Dunkelheit zu seinen Gemächern. Er wird vieles wissen wollen."
Sie drehte sich um und wandte sich nach Norden. Belzamir schaute ihr eine Weile nach, bis sie in einem Seitengang verschwunden war und begab sich in die entgegengesetzte Richtung.


Die Sonne stieg langsam auf und ließ goldenen Dächer von Armenelos aufflammen. Der Tag wurde, ungeachtet des Gewitters am Vorabend, wie die Tage davor sehr heiß, viel zu heiß für den Sommeranfang, und sogar die Blumen und Sträucher in den Gärten der reichen Leute konnten nicht mehr ganz vor der Sonnenglut bewahrt werden, auch wenn sie mehrmals am Tag von den Dienstboten gegossen wurden. Nur die Palastgärten schienen eine Ausnahme zu bilden und blieben grün, doch unter den Blätterdächern der Bäume herrschte schier unerträgliche Schwüle. Keiner außer einer wahren Armee von Gärtnern, die ununterbrochen mit Wasser durch die Alleen liefen, hielt sich draußen auf. Die riesigen, goldschimmernden Fenster des Palastes waren fast alle von weißgoldenen Vorhängen bedeckt worden. Doch der leichte Stoff konnte die Strahlen der Sonne nur bedingt abschwächen, so dass die meisten Höflinge sich in den stickigen, dafür aber fensterlosen und längst nicht so heißen Sälen aufhielten, denn auch ihre eigenen Gemächer mit den gleichen leichten Vorhängen boten keine Zuflucht vor der Hitze. Nur in den älteren Nordteilen des Palastes mit seinen kleinen Fenstern und armdicken Steinwänden herrschte angenehme Kühle, die aber, mit einigen wenigen Ausnahmen, nur von Dienstboten genossen werden konnte. Das Volk vom Armenelos folgte dem Beispiel der Palastbewohner und verließ die Häuser nicht ohne äußerste Not, so dass die Stadt wie ausgestorben unter den sengenden Strahlen der Mittagssonne lag.
Schließlich kam der sehnsüchtig erwartete Abend, dessen leichte Windströme die Hitze vertrieben und den Geruch von Meer und blühenden Bäumen an der Westküste von Númenor mit sich brachten. Eine riesige Menschenmenge strömte aus den viel zu heiß gewordenen Häusern auf die von letztem, milden Sonnenlicht gefüllten Straßen, die, noch vor einer Stunde leer und still, von Stimmengewirr und Musik zum Leben erweckt wurden. Auch die Höflinge verließen nun den Palast, dessen Vorhänge eilig zurück- und die Fenster aufgerissen wurden, und die Gärtner konnten sich endlich ausruhen. Nur in einem kleinen Teil des Palastes hingen unverändert schwere dunkle Vorhänge vor den Fenstern, und obwohl es in den Räumen dahinter kühl, fast kalt war, herrschte dort eine mehr als gereizte Atmosphäre.


"Wo bleibt eigentlich Euer Heiler?" fragte Zimalkhâd zum dritten oder vierten Mal in den letzten zehn Minuten ärgerlich.
Anôra warf ihm aus dem riesigen Sessel, in dem sie fast gänzlich versunken war, statt einer Antwort einen vielsagenden Blick zu, der den Soldaten zwar zum Verstummen brachte, jedoch noch verärgerter dreinblicken ließ. Sauron beachtete die beiden nicht und schien vollends in die Betrachtung der vor ihm auf dem großen Tisch ausgebreiteten Papiere vertieft zu sein, doch Anôra glaubte nicht, dass er sie auch tatsächlich durchlas.
Endlich hörte man sich nähernde Schritte. Belzamir trat durch die von zwei Gardisten aufgehaltene Tür ein und verneigte sich etwas nervös. Da ihr Herr keine Reaktion zeigte, bedeutete Anôra an seiner Statt dem Heiler, sich auf einen vor kurzer Zeit von Dienstboten gebrachten dritten Sessel zu setzen, der zwischen ihrem und dem von Zimalkhâd abgestellt worden war. Er folgte ihrer Einladung, doch erfüllte ihn die Perspektive, direkt gegenüber von Sauron zu sitzen, sichtlich mit Unbehagen. Anôra sah ihn trotzdem fast neidisch an, denn ungeachtet seiner Nervosität sah er recht ausgeruht aus, sie jedoch hatte den ganzen Tag über kein Auge zumachen können und fühlte sich auch entsprechend.
Schließlich hob Sauron den Kopf und sah Belzamir und Anôra abwartend an. Da der erste ihn immer noch wie ein Kaninchen eine Schlange ansah, seufzte Anôra leicht und fing zu reden an. Nach einiger Zeit wurde sie von Belzamir abgelöst, dann erklang wieder ihre Stimme in dem Raum. Als sie fertig waren schaute Sauron alle drei abwechselnd an, und sogar Anôra fühlte sich unwohl unter seinem schweren Blick, der letztlich auf dem unglückseligen Belzamir stehen blieb und ihn regelrecht an seinem Platz festnagelte.
"Wir werden noch ein längeres Gespräch darüber führen", meinte er leise.
Belzamir gab keine Antwort sondern sackte nur noch mehr in sich zusammen. Sauron fixierte ihn einige Augenblicke lang an und wandte sich dann zu Zimalkhâd, der versuchte, unter seinem Blick Haltung zu bewahren und ihn so gut er konnte erwiderte.
"Und warum habt Ihr keine Wachen an seiner Zelle gehabt?"
"Er sah nicht so aus, als könnte er fliehen. Ich dachte ja nicht, dass er doch die Kraft dazu hat, schließlich bin ich Soldat und kein Heiler", sagte Zimalkhâd trotzig.
Anôra schüttelte innerlich den Kopf, Trotz war ganz und gar die falsche Vorgehensweise, wenn man sich vor Sauron für Fehler verantworten musste, nur vergaß Zimalkhâd es regelmäßig.
"Ach nein, wirklich? Er sah also nicht so aus?" Der Spott in Saurons Stimme war nicht zu überhören.
"Und wenn Ihr doch kein Heiler seid, woher wollt Ihr wissen, wie so jemand auszusehen hat, Soldat?"
Er stieß das letzte Wort zwischen den Zähnen hervor, dass es sich anhörte, als hätte er es ausgespuckt. Nun senkte auch Zimalkhâd den Kopf. Sauron schaute ihn missbilligend an, und wandte sich Anôra zu.
"Und was hast du mir zu sagen?"
"Was soll ich schon sagen? Ihr habt mich ja über diese Sache im Dunkeln gelassen, ich hätte nicht einmal jetzt etwas darüber gewusst und es wäre gar nichts unternommen worden, hätte Belzamir mich nicht aufgesucht. Ich stecke meine Nase nicht in die Angelegenheiten, die Ihr vor mir geheim halten wollt, und so war es anscheinend bei der Sache mit Erâzon."
Das Häufchen Elend neben ihr, das vor wenigen Minuten Zimalkhâd war, warf ihr einen erstaunten Blick zu, den Anôra mit einem Schulterzucken quittierte. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Auch in Saurons Augen flackerte so etwas wie Erstaunen über ihre Dreistigkeit auf, und einen Moment lang schien es, dass dieses Flackern sich in einen Gewitterblitz verwandeln würde, doch dann entspannten sich seine Züge zu einem unvermuteten Lächeln.
"Da muss ich dir wohl oder übel recht geben", meinte er in einem fast gutgelauntem Ton. "Ich hätte es dir wirklich sagen können, vielleicht wäre Erâzon dann noch hier... denn wie es scheint bist du die Einzige, auf die man sich noch verlassen kann", fügte er mit einem vernichtenden Blick auf Belzamir und Zimalkhâd hinzu. "Also, du hast doch vorher erwähnt, du wüsstest nun etwas mehr über seine Flucht?"
"Das kann man so sagen. Ich habe den heutigen Tag damit verbracht, mich in dem Gang, durch den er gelaufen ist, umzusehen, und dort habe ich zwei Sachen gefunden: erstens einige graue Tierhaare an den Pfeilspitzen bei der ersten Falle, und zweitens tiefe Dellen in der übrigens ziemlich baufälligen Decke über dem Loch am Ende des Tunnels. Ich denke, jetzt kann ich die Ereignisse der letzten Nacht rekonstruieren: Jemand ist durch die Öffnung in dem Tempelfundament eingebrochen, jemand der in sehr guter körperlicher Verfassung ist und nicht das erste Mal in diesem Tunnel war. Dieser Jemand hat gewusst, dass sich am Anfang, oder von uns aus gesehen, Ende dieses Ganges ein Schacht im Boden befindet, und er hat kleine Eisenhaken mitgebracht, mit deren Hilfe er sich über dieses Loch gehangelt hat. Er ist auch allen, oder fast allen Fallen ausgewichen, und wurde, wenn, dann nur geringfügig, verletzt. Er hat das Schloss an Erâzons Zelle ausgebrochen und floh, als die Tür beim Öffnen quietschte. Erâzon floh ebenfalls, und wenn man bedenkt, dass er in seiner Menschengestalt sehr schwach war, viel zu schwach um den Soldaten davon zu rennen, muss er sich fast sofort in einen Wolf verwandelt haben, was auch die Haare an den Pfeilspitzen belegen. Er muss vor, oder nach seinem Befreier diesen Gang gefunden haben (ich denke, da er sehr schnell gewesen sein muss, kam er dort als erster durch), vielleicht hat er die frische Luft gerochen, die von dort kam. Er raste so schnell er konnte durch, übersprang den Schacht und musste sich dann zwangsweise in einen Menschen verwandelt haben, um an der Wand und kurz danach an der Mauer hochzuklettern, er war also noch nicht am Ende seiner Kräfte. Sobald er auf der Mauer war, sprang er in die Gasse auf der anderen Seite, und muss sich bereits im Sprung wieder in einen Wolf verwandelt haben, vielleicht weil er seine Kräfte als Mensch doch zu sehr ausgezehrt hatte und nicht mehr unverletzt landen konnte, vielleicht auch, weil er sich gar nicht vollständig in einen Menschen verwandelt hatte, eben nur soweit, wie er es brauchte, um die zwei Wände zu überwinden. Dafür würden auch die ungewöhnlichen Nagelabdrücke an der Menschenspur sprechen."
Sauron nickte und wandte sich Belzamir zu, diesmal ohne Zorn in den Augen.
"Würde es das bestätigen, was Ihr Euch von dem Experiment erhofft hättet?"
"Ja, ja, auf jeden Fall", fuhr Belzamir auf. "Er hat als Wolf wesentlich mehr Kraft, als wenn er in Menschengestalt ist, und er ist nach der Rückverwandlung in der Lage, sich weiterhin als Mensch zu bewegen. Er kann äußerst schnell die Gestalt wechseln, und so wie es aussieht, kann er auch in einem Mensch-Wolf-Zustand verharren, zumindest für kurze Zeit. Ich denke allerdings nicht, dass er diese Verwandlungen bewusst durchführt, das passiert eher instinktiv."
„Was denkt Ihr, was wir von ihm erwarten können?“
„Ich weiß es nicht. Eigentlich alles. Er kann sich auch weiterhin wie ein wildes Tier benehmen und vielleicht nie mehr zu seinem Menschenverstand zurückfinden, aber er kann sich auch mit der Zeit an alles erinnern und lernen, seine Fähigkeiten zu kontrollieren. Dann könnte er uns wirklich gefährlich werden. Es kann genauso gut sein, dass all dieses Wolfsgehabe nur gespielt war und er von Anfang an sehr gut wusste, wer er ist, oder auch, dass er alles vergessen hat und sich nun eine vollkommen neue Identität aufbauen wird. Es... ach, es kann einfach alles sein! Es gibt Tausende von Möglichkeiten, und jede ist genauso wahrscheinlich wie die anderen.“
Belzamir schüttelte entmutigt den Kopf.
„Das einzige, was ich mit einiger Sicherheit sagen kann, ist, dass er im Moment sehr schwach ist und sich irgendwo verkrochen haben muss. Doch ich weiß nicht, wie schnell seine Kräfte wieder hergestellt sein werden. Vielleicht in einigen Stunden, aber vielleicht auch erst in einigen Tagen, oder Wochen.“
Sauron überlegte kurz, dann sah er Zimalkhâd an.
„Ihr habt es gehört. Nutzt die Zeit und macht ein Herauskommen aus der Stadt ohne strengste Kontrolle unmöglich. Lasst außerdem sämtliche Keller, verlassene Häuser und Parks der Stadt absuchen. Fragt in der Gasse hinter dem Tempel nach, ob jemand etwas gesehen hat. Und was euch angeht, Belzamir, wir werden in den nächsten Tagen noch ein längeres Gespräch führen. Bis dahin unternehmt Ihr nichts, aber versucht mit Hilfe Eurer Bücher zumindest in etwa abzuschätzen, zu was Erâzon fähig ist. Das wäre alles. Ihr zwei könnt gehen, Anôra bleibt noch hier.“
Zimalkhâd und der bei Saurons letzten Worten deutlich erbleichte Belzamir verneigten sich und begaben sich eilig hinaus.


Sobald die Tür hinter ihnen zugefallen war, sah Sauron Anôra mit leicht zusammengekniffenen Augen an.
„Raus mit der Sprache,“ sagte er.„Was ist los? Oder besser gesagt, was stört dich dermaßen an der Sache, dass du außer einer kurzen Fluchtbeschreibung nichts gesagt hast?“
Anôra antwortete nicht. Sie presste die Lippen zusammen und spielte statt dessen stirnrunzelnd an dem einfachen Dolch an ihrer Hüfte.
„Es sind mir einfach zu viele Zufälle auf einem Haufen,“ sagte sie schließlich.
„Was meinst du?“
„Na ja, seit ich diese Namensliste der Königsmänner bekommen habe, passieren ständig seltsame Dinge. Erst werde ich angegriffen, weil jemand unbedingt die Liste mit den Getreuennamen an sich bringen will, die ich schon seit etlichen Jahren habe und für die sich noch nie jemand interessiert hat. Dann erfolgt ein zweiter Angriff, diesmal auf mich und Zimalkhâd, der von einem Edelmann organisiert wird. Und nun das: jemand lässt einen Gefangenen frei, von dem fast keiner etwas gewusst hat. Seit ich von Roccondil weiß, habe ich in wenigen Monaten mehr Unerklärliches erlebt, als in all den Jahren davor. Und das gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht.“
„Denkst du, dass Roccondil auch hinter Erâzons Befreiung steckt? Das ist natürlich gar nicht mal so abwegig...“
„Schon, aber....,“ Anôras Gesicht wurde noch düsterer.
„Es ist so. Ich versuche mich immer in die Denkweise meiner Gegner hineinzuversetzen, eine bestimmte Logik darin zu finden, einen Faden, doch hier....hier finde ich einfach keine.
Bis jetzt war die Sache ziemlich klar: ich habe diese Liste bekommen, die mir erlaubt, etwas herauszufinden, was ich auf gar keinen Fall herausfinden darf. Also versucht man erst, mir die Papiere zu stehlen, an denen ich es sehen könnte, in der Hoffnung, ich hätte es noch gar nicht entdeckt. Es klappt nicht, und nun ist es offensichtlich, dass ich alles erkannt habe und mir die Bedeutung dieser Papiere klar geworden ist. Der nächste Schritt war ebenfalls vollkommen richtig, man versucht, mich selbst aus dem Weg zu räumen. Was wiederum schief geht, dafür weiß ich, dass es jemandem derart wichtig ist, dass ich nicht herausfinde, wer Roccondil ist, dass dieser Jemand sogar sein Leben dafür riskiert. Also wäre es nur logisch, dass sich unser Gegenspieler in der nächsten Zeit ganz still verhält um ja keinen Verdacht auf sich zu lenken und die Sache in Vergessenheit geraten zu lassen. Doch was tut er stattdessen? Er riskiert dieses Unternehmen, bei dem man ihn hätte erwischen können und nach dem ich ihn nun ganz bestimmt nicht vergessen werde! Das passt einfach nicht, es passt hinten und vorne nicht. Es müsste also ein anderer gewesen sein, der nicht mit Roccondil zusammenhängt, doch wer? Wer konnte von Erâzon wissen? Heißt das, dass wir nun zwei Verräter im Palast haben?“
Sauron sah sie lange und nachdenklich an. Schließlich sprach er.
„Ich denke, wir werden keine Gewissheit darüber haben, bis noch etwas passiert. Und dieses etwas könnte gefährlich sein, also sei in der nächsten Zeit bitte äußerst vorsichtig. Ich möchte nicht noch einmal das Gleiche wie im Frühling erleben. Lass dich von Soldaten begleiten wo es nur geht. Nein,“ sagte er als Anôra zum Protest anhob. „erzähle mir jetzt nichts darüber, dass du selbst auf dich aufpassen kannst. Das weiß ich auch, aber langsam wird es zu gefährlich. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Und um auf Erâzon zurückzukommen, was willst du tun?“
„Ich denke, ich werde erst einmal den ganzen Tempel nach anderen möglichen Schlupflöchern absuchen und an jedem von ihnen Posten aufstellen lassen, für den wenig wahrscheinlich Fall, dass Erâzon oder sein Befreier zurückkommen. Und wenn unser Freund in der nächsten Woche nicht gefunden wird, lasse ich die Stadt weiterhin von Spionen absuchen, und schicke jemanden aus, der auf der ganzen Insel nach ihm sucht. Ich würde gerne Gwîndis damit beauftragen... wenn Ihr es erlaubt.“ Sie sah Sauron unsicher an.
„Ich dachte, du kannst sie nicht so gut leiden?“ fragte er mit einem leichten Lächeln.
„Das wäre noch stark untertrieben,“ schnaubte Anôra.
„Aber sie hat Talent, und sie ist sicher unauffälliger als jeder andere Spion den wir haben. Außerdem... falls sie dabei umkommen sollte, wäre es kein so großer Verlust, als wenn es einer von unseren Männern sein würde.“
„Nun, ich hoffe, du weißt was du tust, jedenfalls hast du meine Erlaubnis,“ nickte Sauron. „Du kannst gehen. Und Anôra...,“ sagte er, als sie schon an der Tür war.
Anôra drehte sich um und sah ihn fragend an.
„Dass du ab jetzt Soldaten mitnimmst war keine Bitte. Es war ein Befehl.“
(Polina)