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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Die Spur des Zauberers

Die Straße schlängelte sich durch die Hügel und verschwand irgendwo in der dunstigen Ferne. Belzamir hob den Kopf und sah mit gerunzelter Stirn den grauen Himmel an.
"Es wird wohl bald wieder regnen," bemerkte er missmutig. "Und unsere Sachen sind noch vom letzten Mal kaum trocken geworden."
Seine Begleiterin warf ihm einen schnellen Blick zu und zuckte mit den Schultern.
"Dann brauchen wir uns ja nicht von neuem an die Nässe zu gewöhnen."
"Wir könnten stattdessen schneller vorangehen, dann würde uns der Regen auch nicht ständig einholen. Und vor allem würden wir dann Grizmor früher erwischen."
"Ich habe Euch doch bereits erklärt, dass es nicht geht," schüttelte Anôra unwillig den Kopf.
"Ja, aber wir könnten in dem Dorf da unten zwei frische Pferde holen." Der Heiler deutete auf ein kleines Häufchen von Häusern, das zwischen den Hügeln auszumachen war. "Ich bezweifle, dass in jedem Wirtshaus ein Spion von Grizmor sitzt, der nichts Besseres zu tun hat, als dort zu sitzen und sämtliche Durchreisenden zu beobachten."
"Und ich bezweifle, dass Ihr Euch mit solchen Dingen auskennt," gab die Hofdame zurück. "Je näher wir ihm kommen, desto größer ist die Chance, dass in den Dörfern spioniert wird. Ein solcher Pferdekauf fällt nun einmal zu sehr auf, genau wie der bloße Verbleib in einem Dorf, versteht das doch endlich."
"Ich verstehe es gut genug! Doch Ihr solltet vielleicht daran denken, dass Grizmor nicht so viele Leute hat. Und wenn er einen Angriff erwarten sollte, dann wird er kaum auf jemanden von ihnen verzichten."
"Oh doch, genau dann! In einem solchen Fall ist es das Wichtigste für ihn, den Feind frühzeitig zu bemerken. Davon abgesehen müssen wir ausgeruht sein, wenn wir ihm begegnen, oder wollt Ihr mit zufallenden Augen und schmerzenden Knochen gegen ihn und seine Häscher kämpfen? Großer Himmel, Belzamir, ich habe da etwas mehr Erfahrung als Ihr, also warum könnt Ihr es nicht einsehen und eine Weile ruhig sein?" Sie warf sich gereizt eine Haarsträhne aus dem Gesicht und trieb ihr Pferd an. Belzamir sah ihr nach, wie sie das Tier vor galoppieren, und erst nachdem es einigen Abstand zu seinem hatte, wieder das normale Tempo einnehmen ließ.
" 'Großer Himmel, Belzamir, ich habe da etwas mehr Erfahrung als ihr'," äffte er sie nach. "Was denkt die eigentlich, wer sie ist? Ich frage mich wirklich, wie es so jemand geschafft hat, Saurons Rechte Hand zu werden!"
Der Heiler schnaubte verächtlich. Aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen war Anôra vom bereits eine Woche zurückliegendem Anfang ihrer Reise an besonders unausstehlich gewesen. Noch wesentlich ungeduldiger und schnippischer als sonst, schien sie von Tag zu Tag immer gereizter zu werden, und Belzamir fragte sich langsam, welche Laus ihr wohl über die Leber gelaufen war. Er schüttelte den Kopf und gab auch seinem Pferd die Sporen, bis er das seiner Begleiterin wieder erreicht hatte – er hatte nicht vor, wegen den Launen dieser Frau von ihr getrennt in einen Hinterhalt zu geraten.
Das Bündel, das quer auf dem Pferderücken vor Anôra lag, regte sich und eine schwarze Tierschnauze blickte schläfrig aus dem geräumigen Ledersack heraus. Die Hofdame lächelte und fuhr Farkhor zärtlich durch das weiche Fell. Das Wölfchen schien wohl von dem Wortwechsel zwischen ihr und diesem ewigen Besserwisser von einem Heiler aufgeweckt worden zu sein. Farkhor hatte sich, seit der Regen vor einigen Tagen eingesetzt hatte, in dem warmen und trockenen Ledersack vergraben, und kam fast nur noch zum Essen oder um sein Geschäft zu erledigen heraus. Sie konnte es ihm nicht verdenken – das Wetter war ekelhaft, und es war verständlich, dass das reinliche Tier keine Lust hatte, unter ewigem Nieselregen durch den Straßenmatsch zu laufen. Nachdem der Welpe gesehen hatte, dass kein Grund zur Aufregung bestand, verschwand der Kopf wieder im Bündel, aus dem bald darauf leises Schnarchen ertönte, das Anôra erneut ein Lächeln auf die Lippen trieb. Gedämpftes Pferdegetrappel neben ihr kündigte in diesem Moment an, dass Belzamir sie wieder eingeholt hatte. Anôra beachtete ihn nicht und überließ sich dem gemächlichen Trab ihres Pferdes. Es gab noch vieles, worüber es nachzudenken galt, auch wenn es nichts mit ihrem jetzigen Auftrag zu tun hatte.


Die Nacht brach herein, gefolgt von, wie Belzamir es vermutet hatte, erneut einsetzendem feinen Regen. Die zwei Reiter schlugen in einer von einigen schiefen Bäumchen gesäumten Mulde am Fuße eines Hügels ihr Lager auf; zwei notdürftige Zelte, die aus groben, zwischen den Baumstämmen gespannten und an der einen Seite am nassen Boden befestigten, mit Öl behandelten Lederstücken bestanden, und in der windgeschützten Mulde selbst ein kleines Feuer. Farkhor, plötzlich wieder lebhaft geworden, lief irgendwo in der Nähe herum, während die zwei Menschen bei einem spärlichen Abendmahl am Feuer saßen.
Belzamir kaute lustlos auf seinem Stück Trockenfleisch herum und schielte zu Anôra, die ihr Essen kaum angerührt hatte und statt dessen gedankenversunken ins Feuer sah. Diese Angewohnheit, Abend für Abend mit weit geöffneten Augen in die Flammen zu starren war regelrecht unheimlich, und wieder etwas wie die ständige Gereiztheit, das ihn fragen ließ, ob irgendwelche Sorgen sie beschäftigten; oder ob es nur eine Laune war.
"Lady Anôra?" fragte er schließlich nach einiger Zeit.
"Äh... ja?" Die Hofdame hob den Kopf und Belzamir blickte einen Moment lang fasziniert in ihre Augen, die dunkel waren und nur den Schein des Feuers widerspiegelten, und erst einige Sekunden später ihre eigentliche grüne Farbe annahmen – als würde sie nur langsam aus einer flammenerfüllten Tiefe auftauchen, in die ihre Gedanken versunken waren.
"Mir ist da ein Gedanke gekommen, besser gesagt eine Frage, die ich Euch die ganze Zeit stellen wollte... Was habt Ihr eigentlich in meinem Labor gewollt, als Erâzon mich angegriffen hatte?"
"Was ich gewollt habe?" Ein flüchtiges Lächeln glitt über die Lippen der Frau. "Euch bitten mir Gift für meinen Dolch zu machen, es wurde langsam knapp, und ich kann dieses Zeug nicht alleine herstellen."
"Ihr habt Gift an Eurem Dolch?" riss Belzamir die Augen auf.
"Na klar." Anôra zuckte mit den Schultern. "Warum wundert Euch das?"
"Nun ja... es ist ein wenig ungewöhnlich wenn eine Hofdame..."
"Es ist unentbehrlich für meine Aufgaben," schnitt Anôra ihm mit plötzlicher Kälte in der Stimme ins Wort. "Vergesst nicht, dass ich außer schöne Kleider tragen auch andere, wesentlich gefährlichere Dinge tun muss... zum Beispiel Euch vor wild gewordenen Wolfsmenschen retten. Und ein gewöhnlicher Dolch reicht da oft nicht aus."
"Vielleicht habt Ihr recht," lenkte Belzamir ein, er war zu müde und hatte keine Lust, sich erneut über den harschen Ton seiner Begleiterin zu streiten – obwohl ihn ihre heftige Reaktion diesmal eher verwundert denn verärgert hatte. "Doch warum ausgerechnet in einer Ballnacht?"
"Es war ein Grund, diesen aufgeblasenen höfischen Wichtigtuern zu entfliehen." Anôra lächelte verschmitzt. "Denkt Ihr, ich gehe da gerne hin?"
"Oh... ich glaube, ich weiß was ihr meint." Nun grinste auch Belzamir. "Die Dummheit einiger Höflinge ist wirklich nicht zum Aushalten. Ich kann mir ihr Getue und ihren Klatsch ebenfalls irgendwann nicht mehr antun."
"Da seht Ihr mal, was für eine schwere Aufgabe es ist, Hofdame spielen zu müssen und bei diesem ganzen Irrsinn mitzumachen," lachte Anôra auf und erhob sich. "Nun, ich lege mich jetzt jedenfalls hin. Gute Nacht, Heiler." Sie stieg die Mulde zu ihrem Zelt hinauf, und kurz darauf hörte Belzamir, wie sie nach Farkhor pfiff. Hofdame zu spielen... diese Worte hatten ihn mehr als überrascht.


Der nächste Tag verlief ähnlich wie der vorherige. Die zwei Reiter ließen unzählige Meilen auf der matschigen Straße unter dem wolkenverhangenen Himmel und drei kleine Dörfer zurück. Am Nachmittag verließen sie auch die Hügel und nun lag ebenes Land mit zahlreichen Dörfchen vor ihnen – und im Nebel am Horizont schien sich auch ein Wald anzudeuten. Doch die anfängliche Erleichterung wurde abrupt von dem wieder eingesetztem Regen zunichte gemacht, und beide ritten mit fast noch grimmigeren Gesichtern weiter, die ganze Welt und vor allem den Regen verfluchend.
Anôra schlug den Umhang fester um sich, zumindest um dem immer wieder aufkommenden Wind keinen Einlass zu bieten, denn gegen das Wasser gab auch ihr Umhang keinen Schutz mehr. Lethargisch starrte sie auf den platschenden Dreck vor den Hufen ihres Pferdes, der vor einigen Tagen wohl eine Straße gewesen sein mochte. Bräunlich-graue Erde wogte wie die seltsame Abart eines Sees hin und her, von Pfützen und kleinen Flüsschen durchbrochen, die Blätter und kleine Äste mit sich trugen. Dieses Bild kam ihr nur zu bekannt vor... Plötzlich hörte sie Knarren von unzähligen Holzrädern, begleitet von Rufen der Soldaten, und dem Wimmern und Weinen zahlloser Menschen. Der Geruch von durchnässtem Holz, Krankheit, Pferden und Unreinheiten stieg ihr in die Nase. Ihr Bruder neben ihr schrie im Fiebertraum auf, und eine grobe männliche Stimme lachte hässlich, gefolgt von einem Peitschenhieb.
Sie schnappte nach Luft und schüttelte den Kopf. Nein. Tatsächlich war im nächsten Moment nur noch leises Regenplätschern und das Schnauben von zwei Pferden zu hören, frische Landluft umwehte ihr Gesicht, und Farkhor schnarchte pfeifend in seinem Lederbeutel. Anôra griff sich zitternd an die Stirn und atmete tief durch. Nein, das war nicht die Wirklichkeit gewesen. Das würde nie wieder Wirklichkeit sein. Mit unsicheren Fingern kramte sie eine kleine Metallflasche unter ihrem Umhang hervor und nahm einen Schluck daraus. Sofort verzog sie angeekelt das Gesicht vor dem Geschmack, doch der Alkohol zeigte seine Wirkung – Wärme strömte durch ihre Gliedmaßen, ihre Bewegungen wurden ruhiger und die Panik wich. Anôra packte die Flasche wieder weg und warf trotzig den Kopf zurück. Sie würde sich nicht mehr wegen solchem Quatsch aufregen.
Belzamir beobachtete seine Begleiterin verwirrt. Anôra war den ganzen Tag über ungewohnt schweigsam und verträglich gewesen, fast schläfrig wiegte sie sich in ihrem Sattel und ließ sich mehr von ihrem Tier tragen denn es zu lenken. Doch plötzlich öffneten sich ihre Augen weit und sie starrte den Schmutz auf der Straße mit einem seltsam glasigen Blick an. Im nächsten Moment fuhr sie, scharf Luft einziehend, hoch, so weiß im Gesicht als hätte sie ein Gespenst gesehen, und trank auch noch etwas, was nach starkem Branntwein roch. Belzamir hatte die Hofdame noch nie zuvor auch nur einen Schluck anderen Alkohols als den feinen Wein des Königs zu sich nehmen sehen, und jetzt das... Er entschied sich, lieber nicht nach den Ursachen für ihr komisches Verhalten zu fragen, zumal schon wenige Augenblicke später der gewohnte ruhig-überhebliche Ausdruck auf Anôras Gesicht zurückgekehrt war. Trotzdem nahm der Heiler sich vor, irgendwann herauszufinden, was mit der sonst so kalten und ruhigen Rechten Hand von Sauron auf dieser Reise vorging.


Der folgende Morgen war überraschend klar und sonnig, und die ganze Landschaft in den rot-goldenen Tönen des Herbstes auf. Die Erde trocknete schnell, und bald ließ Anôra Farkhor neben den Pferden laufen. Der kleine Wolf rannte wild über das fast trockene Gras der Wiesen am Wegesrand und um die Pferde herum, ab und zu versuchend, irgendeinem Kleintier nachzujagen. Seine ausgelassenen Kapriolen und schnellen, aber noch fahrigen und etwas tapsigen Bewegungen brachten sie und Belzamir immer wieder zum Lachen, und als die Sonne endlich hoch auf den Himmel gestiegen und ihre Kleider vollends getrocknet hatte, waren beide in bester Laune. Der Heiler vergaß seine Unzufriedenheit und auch die Gereiztheit seiner Begleiterin schien verschwunden – so ritten sie den Tag über nebeneinander her, anstelle der üblichen Sticheleien Scherze und Geschichten austauschend. Gegen Abend ließ sich Anôra sogar dazu erweichen, in eines der Dörfer einzukehren; es gab so viele davon in dieser Gegend, dass die Gefahr, aufzufallen, sehr gering war.


Der Wirt des dortigen Gasthauses blickte die zwei Gestalten in verdreckten Kleidern zwar zunächst misstrauisch an, doch mehrere Goldmünzen überzeugten ihn schnell davon, dass diese Gäste besonders zuvorkommend zu behandeln waren, und er wies ihnen zwei seiner besten Räume zu, noch einen letzten schiefen Blick auf das große sich bewegende Bündel werfend, das die Frau in den Armen trug.
Erfrischt und umgezogen fanden sich die zwei Reisenden schließlich in der vollen Gaststube an einem kleinen Tisch in der Ecke bei einem einfachen Mahl überein, das ihnen allerdings nach der kargen Kost der letzten Woche besser mundete als die feinsten Speisen am Tisch des Königs.
"Ich muss zugeben, Eure Idee, einmal nicht im Freien zu übernachten, war doch nicht so schlecht," meinte Anôra zwischen zwei Bissen.
"Mmmpf?" Belzamir schaute sie mit vollem Mund selbstzufrieden an.
"Ja ja, dieses Mal behaltet Ihr recht," lachte sie fröhlich auf. "Es ist herrlich, wieder sauber zu sein und ordentliches Essen zu bekommen."
"Und wir sind noch an keinen Spion geraten. Was meint Ihr, sind wir bald da?"
"Kann ich so genau nicht sagen," zuckte Anôra mit den Schultern. "Ich denke schon, Grizmors Besitz muss irgendwo in dem Wald, den wir heute früh gesehen haben, sein... Es bestehen also gute Chancen, morgen oder übermorgen am Ziel zu sein."
"Zum Glück. Ich hoffe nur, er hat Ligéia nichts angetan." Sorge legte sich auf das Gesicht des Heilers.
"Das glaube ich kaum." Seine Begleiterin schüttelte den Kopf. "Würde er sie umbringen wollen, hätte er es schon wesentlich früher tun können. Er will sich ja an Euch rächen, und so ist das nicht getan. Eure Schwester ist nur ein Mittel zum Zweck. Grizmor braucht sie als Geisel, vielleicht will er so auf Euch oder auf Sauron einwirken, wer weiß. Jedenfalls wird er ihr kaum was tun, es wäre sinnlos."
"Ich hoffe, es ist so," seufzte Belzamir. "Möchtet Ihr noch Wein?"
"Bitte." Anôra schob ihm ihren Kelch hin und wartete, bis das Gefäß zur Hälfte mit der tiefroten Flüssigkeit gefüllt war.
"Hoffentlich kommen wir wirklich nicht zu spät...," schüttelte er den Kopf. Anôra sah ihn aufmerksam an. Seine Schwester schien ihm wohl sehr viel zu bedeuten... Und Grizmor hatte diese Schwäche erkannt.
"Keine Sorge, das sind wir nicht." Anôra legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. "Glaubt mir, Grizmor braucht sie zu sehr. Wir holen Eure kleine Schwester schon da raus," lächelte sie aufmunternd.
"Wahrscheinlich habt Ihr recht... Habt Ihr eigentlich keine Geschwister?"
"Nein." Das Lächeln der Hofdame blieb freundlich, doch ein kaltes Glimmen trat in ihre Augen. "Nein, ich habe keine."
"Das einzige Kind der Familie also?" fragte Belzamir weiter, ohne diesen Wechsel zu bemerken.
"Belzamir." Der eisige Ton ihrer Stimme und der harte Zug um ihren nun alles andere als lächelnden Mund ließen dem Heiler nur allzu deutlich werden, dass er einen Fehler gemacht hatte. "Es gibt Fragen, die man lieber nicht stellen sollte. Schon gar nicht der Rechten Hand von Sauron. Meine Vergangenheit geht niemanden etwas an, ist das klar?"
"Wie ihr meint... Aber Ihr braucht mich doch nicht gleich anzufahren!" Belzamirs anfängliche Verblüffung machte schnell seinem Ärger platz. "Wenn Ihr mit allen so redet, dann frage ich mich, wie Ihr es überhaupt geschafft habt, eine Hofdame zu werden, geschweige denn Saurons Rechte Hand!"
"Schreibt mir nicht vor, wie ich mit wem zu reden habe," zischte Anôra und fuhr in die Höhe. "Ihr seid nicht der Richtige dafür, mir Vorschriften zu machen!"
Sie wirbelte herum und verschwand in der Tür, die zu dem Teil des Hauses mit den Gästezimmern führte, den vor Wut blass gewordenen Heiler am Tisch zurücklassend.
Anôra eilte die Treppe hoch in ihr Zimmer und warf die Tür mit einer Wucht hinter sich zu, die die dünnen Wände des Raumes erzittern ließ. Sie stieß die Fensterläden auf, stützte sich mit den Armen am Rahmen ab und ließ ihren Oberkörper hinaushängen, tief die kalte Nachtluft einatmend.
"Verdammter Narr," fluchte sie nach einigen Momenten, stieß sich zurück ins Zimmer und schlug die Fensterläden wieder zu. Musste dieser Heiler sie ausgerechnet heute über ihre Familienverhältnisse ausfragen? Anôra vertrieb durch ein heftiges Kopfschütteln die aufkommenden Geräusche von knarrenden Holzrädern und ließ sich aufs Bett fallen. Sie wusste selbst nicht, was mit ihr plötzlich los war. Seit sie diesen auf der Straße schwimmenden Dreck gesehen hatte, kam sie nicht mehr von den Erinnerungen frei. Nein, nicht seit dem... Eigentlich seit Beginn ihrer Reise. Seit sie die Nacht in Xâdres´ Wirtshaus verbracht hatte. Er war es, der Erinnerungen in ihr wachgerufen hatte, an ihre Anfangszeiten im Palast des Königs und das, was davor passiert war. Anôra schüttelte noch einmal trotzig den Kopf und setzte sich auf. Es wurde Zeit mit diesen Kindereien aufzuhören und sich ihrer Aufgabe zu widmen. Schluss mit den falschen Geräuschen und fernen Erinnerungen.


Belzamir stieg langsam die Treppe zu seinem Schlafgemach hoch. Er hatte keine Lust mehr gehabt, in der verrauchten Gaststube mit den grölenden Trunkenbolden darin zu sitzen. Diese Leute waren mehr als verabscheuenswert, da war ihm sogar die nervenaufreibende Gesellschaft von Anôra lieber. Nun, damit hatte es zum Glück auch bis morgen Zeit. Der Heiler stolperte über ein schlecht befestigtes Brett im Boden des Flures und fluchte. Warum konnten hier keine Lampen angebracht werden? Stattdessen wurden die Gäste zum Herumtorkeln in fast völliger Dunkelheit verdammt! Er schaute sich nach einer Kerze oder ähnlichem um und erstarrte. In dem Dunkel des Korridors rechts von ihm zeichnete sich ein vollkommen schwarzer Fleck ab, der an eine menschliche Gestalt erinnerte. Doch im nächsten Moment war der Umriss ohne jeden Laut verschwunden. Er musste sich wohl getäuscht haben. Belzamir wandte sich wieder um, aber etwas ließ ihn erneut aufhorchen. Er hatte ein kaum wahrnehmbares Knarren aus derselben Richtung gehört, dessen war er sich nun ganz sicher. Vor allem, als ihm einfiel, dass sich nur ein einziger Raum in diesem Ende des Flures befand – der von Anôra. Auf Zehenspitzen ging er hin, in der Hoffnung, dieses mal nicht schon wieder auf ein loses Brett zu stoßen. Als er am Ende des Ganges ankam, wehte ihm ein kalter Luftzug ins Gesicht – die Tür stand also tatsächlich offen. Belzamir schlich sich heran und sah in das Gemach, doch was er erblickte, verschlug ihm vor Schreck den Atem.
Der volle Mond schien durch das Fenster und tauchte das Zimmer in ein kaltes silbriges Licht, das jedes Detail deutlich werden ließ. Anôra lag auf dem Rücken in ihrem Bett, die Augen geschlossen, ihr Brustkorb hob und senkte sich kaum merklich, den ebenfalls schlafende Farkhor zusammengerollt zu ihren Füßen. Neben dem Bett stand eine leicht geduckte Gestalt, anscheinend ein Mann, und das Mondlicht spielte auf der Klinge des Dolches in seinem hoch erhobenen Arm. Belzamir wollte schreien, auf ihn zurennen, irgendetwas tun, doch seine Zunge schien am Gaumen und er selbst am Boden fest gefroren. Im nächsten Augenblick war es schon zu spät zum Handeln; der Mann ließ die Waffe auf Anôras nur durch die dünne Decke geschützten Brustkorb heruntersausen. Belzamir sog scharf die Luft ein, aber der Dolch hielt auf unerklärliche Weise eine Handbreit vor seinem Ziel an, gefolgt von einem überraschten Keuchen des Mannes. Erst im nächsten Augenblick begriff der Heiler den Grund dafür – eine schmale Hand hielt das Handgelenk des Mörders mit eisernem Griff umfangen.
Plötzlich schlug Anôra die Augen auf und sah ihr Gegenüber mit vollkommen klarem, wachen Blick an.
"Überrascht?" fragte sie spöttisch. Ohne eine Antwort abzuwarten wrang sie sein Handgelenk herum, dass der Mann vor Schmerz aufschrie, riss ihn nach vorne und schlug ihm ihr Knie in den Magen. Der Schrei endete in einem erstickten Gurgeln, seine Finger öffneten sich und der Dolch fiel mit einem dumpfen Schlag auf den Boden hinter dem Bett. Anôra hob die Augen auf den immer noch wie versteinert in der Tür stehenden Belzamir.
"Vorsicht!" schrie sie unerwartet auf. Als hätte dieser Schrei ihn aus seiner Starre befreit sprang Belzamir zur Seite; und die Luft an der Stelle, an der er eben gestanden hatte, wurde mit einem Zischen von einer Klinge zerschnitten. Der Besitzer der Waffe torkelte, von der ins Leere gegangenen Kraft seines Schlages gezogen, nach vorne in den Raum hinein, fing sich aber schnell und blieb verblüfft stehen, anscheinend nicht wissend, was tun – seinem Freund helfen oder einen zweiten Angriff starten. Im gleichen Moment nutzte der Erste die kurze Unaufmerksamkeit Anôras, riss sich los und stürzte zum Dolch vor, doch ein harter Handkantenschlag beendete diesen Versuch, und der Mann brach mit willenlos hängendem Kopf über dem Bett zusammen. Sein Komplize schien begriffen zu haben, dass es hier nichts mehr für ihn zu holen gab, drehte sich um und rannte den Gang hinunter.
"Haltet ihn auf!" rief Anôra Belzamir zu, die Leiche von sich stoßend. Im nächsten Augenblick sprang sie – immer noch in Hemd und Hose des Abends gehüllt – aus dem Bett und schloss sich Belzamir an, der bereits aus dem Zimmer gelaufen war. An der Treppe hatte sie ihn überholt und flog förmlich die Stufen hinab, den polternden Schritten des Unbekannten nach draußen folgend. Als auch Belzamir auf die Straße hinausstürzte, stand sie schwer atmend neben der Tür und sah einem am Ende der Gasse verschwindendem Reiter nach.
"Wir haben ihn entkommen lassen," knirschte sie mit den Zähnen.
"Worauf wartet Ihr dann? Lasst uns ihn verfolgen!"
"Nein." Die Frau schüttelte den Kopf. "Unsere Pferde sind müde, und es wäre sowieso zu gefährlich, ihn jetzt zu verfolgen. Er kommt garantiert von Grizmor, und wir wissen nicht, ob noch mehr von denen da sind, oder ob es da, wo er hinreitet, einen Hinterhalt gibt. Vergesst nicht, dass der Mond bald untergeht – und dann wären wir in einer so unbekannten Umgebung allzu leichte Opfer. Lasst uns lieber wieder hineingehen. Wir folgen ihm sobald es hell wird."


Die Sonne schien sich dazu entschieden zu haben, Númenor für den verregneten Herbstanfang zu entlohnen, und leuchtete nun den zweiten Tag am wolkenlosen blassblauen Herbsthimmel. Unter ihrem goldenen Schein preschten zwei Reiter eine verlassene Straße ins Herz von Hyarnustar entlang, die mit ihren im frischen Morgenwind flatternden Umhängen zwei sehr niedrig fliegenden Krähen glichen.
Anôra hatte sich so weit nach vorne geneigt, dass sie schon beinahe auf dem Hals ihres Pferdes lag, die Augen starr auf die Hufabdrücke eines Pferdes gerichtet, die in der fast trockenen Erde kaum zu erkennen waren und immer wieder verschwanden, während der Heiler aufmerksam die Umgebung beobachtete, auf der Suche nach dem kleinsten Zeichen irgendeiner Gefahr. Aber außer dem Wald, dem sie immer näher kamen, und hier und da gestreuten kleinen Baumgrüppchen war in dem Flachland nichts zu erblicken. Sogar Farkhor schien den Ernst der Lage zu begreifen und lief still neben Anôra Pferd her.
"Anôra, schaut!" rief Belzamir plötzlich aus, nach links deutend. Seine Begleiterin hob ruckartig den Kopf, gerade schnell genug, um eine weit abseits der Straße zwischen den Bäumen verschwindende menschliche Gestalt zu erkennen.
"Ein Späher," riss sie ihr Pferd in diese Richtung herum. "Wir werden wohl erwartet. Umso besser, jetzt brauchen wir uns keine Gedanken mehr um ein unauffälliges Näherkommen zu machen."
Am Baumrand angekommen, sahen sie auch schon ihr Ziel; eine dunkle Masse zwischen den Bäumen vor ihnen, zu der ein enger Pfad führte.
"Wir lassen die Tiere hier," sagte Anôra absteigend. "Ich will nicht, dass sie von irgendeinem Pfeil erwischt werden, wir werden sie noch brauchen."
"Von irgendeinem Pfeil? Ihr meint, sie werden auf uns schießen?"
"Ich denke schon," zuckte sie mit den Schultern. "Aber das wird das kleinste Problem sein, glaubt mir."
Sie wandte sich ab, um ihr Pferd anzubinden und Farkhor einzuschärfen, an Ort und Stelle auf sie zu warten, ohne zu bemerken, wie der Heiler einen flachen kleinen Beutel aus der Satteltasche zog und unter seinem Umhang verstaute, bevor auch er sich um sein Tier kümmerte. Schließlich gingen die beiden los, vorsichtig nach allen Richtungen spähend. Bald kamen sie bei einer Lichtung an, in deren Mitte ein wettergegerbter turmartiger Bau mit einem merkwürdig abgeflachten Dach stand. Kein Zeichen des Lebens war zu sehen. Ohne lange zu warten schritt Anôra aus dem Schutz der Bäume hinaus – und sofort flog ein Pfeil aus dem obersten Fenster des Turmes, der sie nur knapp verfehlte und gegen einen Baumstamm prallte. Hastig sprang die Frau wieder zurück und holte, zu Belzamirs Überraschung, eine kleine Armbrust aus der Tasche unter ihrem Umhang hervor. Sie ließ den leeren Lederbeutel achtlos auf den Boden fallen, ging leicht in die Hocke und zielte auf das Fenster.
"Geht jetzt auf die Lichtung," flüsterte sie Belzamir zu. "Und wenn ich 'runter' sage, dann lasst euch sofort fallen. Ein zweites Mal wird der Bursche da oben nicht daneben schießen."
Belzamir wollte etwas erwidern, doch Anôra achtete nicht mehr auf ihn, angespannt das obere Fenster anvisierend. Er holte tief Luft und machte einen großen Schritt auf die Wiese hinaus.
"Runter!" schrie Anôra fast zeitgleich auf. Ohne zu überlegen fiel der Heiler mit dem Gesicht in das feuchte gelbliche Gras. Das Surren eines Pfeils über seinem Kopf bewies die Richtigkeit von Anôras Vermutung. Im selben Moment war das trockene Geräusch der vorschnellenden Armbrustsehne zu hören – und direkt danach ein Schrei aus dem Turm. Noch bevor er begriff, was geschieht, riss ihn ein Arm in die Höhe und stieß ihn vor.
"Los, lauft so schnell ihr könnt," zischte Anôra, ebenfalls in Richtung des Turmes losrennend. Erst als sie an der Tür angekommen waren hatte er endlich Zeit dafür, den Dreck aus seinem Gesicht zu wischen, während seine Begleiterin am Schloss herumnestelte. Nach einigen Augenblicken richtete sie sich wieder auf und zog ihr Schwert.
"Der Weg ist frei, wertester Heiler," grinste sie. "Haltet Euch jetzt direkt hinter mir, und achtet darauf, was in unserem Rücken vorgeht. Den Rest könnt ihr mir überlassen."
Belzamir nickte. Seit sie den Turm entdeckt hatten, hatte Anôra die Führung übernommen, und dieses Mal hatte er nicht vor, ihr zu widersprechen; sein Leben und das seiner Schwester hing nun vom reibungslosen Ablauf ab, und in dieser Situation konnte nur Anôra dafür sorgen. Vorsichtig drückte sie die Tür auf und verschwand, von Belzamir gefolgt, im dahinter liegendem Halbdunkel.


Sie landeten in einem kleinen runden Raum, einer Art Diele, dessen Wände mit leicht verrosteten Waffen geschmückt waren, in der Mitte hing ein kleiner Wandteppich mit dem Wappen von Grizmors Familie; schwarzer Falke auf weißem Hintergrund. Der einzige Ausgang war eine Wendeltreppe rechts von ihnen, der sie auch vorsichtig folgten.
Bald endete sie an einer halboffenen Tür, hinter der man ein reich möbliertes, menschenleeres Gemach erkennen konnte.
Ein kaum erkennbarer Schatten auf dem Boden bei der Tür strafte diesen jedoch Eindruck Lügen. Anôra bedeutete Belzamir, beiseite zu gehen, trat einen Schritt zurück, das Schwert wie eine Lanze vor sich haltend, und rammte die Klinge mit ihrer ganzen Körperkraft in das dunkle Holz der Tür. Ersticktes Gurgeln war ihr die Antwort, gefolgt von dem dumpfen Aufprall eines Körpers. Im nächsten Moment sprang hinter der kleinen Kommode an der Wand des Zimmers ein untersetzter Mann mit einer recht kurzen krummen Klinge in den Händen hervor, und stürzte mit hassverzerrtem Gesicht auf Anôra zu.
'Sie wird es nicht schaffen, das Schwert rechtzeitig aus der Tür hinauszuziehen, es steckt doch bis zur Hälfte im Holz' schoss es Belzamir durch den Kopf, und er griff hektisch nach dem Beutelchen unter seinem Umhang. Doch anstatt ihr Schwert zu befreien, hielt sich die Frau daran fest, stieß sich vom Boden ab und landete mit dem Füßen im Gesicht des heraneilenden Angreifers. Der Mann schlug hart mit dem Rücken auf dem Boden auf, während sie den Dolch ziehend auf seinen Brustkorb sprang und in einer blitzschnellen Bewegung seine Kehle durchtrennte.
Mit einem selbstzufriedenen Lächeln stand Anôra auf und kehrte zu Belzamir zurück.
"Wenn hier alle Verteidiger so sind, wie diese beiden, dann werden wir ein leichtes Spiel haben," meinte sie, das Schwertheft mit den Händen umfassend und kräftig daran ziehend. "Ich frage mich bloß..."
Die Tür am entgegengesetzten Ende des Raumes flog auf bevor sie zu Ende sprechen konnte. Ein Mann mit einem gespannten Bogen stand an der Schwelle, von dem sich im nächsten Augenblick ein Pfeil losriss. In Anôras Innerem wurde es kalt. Sie würde nicht mehr ausweichen können. Es war aus.
Und plötzlich passierte etwas, was sie am wenigsten erwartet hätte. Der Pfeil blieb nur eine Handbreit von ihrem wachsbleichem Gesicht entfernt in der Luft hängen, als wäre er gegen eine unsichtbare Barriere gestoßen. Der Mann an der Tür riss ungläubig die Augen auf, während der Pfeil leicht zu vibrieren begann und seine Spitze sich wie gegen deren Willen nach unten drehte. Als wäre in diesem Moment der den Pfeil haltende durchsichtige Faden gerissen sauste er mit der vorigen Geschwindigkeit hinunter und bohrte sich in den dicken Teppich auf dem Steinboden. Es immer noch nicht glauben könnend starrten sowohl der Angreifer als auch Anôra entgeistert auf den Pfeil, als mit einem Mal eine Ahnung durch den Kopf der Hofdame ging. Langsam wandte sie sich um und blickte in Belzamirs schweißüberströmtes Gesicht.
"Ihr...?" flüsterte sie atemlos. Der Heiler nickte nur und verzog sofort schmerzlich das Gesicht. Der Mann an der Tür schien in dieser Sekunde zu sich gekommen zu sein, drehte sich herum und stürmte die Treppe hinter sich hoch, in Panik seinen Bogen fallen lassend. Anôra blickte ihm nach, machte aber keine Bewegung. Der Schock saß zu tief.
"Ihr solltet... ihr solltet ihm besser nachlaufen," stieß Belzamir hervor, schwankte und lehnte sich an die Wand.
"Ja. Ja, das werde ich wohl tun. Und nachher," sie warf ihm einen scharfen Blick zu. "Nachher würde ich gerne mit Euch reden."
Sie zog das Schwert vollends aus der Tür und rannte dem Angreifer nach.
Belzamir wischte sich den Schweiß von der Stirn, und schloss die Augen in dem Versuch, den schneidenden Schmerz in seinem Kopf zu vertreiben. Über sich hörte er Poltern und einen gedämpften Schrei, dann war alles ruhig. Nun, zumindest Anôra schien keine Probleme mehr zu haben.
Nach einiger Zeit hörte er Schritte auf der Treppe. Im nächsten Augenblick flog die Tür von einem Fußtritt getroffen mit einem Knall auf, und Anôra stieß mit verächtlich verzogenem Mund den unglückseligen Bogenschützen auf den Boden des Raumes. Es war ein recht junger Mann mit etwas plumpen Gesichtszügen und fettigem braunen Haar. Ein Auge von ihm war dunkel angelaufen und verquollen, und er presste sich die Hand an die linke Schulter, zwischen deren Fingern Blut hervor sickerte.
"Der Rest des Turmes ist leer, abgesehen von der Leiche des Schützen, den ich vorhin getroffen habe," verkündete die Hofdame, ebenfalls den Raum betretend. "Grizmor muss sich mit Eurer Schwester aus dem Staub gemacht haben, sobald er gehört hatte, dass wir kommen."
"Aber wohin?" Belzamir sah sie verzweifelt an.
"Das will ich ja aus unserem Freund hier herauskriegen."
Die Frau ging auf den am Boden Liegenden zu, der sie hasserfüllt anfunkelte.
"Wo ist dein Herr?"
Der Mann schwieg. Anôra hob in gespielter Überraschung die Augenbrauen und gab ihm plötzlich einen harten Tritt in die Seite, der ihn aufstöhnen ließ.
"Wo ist dein Herr?" wiederholte sie die Frage.
Der Liegende schwieg noch immer, trotzig die Zähne zusammenbeißend.
"Du willst dich also ausschweigen?" Ein kaltes Lächeln erschien auf ihren Zügen. "Belzamir, könntet Ihr mir einen Gefallen tun und Feuer im Kamin machen? Ach ja, und schaut Euch doch bitte um, ob Ihr etwas Spitzes findet."


Der Heiler ging unruhig hin und her, sich gleichermaßen aus Ungeduld und Ekel wünschend, der Diener von Grizmor möge doch endlich reden. Im Zimmer hatte sich ein widerlicher Geruch von verbranntem Fleisch festgesetzt, und sein ständiges Geschrei raubte Belzamir den letzten Nerv. Er fragte sich, wie Anôra das alles aushielt, wo sie sich auch noch die ganze Zeit mit diesem Narren beschäftigte.
"Hör mal Junge, ich frage dich jetzt noch einmal wo dein Herr ist," sagte die Hofdame in diesem Moment hinter ihm, die anscheinend ebenfalls keine Geduld mehr hatte. "Wenn du schon wieder schweigst dann halte ich deinen Arm so lange ins Feuer bis er verkohlt, hast du das verstanden?"
Der Mann hob das fast bis zur Unkenntlichkeit verunstaltete Gesicht und blickte sie zitternd an, anscheinend war er sich seiner Überzeugungen nicht mehr sicher.
"Ich werde reden," krächzte er schließlich nach einigen Sekunden.
"Sehr schön." Anôra nickte und legte den dünnen, mit Kohle und Blut bedeckten Spieß weg, den Belzamir in der kleinen Küche über dem Raum gefunden hatte. "Also noch einmal, wo ist dein Herr hin?"
"Er ist zu der Straße, er wollte ihr eine Weile durch den Wald folgen. Er meinte, im Herzen des Waldes hätte er noch ein Haus, in dem Ihr ihn nicht finden würdet."
"Hat er eine junge Frau mitgenommen?"
"Ja." Der Gefangene nickte krampfhaft. "Eine gefesselte junge Frau und drei bewaffnete Wachen."
"Wie ging es der Frau?" Belzamir sah ihn angespannt an. "War sie verletzt?"
"Nein... nein, ich glaube nicht, sie war nur sehr blass."
"Das sagt ja nicht viel aus," schnaubte Anôra. "Nun gut, dann werden wir eben versuchen, sein unauffindbares Versteck doch zu finden. Wie lange, hast du gesagt, muss man der Straße folgen?"
"Etwa zur Mitte des Waldes. Wohin dann, weiß ich nicht."
Anôra nickte und wandte sich zum Heiler.
"Lasst uns keine Zeit mehr verlieren. Wer weiß, was dieser Irre mit Eurer Schwester vorhat."
"Und was ist mit ihm?" Belzamir deutete auf den Bogenschützen.
"Ach, stimmt ja..." Anôra schüttelte lächelnd den Kopf. "Ich werde wirklich vergesslich." Sie wirbelte herum und ließ ihr Schwert hinuntersausen.
"So war das eigentlich nicht gemeint..." meinte der Heiler, sich angewidert einen Blutspritzer aus dem Gesicht wischend.
"Man sollte keine Feinde im Rücken hinterlassen," zuckte Saurons Rechte Hand mit den Schultern. "Egal wie schwach sie scheinen. Und nun kommt. Farkhor wird uns bei der Suche helfen."
Im Gehen Schwert und Dolch mit einem Tischtuch säubernd verließ sie den Raum. Belzamir hielt kurz am immer noch im Teppich steckenden Pfeil an und ein stolzes Lächeln erschien auf seinen Zügen. Dann folgte er Anôra.


Wieder zu Pferd erreichten die beiden schnell über das Feld die vorher verlassene Straße und folgten ihr in den Wald hinein. Nachdem sie aber eine Zeitlang schweigend unter den mit goldenem Herbstlaub bedeckten Bäumen geritten waren, verfinsterte sich Anôras Gesicht immer mehr.
"Sie sind nicht zu Pferd gegangen," sagte sie schließlich missmutig.
"Ja, und was heißt das?"
"Dass sie keine Spuren hinterlassen haben, das heißt das."
"Aber habt Ihr nicht gesagt, dass Farkhor uns bei der Suche helfen kann?" Belzamir sah seine Begleiterin verständnislos an.
"Schon... "Anôra runzelte die Stirn. "Nur hat er das noch nie gemacht, deswegen habe ich auch gehofft, dass wir Spuren finden, denen wir ohne seine Hilfe folgen können. Doch wie es scheint, haben wir keine Wahl mehr."
Sie hielt ihr Tier an, stieg ab und bückte sich zu dem kleinen Wolf hinunter, zu Belzamirs Überraschung einen abgetragenen und mit Säureflecken übersähten Handschuh aus feinem Leder hinausziehend, den der Heiler öfter an Grizmors Hand gesehen hatte.
"Wo habt ihr den her?"
"Von Sauron. Ich habe Farkhor für den Fall mitgenommen, dass wir einer nicht mehr sichtbaren Spur folgen müssen, und da hat er mir den Handschuh gegeben. Grizmors Besitz war ja direkt beschlagnahmt worden. Hier mein Kleiner," hielt sie den Handschuh dem Wolfswelpen unter die Nase. Der schreckte erst vor dem unbekannten Geruch zurück, kam dann aber neugierig näher und beschnupperte den Handschuh vorsichtig.
"Gut so," meinte Anôra nach einiger Zeit und erhob sich. "Und jetzt such. Such!"
Der junge Wolf hielt sofort seine kleine Nase an die Erde und schnupperte eifrig. Doch die anfängliche Freude der zwei Menschen verhallte schnell, als Farkhor einen Kreis machte, und dann an seiner Herrin in dem Versuch hochsprang, den Handschuh zu fassen.
"Nein, nein." Sie schüttelte lachend den Kopf. "Nicht den Handschuh sollst du suchen. Such den, der genau so riecht."
Der Welpe setzte sich statt dessen mit aufgestellten Ohren vor ihr auf die Erde und blickte sie verständnislos an. Anôra seufzte und hielt ihm noch einmal den Handschuh hin. Dann drückte sie den kleinen Kopf sanft zu der Erde hin.
"Such!" wiederholte sie den Befehl. Farkhor blieb unschlüssig stehen, und fing dann an, ohne jegliches Ziel hier und da den Boden zu beschnuppern.
"Er kann es nicht," sagte Belzamir ärgerlich. "Wir verschwenden nur kostbare Zeit."
"Habt Ihr einen besseren Vorschlag?" Anôra funkelte ihn wütend an.
"Ja, Grizmor auf eigene Faust zu suchen!"
"Und wie? Sollen wir den ganzen Wald durchkämmen?"
"Wir könnten es wenigstens versuchen! Der Diener hat uns ja gesagt, dass es irgendwo im Herzen des Waldes liegt."
"Oh ja, eine sehr genaue Angabe!" verzog die Hofdame spöttisch den Mund. In der nächsten Sekunde jedoch weiteten sich ihre Augen vor Schreck und Überraschung.
"Farkhor!" schrie sie auf. Der kleine Wolf raste die Straße in den Wald hinein, die Nase dicht an der Erde.
"Er hat die Spur!" Belzamir sprang vor Begeisterung in seinem Sattel hoch.
"Das sehe ich auch! Los, hinterher!"
Anôra sprang in den Sattel und gab ihrem Pferd die Sporen. Einen Augenblick später galoppierten die zwei Pferde mit den aufgeregten Reitern auf ihren Rücken dem kleinen schwarzen Punkt hinterher, der mit einer beachtlichen Geschwindigkeit die Straße entlanglief.
Nach einiger Zeit hielt Farkhor am Wegrand und blickte abwartend auf seine Herrin zurück. Ohne dieses Zeichen lange deuten zu müssen, sprangen Belzamir und Anôra ab, banden ihre Pferde so schnell es ging an einem Baum an und folgten dem kleinen Tier in das Dickicht hinein. Bald landeten sie auf einem schmalen Pfad, der sich trickreich hinter den Büschen verbarg und nicht zu sehen war, bis man auf ihn hinaus stolperte.
"Ich glaube, wir dürften bald ankommen," bemerkte Anôra. Belzamir nickte nur angespannt. Sein Gesicht war auffällig blass geworden, und das gleiche fiebrige Licht hatte sich in seinen Augen festgesetzt, das Anôra schon vor einer Woche gesehen hatte, in der schicksalhaften Nacht, als Ligéia entführt wurde. Aber sie hatte sich geirrt. Sie liefen noch eine geraume Weile durch den Wald, bis endlich eine dunkle Masse hinter den Bäumen auszumachen war. Als sie näher kamen, konnte man ein altes Holzhaus auf einer winzigen Lichtung erkennen, die anscheinend vor Urzeiten eigens dafür gemacht worden war, um das Haus zu beherbergen.
"Warte," wandte sich die Hofdame an den kleinen Wolf. Der sah sie unsicher an, nicht in der Lage zu verstehen, warum er so kurz vor dem Ziel warten musste, gehorchte aber und setzte sich hin, aufmerksam die zwei Menschen betrachtend, die sich vorsichtig der Lichtung näherten.
In dem großen, in ihre Richtung hinausgehendem Fenster konnte man ein geräumiges Zimmer erkennen, mit einem Tisch, über den sich ein hoch gewachsener Mann gebeugt hatte.
"Grizmor," knurrte Belzamir und ballte die Fäuste.
"Das wird er wohl sein," nickte Anôra ruhig. "Was mich viel mehr interessiert, wo ist Eure Schwester?"
Bevor Belzamir ihr eine Antwort geben konnte, kam plötzlich ein gedämpfter hoher Schrei aus dem hinteren Teil des Hauses.
"Lig..." entfuhr es Belzamir, aber eine an seinen Mund gepresste Hand hielt ihn davon ab, noch lauter zu werden.
"Macht doch nicht solchen Krach," zischte Anôra. "Uns bleibt wohl keine Zeit mehr für strategische Überlegungen. Geht hinein und versucht irgendwie, Grizmor zu überwältigen oder wenigstens abzulenken. Und ich sehe nach Eurer Schwester."
Sie drehte sich um und verschwand in den Büschen mit dem Ziel, sich dem Haus von hinten zu nähern. Belzamir sah ihr kurz nach. Dann richtete er den Blick auf den Mann hinter dem Fenster und seine Augen verengten sich zornig.


Anôra riss sich von einem hartnäckigen Brombeerenbusch los und trat vorsichtig auf die Lichtung hinter dem Haus. Hier waren keine Fenster zu erkennen, dafür eine kleine Tür. Ein in diesem Moment erschallender zweiter Schrei, beantwortet von einer Männerstimme, die etwas zornig brüllte, überzeugte sie davon, dass sie keine Zeit mehr für ein lautloses Öffnen hatte. Entschlossen zog sie ihr Schwert aus der Scheide, nahm Anlauf, sprang und prallte mit der Schulter in die Tür. Mit einem Krachen des zerstörten Schlosses flog diese auf und Anôra landete in einem kleinen, von Zwielicht erfülltem Vorraum, an deren Ende eine zweite Tür ins Innere des Hauses führte. Hinter dieser fand in diesem Augenblick gerade ein lautes Gespräch statt, der die Wachen anscheinend daran gehindert hatte, ihr Hereinkommen zu hören.
"Jetzt binde ihr doch endlich den Mund zu, ich kann dieses Gekreische nicht mehr hören!" sagte gerade eine aufgebrachte Männerstimme.
"Aber pass auf, dass du sie nicht erstickst. Und schneide vorsichtig. Lord Grizmor hat gesagt, wir sollen sie vorerst trotzdem am Leben lassen," meinte eine andere.
"Ach, hat er das?"
Die drei Männer rissen ihre Köpfe herum und blickten verdutzt die schmächtige rothaarige Frau mit einem Schwert in der Hand an, die spöttisch lächelnd in der Tür stand. Doch mit einem Mal verschwand das Lächeln von Anôras Gesicht, als sie sah, was gerade geschehen sollte. Zwei der Männer hielten eine zierliche dunkelhaarige Frau mit verbundenem Mund an den Armen fest während der dritte sich dazu anschickte, mit einem Dolch ihre Röcke aufzuschlitzen.
Pochende Hitze schoss ihr in den Kopf. Kurz sah sie ein anderes Gesicht, umgeben von dunklen Haaren, mit riesigen leeren Augen und blassen Lippen. Rálien... Ein dunkelroter Vorhang stieg vor Anôras Augen auf, der die ganze Welt in Blut zu tauchen schien. Sie würde niemanden von diesen Tieren am Leben lassen. Nie mehr.
Anôra wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war oder was genau geschah. Sie sprang, wirbelte durch den Raum, trat, stach zu, immer wieder, bis sich kein Leben mehr regte und das Blut vor ihren Augen real geworden war. Erst in der nun eingetretenen Stille kehrte sie langsam wieder in die Wirklichkeit zurück. Zwei Leichen lagen auf dem Boden. Ligéia. Wo war Ligéia und der dritte Soldat? Anôra sah sich hektisch im Zimmer um. In der Wand links von ihr war eine Treppe, die anscheinend in den Keller führte. Sie rannte, Stufen überspringend, nach unten, von wo leise, unterdrückte Laute zu hören waren.
Die Treppe machte eine scharfe Kurve und sie stolperte unerwartet in einen halbdunklen Kellerraum mit niedriger Steindecke. An den Wänden hingen Kräuter und getrocknetes Fleisch, und ein leicht modriger Geruch stand in der Luft. Doch das alles nahm Anôra nur am Rande wahr, ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Mann an der gegenüberliegenden Wand gerichtet, der mit einem Arm die wachsbleiche Ligéia an sich presste, und mit der freien Hand einen Dolch an deren Hals hielt.
"Komm nicht näher!" schrie er, sobald er Anôra erblickte. Die Hofdame blieb wie angewurzelt stehen. Die rasende Wut von vorhin war verschwunden, statt dessen hatte eine ruhige Kälte ihr Inneres ausgefüllt. Abschätzend sah sie den Mann an. Auf den ersten Blick schien er kräftig und selbstsicher, aber seine Hand zitterte leicht, und in seiner Stimme waren hysterische Noten zu hören gewesen. Umso besser, mit einem nervösen Gegner würde sie ein leichteres Spiel haben. Doch andererseits... Anôra runzelte die Stirn. Wer weiß, ob dieser Kerl vor lauter Panik nicht ohne jeglichen Grund Ligéia verletzen würde. Sie musste schnell handeln.
"Bewege dich nicht!" Nachdem er gesehen hatte, dass seine Gegnerin dem ersten Befehl gefolgt war, schien der Soldat etwas sicherer zu werden. "Lass dein Schwert fallen, drehe dich langsam um und lege dich mit dem Gesicht auf den Boden. Los!"
"Wie du willst," nickte Anôra bedächtig, legte ihre Waffe nieder und drehte sich wie befohlen mit dem Rücken zu dem Mann, gleichzeitig alle Muskeln anspannend. Jetzt durfte nichts schiefgehen.
"Lege dich auf den Boden!"
Sie begann, dem Befehl Folge leistend, sich vorsichtig zu bücken, und ließ ihre Hand dabei langsam zu dem Heft ihres Dolches gleiten. Es war soweit. Anôra hielt kurz inne und holte tief Luft, mit den Fingern das kühle Eisen berührend.
"Schneller!" herrschte der Soldat sie an.
"Wie du willst!" Urplötzlich wirbelte die Frau herum und schleuderte den Dolch. Ligéia zuckte zusammen, als die Klinge sich nicht weit von ihrem Gesicht entfernt in die Stirn des Mannes bohrte. Er starrte seine Mörderin kurz mit ungläubigen Augen an und fiel langsam nach vorne, die vor Schock erstarrte Ligéia unter sich begrabend. Im gleichen Moment riss sich Anôra los, erreichte die Zwei in einigen schnellen Schritten und zerrte die zitternde junge Frau unter der Leiche hervor. Vorsichtig setzte sich die Hofdame zu ihr auf den Boden und nahm ihr die Binde um den Mund herunter.
"Alles in Ordnung?" fragte sie leise.
Ligéia nickte krampfhaft, ihre Fingernägel in Anôras Arm bohrend, und schluchzte plötzlich auf. Anôra presste die Lippen zusammen und drückte die von heftigen Weinkrämpfen geschüttelte Frau sanft an sich. Schweigend ließ sie Ligéia ihre Tränen der verlebten Angst und Unsicherheit vergießen. Worte wären hier überflüssig.
Nach geraumer Weile hatte Belzamirs Schwester sich so weit beruhigt, um sich auf Anôra stützend aufzustehen und das Haus zu verlassen. Die zwei Frauen umrundeten seine Wände auf der Lichtung. Als sie zum Haupteingang kamen flog die Tür plötzlich auf und Belzamir torkelte mit einem schweißüberströmten Gesicht heraus, gefolgt vor Farkhor, der mit hoch erhobener Schnauze stolz einen blutigen Stofffetzen in den Zähnen trug. Ein Blick auf das Gesicht des Heilers genügte Anôra um zu wissen, dass es mit Grizmor aus war. Was sie allerdings beschäftigte, war die Frage, was der kleine Wolf hier machte, der sich bei ihrem Anblick still hinsetzte und seine Herrin ernst anblickte. Indessen wandte sich Belzamir endlich ebenfalls in ihre Richtung. Seine Augen öffneten sich weit vor Erleichterung, als er seine Schwester kraftlos und blass, doch lebendig im Arm von Saurons Rechter Hand hängen sah.


Das leise Knistern des Feuers war das einzige, was in der Stille der Nacht zu hören war. Anôra saß schweigend daneben und starrte wie gewohnt in die Flammen, als Belzamir leise von seinem Zelt zurückkam und sich neben ihr niederließ.
"Schläft sie?" fragte sie, ohne den Kopf zu heben.
"Ja. Ich habe sie beruhigt, so gut es ging. Sie dürfte die Nacht jetzt durchschlafen."
"Gut." Endlich blickte die Hofdame ihn an. Ihr Blick hatte etwas seltsam Müdes und Ausgelaugtes, als wäre alles Feuer in ihr an diesem Tag verbraucht worden. "Ihr solltet euch vielleicht auch hinlegen. Gerade frisch seht Ihr nicht aus."
"Na Ihr auch nicht," gab Belzamir zurück. "Warum sitzt Ihr denn noch hier?"
"Ich kann nicht anders," schüttelte Anôra den Kopf. "Ich bin zu müde zum schlafen."
"Wie ihr meint." Der Heiler zuckte mit den Schultern. "Ihr habt übrigens gute Arbeit geleistet bei der Erziehung von Farkhor. Ohne ihn hätte ich es nicht geschafft."
"Was hat er eigentlich gemacht?" Leichtes Interesse flackerte in den grünen Augen auf.
"Im entscheidenden Moment reingestürmt und Grizmor ins Bein gebissen," grinste Belzamir. "Diese Sekunde hat mir gereicht."
"Ja, ich glaube er versteht seine Aufgabe ganz gut," musste nun auch Anôra lächeln. "Aber ihr erinnert mich an etwas. Ihr habt mir heute das Leben gerettet." Ihre Stimme wurde unvermutet ernst und aufrichtig. "Ich danke Euch."
Der Heiler blickte sie kurz überrascht an, dann nickte er.
"Ihr habt vor einer Woche das meine bewahrt, und heute das meiner Schwester. Ich denke, der Dank ist wechselseitig."
Sie lächelte leicht und drückte die ihr hingestreckte Hand.
"Doch ich hätte noch eine Bitte an Euch," fuhr der Heiler fort. Anôra sah ihn fragend an. "Wenn wir zurück in Armenelos sind... Erwähnt den Zwischenfall mit dem Pfeil bitte nicht vor dem Berater des Königs. Ich dürfte so etwas eigentlich noch gar nicht können, geschweige denn die Kräuter dafür haben."
"Ich verstehe," lachte die Hofdame hell auf. "Euer Geheimnis ist gut bei mir verwahrt, seid unbesorgt. Und nun geht und ruht euch aus. Ich bleibe wohl noch eine Weile hier draußen."
Belzamir nickte erneut und erhob sich. Als er bei dem Zelt angelangt war drehte er sich um und blickte noch einmal Anôra an. Sie saß immer noch unbeweglich da und starrte ins Feuer. Als würde sie so die verlorene Energie wieder zurückholen wollen.
(Polina)