Allgemein
Homepage | Aktuell | faq | Tolkiens Romane | Jacksons Verfilmung | Bilder | Musik | Spaß in Mittelerde | Links | Gedichte | Geschichten | Suchen in der website | Chat | Forum |
Gästebuch

Der Roman „Angmar“
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel

Der Untergang Númenors
Spielregeln | Romanvorgabe | Die Autoren | Eigennamen | Entwürfe (zeitlich) | Entwürfe (nach Personen) | Stand des Romans | Zeittafel




Verhaftet

Die Nacht war wolkenverhangen. Eine dicke Suppe aus schwarzen Gewitterwolken, die sich langsam und träge über den Himmel schob. Noch regnete es nicht, aber es konnte nicht mehr lange dauern. Die Bäume im Garten bogen sich schon unter einem kalten böigen Wind. Anariel seufzte und schloss das Fenster. Die Kerze auf dem Tisch flackerte gefährlich und wäre um ein Haar ausgegangen.
Das Wetter zeigte den Númenórern sein hässlichstes Gesicht. Seit Ar-Pharazôn vor fast drei Jahren den Befehl zur Großen Rüstung gegeben hatte, war es bergab gegangen. Nicht nur das Wetter schien sich gegen die Insel gewandt zu haben, sondern auch sämtliche anderen Naturgewalten. Harte Winter und trockene, heiße Sommer hatten Hungersnöte und unvorstellbare Armut unter dem einfachen Volk zur Folge. Die See wurde für die Schifffahrt immer unsicherer und selbst die Getreuen, die sich unter dem Schutz der Valar befanden, wagten sich nur noch selten weit hinaus. Selbst Amandil Fürst von Andúnie, der sich vor zwei Jahren auf den Weg in den Westen gemacht hatte, war nicht zurückgekehrt. Anariels Blick glitt zu der silbernen Harfe, die unter einem blauen Seidentuch auf ihrem Bett lag. Es war das Geschenk ihrer elbischen Lehrmeister, die sie an Gil-galads Hof kennen gelernt hatte und die sie vieles über die Elben und ihre Geschichte gelehrt hatten. Sie verbrachte viel Zeit damit, auf dem herrlichen Instrument zu spielen und alte elbische Lieder zu singen. Eines Tages würde sie vielleicht nach Mittelerde zurückkehren und dann würden Gwindor und Angrod stolz auf sie sein.
An der Tür klopfte es leise.
„Herein?!“
Alatarion streckte den Kopf durch die Tür. „Es wird Zeit!“
Anariel nickte mit dem Kopf. „Ich komme.“
Sie warf sich ihren Umhang um die Schultern und folgte ihrem Bruder hinaus auf die Straße.
Der Weg hinauf zum Königspalast war von mehr als tausend Fackeln erhellt. Rechts und links der breiten gepflasterten Straße stand das Volk dicht gedrängt und wartete. Sie wussten beide worauf und beeilten sich, dem grausamen Schauspiel auszuweichen.
„Wo ist Vater?“, fragte sie leise.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht trifft er sich mit Elendil.“
Eine Weile folgten sie der Hauptstraße, die zum Palast hinaufführte. Schaudernd sah Anariel zu dem Schwarzen Tempel auf, der den Königspalast düster und Unheil verkündend überragte. Kein Licht schien ihn erleuchten zu können. Wie eine schwarze Spinne in einer Ecke ihres Netzes, wartete er geduldig auf sein nächstes Opfer.
Mit einer Gänsehaut drehte sie dem verfluchten Gebäude den Rücken und verschwand hinter ihrem Bruder in einer kleinen dunklen Gasse.


Anárion stand an der Tür und ließ sie ein. Es war ein kleines unscheinbares Haus, das sie sich diesmal als Treffpunkt ausgesucht hatten. Er begrüßte sie ungeduldig: „Gut, dass ihr endlich da seid. Mein Bruder hat wichtige Neuigkeiten.“
Etwas verwirrt über Anárions Nervosität traten sie ein. Durch einen langen dunklen Gang gelangten sie in den Versammlungsraum. Mehrere Kerzen brannten und gaben genug Licht, um alle Anwesenden deutlich zu erkennen. Isildur ließ ein Stück Pergament durchgehen, auf dem sich jeder mit seinem Pseudonym eintrug, dann sprach er die elbischen Begrüßungsworte, wie er sie an Gil-galads Hof gehört und bei ihren Versammlungen eingeführt hatte. Er wurde unsanft unterbrochen, als die Tür aufgerissen wurde und ein junger Mann in der Tür erschien. Alatarions Gesicht verdüsterte sich sofort bei seinem Anblick, aber Anariel lächelte ihm freundlich zu. Mir einer leisen Entschuldigung setzte er sich, Anariel direkt gegenüber. Sie konnte sehen, dass er gerannt war. Sein Atem ging schnell, wenn auch leise und auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen. Behutsam, um Isildur nicht noch einmal zu stören nahm er das Pergament und trug sich ein. Anariel beobachtete ihn dabei verstohlen. „Tuor“ schrieb er in seiner zierlichen Schrift auf die Liste und legte sie dann wieder weg, um auf die gesprochenen Worte zu achten. Anariel lächelte. Genauso hatte sie sich am Anfang benommen. Inzwischen war ihr die Einführung Isildurs so vertraut, dass sie sie bestimmt im Schlaf aufsagen konnte. Tuor war erst seit drei Wochen dabei und für ihn musste die ganze Angelegenheit noch sehr fremd sein. Er selbst hatte Anariel gesagt, dass er vorher noch nie bei einer Versammlung der Getreuen gewesen war. Vor allem mit der elbischen Sprache hatte er seine Probleme. Anariel, die Sindarin wie ihre Muttersprache beherrschte, konnte sich das kaum noch vorstellen und hatte Tuor sogar schon angeboten, ihn zu unterrichten. Bis jetzt war allerdings noch keine Gelegenheit gewesen, darauf zurückzukommen. Vor allem das Misstrauen, das Alatarion Tuor entgegenbrachte verhinderte längere Gespräche. Anariel hatte sich schon oft über die unhöfliche und kindische Art ihres Bruders geärgert, aber er ließ nicht mir sich reden. Anariel hatte es aufgegeben, ihn überreden zu wollen, sie beachtete ihn einfach nicht mehr, wenn er schlecht über Tuor sprach.
Isildur hatte die Begrüßungsrede beendet und Anárion stand auf. Alle warteten gespannt, über was sie heute sprechen würden.
Ihre Versammlungen beschränkten sich schon lange nicht mehr nur auf die Bewahrung der elbischen Sprache und deren Wissen, sondern es wurden auch politische Themen erörtert. Elendil selbst führte die großen Versammlungen der Getreuen, während seine Söhne diese kleine organisierten und dafür sorgten, dass auch Anariel teilnehmen konnte, denn Frauen waren nur sehr selten dabei und geduldet.
„Ich habe leider sehr schlechte Nachrichten für euch Freunde“, begann Anárion.
„Ich habe von meinem Vater Dinge erfahren, die uns in große Gefahr bringen können, wenn wir nicht sehr vorsichtig sind.“
Tuor lachte leise.
„Vorsichtiger als ohnehin schon? Das ist fast unmöglich.“
Die anderen lachten mit, nur Isildur und sein Bruder blieben ernst.
„Leider ist die Angelegenheit kein Spaß, sondern bitterer Ernst. Hört mir zu!“
Isildur begann zu erzählen und während er redete wurden die Gesichter der anderen immer blasser.
Anariel sah zu Tuor, aber der zeigte keinerlei Reaktion auf die erschreckenden Nachrichten, sein Gesicht nahm nur einen sehr nachdenklichen Ausdruck an.


Schweigend gingen Anariel und Alatarion nebeneinander her. Die eben erfahrenen Neuigkeiten hatten beide sehr erschreckt. Leise fragte sie ihren Bruder: „Was hältst du von dieser Sache? Glaubst du ein Spion könnte uns gefährlich werden?“
Alatarion zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube nicht, das wir etwas zu befürchten haben. Isildur und Anárion haben ihrem Vater nichts von der Existenz unseres Kreises erzählt und auch die übrigen halten ihn geheim. Dieser Spion, wenn es ihn denn gibt, kann nichts über uns wissen.“
Anariel runzelte zweifelnd die Stirn. Wenn es jemandem gelungen war, die strengsten Vorsichtsmaßnahmen Elendils zu umgehen, würde es ihm auch nicht schwer fallen, die restlichen Getreuenversammlungen, die es noch gab, ausfindig zu machen.
Nach einem einstündigen Fußmarsch erreichten sie ihr Zuhause. Schon von weitem sahen sie die Fackeln, die die ganze Straße erhellten. Einige Nachbarn standen vor ihren Häusern und gafften neugierig auf die Soldaten, die vor Narmacils Villa Stellung bezogen hatten. Anariel hielt ihren Bruder zurück.
„Ich glaube, es ist besser, wenn wir da jetzt nicht hingehen.“
„Und was ist mit Vater? Wir können doch nicht einfach zulassen, dass er vor unsern Augen verhaftet wird.“
Er wollte sich losreißen, aber Anariel hielt ihn fest und erwiderte scharf: „Sei doch vernünftig, verdammt! Es hilft Vater nicht, wenn wir uns auch noch erwischen lassen.“
Endlich gab er nach. Sie drückten sich in einen dunklen Hauseingang und warteten ab. Nicht lange und es kam Bewegung in die Soldaten. Aus der Villa trat eine kleine schlanke Gestalt, flankiert von zwei Soldaten, dahinter folgte Narmacil. Anariel sog scharf die Luft ein. Sie hatte den jungen Mann erkannt, der jetzt den Soldaten befahl, ihren Vater abzuführen.
„Das ist Tuor!“
„Was?“
Alatarion schob sie zur Seite, um besser sehen zu können.
„Du hast recht“, zischte er außer sich.
„Oh dieser Verräter, ich habe ihm von Anfang an nicht getraut.“
Er bebte vor Zorn. Anariel war den Tränen nahe.
„Das kann doch nicht sein. Woher weiß er, wer wir sind?“, wimmerte sie.
Alatarion war außer sich vor Wut.
„Wahrscheinlich ist er uns nach den letzten Treffen gefolgt, wir waren zu unvorsichtig. Wenn Vater etwas geschieht, dann töte ich Tuor.“
Hilflos mussten sie mit ansehen, wie die Soldaten mit Tuor an ihrer Spitze Narmacil in ihre Mitte nahmen und Richtung Palast davon marschierten.
Ratlos sahen sie sich an. Was war jetzt zu tun? Anariel schlug vor, wieder zu Isildur und Anárion zu gehen und sie um Hilfe zu bitten, aber Alatarion schüttelte den Kopf.
„Das wäre nicht besonders ratsam. Wir sollten die anderen nicht auch noch in Gefahr bringen. Wer weiß, ob Tuor es nur auf unseren Vater abgesehen hat. Warten wir lieber bis morgen und benachrichtigen sie dann.“
Anariel zitterte. Die Nacht war kalt und es wehte ein unfreundlicher Wind. In hilfloser Wut ballte sie ihre Hände zu Fäusten. „Und was sollen wir dann deiner Meinung nach jetzt tun? Hier bleiben und warten, bis uns dieser Mistkerl auch noch verhaftet?“
Alatarion sah seine Schwester finster an. „Natürlich nicht. Ich halte es für das beste, wenn du die Stadt für eine Weile verlässt. Ich kümmere mich inzwischen um die Befreiung Vaters.“
„Bist du wahnsinnig? Ich lasse dich doch nicht allein und Vater schon gar nicht. Wenn du bleibst, dann ich auch.“
Alatarion seufzte. „Und da behauptest du immer, ich hätte einen Dickkopf“, murmelte er, sagte dann aber ruhig: „Ich meine es ernst Anariel. Ich zweifle nicht an deinem Mut, aber für eine Befreiungsaktion bist du nicht geeignet. Du würdest dich nur unnötig in Gefahr bringen und damit ist keinem geholfen.“
Anariel sah schweren Herzens ein, dass er recht hatte. Niedergeschlagen fragte sie: „Und wo soll ich hin? Nach Andustar an die Küste zu unserem Landhaus? Falls wir auch in Gefahr sind, suchen sie uns dort am ehesten.“
„Ich weiß und ich dachte auch eher an das kleine Haus unserer Großmutter in Hyarrostar. Seit ihrem Tod steht es leer und ich glaube nicht, dass noch jemand außer uns von seiner Existenz weiß.“
Anariel zuckte ergeben mit den Schultern. „Also gut, wie du willst. Beeilen wir uns, damit ich noch vor Sonnenaufgang die Stadt verlassen kann.“
Vorsichtig nach Soldaten Ausschau haltend schlichen sie in die Villa und bereiteten alles für Anariels Abreise vor. Noch vor Sonnenaufgang saß Anariel auf ihrem Pferd Alagos und ritt in Richtung Süden nach Hyarrostar.
Während ihres mehrtägigen Rittes dachte Anariel viel über Tuor nach. Sie konnte sich immer noch nicht ganz vorstellen, wie er es angestellt hatte, ihre Identität aufzudecken. Erst als sie länger darüber nachdachte, fielen ihr ein paar Details auf, die sie vorher nicht beachtet hatte. Tuor war noch relativ neu in ihrem Kreis. Erst vor ein paar Wochen hatte ihn einer der Getreuen, Beren, mitgebracht und eingeführt. Sie hatten sich immer darauf geeinigt, die wahre Identität jedes einzelnen nicht anzusprechen, auch wenn man sich persönlich kannte, wie es bei Anárion und Isildur der Fall war.
Sie hatten nie eine Ausnahme gemacht und deshalb fiel Anariel plötzlich wieder ein, dass Tuor der erste gewesen war, der sie nach ihrem richtigen Namen und ihrer Familie gefragt hatte. Natürlich war sie nicht auf die Frage eingegangen, aber sie hatte sich auch nicht weiter darum gekümmert. Tuor war neu und kannte ihre Regeln noch nicht. Sie hätte sich ohrfeigen können. Ihr Bruder hatte Tuor nie getraut und sie? Sie war geschmeichelt gewesen, dass der junge Mann Interesse an ihr zeigte und konnte nicht einmal jetzt leugnen, dass auch ihr der Umgang mit Tuor gefallen hatte. Wie war es möglich, dass man sich so in einem Menschen täuschen konnte?
Als Anariel ihr Ziel fast erreicht hatte, schlug von einem Tag auf den nächsten das Wetter um. Der Winter stand vor der Tür und machte sich deutlich bemerkbar. Die Nächte wurden immer kühler und morgens lag eine dünne Schicht Raureif über dem Land. Das alles gab diesem Teil Númenors einen schrecklich einsamen Charakter und mehr als einmal wünschte sich Anariel zurück nach Armenelos zu ihrem Bruder.


Isildur war außer sich.
„Was hast du getan?“, fragte er Alatarion ungläubig. Der blieb angesichts dieses Ausbruches erstaunlich ruhig.
„Ich habe Anariel an einen sicheren Ort geschickt. Hier könnte sie ohnehin nichts ausrichten und es erschien mir besser, sie aus allem herauszuhalten.“
Isildur atmete tief durch und versuchte, seinen Zorn zu unterdrücken.
„Aber warum habt ihr euch denn nicht an uns gewandt. Wir hätten euch doch geholfen.“
„Wir wollten euch eben nicht in Gefahr bringen“, antwortete Alatarion trotzig. Langsam begann auch er die Geduld zu verlieren. Gereizt sagte er: „Und überhaupt. Das geht dich doch gar nichts an. Wenn du mir nicht helfen willst, dann sag es gleich.“
Isildur sah seinen Freund lange an und bereute sein unbeherrschtes Verhalten. Entschuldigend sagte er: „Verzeih mir Alatarion. Natürlich helfen wir dir. Mein Vater wird alles in seiner Macht stehende tun, um euren Vater aus dem Gefängnis zu holen.“


Hustend und würgend stürzte Anariel wieder aus dem kleinen Steinhaus ihrer Großmutter. Eine gewaltige Staubwolke folgte ihr und färbte die unmittelbare Umgebung braun und grau.
Als sie die Tür geöffnet hatte und eintreten wollte, war sie im Dunklen gegen einen Balken gestoßen und der hatte den Jahrzehnte alten Staub aufgewirbelt und ihr für einige Schrecksekunden den Atem genommen.
Immer noch niesend klopfte Anariel sich den Schmutz von der Kleidung und wagte einen erneuten Vorstoß. Diesmal war sie allerdings so schlau, vorher eine kleine Fackel anzuzünden. Vorsichtig betrat sie den niedrigen Raum noch einmal und achtete darauf, nicht wieder ein Möbelstück oder ähnliches umzustoßen. Was sie sah, nahm ihr fast den Mut und sie war nahe daran, auf der Stelle kehrt zu machen und nach Armenelos zurück zu reiten.
Überall in den Ecken und an den zwei Mittelbalken hingen Staub und Spinnweben. Das Glas der Fenster war so blind, dass kein Licht in den Raum dringen konnte. Die hölzerne Einrichtung war entweder schon verrottet oder gerade dabei. Es roch nach Moos und feuchtem Gras. Das einzige, was intakt schien, war der steinerne Kamin in der Mitte des quadratischen Hauses. Anariel stellte fest, dass noch Holz in der Feuerstelle lag, das nicht zu feucht war. Sie hielt ihre Fackel an die Zweige und nach kurzer Zeit züngelte ein kleines Feuer und erhellte das düstere Zimmer. Anariel ging wieder hinaus und versorgte ihr Pferd Alagos, dann schleppte sie ihre Habseligkeiten hinein, möglichst nah ans Feuer. Nur ihre silberne Harfe, von der sie sich nicht hatte trennen wollen, legte sie in einen trockenen, aber kühlen Winkel. Als es wärmer wurde, besserte sich ihre Stimmung ein wenig und sie machte sich daran, das Haus wieder wohnlich zu gestalten. Als erstes untersuchte sie die Bettstatt. Zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass sie sich noch verwenden ließ. Sie legte alle Decken, die sie dabei hatte, auf das niedrige hölzerne Gestell und setzte sich darauf. Zuerst krachte es verdächtig, aber das Bett hielt.
Als nächstes versuchte sie, die Fenster von dem Schmutz zu befreien, der auf ihnen schon seit Jahren haftete. Es wurde ein großes Stück Arbeit. Fast zwei Stunden brachte sie damit zu, das Glas sauber zu wischen. Zwischendurch musste sie immer wieder zu der nahe gelegenen Quelle laufen, um frisches Wasser zu holen.
Nachdem sie auch noch gefegt und den fingerdicken Staub weggewischt hatte, setzte sie sich erschöpft auf den einzigen unversehrten Stuhl und betrachtete zufrieden ihr Werk. Es sah schon viel besser aus, aber es musste noch viel getan werden. Trotzdem entschied Anariel, dass es für heute genug war. Sie ging noch einmal nach draußen. Noch von früher wusste sie, dass hinter dem Haus ein kleiner Schuppen stand. Sie fasste Alagos am Zügel und führte es in den kleinen Unterstand. Nachdem sie dafür gesorgt hatte, dass das Tier genügend zu Fressen hatte und sicher war vor wilden Tieren, kehrte sie ins Haus zurück und verschloss die Tür hinter sich mit einem soliden Balken.
Seufzend ließ sie sich am Feuer nieder und genoss seine Wärme. Draußen wurde es jetzt schnell dunkel und sie konnte den Wind hören, der um die Hausecken pfiff. Zu ihrem großen Glück bestand das Haus aus Steinen, die sich der Zeit widersetzt hatten. Es drang keine Kälte durch undichte oder beschädigte Stellen herein. Müde kramte Anariel in einer ihrer Taschen und suchte etwas Essbares. Es war ein karges Mahl und sie fühlte sich sehr einsam. Wenn doch nur ihr Bruder hier wäre, wünschte sie sich.
Als sie so am Feuer saß und in die rote Glut starrte, hatte sie das Gefühl, als sei sie wieder das kleine Mädchen von früher.
Hinter ihr saß ihre Großmutter und wiegte sich leicht in ihrem Schaukelstuhl. Neben ihr am Feuer saß ihr Vater und erzählte ihr von ihrer Mutter, die sie nie kennen gelernt hatte. Kurz nach Anariels Geburt war sie an einem gefährlichen Fieber gestorben. Anariel hörte ihrem Vater gebannt zu. Seine Augen glänzten feucht, aber sie verstand nicht, weshalb. Narmacil nahm seine Tochter sanft in die Arme und flüsterte: „Du wirst einmal genau so schön, wie deine Mutter.“
Anariel schreckte auf. War sie etwa eingeschlafen? Ihr Hals und ihr Rücken schmerzten entsetzlich, aber das war nicht der Grund für ihr Erwachen. Der Wind hatte ein Fenster aufgestoßen und der Fensterflügel schlug jetzt laut gegen die Steinwand. Ächzend stand Anariel auf und schloss das Fenster wieder, dann schob sie ihr Bett nah an das langsam verlöschende Feuer und wickelte sich in die Decken. Sekunden später war sie eingeschlafen.


Strahlender Sonnenschein weckte Anariel am nächsten Morgen. Verschlafen blinzelte sie unter ihren Decken hervor und versuchte, sich zu orientieren. Sie hatte sich während der Nacht aus ihrem Bett gerollt und lag jetzt fast in der Asche der Feuerstelle. Langsam schälte sie sich aus den Decken und stand auf. Sie musste ein leichtes Schwindelgefühl unterdrücken, als sie zur Tür lief und sie öffnete. Kalte klare Luft kam ihr entgegen und erst da bemerkte sie, wie stickig es in ihrem Haus war. Sofort riss sie alle Fenster weit auf und ließ die Morgenluft herein. Dann ging sie zum Schuppen und sah nach Alagos. Das Tier hatte die Nacht gut überstanden und schnaubte ihr freudig entgegen. Sie führte es hinaus und lies es auf der Wiese grasen.
Anariel hatte immer noch einen etwas benommenen Kopf und sie entschied sich, ein erfrischendes Bad zu nehmen. An der Stelle, an der die Quelle aus dem Stein kam, hatte das Wasser ein Becken ausgewaschen, das für Anariels Bedürfnisse groß genug war. Sie entledigte sich ihrer Kleider und stieg ins kalte Wasser. Es war so eisig, dass ihr schon nach wenigen Sekunden die Füße schmerzten und sie sich mit zusammengebissenen Zähnen zwingen musste, weiter hineinzugehen. Zähneklappernd saß sie jetzt in dem Becken und versuchte sich mit klammen Fingern zu waschen. Alagos war angesichts ihrer Bemühungen neugierig geworden und beäugte seine kleine Herrin verständnislos, kam dann aber näher und trank genüsslich aus dem Becken.
Lange hielt es Anariel nicht aus. Nachdem sie die notwendigsten Waschungen vorgenommen hatte, stieg sie schnell wieder aus dem Wasser und hüllte sich in eine warme Leinendecke. Immer noch zitterte sie vor Kälte, aber wenigstens war sie jetzt wach.
Im Haus zündete sie sich wieder ein kleines Feuer an und zog sich frische Kleider an. Ihre Reisekleider legte sie beiseite, um sie irgendwann zu waschen. Nach einem kleinen Frühstück machte sie sich daran, Vorräte für den bevorstehenden Winter zu sammeln. Es mussten genügend Holz und Vorräte gelagert werden, außerdem musste sie sich Gras für ihr Pferd besorgen. In zwei Tagen würde der Hisime anbrechen. Anariel rechnete nach. Als sie von Armenelos aufgebrochen war, hatte man den 23. Narquelie geschrieben. Es war ein Montag gewesen oder wie Anariel immer auf Sindarin sagte: Orgilion. Dann musste heute der 28. sein, Valanya. Sie seufzte. Würde sie bis zum Anfang des neuen Jahres wieder zu Hause sein? Bis dahin waren es immerhin zwei Monate.
Anariel verbrachte die nächste Woche damit, ihren kleinen Haushalt winterfest zu machen. In einer Ecke ihres Hauses stapelten sich schon Reihen kleiner und großer Äste und Zweige, in der anderen hatte sie Gras gelagert, das allmählich zu Heu wurde. Im Wald fand sie noch einige Beeren und essbare Pflanzen, die sie mitnahm und zum Trocknen an die Wand hängte. Fleisch und Mehl zum Backen hatte sie von zu Hause mitgenommen, aber sie musste es sich gut einteilen, sie konnte schließlich nicht wissen, wie lange sie hier bleiben würde.
Eines Nachts, es war schon mitten im Hisime, gab es einen schrecklichen Schneesturm, der alle bisherigen Stürme, die Anariel seither erlebt hatte, in den Schatten stellte. Sie war von dem Lärm aufgeschreckt worden und musste hilflos mit ansehen, wie der Wind ihr Dach abdeckte und es anfing ins Haus zu schneien. Notdürftig verstopfte sie das Loch mit Ästen und Decken, aber sie konnte nicht verhindern, dass die eisige Kälte nun ungehindert eindringen konnte. Bibbernd saß sie fast drei Tage am Feuer, bis der Schneesturm endlich nachließ. Ihre Vorräte an Brennholz waren erschreckend geschrumpft und sie hatte noch keine Ahnung, wie sie das Dach reparieren sollte. Außerdem musste sie nach Alagos sehen, der seit zwei vollen Tagen kein Futter mehr bekommen hatte. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Tür, aber sie wollte einfach nicht aufgehen. Anariel vermutete, dass sich davor eine beträchtliche Menge Schnee angehäuft hatte und nach vergeblicher Mühe blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als durch eines der Fenster zu klettern.
Was sie sah, machte ihre schlimmsten Vermutungen wahr. Das halbe Dach war abgedeckt und das Loch noch größer, als es von innen den Anschein hatte. Alagos wieherte zornig auf, als sie die Schuppentür öffnete und es ins Freie ließ, aber das Tier schien keinen größeren Schaden davongetragen zu haben. Anariel versorgte es gleich mit einer riesigen Menge Heu und wandte sich dann ihrem Problem zu. Um das Dach richtig zu reparieren fehlten ihr die Werkzeuge, aber sie konnte wenigstens versuchen, es mit Holz und Moos zu stopfen. Mehrere Tage war sie beschäftigt, geeignetes Material herbeizuschaffen, dann begann sie mit der Arbeit. Leider war es schwieriger, als sie gedacht hatte. Die Kälte machte ihr am meisten zu schaffen. Schon nach kürzester Zeit schmerzten ihre Finger so sehr, dass sie eine Weile warten musste, bis es weitergehen konnte. Außerdem litt sie an Höhenangst, was ihre Lage nicht einfacher machte. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, das Dach zu reparieren, gab sie es nach zwei Tagen schließlich frustriert auf. Zornig saß sie im Haus und verfluchte das Wetter, den König, der ihr das alles eingebrockt hatte und vor allem ihren Bruder. Hätte der verflixte Kerl doch nie diesen hirnrissigen Einfall gehabt, schimpfte sie in Gedanken. Wenn ich erst wieder zu Hause bin, kann er was erleben. Wie konnte ich mich bloß auf so etwas einlassen?
Nahe am Rand der Verzweiflung raffte sie sich doch auf, neue Vorräte an Brennholz zu sammeln, sie musste auch wieder für neues Futter sorgen. Es war unglaublich, was ein Pferd am Tag fressen konnte.
Anariel befand sich gerade mitten im Wald, als sie ein Geräusch hörte. Sie drehte sich einmal um ihre Achse, konnte aber nichts entdecken. Da! Sie hatte das Gefühl, als käme es aus allen Richtungen gleichzeitig. Sie ließ das Bündel Holz fallen und zog ihr Messer, das sie trug, seit einige Wölfe ihrem Haus gefährlich nahe gekommen waren. Bitte!, betete sie, lass es keine dieser Bestien sein.
Ihr Wunsch wurde nicht erhört. Plötzlich konnte sie sie sehen. Von allen Seiten schlichen sie heran, zuversichtlich, dass ihre Beute nicht entkommen konnte. Anariel konnte ihre Mordgier förmlich riechen. Zitternd das Messer in der Rechten stand sie da und ließ die Wölfe nicht aus den Augen. Die abgemagerten Tiere hatten in einigem Abstand halt gemacht und beäugten ihren Feind misstrauisch. Ohne Vorwarnung ging ein großes graues Tier auf sie los. Er sprang sie direkt an. Anariel riss ihren Arm hoch, um die Zähne und Klauen abzuwehren. Das Messer traf den Wolf in den Hals. Blut spritzte ihr ins Gesicht und sie konnte für einige Sekunden nichts mehr sehen. Diese Gelegenheit nutzte die übrige Meute. Von allen Seiten fielen sie über Anariel her und hätte sie nicht so dicke Kleidung getragen, wäre ihr die Kehle sofort durchgebissen worden. So aber verfingen sich die meisten Zähne und spitzen Krallen in ihrem dicken Mantel. Für wenige Momente bekam sie ihren Arm frei und fügte zwei oder drei Wölfen tiefe Wunden und Schnitte zu. Jaulend zogen sich die verwundeten Tiere zurück, flohen aber nicht. Sie wussten, dass die Kraft ihres Opfers nur begrenzt war. Und Anariels Kräfte ließen nach, schneller als ihr lieb war. Die Wölfe wurden immer dreister und wagten sich wieder dichter heran, als sie bemerkten, dass Anariels Bewegungen immer langsamer und kraftloser wurden. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrte sie sich immer noch, aber sie merkte, dass sie nicht durchhalten konnte. Sie blutete aus mehreren Kratzwunden im Gesicht und ein Biss hatte ihre Schulter getroffen. Vor Schmerz und Wut fing sie an um Hilfe zu rufen, was die Angreifer aber nur für kurze Zeit von ihr abhielt. Einer der Wölfe erwischte sie am Bein. Anariel stieß einen Schmerzensschrei aus und knickte ein. Sofort war ein großer dunkelgrauer Wolf über ihr und bleckte laut knurrend die Zähne. Anariel keuchte vor Angst und riss die Arme vors Gesicht. Mit zusammengekniffenen Augen wartete sie auf den tödlichen Biss, der ihr den Hals brechen würde, aber er kam nicht. Statt dessen hörte sie schmerzliches Winseln und Jaulen und spürte, dass das wilde Tier von ihr abgelassen hatte. Als sie die Augen aufschlug war kein Wolf mehr zu sehen. Stöhnend richtete sie sich auf. Die Tiere waren verschwunden, nur blutige Spuren im Schnee zeugten noch von ihrer Anwesenheit. Mit aller noch verbliebener Kraft versuchte Anariel sich aufzurichten, aber sie schaffte es nicht. Ihr Bein und ihre Schulter taten entsetzlich weh und die Kratzer im Gesicht und an den Händen brannten in der kalten Luft wie Feuer. Sie fuhr sich mit einer Hand durchs Gesicht und hinterließ dabei eine blutige Spur. Das war endgültig zuviel. Ihr wurde speiübel und sie erbrach sich, wo sie lag, dann wurde ihr schwarz vor den Augen.


Das Feuer knisterte leise im Hintergrund und im ganzen Raum roch es nach frischen Kräutern. Anariel behielt die Augen geschlossen und genoss das Gefühl von Sicherheit und Wärme. Es war noch jemand da, sie konnte es hören, denn die Person kam zu ihr und fuhr ihr mit einem feuchten Tuch über die Stirn, dann spürte sie, wie eine Hand sanft über ihre Wange strich. Auf diese Berührung hin öffnete sie langsam die Augen. Zuerst war alles verschwommen, aber bald zeichnete sich ein Gesicht ab, das Anariel bekannt vorkam. Dunkle Augen und dunkle Haut, rabenschwarzes Haar. Entsetzt erkannte sie ihn.
„Tuor!“, flüsterte sie.
Er lächelte sie an und legte einen Finger auf ihre Lippen.
„Nicht sprechen.“, sagte er sanft und nahm einen Becher, dessen Inhalt er ihr vorsichtig einflößte. Anariel wehrte sich nicht. Sie war viel zu schwach, um Widerstand zu leisten und sie schlief auch bald wieder ein.
Als sie das nächste Mal aufwachte, fühlte sie sich nicht viel besser. Bewegen konnte sie sich kaum und ihre Schulter und ihr Bein taten immer noch furchtbar weh, sie hatte das Gefühl, als hätte man einen Wagen über sie gerollt.
Wie um alles in der Welt hatte Tuor sie gefunden? Und wie kam sie überhaupt hierher? Hatte der Verräter sie etwa gerettet? Schnell gab sie es auf, darüber nachzudenken. Ihr Kopf tat schon bei der leisesten Anstrengung weh und sie verschob ihre Überlegungen auf einen geeigneteren Zeitpunkt. Ihr Gesicht fühlte sich heiß an und trotzdem fror sie erbärmlich.
Die Tür ging auf und Tuor trat ein. Auf dem Arm hatte er ein ganzes Bündel Decken. Als er sah, dass sie die Augen offen hatte, kam er an ihr Bett und legte ihr die Hand auf die Stirn. Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. Ohne ein Wort zu sagen verschwand er aus ihrem Blickwinkel, kam aber bald darauf mit einer kleinen Schüssel zurück. Anariel konnte nicht sehen, was sie enthielt, aber es roch fürchterlich. Angewidert drehte sie den Kopf weg, als er versuchte, sie zu füttern.
„Ich bitte Euch Anariel, esst es! Euch bleiben viele Schmerzen erspart, wenn Ihr vernünftig seid.“
Aber Anariel konnte sich nicht überwinden. Der Gestank löst ein solches Übelkeitsgefühl in ihr aus, dass sie sich fast übergeben hätte. Als Tuor merkte, dass es keinen Zweck hatte, stellte er die Schüssel seufzend beiseite und sagte leise: „Ich habe Euch gewarnt.“
Anariel hörte ihn kaum noch. Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt und sie zitterte am ganzen Körper. Tuor sah besorgt auf sie hinab. Ihr Gesicht war leichenblass und der Schweiß rann ihr in Strömen herab. Er nahm so viele Decken wie er finden konnte und legte sie über Anariel, dann schob er ihr Bett ganz nah ans Feuer. Immer wieder wischte er ihr den Schweiß von der Stirn und versuchte, ihr ein wenig Flüssigkeit zuzuführen, aber es war vergeblich. Sie konnte nichts bei sich behalten und bald musste er die Decken entfernen und sie waschen.
Von all dem bekam Anariel nichts mit. Sie befand sich in einer Art Trance, aus der sie sich mit aller Macht befreien wollte, es aber nicht schaffte. Sie war gefangen in einer Traumwelt, die ihr Angst machte. Immer wieder sah sie Gesichter, blutüberströmte Gesichter, die sie anklagend ansahen. Erschrocken wich sie zurück und wollte fliehen, sie konnte sich aber nicht bewegen. Verzweifelt wehrte sie sich gegen die Starre, die sie befallen hatte, aber ihr fehlte die Kraft dazu. Plötzlich wurde es ganz dunkel um sie herum. Nur eine einzige Gestalt kam auf sie zu. Entsetzt weiteten sich ihre Augen, als sie erkannte, wer es war.
„Vater!“, schrie sie von Grauen gepackt und wollte davonrennen. Seine Gestalt war völlig verändert, seine Gesicht entstellt und seine Augen loderten vor Hass.
„Ja meine Tochter, zieh dich nur zurück! Entgehen wirst du meiner Rache nicht. DU bist Schuld an meinem Unglück.“
„Nein!“, keuchte Anariel erschrocken und entsetzt. Ihr Vater grinste und sein Gesicht verzog sich zu einer furchtbaren Grimasse.
„Willst du etwa bestreiten, dass du Tuor zu mir gelockt hast?“
Anariel schüttelte voller Furcht den Kopf.
„Aber Vater, ich...!“
„Schweig! Dein Bruder ist tot und du leugnest noch immer? Verdammt seiest du für alle Ewigkeit!“
Bevor Anariel noch etwas erwidern konnte, war ihr Vater verschwunden und sie selbst versank in ein tiefes dunkles Nichts.


Tagelang bemühte Tuor sich um Anariels Leben. Die Bisse der Wölfe hatten eine gefährliche Entzündung herbeigeführt, die ihr dem Anschein nach den Tod bringen würden. Und zu seiner Verzweiflung bemerkte er, dass Anariel auch keine Anstalten machte, ihre Krankheit zu bekämpfen. Es schien, als habe sie allen Lebensmut verloren. Er versuchte es mit kalten Umschlägen, desinfizierte die Wunden, rieb sie mit warmen Ölen ein, aber der Heilungsprozess wollte einfach nicht einsetzten.
Am fünften Tag ihrer Krankheit gab Tuor schließlich verzweifelt auf. Den ganzen Tag über hatte er sich bemüht, Anariel etwas Essen zuzuführen und sie zum Trinken zu bewegen, aber wieder war es umsonst gewesen. Erschöpft sank er neben ihrem Bett auf den Boden und schlief auf der Stelle ein.


Anariel schreckte auf und öffnete abrupt die Augen. Um sie herum war es fast gänzlich dunkel, nur von links kam ein kleiner rötlicher Schein. Langsam und unter großen Schmerzen richtete sie sich halb auf und wischte sich die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Der Raum war leer und das Feuer fast heruntergebrannt. Neben sich hörte sie leises Murmeln. Tuor war durch ihre Bewegungen gestört worden und hatte sich zur Seite gedreht, so dass Anariel sein Gesicht sehen konnte. Sie fand, dass er sehr viel bleicher und abgemagerter aussah, als sie ihn in Erinnerung hatte. Konnte es sein, dass er sich die ganze Zeit um sie gekümmert hatte? Er, ein Verräter?
Wahrscheinlich hat er das nur getan, um mich dem König und seinem verfluchten Berater lebend auszuliefern, dachte sie bitter. Sie erinnerte sich dunkel an einen Traum, den sie gehabt hatte, wusste aber nicht mehr genau, wo sie ihn einordnen sollte. Er verursachte nur ein unangenehmes Gefühl und sie verbannte ihn schnell aus ihrem Gedächtnis.
Wieder betrachtete sie sein Gesicht. Seine Züge hatten sich vor Anstrengung verzerrt und es war noch deutlich Schweiß zu erkennen. War das wirklich gespielt? Am liebsten hätte Anariel ihn sofort geweckt, um ihm all die Fragen zu stellen, die ihr seit der Verhaftung ihres Vaters auf der Zunge brannten, aber sie hielt sich zurück. Ihre gesundheitliche Verfassung ließ ein anstrengendes Gespräch nicht zu, außerdem brachte sie es nicht übers Herz, Tuor aus seinem tiefen Schlaf zu reißen.
Vorsichtig beugte sie sich vor und angelte eine kleine Wolldecke, mit der sie ihn zudeckte. Als nächstes sah sie sich nach einem Becher Wasser um. Ihr Hals war völlig eingetrocknet und ihre Zunge zu einem unförmigen Kloß angeschwollen, den sie kaum bewegen konnte. Neben dem Bett stand noch die Schale Wasser, die Tuor benutzt hatte. Gierig trank sie das schon etwas abgestandene Wasser und fühlte sich gleich merklich besser. Das Fieber war aber noch nicht ganz gesunken und sie kuschelte sich, einen leichten Schüttelfrost unterdrückend, schnell wieder in ihre warmen Felle und Decken.
Tuor wachte nach einigen Stunden auf. Sofort machte er sich große Vorwürfe, dass er Anariel so lange unbewacht liegen gelassen hatte. Er stand auf und setzte sich an ihr Lager. Zu seiner großen Erleichterung atmete sie und als er die Hand auf ihre Stirn legte, stellte er überrascht fest, dass das Fieber gesunken war. Er sah sich um und bemerkte die leere Wasserschale. War sie etwa wach gewesen, während er geschlafen hatte? Erst jetzt sah er die Decke, die noch halb um seine Beine gewickelt war. Sie war wach gewesen!
Vorsichtig strich er ihr über die dunklen Haare. Die bösen Kratzer auf ihrer Wange waren gut verheilt und die Verletzung nur noch zu erahnen. Sie hatte es überstanden.
(Steph)