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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Im Verließ

Alatarion schritt ungeduldig auf und ab. Elendil war nun schon seit mehr als vier Stunden im Palast und noch immer war keine Nachricht eingetroffen. Er hätte sich nicht auf ein derart lächerliches Unterfangen einlassen dürfen. Diplomatie half hier nicht. Das einzige, was er damit erreichte, war, dass er Elendil und seine Familie unnötig in Gefahr brachte. Er musste seinen Vater selbst befreien, wenn nötig mit Gewalt. Seit Monaten versuchte Elendil mit seinen Beziehungen zum Königspalast etwas zu erreichen und Alatarion wurde immer missgelaunter. Wer wusste, was dieser Teufel Sauron seinem Vater in der Zwischenzeit alles angetan hatte. Der Jahreswechsel hatte schon vor einer Woche stattgefunden und Narmacil saß seit Narbeleth vorigen Jahres im Gefängnis.
Ein leises Klopfen an der Tür riss Alatarion aus seinen Gedanken.
„Herein!“ rief er schnell.
Isildur streckte den Kopf durch die Tür und sagte ruhig: „Mein Vater ist zurück. Wenn du gleich mit ihm sprechen willst, er ist in seinem Arbeitszimmer.“
Etwas im Ton Isildurs gefiel Alatarion ganz und gar nicht, aber er sagte nichts und folgte seinem Freund hinaus.
Elendil saß an seinem Schreibtisch und starrte aus dem Fenster, als Alatarion eintrat.
Elendil sah zu ihm auf und bedeutete ihm dann, sich zu setzen.
„Habt ihr etwas erreicht?“ fragte Alatarion vorsichtig. Elendil schüttelte traurig den Kopf. Alatarion wollte schon auffahren, da hob Elendil gebieterisch die Hand.
„Das heißt nicht, dass ich nichts in Erfahrung gebracht habe“, sagte er ruhig.
„Man wirft deinem Vater vor, ein bedeutendes Mitglied der Getreuen zu sein, was nun einmal der Wahrheit entspricht. Ich habe gehört, dass er seine Verbindung nicht einmal abstreitet. Das ist zwar sehr ehrenhaft, aber es bringt nicht nur ihn in große Schwierigkeiten, sondern auch Anariel und dich.“
Um Anariel machte Alatarion sich keine Sorgen. Niemand außer ihm wusste, wo sie sich befand. Nicht einmal Elendil oder seinen Söhnen hatte er ihren Zufluchtsort verraten, aber er selbst? Er wusste, dass nach ihm gesucht wurde und als er daran dachte, was mit ihm geschehen würde, sollte er Sauron oder seinen Schergen in die Hände fallen, überkam ihn eine Gänsehaut und er zitterte leicht. Elendil hatte ihn genau beobachtet und seine Gedanken erraten. Beruhigend sagte er: „Keine Sorge, solange du dich hier bei mir befindest besteht keine Gefahr. Es wird niemand wagen, Hand an dich zu legen, aber du musst dich absolut ruhig verhalten und bitte keine Alleingänge.“
Alatarion nickte und fragte dann leise: „Was kann ich denn nur tun?“
„Im Moment ist es das beste, abzuwarten und darauf zu hoffen, dass dein Vater wieder freigelassen wird. Geschieht das nicht, werde ich dir auf jeden Fall zur Seite stehen, darauf kannst du dich verlassen.“
Alatarion schwieg und blickte zu Boden. Das war ein schwacher Trost und er war nicht gewillt, tatenlos zuzusehen, wie seine Familie zerstört wurde. Er musste etwas unternehmen und zwar schnell.


Alatarion beugte sich über den Grundriss des Palastes. Es hatte einige Mühe gekostet dieses kostbare Papier aufzutreiben, aber schließlich war es Alatarion doch gelungen. Er wusste, dass Elendil in seiner Bibliothek Pläne dieser Art aufbewahrte, also hatte er sich in einem günstigen Moment eingeschlichen und war fündig geworden. Mehrere Wochen hatte er seitdem damit zugebracht, einen Schlachtplan zu entwickeln und endlich war es soweit. In dieser Nacht noch würde er zur Tat schreiten.
Das Verlies befand sich unter dem Palast und der einzige Zugang lag im ersten Torhof. Auf den Mauern ringsum standen Tag und Nacht Wachen, an denen vorbeizukommen fast unmöglich war. Aber Alatarion war auch auf dieses Hindernis vorbereitet. Eine ganze Woche hatte er heimlich den Palast beobachtet und wusste genau, wann die Wachablösungen stattfanden. Bei dieser Prozedur blieb immer ein Stück Mauer auf der rechten Seite unbewacht und auf dieser Seite befand sich auch der Zugang zum Verlies. Wenn er erst einmal den Sprung in den Torhof geschafft hatte, dann musste er sich beeilen, denn nachts wurden die Wachen jede Stunde abgelöst.
Wieder und wieder ging er seinen Plan durch. Es durfte, es konnte nichts schief gehen.
Gegen Mitternacht schlich er sich heimlich aus Elendils Haus. Weder Isildur noch Anárion hatte er eingeweiht, die beiden hätten ihm sein Vorhaben ohnehin ausgeredet und ihn vielleicht sogar mit Gewalt davon abgehalten. Seit der Verhaftung seines Vaters waren die Getreuen noch vorsichtiger geworden. Elendil suchte die ausgefallensten Plätze für seine Versammlungen aus und Isildur hatte weitere Treffen ihres kleinen Kreises für längere Zeit ausgeschlossen. Alatarion hatte sich sowieso seit dem Gespräch mit Elendil sehr von allen zurückgezogen und jede Hilfe, die ihm angeboten wurde, abgelehnt. Nur Isildur gab nicht auf. Immer wieder versuchte er, zu ihm durchzudringen und ihm zu helfen, aber Alatarion verschloss sich ganz. Es war so am einfachsten für ihn, seine Befreiungsaktion vorzubereiten. Niemand durfte etwas erfahren geschweige denn helfen, er wollte nicht noch mehr Freunde mit hineinziehen.
Hell schien der Mond über den Dächern der Stadt und übergoss die Straßen mit seinem silbernen Licht. Leise, wie ein Schatten huschte Alatarion hinauf zum Palasthügel. Niemand begegnete ihm auf seinem Weg und er erreichte unbescholten sein Versteck, in dem er auf den geeigneten Zeitpunkt warten wollte. Es wehte ein kalter, unfreundlicher Wind und er schlug seinen schwarzen Mantel eng um den Leib. Noch etwa zehn Minuten, dann würde es losgehen. Fröstelnd sah er hinauf zu den Sternen. Kalt und fern erschienen sie ihm, wie sie am Firmament funkelten und sich nicht um die Dinge kümmerten, die den Menschen wichtig erschienen. Er faltete die Hände und schloss die Augen.
O Elbereth, halte deine Hand über mein Handeln und lass mein Beginnen erfolgreich sein. Ich bitte die Valar um ihren Segen und Schutz.
Seit vielen Jahren hatte er nicht mehr gebetet und er wunderte sich über sich selbst. Lächelnd dachte er daran, wie Anariel immer versucht hatte, ihm die komplizierten Gebete der Elben beizubringen. Nie hatte er sich angestrengt und sie mit seiner Begriffsstutzigkeit fast in den Wahnsinn getrieben. Jetzt bereute er sein Verhalten und er hätte viel dafür gegeben, wenigstens eines dieser Gebete sprechen zu können, aber es war jetzt zu spät für solcherart Vorwürfe. An der Palastmauer waren Fackeln zu sehen. Die Wachablösung!
Schnell rannte Alatarion zur rechten Mauer und spähte hinauf. Kein Soldat war zu sehen. Er nahm das Seil, das er sich um die Schulter geschlungen hatte und an dessen einem Ende ein Haken befestigt war. Mit einem gut gezielten Wurf befestigte er das Seil und kletterte die Mauer hinauf. Langsam lugte er über den Rand des Walles, um seine Lage und seine Chancen zu beurteilen. Im Hof standen die Soldaten in einer Reihe und warteten auf ihre Befehle. Direkt unter Alatarion befand sich das kleine Gebäude, durch welches man ins Verlies hinabsteigen konnte. Einige Sekunden würden also genügen, um aufs Dach des Wachhauses und in sein Inneres zu gelangen. Mit der einen Hand schwang Alatarion sich über die Brüstung der Mauer und mit der anderen griff er nach einem Dolch, der unter seinem Mantel verborgen war. Er wollte für alle Eventualitäten gewappnet sein. Vom Dach aus sprang er lautlos auf den harten staubigen Boden des Hofes und duckte sich vorsichtig noch einmal hinter einigen Fässern. Niemand hatte sein Eindringen bemerkt, die Soldaten standen unverändert in der Mitte des Hofes. Die Tür des Wachhauses war offen und Alatarion eilte mit schnellen Schritten hinein. Zu seiner großen Erleichterung befand sich niemand darin und er konnte sich in Ruhe umsehen. Eine kleine Fackel hing gleich rechts neben der Tür und erhellte den niedrigen Raum mit seiner spärlichen Flamme. Ein Tisch und zwei Stühle standen an der Hinterwand, ein kleines hölzernes Regal vervollständigte die karge Einrichtung. Links neben dem Tisch entdeckte er schließlich, was er suchte. Der Zugang zum Verlies wurde durch eine große schwere Falltüre verschlossen und es kostete Alatarion sehr lange und viele Nerven, sie zu öffnen. Eine schmale Treppe führte nach unten und verlor sich in der Dunkelheit. Alatarion schloss die Tür des Wachhauses, nahm die Fackel von der Wand und stieg vorsichtig nach unten. Den Dolch hielt er schützend vor sich. Ohne Zwischenfall erreichte er schließlich den Boden. Er bestand aus festgestampfter Erde. Der Gang, in dem er sich befand, sah eher aus wie ein Stollen. Roh zusammengezimmerte Balken stützten die Decke ab und hier und da tropfte Wasser aus dem schlechten Mörtel. Alatarions Plan sah vor, einen Wachposten gefangen zunehmen und ihn zu zwingen, seinen Vater freizugeben. Das war leichter gesagt als getan. Zuerst musste er einen Posten finden. Von seinem Standpunkt aus führten mehrere Gänge in alle Himmelsrichtungen, welcher war also zu nehmen? Alatarion entschied sich für den breitesten, der in gerader Richtung verlief und der ihm am sichersten erschien was die Bauweise betraf. Seine Lichtquelle war jetzt überflüssig, etwa alle zwei Meter waren große schwarze Pechfackeln in eisernen Haltern an der Wand befestigt, die für eine ausreichende Sicht sorgten. Alatarion wollte sich gerade auf den Weg machen, als er Stimmen aus dem Gang hörte. Schnell sah er sich nach einem geeigneten Versteck um, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als in einem der dunklen Nebengänge zu verschwinden und darauf zu hoffen, dass sich die Wachen nicht gerade dorthin wandten. Vorsichtig lugte er um die Ecke. Zwei Soldaten in der Tracht der Palastgarde standen unter der Treppe und unterhielten sich leise. Alatarion konnte nichts verstehen, aber den Mienen der Männer entnahm er, dass irgendetwas sie sehr aufregte. Er wartete ab, aber die Soldaten machten keine Anstalten, ihren Standort zu wechseln. Ungeduldig und ärgerlich spielte er schon mit dem Gedanken, einfach beide zu überwältigen, als ihn ein Geräusch von oben aufschreckte. Die Soldaten wandten ebenfalls den Kopf nach oben und verbeugten sich dann rasch. Alatarion konnte nicht genau erkennen, wer da die Treppe herunter kam, aber es musste eine wichtige Persönlichkeit sein, so unterwürfig, wie sich die Wachen benahmen. Mit einer kleinen Geste und wenigen Worten schickte der ebenfalls in die Tracht der Garde gekleidete Mann die Wachen nach oben und blieb dann so lange bewegungslos stehen, bis von oben das Geräusch der sich schließenden Falltür zu vernehmen war. Er drehte sich einmal im Kreis und fragte dann leise: „Alatarion! Seid ihr hier?“
Alatarion blieb fast das Herz stehen, als er seinen Namen hörte. Er verhielt sich ganz ruhig, aber er merkte, wie sein Puls zu rasen begann. Wer zum Teufel war das? Noch einmal rief der Soldat Alatarions Namen, bekam aber immer noch keine Antwort.
„Gebt Euch zu erkennen, ich weiß, dass Ihr hier seid.“
Eine Falle! Das konnte nichts anderes als eine Falle sein. Aber er würde nicht darauf hereinfallen. Alatarion wartete ab, bis der Fremde ihm den Rücken zukehrte, dann sprang er mit einemmal aus dem Gang und umklammerte mit einem Arm den Hals des Mannes. Mit dem anderen Arm hielt er ihm den Dolch an die Kehle und flüsterte: „Eine falsche Bewegung und Ihr seid tot!“
Der Mann regte sich nicht, sagte aber eindringlich: „Alatarion bitte. Ich will Euch helfen, Ihr seid in großer Gefahr! Es ist eine Falle, Ihr kommt hier nicht mehr lebend heraus, wenn Ihr nicht auf mich hört.“
Alatarion lockerte seinen Griff etwas und fragte misstrauisch: „Wer seid Ihr?“
„Erkennt Ihr mich nicht?“ Der Mann drehte den Kopf und sah Alatarion an. Der stieß vor Überraschung einen leisen Schrei aus. Darauf hatte Tuor gewartet. Mit einer schnellen Bewegung hatte er sich aus Alatarions Klammergriff befreit und stand ihm nun direkt gegenüber. Sein Schwert hatte er nicht gezogen.
„Alatarion, hört zu...“
„Ich bringe dich um, du Verräter!“, unterbrach ihn Alatarion mit vor Zorn bebender Stimme und ging mit dem Dolch auf Tuor los. Aber damit hatte dieser gerechnet. Mit Leichtigkeit wich er der schlecht geführten Waffe aus und als Alatarion ihm für einige Sekunden den Rücken zukehrte, stieß ihm Tuor seinen Schwertgriff in den Rücken, dass er zu Boden ging. Ehe Alatarion sich aufrappeln konnte, hatte er das Schwert an der Kehle. Wütend stieß er hervor: „Na los, worauf wartest du? Töte mich endlich.“
Tuor schüttelte den Kopf. „Ich will Euch nichts tun, sondern Euch helfen. Ihr seid in eine Falle geraten. Wie wärt Ihr wohl sonst so leicht ins Verlies eingedrungen? Man hat schon lange damit gerechnet, dass irgendjemand versuchen würde, Narmacil zu befreien.“
Tuor schob sein Schwert wieder in die Scheide und streckte Alatarion die Hand hin.
„Ich weiß, dass ich Euch großes Unrecht zugefügt habe. Ich will es wieder gut machen, also vertraut mir, bitte!“
Noch etwas widerstrebend nahm Alatarion die ihm angebotene Hand und stand auf.
Lange sah er Tuor an, konnte aber keine Falschheit in seinen Augen erkennen. Schließlich sagte er: „Also gut, ich glaube Euch.“
Erleichtert atmete Tuor auf. „Wir haben nicht viel Zeit, ich führe Euch jetzt zu Eurem Vater.“
Er eilte mit Alatarion durch viele Gänge, bis sie endlich einen großen Raum erreichten. Zu beiden Seiten waren eiserne Verschläge angebracht, aus denen klagende und ängstliche Schreie zu hören waren. Überall an den freien Wänden hingen starke Ketten, die meist mit grausamen Foltergeräten in Verbindung standen. Alatarion schluckte schwer und versuchte, seinen Blick nur geradeaus zu halten. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie hier den Gefangenen Geständnisse, wahr oder falsch, abgepresst wurden. Inständig hoffte er, dass seinem Vater diese Mordinstrumente erspart geblieben waren.
„Wir sind da!“
Tuor zog einen großen Schlüsselbund hervor und ging damit zu einer eisenbeschlagenen Tür im hinteren Teil des Raumes. Nachdem Tuor aufgeschlossen hatte, zog er die Tür auf und betrat die niedrige Zelle. Alatarion folgte ihm in einigem Abstand. Zuerst konnte er gar nichts erkennen, aber als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte er im hintersten Eck eine zusammengekauerte Gestalt. Sie blickte nicht auf, obwohl sie ihr Kommen gehört haben musste.
„Vater!“
Alatarion stürzte auf den in Lumpen gehüllten Mann zu und beugte sich über ihn. Kein Zweifel, das war sein Vater, aber wie sah er aus. Sein Gesicht war grau und er schien um viele Jahre gealtert zu sein. Die Augen, einst voller Leben und Tatkraft, sahen den Sohn nur noch stumpf und hoffnungslos an. Sanft half Alatarion ihm auf die Beine und führte ihn zum Ausgang. Tuor stand schon an der Tür und sagte ungeduldig: „Beeilt Euch! Wir haben nicht mehr viel Zeit. Die Wachen werden bald zurückkommen.“
Alatarion wandte sich an seinen Vater, der allmählich wieder ins Leben zurückkehrte: „Kannst du alleine laufen?“
Narmacil nickte entschlossen und sein Sohn war dankbar, dass er jetzt keine Fragen stellte. Tuor ging wieder voraus und sie hatten den Treppenaufgang zum Wachhaus fast erreicht, als er plötzlich stehen blieb.
„Schnell, da hinein!“ befahl Tuor und wies die beiden in eine kleine enge Nische, die vom Gang aus nicht zu sehen war. Mit klopfendem Herzen kauerten sich Vater und Sohn zusammen und warteten ab. Sehen konnten sie nichts, aber sie hörten umso deutlicher, was gesprochen wurde.


Nachdem Tuor die beiden versteckt hatte ging er langsam weiter den Gang entlang. Es dauerte nicht lange und er erkannte die Gestalt, die ihm entgegenkam. Zimâlkhad, der Befehlshaber der Schwarzen Garde und ein Vertrauter Saurons. In Gedanken verfluchte Tuor den ganz in schwarz gekleideten Mann und fragte sich, was er ausgerechnet heute hier zu suchen hatte, wo er sich doch sonst kaum blicken ließ. Doch er unterdrückte seine Wut und Aufregung und versuchte, ganz unbefangen dreinzublicken. „Zimâlkhad, welch eine Überraschung, Euch hier unten zu treffen.“
Ein leichtes Zittern konnte Tuor doch nicht unterdrücken, als er in die kalten blauen Augen Zimalkhâds blickte, der ihn scharf musterte.
„Ich sah die Wachen heraufkommen und weggehen und wollte sehen, ob alles in Ordnung ist“, sprach Zimalkhâd.
Obwohl seine Stimme nicht laut war, lag doch eine unausgesprochene Drohung darin, die Tuor durch Mark und Bein ging. Er setzte ein unbefangenes Lächeln auf und sagte: „Ihr habt Euch umsonst herunter bemüht, Herr. Es ist alles ruhig, kein Grund sich Sorgen zu machen.“
„Tatsächlich? Warum habe ich dann trotzdem das Gefühl, dass etwas nicht stimmt? Vielleicht solltet Ihr mich noch einmal mit nach unten begleiten, dann kann ich mich überzeugen.“
Tuor machte nicht den Versuch, Zimalkhâd umzustimmen, bei diesem Mann war eine solche Vorgehensweise einfach unmöglich. Er beruhigte sich damit, dass Alatarion und sein Vater gehört haben mussten, was vor sich ging. Mit etwas Glück konnten sie den restlichen Weg auch ohne seine Hilfe schaffen.
Er verbeugte sich leicht und sagte: „Wie ihr wünscht Herr.“ Dann folgte er Zimalkhâd nach unten.


Alatarion kroch vorsichtig aus der Nische und sah sich um. Von Tuor und Zimalkhâd war nichts mehr zu sehen. Er gab seinem Vater ein Zeichen und ging dann zur Treppe.
„Wer war das bloß?“ fragte er sich leise.
„Ein Vertrauter Saurons, der gefährlichste Mann im ganzen Palast, außer dem königlichen Berater selbst.“
Erstaunt blickte Alatarion seinen Vater an. „Du kennst ihn?“
Narmacil antwortete traurig: „Oh ja, ich habe seine Bekanntschaft schon gemacht, öfter als mir lieb war. Doch genug davon, lass uns gehen.“
Alatarion nickte und stieg die Treppe hinauf. Noch während er oben wartete, dass sein Vater nachkam, wurde unten Lärm laut. Erschrocken sah er durch die Falltür, aber Narmacil machte ein genauso ratloses Gesicht, wie er selbst. Alatarion zog seinen Vater das letzte Stück hinauf und schloss dann die Falltür.
„Was immer da unten passiert ist, wir sollten machen, dass wir hier wegkommen.“
Behutsam öffnete er die Tür des Wachhauses und spähte nach draußen.
„Verdammt!“ zischte er. „Der Hof ist voller Soldaten. Dieser Zimalkhâd muss etwas geahnt haben. Auf diesem Weg kommen wir jedenfalls nicht weiter.“
Er sah sich verzweifelt um. Fenster gab es keine und auch sonst nichts, was ihnen weitergeholfen hätte. Erschöpft ließ sich Narmacil auf einen Stuhl sinken.
„Allein kannst du vielleicht entkommen. Lass mich zurück, Alatarion.“
„Niemals Vater. Wir haben es fast geschafft, ich gebe jetzt nicht auf.“
Und als wäre das das Stichwort gewesen, flog plötzlich die Falltür auf und Tuor kam herauf. Sein Atem flog und Schweiß rann ihm von der Stirn. Ein kurzer Blick zur Tür hinaus und er wusste, in welcher Lage sie sich befanden. An Alatarion gewandt sagte er: „Es gab einen Ausbruchversuch in anderen Teil des Gefängnisses. Zimalkhâd wird noch eine Weile beschäftigt sein. Ich gehe jetzt hinaus und lenke die Soldaten ab, seht zu, dass ihr über die Mauer entkommt.“
Alatarion drückte ihm die Hand und sagte: „Ich danke Euch. Falls wir es nicht schaffen, dann gebt meiner Schwester Nachricht. Sie hält sich im Haus ihrer Großmutter auf, im Wald von Hyarrostar. Es liegt an der einzigen Wasserquelle des Waldes und ist nicht zu verfehlen.“
Tuor nickte, sagte aber zu Alatarions Überraschung: „Ich war schon dort und habe Eure Schwester gesehen, aber ehe ich ihr etwas erklären konnte, ist sie vor mir geflohen.“
Dass Anariel schwer verletzt geflohen war, verschwieg Tuor Alatarion wohlweislich und sagte ungeduldig: „Wir müssen uns beeilen. Vielleicht können wir ein anderes Mal darüber sprechen. Ich gehe jetzt hinaus und lenke die Soldaten ab. Seht zu, dass Ihr dann über die Mauer entkommt.“
Und mit diesen Worten rannte er hinaus und Narmacil und Alatarion hörten ihn laut schreien: „Eindringlinge im zweiten Torhof! Es ist ein Attentat auf den König!“
Sofort wurde es laut auf dem Hof. Befehle wurden gebrüllt und immer wieder ertönte Tuors Warnruf.
„Jetzt oder nie!“ schrie Narmacil und zog seinen immer noch völlig überraschten Sohn hinaus.
In dem ganzen Durcheinander fielen sie nicht weiter auf. Der Wachsoldat auf der Mauer konzentrierte sich so auf das Geschehen im Hof, dass er die zwei Flüchtenden gar nicht bemerkte. Alatarion, der sich nun wieder in der Gewalt hatte, hatte leichtes Spiel. Mit einem gut gezielten Hieb traf er den Soldaten direkt an die Schläfe, dass er bewusstlos zusammensackte. Narmacil hatte sich bereits abgeseilt und Alatarion wollte eben nachfolgen, als ihn ein Pfeil in die rechte Schulter traf. Mit einem Schrei kippte er vornüber und fiel seinem Vater direkt vor die Füße. Stöhnend richtete er sich auf, der Pfeil war bei seinem Sturz abgebrochen. Von innen waren jetzt laute Schreie zu hören, die vermuten ließen, dass sie in wenigen Augenblicken Gesellschaft zu erwarten hatten.
„Kannst du rennen?“
Narmacil betrachtete seinen Sohn besorgt. Alatarion hielt sich die verletzte Schulter und keuchte: „Es wird schon gehen. Lauf du voraus.“
Narmacil blieb bei ihm und stützte ihn so gut es ging, trotzdem kamen sie nur langsam vorwärts. Die Verfolger wurden immer lauter, es würde nicht mehr lange dauern, dann hatte man sie eingeholt.
„Nun geh endlich! Wenn wir uns trennen, dann haben wir vielleicht eine Chance zu entkommen.“
Narmacil wollte etwas erwidern, aber Alatarion hatte sich schon abgewandt und rannte eine kleine dunkle Nebengasse entlang. Schweren Herzens setzte sich auch er in Bewegung und verschwand im Dunkel der Nacht.
(Steph)