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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Auf der Flucht

In Schweiß gebadet stand Anariel an der Tür ihrer kleinen Hütte und spähte hinaus. Allein die wenigen Schritte von ihrem Lager zur Tür hatten sie völlig erschöpft, aber sie gab nicht auf. Sie musste den günstigen Augenblick, in dem Tuor nicht anwesend war, nutzen, um zu fliehen. Wahrscheinlich war er nur Holz sammeln und würde bald zurückkommen, es war also Eile geboten. Mit großer Willensanstrengung hatte sie sich angezogen und ein wenig Proviant zusammengepackt. Alles wollte sie zurücklassen, nur ihre Harfe, das Geschenk der Elben packte sie in einen ledernen Beutel und warf ihn über. Jetzt musste sie nur noch ihr Pferd erreichen, dann hatte sie eine Chance, zu entkommen. Draußen war niemand zu sehen, also öffnete Anariel vorsichtig die Tür und ging langsam hinaus. Ihre dicke Winterkleidung schützte vor der größten Kälte, konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass ihr die Zähne klapperten. Als sie den Schuppen endlich erreicht hatte, fehlte ihr fast die Kraft, um ihr Pferd herauszuführen. Das treue Tier wieherte freudig auf, als es seine Herrin sah. Seit dem Angriff der Wölfe und Anariels darauf folgender Krankheit waren immerhin sechs Tage vergangen, in denen Tuor Alagos versorgt hatte. Müde lächelnd streichelte Anariel die samtene Schnauze und flüsterte: „Du musst mir helfen Alagos, ich bin zu schwach, um dir den Weg zu weisen. Die Verantwortung liegt jetzt allein bei dir. Bring mich nach Hause!“
Anariel war sich sicher, dass der Hengst verstanden hatte.
Nachdem sie Alagos gesattelt hatte, hievte sie sich mit großer Mühe auf den Rücken des großen Hengstes und nahm die Zügel. Ohne ein weiteres Zeichen ihrerseits setzte sich Alagos in Bewegung und schon bald waren Reiter und Pferd zwischen den Bäumen verschwunden.
Trotz ihres Zustandes zwang sich Anariel, die ganze Nacht durchzureiten. Sie wollte einen möglichst großen Vorsprung zwischen sich und Tuor bringen, bevor er bemerkte, dass sie geflohen war. Alagos war ihr eine große Hilfe. Wie von selbst bahnte er sich einen Weg durch den verschneiten Wald und noch bevor die Sonne am nächsten Tag aufging, hatten sie den Saum des Waldes erreicht. Am Ende ihrer Kraft ließ sich Anariel vom Pferd gleiten und setzte sich unter eine große Tanne, deren Zweige den Schnee vom Boden abgehalten hatten. Das Fieber war wieder gestiegen und der damit verbundene Schüttelfrost jagte ihr eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Am liebsten wäre sie gar nicht mehr aufgestanden. Sie wollte nur noch schlafen, um wieder ein wenig Kraft zu schöpfen, aber sie wusste, dass das unmöglich war. Tuor musste schon längst hinter ihr her sein und wenn sie sich nicht beeilte, dann war alles umsonst gewesen, dann hätte sie genauso gut in der Hütte bleiben können.
Die ersten Sonnenstrahlen brachen gerade durch die dicke Wolkendecke, als Anariel sich endlich aufrappelte, um weiterzureiten.
Der Wald lichtete sich immer weiter und bald ritt sie über die wenigen, im Sommer grasbewachsenen Ebenen von Hyarrostar. Jetzt war das ganze Land über und über mit Schnee bedeckt. Es musste ein harter Winter für die Menschen sein, die hier lebten.
Dumpf schlugen Alagos Hufe auf den Boden und hinterließen eine weithin sichtbare Spur. Anariel hing auf dem Rücken ihres Hengstes und versuchte krampfhaft, nicht herunterzufallen. Ihre Schulter und vor allem ihr Bein hatten schon in der Nacht wieder angefangen zu schmerzen und es war nicht besser geworden, im Gegenteil. Mit jedem Hufschlag fuhr ihr ein Schmerz in die Schulter, der sie fast bewusstlos werden ließ und ihr Bein konnte sie überhaupt nicht mehr bewegen. Trotz der mit Pelz gefütterten Kapuze blies ihr der eiskalte Wind unbarmherzig ins Gesicht und ihre Nase fühlte sich wie ein Eiszapfen an. Anariel hoffte auf einen Hof oder eine kleine Siedlung, in der sie Aufnahme finden konnte. Ihren Orientierungssinn hatte sie mittlerweile völlig verloren, sie wusste überhaupt nicht mehr, wo sie sich befand und überließ es Alagos Instinkt einen Unterschlupf zu finden. Es hatte wieder angefangen zu schneien und Anariel hoffte, dass Tuor dadurch ihre Spur verlieren würde.
Der Tag neigte sich schon seinem Ende zu, als der Hengst plötzlich wieherte und in einen schnellen Trab verfiel. Anariel sah auf und gewahrte im letzten Licht der untergehenden Sonne eine kleine Ansammlung von Häusern, aus deren Schornsteinen weißer Rauch zum Himmel aufstieg. Das kleine Dorf war etwa noch zwei Meilen entfernt, sie konnte also noch vor Einbruch der Dunkelheit dort sein. Die Hoffnung auf eine warme Mahlzeit und ein Dach über dem Kopf gab ihr noch einmal neue Kraft und sie trieb Alagos trotz ihrer Schmerzen zum Galopp an.
Auf der Straße, die durch das Dorf führte traf sie auf eine Gruppe von Männern, die am Dorfbrunnen um ein großes Feuer herumstanden und redeten. Der große schwarze Hengst allein erregte schon Aufsehen, aber dass eine junge Frau ihn ritt und noch dazu mutterseelenallein reiste, war die Sensation. Alle scharten sich um den ungewöhnlichen Ankömmling und starrten ihn verwundert an. Anariel, die sich kaum noch auf Alagos Rücken halten konnte, lächelte tapfer und rutschte vom Pferd. Unglücklicherweise kam sie dabei mit ihrem verletzten Bein auf und knickte mit einem Schmerzenslaut ein. Sofort war eine Hand da, die ihr wieder aufhalf. Sie gehörte einem älteren, aber noch sehr stattlichen Mann, der wie es aussah auch das Amt des Dorfschulzen innehatte, denn auf seiner Brust baumelte ein kleines goldenes Medaillon, wie es Anariel schon öfter gesehen hatte.
„Ich danke dir“, sagte sie mit einem etwas gequälten Lächeln. „Sag mir guter Mann, ist es möglich, dass ich heute Nacht hier Aufnahme finde? Ich kann natürlich bezahlen.“
Der Dorfschulze musterte Anariel neugierig. Dabei blieb ihm natürlich nicht verborgen, dass sie sehr wohlhabend war. Wer ein solches Pferd besaß und in so feine Kleider gehüllt war, musste eine adelige Dame sein. Er verneigte sich leicht und antwortete höflich: „Selbstverständlich könnt Ihr hier bleiben, Herrin. Wenn Ihr erlaubt, biete ich Euch mein bescheidenes Heim als Unterkunft an. Für Euer Pferd findet sich sicher auch noch ein warmes Plätzchen im Stall.“
Anariel bedankte sich höflich und folgte dann ihrem Gastgeber, der sich als Bortal vorstellte und sie in sein Haus führen wollte. Ein junger Mann führte Alagos am Zügel nebenher. Schon nach wenigen Schritten musste Anariel jedoch stehen bleiben und ihr Bein entlasten, das furchtbar schmerzte. Der junge Mann rief dem Dorfschulzen etwas zu und kam dann näher.
„Ihr seid verletzt wie ich sehe, Herrin. Mit Eurer Einwilligung trage ich Euch das kurze Stück zum Haus meines Vaters.“
Anariel wollte zuerst entrüstet ablehnen, sie war schließlich eine adelige Frau und er nur ein einfacher Bauer. Aber sie überlegte es sich anders. Er meinte es ja nur gut und sein Vater war so hilfsbereit zu ihr, dass es die Höflichkeit verbot, ihn vor den Kopf zu stoßen. Sie willigte also ein und der junge Mann hob sie mühelos hoch und trug sie ins Haus. Es war das größte im Dorf und wahrscheinlich auch das komfortabelste. Es bestand aus einem großen Raum, der durch große Trennwände in drei kleinere unterteilt war. In der Mitte befand sich eine große Feuerstelle, über der ein Messingtopf hing aus dem es verlockend dampfte und duftete. Rechts daneben stand ein niedriger Tisch, um den sauber angeordnet sechs Kissen lagen. Auf der linken Seite waren mehrere Regale an der Wand befestigt, die mit Geschirr, Flaschen und sogar einigen Büchern gefüllt waren. Der Sohn des Dorfschulzen trug Anariel bis zum Tisch und ließ sie behutsam auf einen Platz an der Wand sinken.
„Wartet hier, Herrin, ich hole noch ein Kissen, dann habt ihr es bequemer.“
Bevor Anariel ablehnen konnte, war er schon hinter der am nächsten liegenden Trennwand verschwunden, kam aber schon nach kurzer Zeit wieder zurück und brachte ihr ein aus Wolle gehäkeltes Kissen und schob es ihr hinter den Rücken.
Anariel bedankte sich herzlich und fragte dann: „Wie ist dein Name?“
„Ich heiße Tarak und das ist meine Schwester Noreth.“
Ein zierliches kleines Mädchen war in diesem Moment hinter der Wand hervorgekommen und kam zögernd näher. Sie hatte langes blondes Haar, das ihr etwas zerzaust vom Kopf abstand. Wie viele Númenórer hatte sie blaue Augen. Schüchtern stellte sie sich hinter ihren älteren Bruder und beäugte Anariel neugierig. Schließlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und fragte: „Wie heißt du, schöne Dame?“
Sogleich wurde sie von Tarak zurechtgewiesen, der diese Frage für indiskret hielt, aber Anariel lachte nur und sagte: „Lass sie, Tarak, es ist doch nichts dabei. Mein Name ist Mizûreth.“
Anariel machte sich nicht die Mühe, einen falschen Namen anzugeben. Sie hatte ohnehin so viel Aufsehen erregt, dass Tuor sie auch so finden würde, würde er sie hier suchen.
Noreth kletterte unterdessen auf Anariels Schoß und zeigte ihr ihre Puppe, die sie schon die ganze Zeit unter dem Arm gehabt hatte. Fröhlich schwatzend saß sie eine noch eine Weile bei Anariel, bis sie von ihrer Mutter gerufen wurde. Sofort hüpfte sie von Anariels Schoß und verschwand wieder in einem der anderen Räume. Wenig später kam Bortal mit seiner Frau und einem Jungen von vielleicht sechzehn Jahren. Sie alle trugen Teller und Schüsseln gefüllt mit köstlich duftenden Speisen. Hinter ihnen folgte Noreth.
„Das hier ist meine Frau Irûza und mein Sohn Jurek. Tarak und Noreth habt ihr wie ich sehe schon kennen gelernt.“
Irûza stellte die Speisen auf den Tisch und verteilte die Teller, dann begann die Mahlzeit. Das Essen war einfach, schmeckte aber vorzüglich. Anariel aß mit großem Appetit und lehnte sich dann satt und zufrieden zurück. Bortal wartete, bis sich seine Frau, Jurek und Noreth zurückgezogen hatten und fragte dann: „Darf ich Euch ein paar Fragen stellen, Herrin?“
Anariel nickte nur kurz. Sie wusste, was jetzt kam. Er wollte wissen, woher sie kam und wer sie war. Das verstand sich eigentlich von selbst, aber Anariel konnte ihm die Wahrheit natürlich nicht sagen, es war zu gefährlich.
„Woher kommt Ihr, Herrin? Und wie ist Euer Name? Es ist nicht alltäglich, dass eine edle Dame alleine und bei solchem Wetter reist.“
„Mein Name ist Mizûreth, ich komme aus Rómenna und habe hier in Hyarrostar Verwandte, die ich besuchen wollte. Meine Begleiter und ich wurden allerdings vor einigen Tagen von einem gewaltigen Schneesturm überrascht und getrennt. Anschließend irrte ich alleine durch die Ebenen und wurde im Wald von Wölfen angegriffen und bin ihnen nur wie durch ein Wunder entkommen. Meine Verletzung rührt noch daher.“
Bortal sah sie mitfühlend an und Tarak sagte: „Ihr habt Schlimmes durchgemacht, Herrin. Wollt Ihr nicht ein paar Tage bleiben und euch wieder erholen? Wir könnten einen Boten zu Euren Verwandten schicken, der über Euren Verbleib Bescheid gibt.“
„Das ist sehr freundlich, aber ich möchte eure Gastfreundschaft nicht zu lange in Anspruch nehmen. Ihr habt in diesem Winter ohne mich schon genug Arbeit.“
„Unsinn“, widersprach Bortal, „natürlich könnt Ihr bleiben. Mein Sohn hat ganz recht, Ihr solltet Euch ausruhen und wieder zu Kräften kommen. Es schneit auch schon wieder, Ihr könntet morgen wahrscheinlich sowieso nicht weiter.“
Anariel überlegte kurz. Tuor konnte nicht mehr sehr weit gekommen sein ohne ihre Spuren und bei starkem Schneefall. Vielleicht war es sogar klug, sich eine Weile hier aufzuhalten.
„Nun gut, ich nehme dein Angebot an, aber nur, wenn ich im Haushalt mithelfen darf. So kann ich mich wenigstens ein bisschen für eure Freundlichkeit bedanken.“
Bortal nickte und sagte dann: „Tarak könnte sich Eure Verletzungen ansehen. Er kennt sich mit allerlei Kräutern und Heilsalben aus.“
Verlegen lächelte Tarak und wurde rot, als er Anariels Blick bemerkte.
„Ich hole den Beutel“, murmelte er und verschwand.
Bortal erhob sich ebenfalls und wünschte Anariel eine gute Nacht. „Tarak wird Euch Eure Schlafstätte zeigen.“
Dann zog auch er sich zurück. Anariel musste nicht lange auf Tarak warten. Mit einem kleinen bunt bestickten Lederbeutel kam er zurück. In der Hand hielt er noch zwei kleine Tiegel, die mit Korkdeckeln verschlossen waren. Anariel wartete bis er alles auf dem Tisch ausgebreitet hatte, dann fragte sie: „Willst du dir zuerst die Bisse an der Schulter oder die am Bein ansehen?“
Tarak schluckte. „An der Schulter auch? Aber Herrin, ist das erlaubt?“
Anariel lachte leise. „Bist du nun ein Heilkundiger oder nicht? Ich bin lediglich Patient, vergiss einfach den Standesunterschied.“
„Zuerst das Bein“, entschied Tarak schnell. Anariel krempelte ihre weiten Hosen hoch und zog vorsichtig ihren Schuh und den Strumpf aus. Was sie dann sah, nahm ihr für einige Augenblicke den Atem. Die Haut war blau und grün angelaufen und an den Rändern der Bisse hatte sich eine gelbliche Kruste gebildet. Innen war die Wunde empfindlich rot und geschwollen. Tarak runzelte die Stirn und sagte besorgt: „Das sieht aber gar nicht gut aus. Ich weiß nicht, ob ich es so behandeln kann, dass Ihr keine Schmerzen fühlt.“
„Tu, was du für richtig hältst, ich bin einiges gewohnt.“
„Ich muss die Kruste öffnen und den Eiter ablassen, wenn die Verletzung richtig heilen soll. Aber damit sollten wir warten, bis Ihr wieder völlig gesund seid. Selbst wenn ich Euch dafür betäubte, weiß ich nicht, ob Euer Körper den Schmerzen gewachsen wäre.“
Er tupfte dennoch etwas Salbe auf ihr Bein und wollte dann ihre Schulter sehen. Anariel schob ihr Hemd zur Seite und Tarak befühlte mit geübtem Griff die Bissstellen.
„Hier sieht es schon besser aus. Ich denke, Salbe und ein paar Kräuterumschläge genügen. Er rieb Anariels Schulter ein und legte dann einen Verband mit Kräutern an, der wunderbar duftete. Anariel genoss die Pflege und auch Tarak verlor seine Scheu zum größten Teil, nach einer Weile plauderten sie direkt unbefangen miteinander. Schließlich sagte Tarak: „So, der Verband ist fertig. Ich zeige Euch jetzt Eure Schlafstatt.“
Er half ihr auf und führte sie hinter die linke Trennwand. Dort hatte man für sie eine Pritsche hingestellt. Sie war mit weichen Fellen gepolstert und Kissen und Decke bestanden sogar aus echtem Linnen. Anariel zweifelte nicht daran, dass Bortal ihr seinen eigenen Bezug überlassen hatte. Irgendwann, wenn alles vorbei war, dann würde sie sich für die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit dieser Familie revanchieren.
Früh am nächsten Morgen wachte Anariel auf. Außer ihr schien noch niemand wach zu sein, denn das Haus war dunkel und still. Langsam setzte sie sich auf und betastete ihre Schulter. Die Schmerzen waren zwar noch nicht weg, aber zumindest auszuhalten. Ihrem Bein ging es allerdings nicht viel besser, als am Vortag. Durch den Ritt war alle Pflege, die Tuor ihm hatte zukommen lassen, zunichte gemacht. Eigentlich war sie sehr töricht gewesen, einfach wegzurennen ohne gesund zu sein. Was, wenn sie das Dorf nicht gefunden hätte oder ihr die Aufnahme verwehrt worden wäre? Anariel rieb sich den Kopf, sie fühlte sich etwas benommen. Was machte sie sich Sorgen? Es war doch alles gut gegangen. Tuor war sie los, zumindest für einige Tage und wenn sie ganz geheilt war, dann würde sie zurück nach Armenelos reiten. Zurück zu ihrem Bruder und zum Vater. Was würden all ihre Freunde sagen, wenn sie erzählte, was ihr widerfahren war und sie freute sich schon jetzt auf die Gesichter von Isildur und Anárion. Anárion würde wahrscheinlich lachen und sie zu ihren Abenteuern beglückwünschen, sie hörte schon, wie seine etwas spöttische Stimme sie neckte und er seine manchmal recht makabren Witze machte. Isildur dagegen... Er würde ein missbilligendes Gesicht machen und sie für ihre Unbesonnenheit rügen. Sie lächelte, als sie sich seine grauen Augen vorstellte, die ernst und besorgt auf sie herabblickten. Isildur hatte immer ihren Beschützer gespielt, von klein auf bis jetzt. Sie hatte sich immer darüber lustig gemacht und ihn nie ganz ernst genommen, aber jetzt hätte sie nichts dagegen gehabt, wenn er ihr zur Seite stehen könnte. Sie mochte seine vernünftige und oft etwas ernste Art genauso, wie Anárions lustige und leichtfertige.
Seufzend ließ sie sich wieder auf ihr Kissen sinken und starrte an die Decke. In was für eine traurige Geschichte war sie da nur hineingeraten. Und das schlimmste daran war, dass sie sich so ohnmächtig fühlte. Sie konnte nichts anderes tun, als fliehen, warten und wieder weglaufen. Ihr Bruder hatte wenigstens gelernt, sich zu verteidigen und war nicht wehrlos, wie sie. Nicht einmal mit einem Dolch konnte sie richtig umgehen. Es wurde wirklich Zeit, dass sie nach Hause kam und lernte, wie man eine ernst zu nehmende Waffe benutzte.
Im Nebenraum waren jetzt leise Stimmen zu vernehmen. Es war Bortals Stimme und die seiner Frau. Wenig später hörte Anariel, wie im Wohnraum das Feuer angezündet wurde und sie versuchte, aufzustehen. Sie wollte nicht liegen bleiben, während die Familie alle Arbeit erledigte. Aber ihr Vorhaben gestaltete sich schwieriger, als sie gedacht hatte. Ihr rechtes Bein war einfach nicht zu gebrauchen, sie konnte nicht einmal auftreten. Aber sie gab nicht auf, mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete sie sich bis zur Trennwand vor und sah hervor. Irûza und Jurek waren gerade dabei, den Tisch zu decken und Noreth saß in einer Ecke und spielte mit ihrer kleinen Puppe. Bortal und Tarak waren nirgends zu sehen. Eine Weile betrachtete Anariel dieses häusliche Bild schweigend, es war alles so friedlich, fast beneidete sie Irûza für ihr häusliches Glück und hätte gern mit ihr getauscht. Irûza hatte sie bemerkt und kam freundlich lächelnd auf sie zu.
„Guten Morgen Herrin. Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen.“
Anariel nickte und antwortete: „Ja sehr gut, ich danke dir. Aber sag mir: Wäre es möglich, ein Bad zu nehmen oder eine kleine Waschschüssel zu bekommen? Ich habe seit zwei Tagen kein Wasser mehr gesehen.“
Irûza sah sie mitleidig an und antwortete: „Natürlich Herrin. Vielleicht wird es Euch verwundern, aber wir besitzen hier sogar ein kleines Badehaus. Gleich hinter unserem Dorf hat mein Mann einen Kanal gegraben, der direkt zum Badehaus führt und es mit Wasser versorgt. Ich sage gleich Jurek Bescheid, er wird Feuer machen und das Wasser für Euch erwärmen.“
Verblüfft sah Anariel Irûza nach. Sie fragte sich wirklich, was diese einfachen Leute ihr nicht beschaffen konnten. Solche Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit hatte sie bis jetzt nur bei den Elben kennen gelernt. In den Kreisen, in denen sie - nicht immer ganz freiwillig – verkehrte, waren die Menschen stolz und arrogant. Es musste schon ein besonderer Gast sein, wenn sie ihm all ihre Aufmerksamkeit widmeten.
Anariel hinkte unter einiger Anstrengung zum Tisch und wartete. Irûza hatte in der Zwischenzeit Frühstück gemacht und bot Anariel an, ihre Kleidung gegen eines ihrer eigenen Kleider auszutauschen. Anariel nahm dankbar an. Sie wollte so schnell wie möglich aus ihren verschwitzten und schmutzigen Kleidern heraus. Es war Wochen her, dass sie ein richtiges Bad genommen hatte und ihre Vorfreude dementsprechend groß. Bortal kam mit seinen Söhnen zur Tür herein und sagte: „Es hat die ganze Nacht geschneit und ich erwarte, dass heute Mittag ein weiterer Schneesturm losbricht. Ihr werdet heute nicht weiterreiten können Herrin, es wäre zu gefährlich.“
Sie setzten sich an den Tisch und frühstückten, während Irûza Noreth rief, die noch immer mit ihrer Puppe spielte. Tarak sagte an Anariel gewandt: „Euer Bad ist vorbereitet. Wenn Ihr wollt, dann bringe ich Euch hin.“
Anariel nickte dankbar. Sie hatte sich schon überlegt, wie sie mit ihrem Bein den Weg zum Badehaus schaffen sollte.
Tarak brachte für sie beide warme Felle, die sie sich überwarfen, dann hob er sie wieder hoch und verließ das Haus.
Es war doch ein ganzes Stück bis zum Fluss, aber Tarak schien seine Last nichts auszumachen. Nach kurzer Zeit erreichten sie das Badehaus, aus dem es bereits kräftig dampfte. Tarak öffnete eine Tür und setzte Anariel dann vorsichtig ab.
„Ich warte draußen. Wenn Ihr etwas braucht, dann ruft mich.“
Der Raum, in dem sie sich jetzt befand war recht groß. In der Mitte war ein steinernes Becken eingelassen, in dem das Wasser beinahe kochte. Gleich daneben standen mehrere Kerzen, die das Ganze erhellten. Es gab sogar einige Regale, auf denen man seine Kleidung ablegen konnte. Handtücher hingen gleich daneben. Es musste ein sehr wohlhabendes Dorf sein, dass die Bewohner sich etwas so teures leisten konnten. Anariel legte ihre Kleider ab und stieg in das Becken. Besonders ihre Wunden am Bein und an der Schulter brannten wie Feuer, als sie das heiße Wasser berührten, aber schon bald spürte sie nur noch ein dumpfes Pochen, das sie nicht weiter störte. Nachdem sie sich allen Schmutz abgewaschen hatte, lehnte sie sich schläfrig zurück und wäre fast eingenickt, wenn ihr Tarak nicht plötzlich wieder eingefallen wäre. Der Ärmste stand immer noch draußen in der Kälte und wartete. So schnell sie konnte, stieg sie aus dem Wasserbecken, trocknete sich in aller Eile ab und schlüpfte dann in das Kleid, dass Irûza ihr mitgegeben hatte. Es bestand aus einem groben leinenen Stoff und war innen mit weichem Fell gefüttert. Anariel zog ihre Strümpfe und Schuhe an und schlang sich noch ein Handtuch um die nassen Haare, um einer Erkältung vorzubeugen. Langsam ging sie zum Ausgang und öffnete die Tür. Tarak, der auf einem Baumstumpf in der Nähe gesessen hatte, sprang auf und brachte sie wieder zurück ins Haus.
Die nächsten Tage in Bortals Haus verliefen ruhig und friedlich. Anariel erholte sich nun rasch von Krankheit und Anstrengung der letzten Wochen, was nicht zuletzt Taraks Verdienst war. Er kümmerte sich rührend um sie und brachte es sogar fertig, dass die Bisswunden an ihrem Bein nicht allzu große Narben hinterließen. Das Jahr neigte sich schon dem Ende zu, als Tarak Anariel für völlig gesund erklärte. Erleichtert atmete sie auf. Jetzt war es ihr endlich wieder erlaubt, ohne Hilfe zu gehen und sie konnte Irûza im Haushalt helfen, ohne ständig davon abgehalten zu werden. Bortal und seine Frau behandelten Anariel fast schon wie ihre eigene Tochter und Noreth hatte sie schon lange zur Spielkameradin erkoren. Hatte Anariel anfangs Sorge, Tuor könnte sie doch noch finden, verging diese Angst mit dem Verstreichen der Wochen.
Außerdem war jetzt nicht die Zeit, sich Sorgen zu machen, denn das Fest des Mettarë und Yettarë, die Verabschiedung des alten und die Begrüßung des neuen Jahres stand vor der Tür.
Bortal hatte aus einem nahe gelegenen Forst frische Tannenzweige gebracht, die mit Kerzen geschmückt wurden. Irûza hatte mehrere große Laib Weissbrot gebacken und extra ein Glas kostbaren Honig geöffnet. Für ihre Kinder war sie wochenlang im voraus beschäftig, neue Kleidung zu nähen. Auch Anariel bekam ein schönes Kleid. Irûza hatte alle anderen aus dem Haus geschickt, um in Ruhe Maß nehmen zu können, so machte sie es jedes Jahr. Auf die Versicherungen Anariels, das sei doch wirklich nicht nötig, erklärte Irûza streng: „Du gehörst zu unserer Familie, bis du uns verlässt und jedes Familienmitglied bekommt zum Jahreswechselfest neue Kleidung, also sei still und lass mich arbeiten.“
Anariel beobachtete die Anstrengungen des kleinen Dorfes, das Fest so schön wie möglich zu gestalten, mit Verwunderung. Als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte ihre Familie in Rómenna auch jedes Jahr gefeiert, aber seit sie mit ihrem Vater nach Armenelos gezogen waren und Anariel mit den elbischen Bräuchen in Berührung gekommen war, hatte sie für die alten númenórischen Feste kein Interesse mehr gehabt.
Zu dieser Zeit bekam Bortal als Oberhaupt des Dorfes viel Besuch. Es musste viel besprochen und vorbereitet werden, die Anzahl der zu schlachtenden Tiere, der Festschmuck, und, und, und. Es wurde natürlich in Bortals Haus gefeiert, da es das größte im Dorf war. Zu diesem Zweck entfernte man einfach die Trennwände und erhielt so einen Raum, in den alle Bewohner hineinpassten. Anariel erfuhr auch, dass Geschenke verteilt wurden. Die Eltern beschenkten vor allem ihre Kinder. Fieberhaft zerbrach sie sich jetzt den Kopf, was sie Tarak, Jurek und Noreth schenken konnte, ihr fiel aber beim besten Willen nichts ein. Sticken hatte keinen Sinn, das hatte sie noch nie gekonnt und alle Versuche Irûzas es ihr beizubringen, waren kläglich gescheitert. Sie durchwühlte ihre Taschen, aber da sie den größten Teil ihrer Habe in der Hütte der Großmutter zurückgelassen hatte, fand sich dort auch nichts brauchbares. Sie befand sich gerade allein im Haus, als ihr beim Suchen ihre silberne Harfe wieder in die Hände fiel. Zärtlich betrachtete sie das Geschenk der Elben und ließ gedankenverloren ihre Finger über die zarten schimmernden Saiten gleiten. Sofort erfüllte sich der Raum mit lieblicher Musik und Anariel schloss die Augen, um sich wieder an eines der Lieder zu erinnern, die Angrod und Gwindor ihr beigebracht hatten. Sie hatte lange nicht mehr gesungen und sie fand ihre Stimme furchtbar hässlich und unsensibel. Verärgert über sich selbst legte sie das Instrument beiseite.
„Sing doch bitte weiter! Das klingt wunderschön.“
Erschrocken sah sie auf. Tarak stand in der Tür und blickte sie auf merkwürdige Weise an.
„Ich... ich kann es gar nicht mehr“, stotterte Anariel. „Mir fehlt einfach die Zeit, zu üben.“
„Für mich hat sich das aber nicht so angehört, als könntest du es nicht.“
Er kam näher und warf einen Blick auf die silberne Harfe.
„Ein solch kostbares Instrument habe ich noch nie gesehen, nicht einmal bei meinem Lehrer in Rómenna und er liebte die Harfe innig. Das war auch eine fremde Sprache, habe ich recht?“
Anariel ging nicht auf seine Frage ein. „Du warst in Rómenna?“
Tarak nickte. „Ja, ich habe dort bei einem alten Bekannten meines Vaters die Wissenschaften der Medizin studiert. Ab und zu gab er große Gesellschaften und sang uns etwas vor, dabei benutzte er stets die Harfe.“
Er lachte und sagte mit einem Augenzwinkern: „Aber ehrlich, bei dir hat es sich schöner angehört.“
Anariel lachte auch, hüllte das kostbare Instrument aber wieder ein und ließ es in ihrem Lederbeutel verschwinden. Bedauernd sah Tarak zu, sagte aber nichts weiter.
Anariel wandte sich ihm ernst zu.
„Bitte versprich mir, dass du niemandem sagst, was du gehört und gesehen hast. Es kann mich und vielleicht auch euch in große Schwierigkeiten bringen, wenn du dich nicht daran hältst.“
Tarak versprach es ihr und sie gingen gemeinsam nach draußen. Anariel wollte mit Alagos einen kleinen Ausritt machen, denn der Hengst hatte schon öfter aus langer Weile seinen Stall beschädigt. Es war meistens Tarak, der sie begleitete. Bortal hatte keine Zeit und Jurek war noch zu jung. Während sie zum Stall gingen, kreuzten einige andere junge Männer ihren Weg. Anariel wollte vorbeigehen, aber ein großer grober Kerl packte sie am Ärmel ihres Wintermantels und hielt sie fest.
„Na meine Schöne, wohin des Weges?“
Anariel war an eine solche Behandlung nicht gewöhnt und riss sich wütend los. Ohne auf Taraks warnende Blicke zu achten, fauchte sie zornig: „Was fällt dir ein! Wage es ja nicht, mich noch einmal anzufassen!“
Der Mann grinste und ließ seine gelben Zähne sehen.
„Ach ja, ich vergaß. Das Fräulein ist von Adel und gibt sich nicht mit jedermann ab, du hast dir aber leider die falsche Begleitung ausgesucht.“
Und mit diesen Worten schlug er Tarak blitzschnell die Faust in den Magen. Stöhnend brach dieser in die Knie und während er sich keuchend die Hand auf den Bauch hielt, lachten und grölten die anderen laut. Anariel beugte sich schnell über Tarak und half ihm auf.
„Ist alles in Ordnung?“ fragte sie leise.
Tarak nickte leicht.
Zum ihrem Glück waren durch den Lärm einige andere Dorfbewohner aufmerksam geworden und eilten herbei, auch Bortal war unter ihnen. Zornig sah er die jungen Männer an.
„Was zum Teufel soll das, Gimâzor?“, herrschte er den Anstifter an. Der senkte nur die Augen und schwieg, auch die anderen wagten nicht, etwas zu sagen.
„Na schön, wenn ihr nichts zu sagen habt, dann kommt heute Abend zu mir. Ich habe viel Arbeit, die bis zum Fest noch getan werden muss.“
Wie geprügelte Hunde schlichen die Männer davon, nur Gimazor drehte sich noch einmal um und als Anariel seinem Blick begegnete, bekam sie eine Gänsehaut, die Sache war noch lange nicht geklärt. Bortal wandte sich an seinen Sohn und musterte ihn besorgt.
„Ist dir etwas passiert?“
Tarak schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein, es geht mir gut. Ein Schlag in den Magen hat noch keinen umgebracht.“
Bortal runzelte die Stirn und blickte in die Richtung, in die Gimazor und seine Bande verschwunden waren.
„Ich glaube, wir müssen besser auf dich aufpassen Mizûreth. Warnen brauche ich dich vor Gimazor nun ja nicht mehr, er ist ein brutaler Kerl, der schon öfter Ärger gemacht hat.“
Anariel nickte und zusammen gingen sie wieder zurück ins Haus. Tarak ging es doch nicht so gut, wie er gesagt hatte und alleine traute sich Anariel nicht, auszureiten. Alagos würde sich eben noch gedulden müssen.
Das Fest rückte immer näher und mit jedem Tag wuchs die Vorfreude. Noreth war schon ganz aufgeregt und kostete ihre Mutter fast den letzten Nerv, indem sie ständig nach ihren Geschenken fragte und ihre neuen Kleider anziehen wollte. Anariel hatte nebenbei erfahren, dass die Kleine Bilder über alles liebte und jetzt war Anariel beschäftig, ein Bild von ihrem Pferd Alagos anzufertigen, um es Noreth zu schenken. Für Jurek hielt sie ein kleines schön gearbeitetes Messer bereit, das sie im Tausch für ihre Winterstiefel erhalten hatte, nur für Tarak wollte ihr nichts Passendes einfallen. Es sollte etwas Besonderes sein, als Dank für seine Pflege und Freundschaft, aber jeden Einfall verwarf sie gleich wieder und kam zu keinem Ergebnis. Als wirklich jegliche Quelle versiegt war, beschloss sie, ihm die Wahl zu lassen. Sie würde ihm einen Wunsch gewähren, vorausgesetzt, es stand in ihrer Macht, ihn zu erfüllen.
Endlich war es soweit. Der Tag des Festes war gekommen. Auf dem Dorfplatz, nahe des Brunnens wurde der riesige Holzhaufen, den die Männer in tagelanger Arbeit aufgeschichtet hatten, angezündet und das gesamte Dorf versammelte sich im großen Kreis darum. Inmitten Bortals Familie stand Anariel und starrte fasziniert in die rote und gelbe Feuersbrunst, die hoch in den Himmel loderte. Sie lauschte den Worten des Dorfältesten, der erst eine kleine Ansprache hielt und dann ein altes Lied anstimmte, das hier immer zum Jahreswechsel gesungen wurde. Anschließend bat Bortal das Dorf zu sich ins Haus. Man hatte dort rund um die Feuerstelle zweireihig Bänke und Tische aufgestellt, damit auch jeder Platz fand. Die Tischdekoration hatten Irûza, Anariel und einige andere Frauen in mühsamer Arbeit angefertigt und verteilt. An jedem Fenster brannten mehrere große Wachskerzen und erhellten den Raum. Über der Feuerstelle wurde schon ein großer Hammel gedreht, der eigens für das Fest gemästet worden war und herrlich duftete. Dazu gab es Kartoffeln und Gemüse, das in großen Schüsseln auf den Tischen stand. Anariel saß neben Bortal und Tarak und ließ es sich schmecken. Als jeder seine Mahlzeit beendet hatte, wurden fröhliche Lieder angestimmt und Geschichten erzählt. Anariel erfuhr in diesen Stunden mehr über die Sagen und die Geschichte Númenors als alle Jahre zuvor. Wie gern hätte sie jetzt von den Elben erzählt und Gedichte und Lieder vorgetragen, aber das war schlichtweg zu gefährlich. Bortals Familie hätte sie in dieser Hinsicht zwar getraut, aber bei all den anderen Bewohnern konnte sich nicht sicher sein, ob nicht jemand sie verraten würde. Die gemütliche Atmosphäre und die Wärme machten sie allmählich schläfrig und sie wäre eingenickt, hätte Tarak sie nicht an der Schulter gerüttelt und ihr zugeflüstert: „Nicht einschlafen, jetzt werden doch die Geschenken verteilt.“
Sofort war Anariel hellwach. In einem Beutel unter ihrem Stuhl bewahrte sie die Geschenke für Jurek und Noreth auf. Die anderen kramten ebenfalls in Taschen, Kisten und Beuteln und das bis jetzt leise Murmeln schwoll zu einer fast ohrenbetäubenden Lautstärke an. Bortal schenkte seinen beiden Söhnen neue Schuhe und Irûza die Kleider, die sie genäht hatte. Noreth bekam von ihrem Vater eine kleine Kette aus Holzperlen, über die sie ganz in Verzückung geriet. Anariel stand beschämt neben den drei Geschwistern und empfing ein blaues Kleid, auf dessen Ausschnitt und Ärmel wunderschöne weiß schimmernde Stickereien aufgenäht waren. Von Bortal erhielt sie ein Paar weiche Lederstiefel und einen Kuss auf beide Wangen. Mit einem Gefühl, dass ihr sagte, sie verdiene das alles gar nicht, bedankte sie sich bei Bortal und Irûza und wandte sich dann an Jurek und Noreth. Beide freuten sich sehr über ihre Geschenke und Noreth wollte Anariel unbedingt auch etwas schenken. Lachend wehrte Anariel ab, als Noreth ihr ihre Puppe anbot und beruhigte sie damit, dass sie ihr ja auch ein Bild malen könne. Noreth verschwand sogleich, um diesen Auftrag auszuführen. Anariel sah sich nach Tarak um, konnte ihn aber nirgendwo entdecken. Er war doch nicht verstimmt, dass sie ihm bis jetzt nichts geschenkt hatte?
Das Fest neigte sich seinem Ende zu und die Gäste gingen allmählich nach Hause, manche gingen allerdings nicht, sondern mussten getragen werden, weil sie dem Wein etwas zu heftig zugesprochen hatten, aber bis zwei Stunden vor Sonnenaufgang hatte man auch die letzten aus dem Haus geschafft, die ohne Hilfe nicht mehr gehen konnten. Während Bortal und seine Frau sich mit Noreth und Jurek zurückzogen, um noch ein wenig zu schlafen, blieb Anariel wach und suchte Tarak. Nach fast zwei Stunden Suche gab sie es schließlich auf und beschloss, in den Pferdestall zu gehen. Leise betrat sie die hölzerne Scheuer und ging auf ihr Pferd zu, als zwei Hände sich plötzlich über ihre Augen legten. Eine leise Stimme flüsterte: „Keine Angst, ich bin’s. Ich habe etwas für dich, lass deine Augen geschlossen, bis ich es sage.“
Hier hatte Tarak also gesteckt, darauf hätte sie auch früher kommen können.
Sie tat, was er verlangte und wartete. Es dauerte nicht lange und er forderte sie auf, die Augen zu öffnen. Als sie sich wieder an die Umgebung gewöhnt hatten, sah sie Alagos vor ihr stehen. Er war aufs sorgfältigste herausgeputzt und zu allem Überfluss trug er ein sehr schönes Halfter aus hellbraunem Leder, das mit bunten Perlen bestickt war. Mit offenem Mund ging sie auf ihr Pferd zu und bewunderte die kunstvolle Arbeit.
„Hast du das etwa gemacht?“ Ungläubig befühlte sie das Halfter.
„Ja, es war ein ganz schönes Stück Arbeit, aber ich dachte, du könntest so etwas gut brauchen.“
Anariel war völlig überrumpelt und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie umarmte ihn und küsste ihn auf beide Wangen, dann sagte sie: „Ich wollte dir auch etwas schenken, aber es fiel mir nichts passendes ein. Deshalb darfst du dir etwas von mir wünschen, es sollte nur nichts Unmögliches sein.“
Tarak lachte und umarmte nun seinerseits Anariel.
„Sing mir etwas vor und spiel dazu auf deiner silbernen Harfe. Jetzt wird bestimmt keiner sonst etwas hören.“
Anariel zweifelte zwar daran, konnte aber nicht ablehnen. Sie hatte ihm einen Wunsch gewährt und musste ihn nun auch erfüllen. Leise schlich sie zurück ins Haus und kehrte mit ihrer silbernen Harfe in den Stall zurück.
Sie setzten sich auf einen hölzernen Balken und Anariel fing an zu singen. Sie wählte ein altes númenórisches Volkslied, das ihr noch von früher bekannt war. Je länger sie sang, desto sicherer wurde ihre Stimme und sie freute sich über das Ergebnis. Tarak hatte aufmerksam zugehört und als sie geendet hatte, fragte er fast vorsichtig: „Würdest du noch das Lied singen, das du vor einigen Tagen so schnell abgebrochen hast. Ich kann weder die Melodie noch die Sprache vergessen.“
Anariel fragte Tarak ernst: „Willst du das wirklich? Wenn nur einer, dem wir nicht vertrauen können, es hört, dann kann es große Schwierigkeiten geben. Ich denke nicht nur an mich, sondern auch an euer Dorf und vor allem an deine Familie.“
Tarak blickte zu Boden und zupfte an einem Strohhalm herum. Schließlich meinte er: „Du hast recht. Ich hätte es nur gerne einmal ganz gehört.“
Anariel konnte ihn verstehen, ihr war es früher genau so gegangen. Als kleines Mädchen hatte sie ihren Vater oft mit Freunden Sindarin sprechen hören und schon bald war ihre Sehnsucht nach dieser schönen Sprache geweckt. Sie hatte alles über die Elben und ihre Geschichte erfahren wollen und ihren Vater mit ihrer Hartnäckigkeit manches Mal fast in den Wahnsinn getrieben.
Freundschaftlich legte sie Tarak die Hand auf seine Schulter und sagte: „Ich mache dir einen Vorschlag: Wir reiten morgen zusammen aus und wenn wir weit genug weg sind, singe ich dir das Lied, einverstanden?“
Tarak nickte und sprang vom Balken und sagte: „Komm, gehen wir wieder ins Haus, es ist ganz schön kalt hier drin.“


Anariel hielt ihr Versprechen und sang Tarak am nächsten Tag das Lied von Tuor und Idril in voller Länge.
Auf dem Rückweg ins Dorf war Tarak sehr still und nachdenklich. Erst als sie im Stall die Pferde versorgten, brach er das lange Schweigen. „Gibt es Elben?“
Anariel sah ihn lange an, dann nickte sie langsam. „Sie leben jenseits des Meeres.“
„Woher weißt du von ihnen, es gibt hier doch niemanden ihres Volkes?“
„Früher kamen sie oft hierher und brachten viele Geschenke aus ihrem Land mit, irgendwann verbot ein númenórischer König ihnen, die Insel zu betreten und langsam begannen die Bewohner zu vergessen. Nur wenige bewahrten ihr Andenken weiterhin, denn der König ließ sie alle verfolgen und tötete viele.“
Taraks Augen wurden groß. „Die... Getreuen, du meinst die Getreuen und... du gehörst zu ihnen?“
Jetzt war es an Anariel, überrascht zu sein: „Du kennst sie?“
„Ich habe in Rómenna studiert, hast du das vergessen? Viele der Getreuen wurden in dieser Zeit im Tempel verbrannt. Niemand wagte, auch nur über sie zu sprechen, man wusste nur, dass sie diejenigen waren, die am meisten unter Ar-Pharazôn zu leiden hatten.“
Anariel schlug die Augen nieder und setzte sich auf den Boden. Sie hatte plötzlich ein furchtbar schlechtes Gewissen. Mit einemmal wurde ihr bewusst, in welche Gefahr sie das gesamte Dorf mit ihrer Anwesenheit gebracht hatte.
„Ich glaube, ich muss dir etwas beichten.“
Tarak ließ sich neben ihr nieder.
„Als ich zu euch gekommen bin... habe ich euch nicht die Wahrheit erzählt, über meine Herkunft meine ich. Ich bin nicht in einen Schneesturm geraten und ich hatte auch keine Begleiter bei mir. Ich wurde verfolgt, von einem Spion des Königs, der uns verraten und meinen Vater verhaftet hat.“
Tarak sagte nichts und so fuhr Anariel stockend fort: „Erst versteckte ich mich in einer kleinen Hütte im Wald, aber der Spion fand mich und ich musste fliehen und so bin ich zu eurem Dorf gelangt.“
Sie sah Tarak an.
„Ich habe euch in große Gefahr gebracht. Wenn man herausfindet, dass ihr mir Unterkunft gegeben hat, dann wird man euch bestimmt bestrafen. Es tut mir so Leid!“
Als Tarak immer noch schwieg, packte Anariel ihn am Ärmel und bat flehend: „Nun sag doch etwas!“
Sanft löste er sich aus ihrem Klammergriff und sagte ernst: „Du musst sofort gehen.“
Anariel war niedergeschlagen und fühlte sich sehr hilflos, aber sie wusste, dass er mit seiner offenen Antwort recht hatte. Keine Sekunde länger durfte sie hier bleiben, sie hätte schon viel früher aufbrechen sollen.
„Ich gehe und packe meine Sachen“, sagte sie leise und stand auf. Tarak hielt sie nicht zurück, wie sie insgeheim gehofft hatte. Gerne hätte sie noch verweilt und ihre Lage noch für einige Wochen vergessen.
Draußen war es schon dunkel, als sie Bortals Haus betrat. Die Insassen schienen alle schon zu schlafen. Umso besser für Anariel, dann musste sie sich nicht mit umständlichen Erklärungen herausreden. In aller Eile packte sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Das Kleid, das ihr Irûza geschenkt hatte, legte sie erst nach einigen Augenblicken zurück auf ihre Schlafstatt. Nach einem solchen Vertrauensbruch brachte sie es nicht übers Herz, es mitzunehmen. Sie hatte die Freundlichkeit der guten Leute nicht verdient.
Leise schlich sie wieder aus dem Haus und in den Stall.
Tarak hatte Alagos bereits wieder gesattelt und wartete neben seinem eigenen Pferd auf Anariel. Überrascht bemerkte sie, dass es ebenfalls aufgezäumt und gesattelt war.
„Was hat das zu bedeuten? Du willst doch nicht etwa mitkommen?“
„Glaubst du wirklich, ich lasse dich alleine gehen, jetzt wo ich weiß, wie es um dich bestellt ist?“
„Tarak, das ist wirklich keine gute Idee. Was wird denn aus deiner Familie, wenn du nicht mehr da bist und was werden die anderen Bewohner dazu sagen?“
„Meine Eltern kommen auch ohne mich zurecht und was die anderen über mich denken ist mir gleichgültig. Ich lasse dich jedenfalls nicht kopflos in Gefahren rennen.“
„Aber du weißt doch gar nicht, wohin ich will.“
„Spielt das eine Rolle?“
Anariel seufzte. Es war wohl ein Ding der Unmöglichkeit, Tarak davon abzuhalten, sie zu begleiten. Im Geheimen war sie froh über sein hartnäckiges Angebot und willigte schließlich ein.
Vorsichtig führten sie die Pferde ein Stück aus dem Dorf heraus. Erst als es nur noch als ein schwarzer Schemen auszumachen war, stiegen sie auf ihre Pferde und trabten davon.
(Steph)