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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Auf der Suche

Wasserflaschen, Proviant, ein Seil und zwei Decken, außerdem ihren warmen Mantel und Kleidung zum Wechseln. Anariel überlegte angestrengt. Hatte sie etwas vergessen? In Gedanken ging sie noch einmal ihre Liste durch.
Wenn sie die Reise wagen wollte, musste wirklich alles bestens geplant und vorbereitet sein. Bis nach Andúnië war es schließlich ein sehr weiter und nicht ganz ungefährlicher Weg. Anariel war selbst nicht ganz wohl dabei, wenn sie daran dachte, den weiten Weg allein zurückzulegen. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie musste ihren Vater finden, bevor er von den Soldaten der Schwarzen Garde noch einmal verhaftet wurde. Seit seiner Flucht waren schon mehrere Wochen vergangen und dennoch waren die Schergen Saurons immer wieder in Elendils Haus eingedrungen und hatten stundenlang nach Hinweisen auf Narmacils Verbleib gesucht. Dank Elendils guter Verbindung zum Palast war er immer rechtzeitig gewarnt worden und hatte dafür gesorgt, dass weder Anariel noch verräterische Papiere gefunden wurden. Elendil hatte sogar einen Boten nach Rómenna geschickt, der dort nach ihrem Vater suchen sollte, aber er war ohne Ergebnis zurückgekehrt. Dieser Misserfolg hatte schließlich den Ausschlag für ihre Entscheidung gegeben, selbst nach ihrem Vater zu suchen. In Armenelos hielt sie nicht mehr viel, ihr würde der Abschied bestimmt nicht schwer fallen. Die ständige Angst, entdeckt zu werden und die schmerzlichen Erinnerungen an ihren Bruder waren weitere Gründe, die Stadt zu verlassen. Nach einigen heftigen Wortgefechten überzeugte sie damit sogar Elendil. Isildur und Anárion waren allerdings nicht so schnell einverstanden.
„Und wo bitte willst du zuerst suchen?“ grollte Isildur. „Númenor ist eine große Insel, dein Vater könnte überall sein.“
Anárion nickte zustimmend und meinte etwas versöhnlicher: „Bleib doch, Anariel, bitte. Hier bei uns bist du so sicher, wie sonst nirgends.“
Anariel schüttelte den Kopf. „Gebt euch keine Mühe, ich lasse mich nicht umstimmen. Wenn Vater nicht in Rómenna ist, dann kann er nur in Andúnië sein, da bin ich ganz sicher.“
Isildur runzelte wütend die Stirn. „Und wenn er nun nicht dort ist? Was passiert dann? Dann war alles umsonst und du riskierst obendrein noch, dass man dir auf die Schliche kommt. Hast du dir noch nie darüber Gedanken gemacht, dass die Schwarze Garde vielleicht nicht nur hinter deinem Vater her ist, sondern auch hinter dir?“
Anariel musste zugeben, dass Isildurs Einwände berechtigt waren, trotzdem war sie fest entschlossen. Nichts und niemand würde sie davon abhalten, ihren Vater aufzuspüren, und wenn es Jahre dauern sollte. Mit überzeugter Stimme antwortete sie: „Es weiß doch außer euch niemand, dass ich wieder in der Stadt bin, wie sollten die Soldaten mich verfolgen. Man denkt doch, ich sei irgendwo auf dem Land.“
Anárion nickte mit dem Kopf, fügte aber hinzu: „Du hast natürlich recht, aber wenn du Armenelos verlassen willst, musst du durch eines der Stadttore und die werden seit der Flucht deines Vaters und Tuors strengstens überwacht. Es wird nicht einfach, da hinauszukommen.“
„Mir wird schon etwas einfallen“, erwiderte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und damit war für sie die Diskussion beendet.
Anariel lächelte. Isildur und Anárion waren natürlich trotz ihrer Vorbehalte bereit, ihr zu helfen. Zwei volle Tage brachten sie damit zu, einen Plan auszuarbeiten, der Anariel sicher und unentdeckt aus der Stadt bringen sollte. Außerdem nannte Elendil ihr einige Adressen, an die sie sich in Andúnië wenden konnte, um ihr die Suche zu erleichtern.
Anariel nahm ihren Rucksack und verstaute ihre Sachen sorgfältig, dann setzte sie sich an ihre Kommode und betrachtete sich nachdenklich im Spiegel. Ihr Gesicht war viel schmaler und blasser als sie es in Erinnerung hatte und betonte die dunklen Augenringe mehr, als ihr lieb war. Nachdenklich strich sie sich einige widerspenstige Haarlocken aus dem Gesicht. Auf ihre langen dunklen Haare war sie immer sehr stolz gewesen, denn sie hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, als Narmacil ihr vor mehr als zehn Jahren das Diadem seiner Frau auf die Haare legte und sagte: „Deine Mutter wollte, dass du es bekommst, wenn du alt genug bist. Ich finde, der Zeitpunkt ist jetzt gekommen.“
Anariel lächelte wehmütig. Es war schon lange her, dass sie den Schmuck ihrer Mutter getragen hatte. Mittlerweile war er wahrscheinlich in den Schatzkammern des Königs verschwunden, wie all ihre anderen Besitztümer. Das einzige, was Alatarion noch hatte retten können, war eine kleine Truhe mit einigen Kleidungsstücken und seinen Lieblingsbüchern. Elendil hatte ihr die Sachen gegeben, als sie sich nach der schrecklichen Nachricht vom Tod ihres Bruders wieder etwas beruhigt hatte. In der Truhe fand sie außer diesen Dingen noch einen kostbaren Dolch aus Mithril. Die schöne Waffe lag jetzt vor ihr auf der Kommode und fast zärtlich strich sie über die feine Arbeit. Daran, dass der Dolch aus Mittelerde stammte, bestand kein Zweifel. Nur in Gil-galads Reich gab es dieses teure Silber und nur dort waren die Elbenschmiede in der Lage, solche Waffen herzustellen. Vermutlich war er ein Geschenk Narmacils, sie selbst musste sich beschämt eingestehen, dass sie völlig vergessen hatte, ihrem Bruder etwas mitzubringen. Damals war sie nur ärgerlich gewesen, dass Alatarion nicht mit auf die Reise gekommen war. Hätte sie nur...
Anariel schüttelte den Kopf. Jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was gewesen wäre oder hätte sein können, wenn. Sie musste für den morgigen Tag ausgeruht und vorbereitet sein. Anárion hatte ihr den Plan genauestens erklärt, aber wenn sie Fehler machte, konnte das gefährliche Auswirkungen haben. Isildur hatte für den morgigen Tag einen Ochsenkarren gemietet und ihn zusammen mit seinem Bruder in mühevoller Arbeit mit schweren Weinfässern beladen. Anárion war des weiteren zu einem Bekannten, Beor mit Namen, gegangen und hatte sich Ausfuhrpapiere fälschen lassen, die sogar das Siegel des Königs trugen. Beor sollte morgen auch dafür sorgen, dass Anariel unbeschadet aus der Stadt hinauskam. Isildur oder Anárion konnten sie nicht begleiten, beide waren zu bekannt, als dass sie Armenelos hätten verlassen können, ohne Aufsehen zu erregen. Beor hingegen hatte schon des öfteren Lieferungen für den König erledigt und war den meisten Torwachen bekannt. Anariel sollte als Beors Neffe durchgehen. Er hatte ihr extra zu diesem Zweck einfache bäuerliche Kleidung zukommen lassen. Wieder ein kritischer Blick in den Spiegel.
Ihre vollen Haare würde sie niemals unter einem halbwegs unauffälligen Hut verstecken können, also blieb nur eine Möglichkeit. Leicht zitternd griff sie nach dem Dolch und zog die scharfe Klinge vorsichtig aus der Scheide.


Kurz vor Sonnenaufgang riss ein leises aber energisches Klopfen Anariel aus ihrem Schlaf. Etwas benommen rieb sie sich die Augen und wankte zur Tür. Eigentlich wollte Isildur zu einem freundlichen „Guten Morgen“ ansetzen, aber als er Anariel sah, blieben ihm die Worte im Hals stecken. Anariel, die seine Verwirrung bemerkte, lachte leise und fragte scheinheilig: „Was ist denn los? Hat dir meine Schönheit die Sprache verschlagen?“
Anárion deutete noch immer leicht verwirrt auf ihre Haare und fragte unsicher: „Was... was hast du mit deinen Haaren gemacht?“
„Gefällt es dir nicht? Ich finde, mir steht die neue Frisur“, entgegnete Anariel neckend, wurde dann aber schnell ernst. „Nein, Spaß beiseite, ich hielt es für praktischer, als Mann verkleidet zu gehen. Immerhin soll ich mich auch als solcher ausgeben.“
Isildur musterte die kurzen Haare kritisch und sagte schließlich schulterzuckend: „Du musst selber wissen, was du tust. Komm jetzt, Beor wartet schon im Hof.“
Anariel war ein bisschen enttäuscht. Sie hätte von Isildur eine etwas lebhaftere Reaktion erwartet, als ein müdes Schulterzucken. Er ließ doch sonst keine Gelegenheit aus, sie zu necken. Anariel beobachtete ihn heimlich von der Seite, während sie hinunter gingen. Sein Gesicht war verschlossen und sah irgendwie ärgerlich aus. Sie hütete sich jedoch, eine entsprechende Frage zu stellen. Wenn er sich in einer solch seltenen Gemütslage befand, dann ließ man ihn am besten in Ruhe.
Beor war ein großer breiter Mann, mit langem schwarzem Bart. Seine Augen blitzten Anariel und Isildur schalkhaft aus seinem tief zerfurchten Gesicht entgegen. Ihm schien das nicht ungefährliche Versteckspiel großen Spaß zu bereiten.
„Guten Morgen!“ dröhnte sein tiefer Bass. „Ihr seid bereit, wie ich sehe.“
Anariel nickte und gab Beor die Hand, was sie lieber nicht hätte tun sollen, denn als er sie wieder los ließ, hatte sie das Gefühl, in einen Schraubstock geraten zu sein. Verstohlen rieb sie sich die schmerzenden Finger, lächelte Beor aber weiterhin freundlich an, während er ihr die wichtigsten Verhaltensmaßregeln mitteilte.
Anariel sollte neben ihm auf dem Kutschbock sitzen und sich so unauffällig, wie möglich verhalten. Ihr Name sei für die kurze Zeit Karmoth und sie sei sein Neffe vom Land, der ihn hier besucht habe und nun mit seinem Onkel wieder zurück zur Familie wolle.
Anariel prägte sich Beors Worte gut ein, es konnte wirklich nichts schief gehen, alles war bestens vorbereitet. Der Wagen stand nicht weit von Elendils Haus in einer gut versteckten Gasse, niemand würde Verdacht schöpfen, wenn früh morgens eine königliche Lieferung die Stadt verließ. Beor verabschiedete sich von Isildur und ging schon zum Hoftor vor. Anariel drückte seine Hände und sagte: „Richte deinem Bruder schöne Grüße von mir aus und sag ihm, er soll sich nicht zu viele Sorgen machen.“
Isildur schluckte und als Anariel ihn so sah, verspürte sie plötzlich das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihn fest an sich. Plötzlich war sie sich gar nicht mehr so sicher, ob sie wirklich gehen wollte.
Ein leises Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. Beor stand noch immer am Tor, man sah ihm seine Ungeduld nun aber deutlich an. Isildur ließ sie los und drückte ihr ein kleines Lederbeutelchen in die Hand. „Öffne es erst dann, wenn du sicher aus der Stadt bist.“
Anariel schwieg und sah ihm verwirrt nach, bis er im Haus verschwunden war.


Der Morgen dämmerte schon, als der Wagen heftig rumpelnd das Tor erreichte. Zwei Wachen standen rechts und links gelangweilt gegen ihre Waffen gelehnt. Anariels Herz schlug ungewollt schneller und ihre Hand zitterte leicht, als Beor ihr die Zügel übergab, um die Formalitäten zu erledigen. Die Wachen grüßten ihn freundlich und beachteten Anariel kaum, während Beor den gefälschten Passierschein vorzeigte. Und dann waren sie draußen. Es ging ganz schnell, schneller, als Anariel glauben konnte. Einer der Wachen öffnete das Tor, Beor schwang die Peitsche und die Ochsen setzten sich in Bewegung. Vor dem Tor mussten sie mehreren Wagen ausweichen, die schon darauf warteten, in die Stadt zu gelangen und ihre Waren loszuwerden. Anariel, die sich ihre Mütze tief ins Gesicht geschoben hatte, nahm sie vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Beor grinste und brummte freundlich: „In einer Stunde erreichen wir ein kleines Wäldchen. Ein Pferd steht bereit und noch einige andere Dinge, die Ihr vielleicht benötigt.“
Genau wie Beor gesagt hatte, erreichten sie das Wäldchen nach einer Stunde. Er half ihr vom Wagen und führte sie ein kleines Stück in den Wald. Dort stand das Pferd, Anariel stellte freudig fest, dass es sich um Alagos handelte, fertig aufgezäumt, mit prall gefüllten Satteltaschen.
Beor wünschte ihr viel Glück auf ihrer weiteren Reise und verabschiedete sich. Anariel wartete, bis sie von ferne den Ochsenkarren weiterfahren hörte und führte Alagos zwischen den Bäumen heraus auf die Straße, dann stieg sie in den Sattel und wandte sich nach Norden. Sie wollte einen weiten Bogen reiten, um eventuellen Verfolgern oder Spähern nicht gleich ihr eigentliches Ziel zu verraten.


Müde stieg Anariel vom Pferd und ließ sich unter dem großen Baum nieder, den sie schon von weitem gesehen hatte. Sämtliche Gliedmaßen schmerzten, besonders der Rücken. Sie hatte Glück, dass das Wetter mitspielte und es so warm war, dass sie kein Feuer anzünden musste. Wahrscheinlich hätte sie es ohnehin nicht getan, erschöpft und zerschlagen, wie sie war. Aus ihrem Rucksack beförderte sie Dörrfleisch und Äpfel zu Tage und fing an, zu essen. Der hungrige Alagos bekam einen Apfel und musste sich ansonsten mit dem Gras zufrieden geben, das vor seiner Nase wuchs. Hundemüde wickelte sich Anariel in ihre Decke und legte sich zum Schlafen nieder, fuhr aber im selben Moment wieder hoch. Irgendetwas stach sie ganz empfindlich in die Seite. Stirnrunzelnd und ärgerlich entwirrte sie sich wieder und kramte in ihren Taschen nach dem Störenfried. Sie wollte das kleine Säckchen gerade weit von sich schleudern, als sie merkte, was sie da in den Händen hielt. Es war das Geschenk Isildurs, sie hatte es völlig vergessen.
„Öffne es erst dann, wenn du sicher aus der Stadt bist.“ Nun, sie war sicher aus Armenelos entkommen, es hinderte sie eigentlich nichts mehr daran, das Beutelchen aufzumachen.
„Na dann, sehen wir doch mal nach, was Isildur da Geheimnisvolles hineingetan hat“, sagte sie zu Alagos gewandt, der seine Herrin nach dem Tanz, den sie gerade veranstaltet hatte, misstrauisch beäugte und die Ohren angelegte. Anariel öffnete den Beutel und etwas längliches silbernes fiel ihr in die Hände. In der Dunkelheit konnte sie nicht gleich erkennen, um was es sich handelte, ein Armband oder eine Kette vielleicht? Wie kam Isildur dazu, ihr ein Schmuckstück zu schenken, das hätte er ihr auch so geben können, ohne daraus ein großes Geheimnis zu machen. Ihre Finger tasteten den Schmuck weiter ab, es musste eine Kette sein, mit Blumen verziert? Plötzlich fiel es ihr wieder ein, Forlindon, der Markt und der Elbenschmied... und Isildur der verrückte Kerl hatte doch tatsächlich...
Sie schluchzte leise, wischte sich aber dann verstohlen die Tränen aus den Augen. Was würde ein vorbeikommender Reisender sagen, wenn er sie so vorfände. Ein junger Mann mit einer Kette in der Hand und weinend? Anariel beherrschte sich und legte sich endgültig zum Schlafen nieder. Die Kette behielt sie allerdings fest in der Hand.


Ihre Arme schmerzten und der rechte Fuß war eingeschlafen. Gab es denn auf dieser verflixten Insel keinen einzigen Vogel mehr? Seit drei Stunden lag sie schon auf der Lauer und hatte noch nicht einmal die Schwanzfeder eines Vogelviehs zu Gesicht bekommen. Alagos lag angebunden hinter einigen Sträuchern und kaute gelangweilt auf einem Grashalm herum, ab und zu warf er seiner Herrin einen vorwurfsvollen Blick zu, als könne das etwas an seiner derzeitigen Lage ändern. Anariel senkte den Bogen und sah mit zusammengekniffenen Augen hinauf. Die Sonne schien und am tiefblauen Himmel zeigte sich keine Wolke, nur leider auch kein Vogel. Ihr Magen knurrte mittlerweile immer lauter, ihr Proviant hatte nur bis zum Frühstück am heutigen Tag gereicht. Von jetzt an musste sie selbst dafür sorgen, dass sie etwas zu essen hatte. Wenn es allerdings so weiterging, dann würde sie nicht mehr weit kommen. In den Schlingen, die sie am Abend vorher gelegt hatte, war natürlich auch kein Tier zu finden. Wütend und hungrig wollte sie endlich aufgeben, als sie von fern plötzlich ein lautes Kreischen hörte. Sie beschattete ihre Augen und spähte nach dem Verursacher des Lärms. Da! Hoch oben, direkt über ihr schwebte ein großer Raubvogel. Anariel bewegte sich ganz ruhig und so wenig wie möglich. Raubvögel waren sehr misstrauisch und schnell zu vertreiben. Mit geübten Griffen legte sie einen Pfeil an und spannte die Sehne, sie konnte das Tier gar nicht verfehlen. Ein leises Surren und der Pfeil schoss nach oben. Kurze Zeit später fiel etwas Großes einige Meter vor ihr auf den Boden, sie hatte ihn getroffen. Schnell krabbelte sie auf allen Vieren zu dem toten Raubvogel, um ihn zu begutachten. Der Pfeil war ihm direkt durch die Kehle gedrungen. Anariel lächelte stolz, ihr Vater wäre sehr zufrieden gewesen. Er hatte sie oft mit auf die Jagd genommen und ihr alles beigebracht, was sie über die Vogeljagd wissen musste. Sogar ein kostbarer Jagdfalke hatte sich einmal in ihrem Besitz befunden. Nachdem sie ihn ausgebeint hatte, nahm sie den toten Vogel und band Alagos los, mit ein bisschen Glück würde sie vielleicht bald wieder mit ihrem Vater auf die Jagd gehen. Trotz ihres Hungers beschloss Anariel, den Vogel erst am Abend zu braten und zu essen. Der Platz hier bot ihr zu wenig Schutz vor neugierigen Blicken, außerdem wollte sie so lange es hell war noch ein gutes Stück weiterreiten.
Kurz vor Sonnenuntergang erreichte sie ein kleines Wäldchen und beschloss, hier ihr Nachtlager aufzuschlagen. Anariel stieg ab und führte Alagos durch die Bäume, bis sie auf eine Lichtung stieß, in deren Mitte ein kleiner Teich lag. Links davon wuchsen einige kleine Sträucher und Farne, ansonsten war der Boden mit Gras bedeckt. Während sie Alagos absattelte, bemerkte sie, wie das Tier den Kopf unruhig hin und her warf und ängstlich in Richtung der Sträucher schnaubte. Es musste sich jemand dort befinden. Anariel zog ihren Dolch und schlich leise auf das dichte Gebüsch zu. Jetzt ganz nahe, konnte sie eine Gestalt erkennen, die bewegungslos unter dem größten Busch lag. Vorsichtig schob sie die Zweige zur Seite, den Dolch immer noch gezückt.
Eine Junge! Überrascht steckte sie die Waffe wieder in ihren Gürtel. Was in aller Welt tat ein kleiner Junge hier im Wald, mutterseelenallein? Leise, um ihn nicht aufzuwecken und zu erschrecken, kroch sie wieder zurück. War er von zu Hause weggelaufen oder hatte er sich verlaufen? Nun ja, wenn er aufwachte, dann würde er schon kommen und ihr alles erklären.
Anariel beruhigte Alagos und fing dann an, Zweige und kleine Äste für ein Feuer zu sammeln. Brennholz lag zum Glück überall herum und sie musste sich nicht von der Lichtung entfernen. Bald brannte das kleine Feuer und verbreitete eine behagliche Wärme. Obwohl schon Frühling, waren die Nächte häufig noch sehr kühl. Anariel legte einen weiteren Ast ins Feuer und stand dann auf. Sie holte den Raubvogel, steckte ihn auf einen Stock und hielt ihn über die Glut. Der Duft von gebratenem Fleisch verbreitete sich augenblicklich auf der ganzen Lichtung. Schläfrig und mit knurrendem Magen starrte Anariel in die Flammen und lauschte dem Knacken und Zischen des verbrennenden Holzes. Unauffällig schielte sie zu dem Busch, hinter dem der Junge schlief. In der Dunkelheit war es schwer zu erkennen, aber sie war sicher, dass er sich noch dort befand. Er war wach, beobachtete sie. Anariel ließ sich nichts anmerken und nahm den Spieß vom Feuer, als sie das heiße Fleisch abschneiden wollte, verbrannte sie sich gehörig die Finger. Wütend ließ sie den Spieß fallen und fluchte laut vor sich hin. Beim nächsten Versuch war sie vorsichtiger. Sie teilte den Vogel in zwei Hälften und steckte das eine Stück wieder übers Feuer, das andere teilte sie ebenfalls und fragte dann laut in die Richtung des Jungen: „Möchtest du ein Stück?“
Natürlich bekam sie keine Antwort, das hatte sie auch nicht erwartet. Sie hielt ein Vogelbein in die Höhe, so dass der Junge es sehen musste.
„Du musst keine Angst haben, ich will dir nichts Böses.“
Immer noch keine Antwort. Anariel zuckte mit den Schultern und legte das Stück neben sich ins Gras. Sie selbst nahm nun ihren Teil vom Feuer und ließ es sich schmecken. Daheim hätte ihr die einfache Mahlzeit bestimmt nicht geschmeckt, so ganz ohne Gewürz und sonstige Zutaten, hier aber in der Wildnis fühlte sie sich wie ein König, der sein Lieblingsgericht vorgesetzt bekommt. Und weil es ihre erste selbst erlegte Beute war, schmeckte ihr der Vogel noch einmal so gut. Der Junge kam nicht, wahrscheinlich hatte er zu viel Angst vor ihr. Anariel war zu müde, um noch einen Versuch zu starten, den Jungen ans Feuer zu locken. Sie wickelte sich wie die Tage zuvor in ihre wärmste Decke und rollte sich neben der Feuerstelle, die nur noch leicht glimmte, zusammen. Eine Viertelstunde wartete sie noch darauf, dass er kam und sich das Fleisch holte, aber als nichts passierte, gab sie endlich auf und überließ sich dem Schlaf.
Früh am nächsten Morgen wachte Anariel auf. Sie fühlte sich wunderbar ausgeruht und stark. Das reichliche Essen am Abend vorher hatte seine Wirkung offensichtlich nicht verfehlt. Gähnend streckte sie sich und befreite sich aus dem Deckenknäuel, dann sah sie ihn. Auf der anderen Seite der Feuerstelle lag der Junge, zusammengerollt, wie ein Hund, den Knochen seines Fleischstückes noch in der Hand. Anariel lächelte, als sie ihn so sah. Sie nahm eine ihrer Decken und legte sie vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, über ihn. Dann fachte sie das Feuer wieder an und briet noch zwei Stücke Fleisch. Wasser gab es aus dem Teich, es war zwar nicht besonders sauber und wohlriechend, aber für heute musste es eben genügen.
Ob nun vom Geruch des bratenden Fleisches oder von der Hitze des Feuers, der Junge wachte auf. Verlegen rieb er sich die Augen aus und vermied es, Anariel anzusehen. Sie setzte ihr freundlichstes Gesicht auf und bot ihm noch ein Stück Fleisch an, das er wortlos, aber gierig annahm. Er sah aus, als habe er seit Tagen nichts mehr gegessen. Anariel beobachtete ihn schweigend, während er aß. Sein Gesicht war schmal und blass, er war überhaupt sehr dünn. Irgendwie kam er ihr furchtbar traurig und verzweifelt vor, aber sie hütete sich, sich so etwas wie Mitleid anmerken zu lassen. Auf derlei Gefühle reagierten viele sehr empfindlich.
„Wie heißt du?“
Der Junge sah erschrocken hoch, antwortete aber nicht. Anariel versuchte es weiter. „Meine Name ist Karmoth, ich bin ein Reisender auf dem Weg nach Westen.“
Anariel wusste, dass er sich fragen würde, warum sie ihm das erzählte, aber vielleicht konnte sie so sein Vertrauen gewinnen.
Der Junge kaute desinteressiert auf seinem letzten Bissen herum, er redete immer noch nicht.
Anariel seufzte, das war schwieriger, als sie gedacht hatte.
„Bist du von zu Hause weggelaufen oder hast du dich hier verlaufen? Ich könnte dir helfen.“
Nach einer kleinen Pause sagte er: „Ich habe mich nicht verlaufen, Herr. Es ist alles in Ordnung, ich brauche keine Hilfe.“
Seine Stimme war leise, aber bestimmt.
„Ich könnte dich ein Stück mitnehmen, natürlich nur, wenn Westen deine Richtung ist. Mein Pferd kann uns beide tragen, du siehst sehr müde aus.“
Der Junge schüttelte den Kopf und wollte Anariel die Decke zurückgeben. Sie schüttelte den Kopf.
„Behalt sie, du wirst sie vielleicht noch nötig haben.“ Sie nahm das andere Stück Fleisch vom Feuer. „Hier, nimm das mit!“
Der Junge zögerte erst, nahm die Geschenke aber doch an. Das Fleisch behielt er in der Hand und die Decke warf er über seine Schulter. Mit verschlossener Miene stieß er schließlich hervor: „Ich heiße Rhûmo.“
Dann sprang er eilig fort und verschwand zwischen den Bäumen. Anariel sah ihm kopfschüttelnd nach, versuchte aber nicht ihn aufzuhalten. Sie wollte ihn nicht zwingen, ihre Hilfe anzunehmen. Langsam erhob sie sich und packte ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Sie löschte das Feuer und beseitigte die Spuren ihres Lagers, so gut es ging. Wenn alles gut lief, dann erreichte sie in drei oder vier Tagen Andúnië. Sie blickte zum Himmel, wieder ein strahlender Tag. Bitte lass meinen Vater dort sein, betete sie still. Wenn er auch dort nicht aufzufinden war, dann wusste sie sich keinen Rat mehr. Unwillkürlich wanderte ihre Hand zum Hals, wo sie Isildurs Geschenk aufbewahrte. Vielleicht war er nach Mittelerde geflohen. In Gil-galads Reich hätte er bestimmt Aufnahme und Hilfe erhalten. Sie dachte nicht weiter. Nein, das konnte nicht sein. Er wäre nie gegangen, ohne ihr eine Nachricht zu hinterlassen, oder sie vorher zu suchen.
Anariel nahm Alagos am Zügel und führte ihn aus dem Wäldchen hinaus, schwang sich in den Sattel und ritt in westlicher Richtung davon.


Andúnië. Nach drei Tagen hatte Anariel ihr Ziel endlich erreicht. Erschöpft hielt sie inne und ruhte einige Momente aus, dann zog sie sich hinter einen Baum zurück und schnürte ihre Brust wieder ein. In der freien Wildnis war ihr das nicht notwendig erschienen, aber hier in der Stadt war Vorsicht geboten, auch das Geschenk Isildurs ließ sie nicht am Hals sondern verschnürte es wieder ordentlich in dem Lederbeutel und band ihn um die Hüfte, darüber zog sie ihr Wams und den warmen Mantel, dann bestieg sie Alagos und machte sich wieder auf den Weg.
Die ehemalige Hauptstadt Númenors lag an einem ins Vorgebirge von Andustar eingeschnittenen Fjord. Als sie näher ritt, konnte sie sehen, dass die meisten Häuser dicht am Strand und an den Berghängen dahinter erbaut waren. Anariel lächelte wehmütig. Hier landeten einst die weißen Schiffe der Elben, die aus Eressea kamen. Wie gern hätte sie diese Zeit miterlebt. Die Menschen mussten glücklich gewesen sein.
Langsam durchritt sie das Osttor und schlug den Weg zum Marktplatz ein. Viele Gebäude standen leer und sahen Ruinen ähnlicher als Wohnhäusern, trotzdem konnte Anariel sich deren Zauber nicht entziehen. Die Häuser waren bei weitem nicht so mächtig und prachtvoll, wie die Paläste in Armenelos, doch strahlten diese hier eine Macht aus, die spüren ließ, dass sich Andúnië einst im Einflussbereich der Elben befunden hatte. Manche Architektur oder Steinmetzearbeit fand sich hier, wie Anariel sie nur in Mittelerde gesehen hatte. Trotz des Alters vieler Jahrhunderte war Andúnië eine helle und saubere Stadt. Die wenigen Einwohner sorgten dafür, dass zumindest die großen Hauptstraßen befahr- und begehbar waren. Die gepflasterten Straßen wurden sauber ausgebessert und Schlaglöcher sofort ausgefüllt oder abgesperrt. Prächtige Gärten, einstmals Parks der reichen Herrschaften, verliefen zu beiden Seiten der Straßen und ließen erahnen, wie mächtig und schön die Stadt einmal gewesen war.
Nach einem kurzen Ritt erreichte Anariel den Marktplatz, der zu dieser Stunde schon viel bevölkert war. Es war ein runder Platz, in dessen Mitte sich ein großer steinerner Brunnen befand. Aus dem großen Wasserbassin erhob sich ein gewaltiger Baum, dessen Äste viele der kleinen Marktstände beschatteten. Anariel stieg ab und ging auf den Brunnen zu. Mit ihrem Pferd hatte sie es in dem Gedränge, das hier herrschte, nicht gerade leicht und musste sich manchmal mit Gewalt einen Weg verschaffen, was ihr keine freundliche Worte einbrachte. Sie ließ Alagos ausgiebig am Brunnen trinken und spähte neugierig in die Menge. An den Ständen wurden hauptsächlich landwirtschaftliche Erzeugnisse verkauft, sie konnte sonst nur einen Schuster und einen Schneider ausmachen, die ihre Waren entweder lauthals anpriesen oder mit einer Auftragsarbeit beschäftigt waren. Am Stand neben ihr wurde Brot verkauft. Der Duft war einfach unwiderstehlich und bald saß sie jeden Bissen genießend wieder am Brunnenrand. Während sie aß, überlegte Anariel, wo sie am besten mit ihrer Suche begann. Am klügsten war es, zuerst die Leute aufzusuchen, die Elendil ihr genannt hatte, dann würde sie damit beginnen, die vielen leerstehenden Gebäude zu durchsuchen. Elendil hatte ihr die Namen und Adressen seiner Kontakte nicht aufgeschrieben. Es war viel zu riskant, keiner konnte sagen, ob sie nicht in falsche Hände gerieten. Anariel hatte sie sich deshalb gut eingeprägt und fragte nun den Bäcker nach der ersten Adresse. Misstrauisch musterte der dickliche Mann sein jugendliches Gegenüber.
„Was wollt Ihr denn von Gimrathôn?“
Anariel ließ sich ihre Verwunderung über die misstrauische Frage nicht anmerken und antwortete ruhig: „Ich komme von sehr weit her und habe einige wichtige Fragen mit ihm zu besprechen, mehr kann ich Euch dazu leider nicht sagen.“
Der Bäcker bedachte sie mit einem langen Blick, schließlich sagte er: „Ich bin Gimrathôn. Wenn Ihr mit mir reden wollt, müsst Ihr Euch noch bis heute Abend gedulden. Wir treffen uns in der Schenke „Zum Bergtroll“, eine Stunde nach Sonnenuntergang.“
Bevor Anariel noch etwas erwidern konnte, hatte er sich schon einem neuen Kunden zugewandt und beachtete sie nicht mehr. Ärgerlich nahm sie Alagos am Zügel und entfernte sich wieder vom Markt. Das fing ja gut an, er hatte ihr nicht einmal gesagt, wo sie diese Schenke finden konnte. Zu ihrem Glück schien das Gasthaus hier einschlägig bekannt zu sein und bald hatte sie sich durchgefragt. Die Straße, in der sich die Schenke befinden sollte, war sehr eng und es stank. Angewidert rümpfte Anariel die Nase und eilte bis zu dem dreckigen Schild, auf dem kaum noch leserlich „Zum Bergtroll“ geschrieben stand. Neben der Eingangstür führte ein weiteres baufälliges Holztor in einen kleinen Innenhof. Mehrere Unterstände waren rechts an die Wand gebaut und dienten dazu, Gästen ihre Tiere abzunehmen und zu versorgen. Ein großer Ballen Heu lag im Schmutz direkt an der Hinterwand und Anariel bezweifelte, dass Alagos davon auch nur einen Strohhalm anrühren würde. Links wurde jetzt ein Vorhang zur Seite geschoben der vor Schmutz starrte. Ein kleiner dünner Mann kam heraus und machte eine tiefe Verbeugung vor Anariel.
„Willkommen edler Herr in unserem bescheidenen Gasthaus. Was kann ich für Euch tun?“
„Ich brauche einen Platz für mein Pferd und gutes Futter. Ich meine nicht das da hinten...“ Sie machte eine wage Geste zu dem Heuklumpen „...sondern richtiges, ihr wisst schon. Mais, Rüben und Wasser. Euer Schaden soll es nicht sein, wenn Ihr mir das besorgen könnt.“
Sie reichte dem Mann ein Silberstück, worauf dieser große Augen bekam.
„Soviel Herr?! Ich eile Herr, ich eile!“
Er stürmte zum Hoftor hinaus und Anariel zweifelte nicht, dass er seinen Auftrag nun gewissenhaft ausführen würde. Sie führte Alagos in einen der Verschläge und sattelte ihn ab. Das Sattelzeug versteckte sie unter einigen alten Decken die herumlagen, man konnte ja nie wissen.
Als sie die Wirtsstube betrat, schlugen ihr alle nur erdenklichen Gerüche entgegen und sie hätte am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht. Bis zum Sonnenuntergang war es allerdings nicht mehr lang und sie wusste nicht, wo sie sonst hätte hingehen können. Ein Tisch sehr weit hinten im Eck war noch frei und Anariel ließ sich nach einigem Zögern dort nieder. Ihr war nicht entgangen, dass viele der Gäste sie misstrauisch musterten. Mit ihren feinen Kleidern und dem auffälligen Hut hob sie sich deutlich von den anderen Anwesenden ab. Die meisten waren Bauern, Handwerker oder aber einfache Tagelöhner, die hier ihren geringen Lohn für Branntwein und dergleichen ausgaben. Als der Wirt kam und sie nach ihren Wünschen fragte, bestellte Anariel, um nicht weiter aufzufallen, einen Krug Bier und etwas zu essen. Der Wirt war augenscheinlich der Meinung einen so hohen Herren lasse man nicht warten, jedenfalls dauerte es nicht lange und ihre Bestellung stand auf dem Tisch. Eher lustlos stocherte sie in dem Stück Fleisch herum, das dampfend auf einem Teller vor ihr lag. Hunger hatte sie eigentlich nicht, sie war viel zu aufgeregt und der Lärm ringsum schüchterte sie eher noch mehr ein. Ihr war schlecht von dem Gestank gebratenen Fettes und dem vielen Pfeifenrauch. Das Bier bekam ihr auch nicht, da sie sowieso nicht viel trank und um alles noch schlimmer zu machen, fingen mehrere schon betrunkene Raufbolde eine Schlägerei an. Anariel saß zum Glück ganz hinten und war nicht im Schussfeld, trotzdem hätte ein durch die Luft fliegender Stuhl sie beinahe getroffen. Die Kerle gingen immer wüster aufeinander los, aber als einer sein Messer zog, schritt doch der Wirt ein. Seine beachtliche Größe und die Tatsache, dass er zwei bewaffnete Gehilfen an seiner Seite hatte, brachten die Halunken zur Besinnung. Mit lauter zorniger Stimme verlangte der Wirt Ersatz für die zertrümmerten Möbel und verwies sie der Stube. Kleinlaut schlichen sie hinaus und Ordnung kehrte wieder ein. Anariel konnte kaum mehr ruhig sitzen bleiben und so fuhr sie sofort auf, als Gimrathôn endlich die Schankstube betrat. Mit eiligen Schritten kam er auf sie zu und flüsterte leise: „Was soll das? Benehmt Euch gefälligst etwas unauffälliger, sonst müsst Ihr auf meine Hilfe verzichten.“
Erschrocken über diese rohe Begrüßung setzte Anariel sich wieder hin und wartete still, bis auch Gimrathôn Platz genommen und sich etwas zu essen und zu trinken bestellt hatte. Erst als vor ihm ebenfalls ein dampfender Teller und ein Krug Bier standen, räusperte sie sich und sagte leise: „Es tut mir leid, ich konnte Eure Ankunft nicht erwarten.“
Jetzt bei einem guten Essen gab Gimrathôn sich freundlicher und brummte ein „Schon gut“ in seinen Bart. Lauter antwortete er: „Ein Edelmann wie Ihr verirrt sich nun mal nicht unbedingt in ein solches Etablissement. Ihr fallt durch Eure Kleidung schon mehr als genug auf. Ich habe Euch nur hierher gebeten, weil diese Stube nicht oft von königlichen Soldaten heimgesucht wird. Wir können uns also ungestört unterhalten. Also, was führt Euch her und was kann ich für Euch tun?“
Anariel atmete auf. Dieser finster dreinblickende Bäcker schien doch kein so schlechter Kerl zu sein.
„Ich komme aus Armenelos und ein guter Freund hat mir Euern Namen genannt. Er meinte, ihr könntet mir helfen, meinen Vater zu finden.“
Anariel blieb absichtlich ungenau, alles wollte sie dem Fremden doch noch nicht anvertrauen. Gimrathôn sah sie scharf an.
„Wie ist der Name dieses Freundes, wenn ich fragen darf?“
Anariel beschloss, ihm zu vertrauen, aber auf die Probe wollte sie ihn trotzdem stellen. Sie beugte sich zu ihm vor und flüsterte ihm ins Ohr: „Anor feanol a sîdh uireb. Tûlon dîn nara Elendil.”
Gimrathôn zuckte zurück, als hätte er sich an ihr verbrannt. Wortlos starrte er sie an, während Anariel ihm lächelnd gegenüber saß. Mühsam brachte er schließlich ebenfalls leise hervor: „Elen feana or govas nîs. Pam istos pedath nîs?”
“Sollten wir die Unterhaltung nicht normal weiterführen? Wir fallen sonst nur unnötig auf“, antwortete Anariel spöttisch.
Gimrathôn nickte und antwortete immer noch leicht verwirrt: „Seit Jahren war kein Mensch mehr hier, der die Alte Sprache noch beherrscht. Es müssen schlimme Dinge geschehen sein, dass Ihr ein solches Wagnis auf Euch nehmt.“
Anariel nickte.
„In der Tat. Ich kann Euch nicht alles erzählen, das würde zu lange dauern. Ich hoffe Ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich Euch nur eine kurze Zusammenfassung gebe.“
Der Bäcker nickte und Anariel begann. Sie erzählte ihm von der Gefangennahme ihres Vaters, dem darauf folgenden Befreiungsversuch ihres Bruders Alatarion und dessen Ermordung. Sie schloss mit den Worten: „Daraufhin verschwand mein Vater. Ich selbst war längere Zeit abwesend und erfuhr erst viel später von diesen Geschehnissen. Natürlich machte ich mich gleich auf die Suche nach meinem Vater, aber bisher verlief sie ergebnislos. Andúnië ist meine letzte Hoffnung, wenn er hier nicht zu finden ist, dann weiß ich nicht mehr weiter.“
Gimrathôn sah sie ernst an und überlegte lange. Schließlich sagte er: „Ich muss euch leider von vorneherein sagen, dass mir von einem Flüchtling innerhalb der Stadt nichts bekannt ist. Natürlich muss das nichts heißen“, fuhr er schnell fort. „Andúnië ist groß und er könnte sich überall versteckt halten. Es ist gut, dass Elendil euch zu mir geschickt hat. Wenn er hier ist, dann werden wir ihn finden.“
Er schaute sich im Schankraum um, es waren nur noch wenige Gäste anwesend, bald würde der Wirt schließen.
„Hier könnt Ihr nicht bleiben, ich nehme Euch mit zu mir, dort könnt Ihr wohnen, bis wir mehr herausgefunden haben.“


Zehn Tage! Anariel ließ den Kopf hängen. Seit zehn Tagen war sie nun hier und weit und breit keine Spur ihres Vaters. Gimrathôn hatte alle seine Verbindungen eingesetzt, kam aber jeden Abend mit der selben entmutigenden Nachricht nach Hause. Nach fünf Tagen hatte Anariel schließlich selber die unbewohnten Stadtteile abgesucht, was dennoch ohne Ergebnis blieb. Sie musste den Tatsachen ins Auge sehen, ihr Vater war nicht hier. Nach dieser Erkenntnis brach alles in ihr zusammen. Ihre ganze Kraft und ihren ganzen Mut hatte sie nur auf Andúnië gerichtet und jetzt war alles umsonst gewesen. Isildur und Anárion hatten recht behalten. Verbittert und verzweifelt saß sie in der Schenke „Zum Bergtroll“ und ertränkte ihren Kummer in so viel Alkohol, dass selbst der Wirt einen besorgten Blick auf sie warf, wenn er das nächste Glas brachte. Anariel war allerdings egal, was für einen Eindruck sie machte. Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. Ihre Familie war zerstört, der Bruder ermordet und der Vater verschwunden. Wer sollte ihr noch etwas wirklich Schlimmes anhaben können? Allmählich tat der Branntwein seine Wirkung. Anariels Gedanken verschwammen schließlich und machten einer beruhigenden, auf eine bestimmte Art wohltuenden Leere in ihrem Kopf Platz. Sie trank und trank, vergaß, warum sie überhaupt hier war und hörte sich plötzlich sprechen. In einem kleinen Winkel ihres Gehirns wusste sie instinktiv, dass es nicht richtig war, doch ihre Zunge gehorchte ihr nicht mehr. Sie verstand auch nicht, was sie sagte und bekam ebenso wenig mit, dass ein kleiner Junge sich neben sie setzte und beruhigend, ja sogar beschwörend auf sie einsprach. Sie bemerkte auch nicht, wie sie dann die Treppe hinaufgetragen und auf ein Bett gelegt wurde. Plötzlich war ihr furchtbar übel und ihr wurde schwarz vor den Augen.


Mit brummendem Schädel wachte Anariel auf. Langsam öffnete sie die Augen und sogleich durchzuckte ein heller Blitz ihr Gehirn. Es war so furchtbar, dass sie aufstöhnte und die Augen zusammenkniff. Bis sich der tobende Schmerz in ihrem Kopf wieder einigermaßen gelegt hatte, wagte sie nicht, sich zu bewegen. Alles tat ihr weh und ihre Zunge fühlte sich an, als hätte sie einen vollgesogenen Schwamm im Mund. Selbst das Schlucken fiel ihr schwer. Auf einmal hörte sie eine leise Stimme sprechen. Sie verstand nicht, was gesagt wurde, aber sie fühlte wenig später einen kalten Lappen, oder ähnliches, auf ihrem Kopf. Vorsichtig führte sie einen erneuten Versuch durch und öffnete langsam die Augen. Sie sah direkt in ein männliches Gesicht, das sie mit einem Gesichtsausdruck musterte, den Anariel nicht verstand. Sie meinte Mitleid und Sorge darin zu lesen, aber ebenso auch Zorn und vielleicht sogar ein wenig Spott.
„Na, habt Ihr euren Rausch ausgeschlafen? Das hätte ganz schön ins Auge gehen können. Gut, dass der Junge Euch erkannt hat.“
Anariel verstand kein Wort. Mühsam richtete sie sich auf und vermied dabei möglichst jede Kopfbewegung, dann sagte sie sehr leise: „Ich weiß nicht, wovon Ihr redet. Wo bin ich überhaupt?“
Der Mann, von sehr kleiner Statur, schüttelte den Kopf.
„Ihr wisst natürlich nicht mehr, was gestern Abend geschehen ist. Ist ja auch kein Wunder, wenn man den Alkohol in sich hineinschüttet, als wäre es Wasser.“
„Ich bitte Euch, schreit nicht so. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, außerdem weiß ich sicher, dass ich dieses Teufelszeug von Branntwein nie wieder anrühren werde.“
Der Mann nickte, jetzt mit einem etwas freundlicheren Gesicht, und sagte: „Ich will’s Euch gern glauben. Doch im Ernst, Ihr habt gestern Dinge gesagt, die besser unausgesprochen geblieben wären, besonders hier in Andúnië. Wenn der Junge Euch nicht erkannt hätte und für Euch eingetreten wäre, dann säßt ihr jetzt im tiefsten Kerker.“
„Was habe ich denn gesagt, ich kann mich nicht erinnern.“
Anariel fasste sich ratlos an den schmerzenden Schädel und betastete vor allem den empfindlichen Hinterkopf.
„Ihr habt Dinge gesagt, die ich sicher nicht noch einmal wiederhole. Ihr seid wahrscheinlich sowieso schon genug in Schwierigkeiten. Wenn Euch gestern Abend jemand gehört hat, dann wird die königliche Wache nicht lange auf sich warten lassen.“
Anariel sah ihn erschrocken an. Soldaten! Das war wirklich das letzte, was sie jetzt noch gebrauchen konnte. Nie wieder, schwor sie sich, nie wieder rühre ich auch nur einen Tropfen Alkohol an. Plötzlich fiel ihr der Junge wieder ein.
„Wo ist eigentlich der Junge, von dem Ihr gesprochen habt und wer seid Ihr?“
Der Mann lachte und rieb sich die Stirn.
„Wie dumm von mir, das zu vergessen. Mein Name ist Mattek, der Händler. Der Junge, tja der Junge.“ Er druckste eine Weile herum und sagte dann schnell: „Er ist rausgerannt, als wir Euer kleines Geheimnis entdeckten.“
Verlegen starrte er zu Boden und vermied es, Anariel ins Gesicht zu sehen. Die ihrerseits verstand erst überhaupt nicht, was der Händler meinte.
„Mein kleines Geheimnis? Was meint ihr denn da...“ Erschrocken brach sie ab und sah an sich hinunter. Sie trug nur ihr seidenes Hemd und die Hose. Das Wams lag neben ihr auf einem Stuhl, ebenso die Binde, mit der sie ihre Brust zugeschnürt hatte. Mattek räusperte sich und sagte entschuldigend: „Es war ein Zufall. Ich wollte Euch ganz bestimmt nicht zu nahe treten, aber in Eurem ... Zustand gestern blieb mir nichts anderes übrig.“
Er wurde bis über beide Ohren rot wie ein reifer Apfel und brach ab.
Anariel war die Situation mindestens ebenso peinlich, wie Mattek, deshalb wechselte sie schnell das Thema.
„Wer ist denn dieser Junge?“
Sichtlich erleichtert lenkte er rasch ein und antwortete: „Ich traf ihn auf der Landstraße Richtung Andúnië. Ich verkaufe hier meine Waren, die ich in Rómenna und Armenelos aufgenommen habe und als mein sturer Esel wieder einmal nicht wollte, da lief er mir einfach über den Weg. Er ist ziemlich verschlossen und außer seinem Namen habe ich nicht viel aus ihm herausbekommen. Er heißt Rhûmo.“
Anariel überlegte. Das konnte nur der Junge sein, den sie vor längerer Zeit in dem Wäldchen getroffen hatte. Der Name stimmte auch, aber was machte das Kind hier in Andúnië? Nachdenklich sagte sie: „Der Junge ist mir vor fast zwei Wochen auch einmal begegnet, aber da sagte er, dass er in eine ganz andere Richtung müsse und wollte meine Hilfe nicht annehmen.“
Mattek nickte.
„Ich vermute, er ist vor etwas davon gelaufen. Vielleicht haben ihn seine Eltern misshandelt und jetzt fasst er zu keinem Erwachsenen mehr Vertrauen. Ihr habt ihn ebenfalls belogen.“
„Ich hatte meine Gründe“, murmelte Anariel.
„Ich will Euch deswegen auch keinen Vorwurf machen, aber… die Sache ist die… der Junge weigert sich, mit mir zurück nach Rómenna zu gehen, und… nun ja, Ihr seid ihm etwas schuldig, denn wer weiß, was geschehen wäre, wenn er Euch nicht erkannt hätte, daher… Kurz: Ich möchte Euch bitten, ihn mit Euch zu nehmen. ich finde, Ihr solltet euch wenigstens um den Jungen kümmern, bis Ihr wisst, wer er ist und woher er kommt.“
Anariel sah ihn erschrocken an.
„Wie bitte? Ihr meint, ich soll...? Oh nein, das schlagt euch nur schnell wieder aus dem Kopf. Ich kann im Moment kein Kind gebrauchen, schon gar nicht in diesem schwierigen Alter. Außerdem sagtet Ihr ja selbst, dass er mir nicht vertraut. Bei Euch hat er sich doch wohlgefühlt, warum sorgt Ihr nicht für ihn?“
Mattek sah sie lächelnd an.
„Ich bin ein alter Mann und ständig auf Reisen. Außerdem reicht mein Auskommen auf die Dauer nicht für zwei. Ich reise jetzt nach Rómenna und der Junge weigert sich, mit mir zu kommen. Vielleicht ist er von dort geflohen. Ihr seid reich, bei Euch wird er es gut haben, da bin ich mir sicher und ... Ihr seid eine Frau. Ihr wollt den Jungen doch sicher nicht auf der Straße sitzen lassen.“
Anariel schwieg. Sie konnte ihm natürlich nicht sagen, wer sie wirklich war und warum sie sich hier in Andúnië aufhielt. Und sie war ganz sicher nicht in der Lage, den Jungen mitzunehmen, nicht, wenn ihr die Soldaten auf den Fersen waren. Sie sah Mattek so ruhig sie konnte an und antwortete: „Ich kann ihn nicht mitnehmen, sein Leben wäre in Gefahr, genauso wie meins. Ich habe wirklich genug Ärger und wenn es stimmt, was Ihr vorher gesagt habt, dann sind mir jetzt auch noch die Soldaten von Andúnië auf den Fersen.“
Mattek schwieg, aber Anariel konnte auf seinem Gesicht keine Enttäuschung oder Ähnliches feststellen. Er hatte ihre Entscheidung offensichtlich akzeptiert.
Sie schlug die Decke weg und stand auf. Mattek murmelte etwas von „Ich geh nach dem Jungen sehen“ und verließ den Raum. Anariel streckte die Arme und versuchte, das taube Gefühl aus ihren Gliedern zu vertreiben, was ihr aber nicht ganz gelang. Ihr Bündel lag am Boden neben ihrem Wams und sie suchte sich die Kleider heraus, die sie bei ihrer Flucht aus Armenelos getragen hatte. Mit den groben Leinensachen würde sie nicht mehr so schnell auffallen. Sie entledigte sich ihrer Hose, als ihr plötzlich die Kette wieder einfiel. Mit klopfendem Herzen tastete sie nach dem Lederbeutel und ... er war noch da. Erleichtert zog sie sich vollends um, als sie von draußen eilige Schritte hörte. Keine Sekunde später wurde die Tür aufgerissen und Mattek stürmte zusammen mit Rhûmo in das Zimmer.
„Soldaten!“ keuchte er außer Atem. „Sie werden gleich hier sein. Irgendjemand hat Euch doch reden hören. Packt Eure Sachen zusammen und nehmt den Jungen.“
Rhûmo starrte sie beide entgeistert an und auch Anariel verzog erstaunt das Gesicht.
„Aber Mattek, ich dachte wir waren uns einig, dass...“
„Wollt Ihr, dass die Soldaten Euch schnappen?“ unterbrach er sie scharf. Anariel schüttelte den Kopf. „Na also, dann kommt jetzt und keine Widerrede mehr, auch nicht von dir.“
Rhûmo zuckte unter diesen harten Worten heftig zusammen, folgte aber gehorsam. Die drei eilten die Treppe hinunter und auf den Hof hinaus. Ein furchtbar trostloser, grauer Tag erwartete sie und es regnete.
„Holt Euer Pferd und sattelt es, schnell! Ich will sehen, ob ich die Kerle noch eine Weile hinhalten kann.“
Anariel tat, wie ihr geheißen und sattelte Alagos so schnell wie möglich, während Mattek in der Schankstube verschwand.
Sie führte Alagos auf die Straße, wo ihnen Mattek entgegenkam und fragte: „Kann Euer Pferd kurzzeitig drei tragen?“
Anariel nickte und hob Rhûmo aufs Pferd. Dann stieg sie selbst auf und reichte Mattek die Hand, um ihm beim Aufsteigen zu helfen. In schnellem Galopp erreichten sie das Ende der Gasse und Anariel ließ Mattek vom Pferd steigen. Er wünschte ihnen noch viel Glück, dann waren Anariel und Rhûmo um die Ecke verschwunden.
„Hoffentlich geschieht ihm nichts“, sagte Anariel. „Tapferer Mensch.“
Es war nicht einfach, Alagos durch die engen Gassen zu manövrieren, aber Anariels Hengst gehorchte auf jeden Schenkeldruck. Bald hatten die beiden das Osttor erreicht und gelangten glücklich aus der Stadt. Anariel wollte noch einige Zeit Richtung Armenelos reiten, um ihre Verfolger irrezuführen. Sie teilte Rhûmo ihre Absicht mit, erhielt aber nur ein trotziges Gesicht zur Antwort. Der Junge schwieg auch die nächste Stunde beharrlich, so dass es Anariel schließlich aufgab, sich um ihn zu bemühen. Ihre Nerven waren ohnehin schon genug überreizt. Sie wollte sich jetzt nicht auch noch mit einem schmollenden Kind herumärgern. Außerdem war es Zeit, die Richtung zu ändern und, wie sie ursprünglich beabsichtigt hatte, nach Süden zu reiten.


Sie schlugen ihr Lager unter einem großen Baum auf. Seine weit ausladenden Äste schützten vor dem immer noch anhaltenden Regenguss und verhinderten, dass sie überraschend entdeckt wurden. Nachdem sie Alagos versorgt hatte, wickelte Anariel sich müde in ihre Decke und sah Rhûmo das gleiche tun. Heute Nacht würde er bestimmt nicht weglaufen. Sie versuchte, ihren Hunger zu unterdrücken und drehte sich zur Seite. Heute kam ihr der nasse Boden besonders hart und ungemütlich vor. Sie sehnte sich nach einem richtigen Bett, wie zu Hause. Überhaupt wollte sie nur noch dorthin zurück. Sie hatte es so satt, wegzulaufen. Wenn sie doch Zeit gehabt hätte, einen Boten an Elendil zu schicken. Gimrathôn hätte ihr sicher einen vertrauenswürdigen empfehlen können, aber es war zu spät und natürlich war es ebenfalls unmöglich, selbst nach Armenelos zurückzureiten. Spätestens morgen würde man dort die Nachricht aus Andúnië erhalten, eine Untersuchung durchführen lassen und die Sicherheitsvorkehrungen verstärken. Die Getreuen mussten sich dann vorerst im Hintergrund halten und durften sich nicht sehen lassen. Und wieder einmal war es ihre Schuld. Sie schien den Ärger wirklich magisch anzuziehen. Seufzend drehte sie sich in eine etwas bequemere Lage, warf Rhûmo noch einen prüfenden Blick zu, dann schlief auch Anariel ein.
Früh am nächsten Tag wachte sie auf, Rhûmo schien noch zu schlafen, jedenfalls hatte er die Augen geschlossen und atmete ruhig. Leise wickelte sie sich aus der Decke und schüttelte sich die Tautropfen aus den Haaren. Es war davon auszugehen, dass ihre Spuren im Matsch deutlich zu sehen sein würden, also war Eile geboten. Sie beugte sich zu Rhûmo hinunter und schüttelte ihn sanft.
„Wir müssen weiter!“
Rhûmo drehte sich um und reagierte nicht. Anariel runzelte ärgerlich die Stirn und rüttelte ihn nun kräftiger.
„Wach auf! Wir müssen heute noch ein gutes Stück weit kommen.“
Sah der junge Dickschädel das denn nicht ein?
„Der Regen hat zwar mögliche Spuren von uns ausgelöscht, aber wir sind noch zu nah bei der Stadt, um sicher zu sein.“
Er setzte sich auf und erwiderte trotzig: „Ich komme nicht mit.“
Anariel musste sich zusammennehmen, aber ihr gelang es, ruhig zu antworten: „Und ob du mitkommst! Ich habe deinem Freund versprochen, auf dich achtzugeben.“
„Ich komme nicht mit.“
„Du kommst mit!“
So ging es noch eine ganze Weile, bis es Anariel schließlich doch gelang, Rhûmo davon zu überzeugen, mit ihr zu kommen.
Sie schwang sich erleichtert auf Alagos und half Rhûmo hinauf. Dabei fragte er schon mit einem etwas freundlicheren Ton: „Wenn Ihr nun kein Mann seid und nicht Karmoth heißt, wie heißt ihr dann?“
Anariel antwortete verlegen und mit einem klein wenig schlechten Gewissen: „Oh, natürlich, entschuldige bitte, dass ich es dir nicht schon gesagt habe. Ich heiße Mizûreth.“
Sie waren noch nicht lange geritten, da fing es auch schon wieder an zu nieseln. Anariel zog ihren Mantel fester um sich und zog den Kopf ein. Wie sie dieses Wetter hasste. Wenn es so weiterging, dann konnten sie sich bei ihrer Reise auf etwas gefasst machen. Heute Abend musste sie unbedingt einen trockenen Unterschlupf finden, sonst würden sie beide noch krank werden.
Auch heute wollte Anariel noch ein großes Stück zwischen Andúnië und sich bringen und sie trieb Alagos bis zum späten Abend an. Glücklicherweise fand sie trotzdem noch einen geeigneten Unterschlupf, wo sie ein Feuer anzündete und das wenige Fleisch, dass sich noch in der Satteltasche befand mit Rhûmo teilte. Das Feuer und die warme Mahlzeit stimmten sogar den Jungen etwas fröhlicher und Anariel beschloss, am nächsten Morgen nicht zu zeitig aufzubrechen. Nicht nur der Junge brauchte einen langen Schlaf. Außerdem hatten sie inzwischen so viele Meilen zurückgelegt, dass Anariel nicht mehr glaubte, gefunden zu werden. In dieser Nacht schlief sie zum ersten Mal wieder tief und traumlos. Entsprechend gut gelaunt wachte sie am nächsten Morgen auf. Die Sonne war seit etwa zwei Stunden aufgegangen, aber Anariel hatte es nicht eilig. Sie weckte Rhûmo und ließ ihm genug Zeit, richtig wach zu werden, bevor sie wieder aufbrachen. Gegen Mittag erreichten sie ein dichtes Waldstück, in dem sie wegen des vielen Unterholzes nur sehr langsam vorwärts kamen, aber Anariel störte es nicht. Sie entschied sogar, recht früh Halt zu machen. Die Sonne war noch nicht untergegangen, als sie eine kleine Lichtung erreichten, an deren Rand ein kleiner Bach floss. Rhûmo sprang ohne ein Wort zu sagen vom Pferd und trank gierig einige Schlucke des kühlen Wassers. Anariel dachte kopfschüttelnd: Ich muss etwas unternehmen. So kann es doch nicht ewig weitergehen. Und ihr fiel plötzlich eine Geschichte ein, die irgendwie sehr gut zu ihrer jetzigen Situation zu passen schien. Nachdem sie Alagos versorgt und ein Feuer gemacht hatte, setzte sie sich zu Rhûmo und sagte: „Ich möchte dir eine Geschichte erzählen und ich möchte, dass du mir zuhörst.“
Und Anariel erzählte die Geschichte von Finrod und Maedhros, beide Elbenfürsten aus dem Geschlecht der Noldor. Sie erzählte von deren Freundschaft, die stärker war, als aller Verrat und es dauerte lange, bis sie fertig war.
„...und so befreite Finrod den gefangenen Maedhros, trotz der furchtbaren Dinge, die Maedhros Familie seinem ehemals besten Freund zugefügt hatte. Doch Finrod verzieh ihm und ihre Freundschaft bestand daraufhin bis zu ihrem Tod.“
Anariel schwieg und sah Rhûmo erwartungsvoll an, doch er sagte nichts und sie konnte sehen, wie es in ihm arbeitete. Zusammengewickelt in ihre Decken lagen sie ruhig nebeneinander, bis Rhûmo plötzlich sagte: „Das war eine schöne Geschichte, danke, dass Ihr sie mir erzählt habt. Gute Nacht.“
Anariel war so überrascht, dass sie ihm erst einige Augenblicke später ebenfalls „Gute Nacht“ wünschte. Sehr zufrieden mit sich lächelte sie vor sich hin. Was man mit einer guten Geschichte nicht alles bewirken konnte. Vielleicht sollte sie Rhûmo mehr erzählen. Er schien nicht uninteressiert zu sein, denn er hatte sehr aufmerksam zugehört, das hatte sie sehr wohl bemerkt.
Der nächste Morgen brach an und Anariel stellte zufrieden fest, dass keine schwarzen Wolken am Himmel zu sehen waren. Heute würden sie also wahrscheinlich vor größeren Regengüssen verschont bleiben. Anariel ließ sich jetzt Zeit. Sie machte Rast, wenn sie merkte, dass Rhûmo erschöpft war und da die westlichen Gegenden Númenors die schönsten der ganzen Insel waren, verbrachten sie viele Stunden mit der Bewunderung der Landschaft.
Nach einigen Tagen schlug Anariel einen Weg Richtung Küste ein. In wenigen Wochen würden sie Nísilmaldar erreichen, das Land der duftenden Bäume. Bis dahin wollte sie an der Westküste entlang reiten, denn sie hoffte insgeheim, einen Blick auf Tol Eressea zu erhaschen, eine Insel die zu den Unsterblichen Landen der Valar und Elben gehörte. Bei klarem Wetter, so hieß es, konnte man den weißen Turm von Avallóne sehen, der am östlichen Ufer erbauten Elbenstadt.
Rhûmo verhielt sich zwar still, aber es war nicht Trotz, sondern eine sonderbare Nachdenklichkeit, die ihn schweigen ließ und die Anariel sich nicht erklären konnte. Wenn es mit ihrer Geschichte zusammenhing, die sie ihm erzählt hatte, warum fragte er dann nicht? Aber mittlerweile kannte sie seine Eigenheit, auf persönliche Fragen ihrerseits nicht zu antworten und ließ es dabei bewenden. Irgendwann würde er von allein zu ihr kommen.
Bald erreichten sie eine Landzunge, an deren Ende die Klippen steil zum Wasser abfielen und das Meer sie mit aller Macht zu zertrümmern versuchte. Anariel trieb Alagos bis an den äußersten Rand der Klippen und stieg ab. Der salzige Meereswind fuhr ihr durch die Haare, die allmählich wieder an Länge gewannen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, lauschte der gewaltigen Brandung, die seit Urzeiten unermüdlich an die Gestade Númenors schlugen. Vor vielen Jahren war sie hier mit ihrem Vater und ihrem Bruder gestanden. Damals hatten sie für einige kurze Augenblicke den weißen Turm von Avallóne wirklich gesehen. Heute regnete es zwar nicht, trotzdem hüllte sich der Himmel in ein trotziges Grau und gab der Sonne keine Chance, die Bewohner mit ihren warmen Strahlen zu erfreuen. Anariel starrte sehnsüchtig in die graue Ferne. Natürlich war bei dieser Sicht der weiße Turm nicht auszumachen. Weit im Westen ballten sich schon wieder dunkle Wolken zusammen, bereit, Númenor mit voller Gewalt heimzusuchen. Anariel wandte sich seufzend ab, setzte sich auf das feuchte Gras und gab Rhûmo einen Wink sich zu ihr zu setzten. Nur widerstrebend folgte er ihrer Aufforderung und blickte ängstlich die Klippen hinunter. Offensichtlich verband er mit dem Wasser schlechte Erfahrungen. Trotzdem blieb Anariel, wo sie war. Sie konnte sich einfach noch nicht von diesem Ort trennen.
„Ich darf dir doch noch eine Geschichte erzählen, oder?“ fragte sie.
Rhûmo rutschte zwar unbehaglich auf seinem Hinterteil hin und her, nickte aber doch. Für eine gute Geschichte war er immer zu haben, das wusste Anariel inzwischen.
„Du fragst dich bestimmt, warum wir halten und ich so lange in die Ferne gestarrt habe“, begann sie. Sie deutete mit dem Arm nach Westen. „Weißt du, vor langer Zeit, als das Wetter noch besser und klarer war, da konnte man von hier aus einen weißen Turm sehen. Er steht auf einer Insel vor den Unsterblichen Landen, wo die Heiligen und die edelsten Elben wohnen.“
Anariel machte eine Pause und beobachtete Rhûmos Gesicht. Er sah sie sehr verwirrt an, brachte aber keine Frage über die Lippen, also fuhr sie fort: „Ar-Pharâzon hasst die Elben, das ist allgemein bekannt, aber weißt du auch, dass er selber elbisches Blut in sich trägt?“
Rhûmo schüttelte den Kopf. Nicht ohne Selbstgefälligkeit erzählte Anariel weiter, dass Elros, der erste König Númenors, von Elben und Menschen abstammte, er sich schließlich aussuchen durfte, ob er zum Menschen- oder zum Elbengeschlecht gehören wolle und sich für die Menschen entschieden hatte. Elros hatte einen Bruder, von dem Anariel aber noch nichts erzählen wollte. Sie merkte wohl, dass sie Rhûmo mit den vielen Namen und Völkern durcheinandergebracht hatte.
Einige Wochen später, sie hatten Nísimaldar fast erreicht, erzählte Anariel die Geschichte von Elros weiter. Es war am späten Nachmittag, als sie entschied noch einmal Rast zu machen, bevor sie den Wald erreichten. Rhûmo erfuhr nun, dass Elros einen Zwillingsbruder hatte, der sich bei der Wahl für ein Leben unter den Elben entschieden hatte und seit dieser Zeit in Mittelerde lebte, zusammen mit anderen Edlen aus diesem Volk. Mit leuchtenden Augen erzählte Anariel von Gil-galad, dem Hohen König der Noldor und von seinen Vorfahren, von Fingolfin und Fingon, von der Maia Melian und ihrem Gemahl Thingol. Es war schon dunkel, als Anariels Geschichte endete. Rhûmos Augen glänzten im Schein des kleinen Feuers und Anariel rechnete fast damit, dem Jungen jetzt seine viele Fragen zu beantworten, die ihm ohne Zweifel auf der Zunge brannten. Doch Rhûmo wickelte sich fest in seine Decke, murmelte ein Dankeschön und Gute Nacht und war auch schon eingeschlafen. Anariel blieb noch geraume Zeit sitzen und starrte ins Feuer. Sie zog die Kette aus dem kleinen Lederbeutel und hielt sie gegen die Flammen. Die kleinen Perlen und Edelsteine glitzerten und funkelten, als hätte der Goldschmied das Licht der Sterne darin eingeschlossen. Isildurs Geschenk war, ohne dass Anariel es merkte, zu einem Glücksbringer geworden. Es war das einzige außer ihrem treuen Alagos, was die Erinnerung an ihr früheres Leben noch aufrecht hielt und das ihr Hoffnung gab. Vielleicht konnte sie in einigen Monaten nach Armenelos zurückkehren oder Elendil eine Nachricht zukommen lassen, wo sie sich befand. Das wichtigste war jetzt, für eine Weile zu verschwinden und Gras über den Aufruhr in Andúnië wachsen zu lassen.
Der Mond war schon aufgegangen, als Anariel sich endlich in ihre Decke wickelte. Morgen würden sie den Wald von Nísilmaldar erreichen und es schien ihr, als wehte bereits eine würzige Brise in ihre Richtung.
(Steph)