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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Nísimaldar

Anariel zügelte Alagos. Vor ihnen lag Nísimaldar. Schon von Weitem war der Anblick großartig gewesen, doch als sie direkt vor den Bäumen der Elben standen, verschlug es Anariel den Atem. Langsam und vorsichtig lenkte sie Alagos zwischen den Bäumen hindurch, so dass sie sich die wunderbaren Bäume ringsherum gründlich ansehen konnte. Nach einer Weile rührte sich Rhûmo, der hinter ihr saß. Er wollte gern absteigen. Anariel hielt das für eine gute Idee und so saßen sie ab und gingen zu Fuß weiter. Rhûmo besah sich die vielen verschiedenen Bäume gründlich, untersuchte ihre Blätter und betastete ihre Rinde. Es war so schön hier, dass sie ihr Lager am nächsten besten Wasserlauf aufschlugen. Am nächsten Tag schien sogar die Sonne. Anariel war glücklich. Für eine Weile vergaß sie ihre Probleme und war nur froh, an diesem Ort zu sein. „Der Wald der Elben…“, meinte sie versonnen.
Rhûmo horchte auf. Es schien ihm etwas eingefallen zu sein, was er wohl über der Schönheit des Waldes vergessen hatte, denn er machte wieder dieses nachdenkliche Gesicht, das Anariel in den letzten Tagen schon bei ihm aufgefallen war. Es stellte sich meist ein, wenn sie eine Geschichte erzählte, aber sie hatte nicht nachfragen wollen. Sie war sicher gewesen, dass er seine Frage schon stellen werde, wenn die Zeit gekommen war. Dieser Zeitpunkt schien jetzt da zu sein, denn Rhûmo hob an zu sprechen: „Herrin Mizûreth?“
„Ja?“
„Darf ich Euch eine Frage stellen?“
„Nur zu.“
„Ihr sagtet, dass dies der Wald der Elben ist. Und auch in Euren Geschichten habt Ihr von Elben gesprochen, und zwar wie von edlen und freundlichen Wesen. Ich habe aber außer von Euch bisher nur Geschichten gehört, in denen schreckliche, böse und hinterlistige Elben vorkamen, die den Menschen nur Böses wollten.“
Er machte eine Pause und dachte nach. „Sind die Elben gut oder böse?“, fragte er schließlich, „Oder sind sie wie die Menschen und es gibt solche und solche? Aber warum sind dann die Bösen in den Märchen immer Elben oder andere Ungeheuer und nie Menschen?“
Das war es also, was ihn die ganze Zeit umgetrieben hatte. Anariel musste sich selbst eingestehen, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen war, er könne nicht wissen, wer die Elben waren. Sie selbst war mit dem Wissen aufgewachsen, es war einfach selbstverständlich für sie und sie hätte nie gedacht, dass jemand diesen dummen Schauermärchen Glauben schenken könnte. Doch woher hätte er es auch wissen sollen, schalt sie sich selbst. Also gut. Sie würde ihm von den Elben erzählen.
Anariel setzte sich bequem hin und begann. Sie erzählte von den ersten Anfängen der Erde. Viel war ihr davon allerdings nicht bekannt. Ihre Lehrer in Forlindon hatten selbst nur über bruchstückhaftes Wissen verfügt, denn viele Einzelheiten waren verloren gegangen, seit die Noldor aus Valinor ausgezogen waren. Sie begann mit der Ainulindale, denn sie fand, dass sie Rhûmo auch gleich alle Zusammenhänge klarmachen konnte, wenn sie schon einmal dabei war. Sie erzählte von den Valar und von Melkor , vom Erwachen der Elben und dem der Menschen. Davon, dass die Elben die Erstgeborenen und die Menschen die Zweitgeborenen waren und von ihren jeweiligen besonderen Gaben. Rhûmo zeigte sich sehr erstaunt darüber, dass die Sterblichkeit ein Geschenk sein sollte. Er widersprach ihr in diesem Punkt sogar heftig und sagte, er halte den Tod für den schlimmsten Fluch, den Eru den Menschen habe mitgeben können. Anariel konnte ihn verstehen. Genau dasselbe hatte sie als Kind auch gedacht. Doch sie hatte es eingesehen, als ihr Vater ihr vorgehalten hatte, dass einige der Elben, die am Sippenmord von Alqualonde beteiligt gewesen waren, heute noch immer mit dieser Vergangenheit leben mussten. Sie versuchte, Rhûmo das zu erklären, doch er antwortete hitzig: „Menschen müssen an Krankheiten sterben, Elben nicht. Das habt Ihr selbst gesagt. Wollt Ihr behaupten, dass es ein gutes Geschenk ist, wenn Kinder sterben müssen, bevor sie auch nur einen ihrer Träume wahr machen konnten? Oder dass Eltern sterben und ihre Kinder allein dastehen?“
Anariel wunderte sich über diesen Gefühlsausbruch, denn sie kannte den Jungen bisher eigentlich nur ruhig und schweigsam. Das einzige Mal, als sie ihn in ähnlicher Verfassung erlebt hatte, war vor ihrer Flucht aus Andúnië gewesen, als Mattek ihm befahl, mit Anariel zu reiten. Sie hatte von Anfang an den Eindruck gehabt, als sei er vor etwas davongelaufen. Vielleicht hing das mit seiner heutigen Reaktion zusammen. Womöglich war er davongelaufen, weil irgend jemand gestorben war, der ihm sehr nahe stand. Seine Eltern vielleicht? Sein Bruder oder seine Schwester? Daher kam wahrscheinlich auch das Misstrauen, das er ihr anfänglich entgegengebracht hatte. Er hatte wohl einfach zu viel damit zu tun, mit seinem Kummer fertig zu werden. Ach, es nützte nichts, sich hierüber Gedanken zu machen. Wenn er es ihr erzählen wollte, dann würde er das tun. Und es ging sie ja eigentlich auch nichts an.
Rhûmo wollte sich die Bäume in der Umgebung noch einmal etwas näher anschauen und bat um Erlaubnis, sich vom Lagerplatz zu entfernen. Anariel gab sie ihm gern. Sie hatte das Gefühl, dass er jetzt ein bisschen Zeit für sich brauchte, außerdem musste er die Geschichten, die sie ihm über die Elben erzählt hatte, bestimmt erst verdauen. Sie bat ihn lediglich, sich nicht zu weit zu entfernen, damit er sich nicht verliefe. Rhûmo ging und Anariel machte es sich bequem. Sie schloss die Augen und lehnte sich gegen einen Baumstamm. Wie friedlich es hier doch war, fast kam es ihr vor, als befände sie wieder in Forlindon im Reich Gil-galads. Die Vögel zwitscherten und sogar die Sonne durchbrach endlich wieder den grauen Teppich, der sich seit Tagen über den Himmel gelegt hatte. Plötzlich schreckte Anariel auf. Sie bemerkte, dass Alagos nervös die Ohren gestellt hielt und in Richtung Wald blickte. Unruhig geworden sah sie sich nach allen Seiten um und musterte dann den Waldsaum etwas genauer. Ein Gefühl sagte ihr, dass sie nicht allein war, sie wurde beobachtet. Alagos setzte sich plötzlich in Bewegung und lief auf eine Stelle zu, an der die Bäume besonders dicht standen. Anariel war aufgestanden und folgte dem Hengst vorsichtig.
„Rhûmo, bist du das?“
Sie bekam keine Antwort. Alles blieb ruhig und die Vögel zwitscherten unbeirrt weiter. Die Blätter raschelten leise im Wind, ansonsten war kein fremder Laut zu vernehmen. Trotzdem wurde sie den Verdacht nicht los, dass irgendjemand oder irgendetwas sie beobachtete. Gerade wollte sie die Zweige einiger dicht beieinander stehender Büsche auseinander biegen, als Rhûmo fröhlich pfeifend am anderen Ende der Lichtung erschien. Anariel drehte sich schnell um und ging wieder zum Lager. Sie wollte den Jungen nicht unnötig beunruhigen. Zu ihrer Beruhigung sah sie, dass auch Alagos das Interesse verloren hatte und sich wieder dem frischen Gras zuwandte. Rhûmo schien bester Laune zu sein. Voller Stolz zeigte er ihr eine Hand voll Beeren, die er auf seinem Streifzug gesammelt hatte und bot ihr die Hälfte an. Mit vollem Mund meinte sie schließlich: „Wir sollten jetzt weitergehen. Vor Anbruch der Nacht möchte ich noch einen etwas geschützteren Platz finden.“
Rhûmo nickte und fing sofort an, seine wenigen Habseligkeiten zusammenzupacken und in den Satteltaschen zu verstauen. Anariel erhob sich und warf noch einmal einen prüfenden Blick über die Lichtung. Alles schien ruhig. Sie hatte sich das vorhin wohl doch nur eingebildet.
Mit Alagos am Zügel schritt Rhûmo voraus und Anariel bildete schmunzelnd die Nachhut. Der kleine Junge mit ihrem großen Hengst bot einen herrlichen Anblick. Zwischen den beiden hatte sich ein mittlerweile großes Vertrauen entwickelt und das Tier schien einen guten Einfluss auf Rhûmo zu haben. Sein Verhalten bot keinen Vergleich mehr zu ihrer ersten Begegnung mit ihm. Er wurde von Tag zu Tag aufgeschlossener.
Die Sonne begann nun langsam zu sinken und Anariel fragte sich, ob sie wirklich noch einen geeigneten Platz zum Übernachten finden würden, als Alagos abrupt stehen blieb, nervös schnaubte und zu tänzeln begann. Rhûmo versuchte den Hengst zu beruhigen, aber er entriss sich seinen Händen und warf ängstlich den Kopf zurück.
„Lass die Zügel los, Rhûmo. Wenn er ausschlägt, könntest du böse getroffen werden.“
Anariel hatte kaum ausgeredet, als ein lautes Knacken und Brechen zu hören war. Alagos wieherte laut vor Angst und stieg, mit seinen Hufen wild ausschlagend. Anariel konnte nicht schnell genug ausweichen und ein Huf traf sie vor der Brust. Ihr blieb nicht einmal die Zeit zu schreien, da schlug sie mit dem Hinterkopf auf etwas Hartes und verlor augenblicklich die Besinnung.


Mit dröhnenden Kopfschmerzen wachte Anariel auf. Ihr war schlecht und sie fühlte sich so miserabel wie schon lange nicht mehr. Langsam öffnete sie die Augen und sah sich um, allerdings ohne dabei den Kopf zu bewegen. Auch wenn sie sich nicht mehr genau erinnerte, was eigentlich geschehen war, war ihr doch klar, dass sie dabei eine mehr oder weniger schwere Verletzung davongetragen haben musste. Sie befand sich in einem Raum, der nur aus Ästen und Blättern zu bestehen schien. Die Decke aus grünen Laubblättern und Moos bewegte sich sanft im Wind, der kühl durch die Öffnungen an den Wänden strich. Anariel lag mit leicht aufgerichtetem Oberkörper auf einem weichen Lager aus Moos und Fell und war bis zum Hals in warme Decken gehüllt. Neben ihrem Bett stand ein kleiner Tisch, der mit allerlei Tüchern und kleinen Schüsseln beladen war. Ein angenehm würziger und erfrischender Duft lag in der Luft. Langsam hob sie einen Arm und schob die Decke ein Stück nach unten. Über ihrer Brust spannte sich ein mit Kräuterumschlägen versehener Verband, der zwar fest gebunden war, damit das Ganze nicht verrutschte, sie aber trotzdem nicht beengte und ihr das Atmen, das ihr sowieso Mühe bereitete, nicht noch schwerer machte.
Auf einmal hatte sie schrecklichen Durst, suchte aber auf dem kleinen Tischchen vergeblich nach einem Trinkgefäß. Ein Versuch, sich weiter aufzurichten und die ganze Hütte zu überblicken schlug völlig fehl. Stöhnend und mit pochendem Kopfschmerz ließ sie sich wieder zurücksinken. Auch Schmerzen auf der Brust machten sich jetzt bemerkbar und trugen nicht sehr zu ihrem allgemeinen Wohlbefinden bei. Sie würde wohl oder übel darauf warten müssen, dass irgendjemand kam und ihr half. Bei diesem Gedanken fiel ihr der Junge wieder ein. Hoffentlich war Rhûmo nichts passiert als... . Jetzt war die Erinnerung wieder da. Alagos war durchgegangen und hatte sie dabei an der Brust getroffen. Und da war noch jemand oder etwas gewesen, das...
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als von draußen Geräusche zu vernehmen waren. Jemand kam herein. Anariel lag allerdings so, dass sie die Türöffnung nicht sehen konnte. Leichte Schritte näherten sich jetzt ihrem Lager und ein überraschter Laut war zu hören. Dann legte sich eine schmale kühle Hand auf ihre Stirn. Anariel sah hoch und blickte überrascht in ein Gesicht, das ihr wie im Traum vorkam. Leise fragte sie mehr zu sich selbst auf elbisch: „Wie kommt eine Elbin nach Númenor?“
Jetzt war es an der jungen Frau, überrascht dreinzublicken. Auf Sindarin fragte sie hastig: „Du sprichst meine Sprache?“
Anariel nickte, bezahlte diesen Leichtsinn allerdings sofort mit einem stechenden Schmerz im Kopf. Mit einem leisen Stöhnen schloss sie die Augen, um dem Toben hinter ihrer Stirn ein Ende zu bereiten. Die Fremde stand eine Weile ratlos vor ihrem Lager, entfernte sich dann rasch und kam wenig später mit einem nassen Tuch zurück, das sie Anariel behutsam auf die Stirn legte. „Es tut mir leid, ich war zu unvorsichtig“, sagte sie. „Sprich nicht mehr und ruh dich aus, dann geht es dir hoffentlich bald besser.“
Anariel hörte, wie sie sich entfernte und beschloss, ihrem Rat zu folgen. Die Fragen, die ihr auf der Zunge brannten, konnte sie auch später noch stellen, ohne Schmerzen.
Als Anariel das nächste Mal aufwachte, blickte sie direkt in das Gesicht Rhûmos, der, wie es schien, an ihrem Bett Wache gehalten hatte. Er lächelte schüchtern und hielt ihr dann einen Becher mit klarem Wasser hin. Leise sagte er: „Hier, sie hat gesagt, ich soll Euch das geben, wenn Ihr aufwacht. Aber trinkt nicht zu hastig, viel dürft Ihr nicht zu Euch nehmen.“
Anariel folgte seiner Weisung, wenn auch widerwillig. Ihre Kehle fühlte sich an, als habe sie seit Wochen keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen und das Schlucken tat ihr weh. Rhûmo setzte den Becher ab und sah sie erleichtert an.
„Ich bin froh, dass es Euch wieder besser geht.“
Anariel strich ihm leicht über die Wange, sagte aber nichts. Außer einem heiseren Krächzen und neuen Schmerzen hätte sie ohnehin nichts hervorgebracht.
„Ich sehe mal nach, ob die Waldfrau schon etwas zu essen gemacht hat“, sagte Rhûmo und verschwand aus dem Raum. Anariel sah ihm nicht nach. Jede Drehung des Kopfes bereitete ihr unerträgliche Kopfschmerzen und da sie so schnell wie möglich wieder auf die Beine kommen wollte, vermied sie jede zu schnelle und unvorsichtige Bewegung.
Es dauerte nicht lange und die Fremde trat ein, dicht gefolgt von Rhûmo, der eine Schüssel mit dampfender Suppe in den Händen balancierte. Die seltsame Frau setzte sich lächelnd an ihr Bett, nahm Rhûmo die Schale aus der Hand und fing an, Anariel zu füttern. Erst wollte diese sich gegen die kindische Behandlung wehren, sah dann aber schnell ein, dass sie ohne fremde Hilfe nicht hätte essen können. Ihr Hände zitterten so sehr, dass sie nicht einmal mehr die Decke wegziehen konnte. Besorgt stellte die Fremde die Schale beiseite und fasste Anariel an den Hals und die Stirn.
„Du hast wieder Fieber. Aber keine Sorge, ich braue dir einen Tee, der das Fieber sinken lässt. Willst du trotzdem noch ein bisschen essen?“ Anariel schüttelte langsam den Kopf. Sie fühlte sich plötzlich hundeelend und ihr war schlecht. Erschöpft ließ sie sich wieder auf das Lager sinken und schloss die Augen. Sie bemerkte nur noch, wie ihr jemand wieder ein feuchtes Tuch auf die Stirn legte, dann schlief sie ein.
Diesmal weckten Anariel lautes Vogelgezwitscher und leiser Gesang. Sie hob den Kopf und stellte bei der Gelegenheit gleich fest, dass ihr die Bewegung schon weit weniger Schmerzen bereitete. Die Fremde saß in der gegenüberliegenden Ecke des Hauses auf einigen Decken und nähte. Dabei summte sie eine fremdartig klingende Melodie, die Anariel seltsam vertraut vorkam. Als Anariels Pflegerin merkte, dass ihre Patientin wach war, legte sie ihre Arbeit beiseite und kam lächelnd an ihr Bett.
„Es freut mich, dass es dir besser geht. Ich dachte schon, ich könnte dir nicht mehr helfen. Du bist sehr hart aufgeschlagen, als dieses Ungeheuer um sich getreten hat. Ich weiß wirklich nicht, warum sich der Junge trotzdem noch so liebevoll um das Tier kümmert.“
Anariel lächelte etwas unbeholfen: „Wahrscheinlich ist Alagos vor irgendetwas erschrocken. Sonst benimmt er sich nicht so.“
Die Frau machte ein unwillige Handbewegung. „Wie dem auch sei, es wird gut für ihn gesorgt, aber ich will ihn nicht in meiner Nähe haben. Du hast jetzt bestimmt Hunger.“
Anariel nickte und wartete dann, bis sie wieder zurück war. Sie bekam auch diesmal nur flüssige Nahrung. Da das Essen ihr kaum noch Schwierigkeiten machte, genoss sie die warme Mahlzeit und ließ sich mit dem Essen viel Zeit. Während sie aß, musterte sie ihre Retterin etwas genauer. Außer dem goldblonden Haar fielen Anariel vor allem die großen grauen Augen auf, mit der die Frau sie ihrerseits nicht aus den Augen ließ. Anariel musste erkennen, dass sie sich getäuscht hatte. Die Fremde war keine Elbin, auch wenn sie erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Elbenvolk hatte. Wo sie wohl herkam?
Anariel hatte schon während der ersten Mahlzeit bemerkt, dass die geheimnisvolle Frau die Holzschale verwendete, die sie aus Andúnie mitgenommen hatte. Auch sonst gab es in der Hütte außer dem kleinen Tischchen und der Lagerstatt nichts zu finden, was nicht unbedingt lebensnotwenig war. Das Mädchen lebte hier ohne jeglichen Komfort und schien gut damit zurecht zu kommen.
„Lebst du schon lange hier?“, fragte sie, neugierig darauf, etwas über ihre Retterin zu erfahren. Die blonde Frau antwortete nicht gleich und starrte sie noch eine Weile weiter mit ihren durchdringenden grauen Augen an. Schließlich sagte sie: „Seit ich denken kann, lebe ich hier. Nein! Frag nicht weiter, ich kann dir über mich nicht mehr sagen.“ Mit diesen Worten schnitt sie Anariel nächste Frage sofort ab, nicht unfreundlich aber sehr bestimmt. Ihr Verhalten machte die junge Frau nur noch geheimnisvoller und Anariel hätte zu gern mehr über sie erfahren, aber sie drang nicht weiter in die Fremde, es hätte keinen Zweck gehabt.
Die nächsten Wochen verbrachte Anariel nur damit, sich von ihrem Sturz und nebenbei auch von allen vorangegangenen Strapazen der langen Reise zu erholen. Rhûmo tat die erzwungene Rast ebenfalls sehr gut. Mit ihrer namenlosen Retterin verbrachte er Stunden im Wald, um Anariel abends begeistert zu erzählen, was er alles von der „Waldfrau“ gelernt hatte. Anariel ihrerseits nutzte die Zeit, um ihre Kleidung und das Sattelzeug zu flicken und notdürftig auszubessern. Ihre Ausrüstung hatte doch sehr unter den Anstrengungen und dem schlechten Wetter gelitten. Ab und zu begleitete sie Rhûmo und seine Lehrerin in den Wald und staunte nicht schlecht darüber, wie gewandt und lautlos sich letztere in ihrer vertrauten Umgebung bewegte. Sie nannte ihre Gastgeberin mittlerweile insgeheim Elleth, Elbenmädchen. Ihr erschien der Name sehr passend für eine Frau, die aussah wie eine Elbin und noch dazu so redete.
Manchmal, wenn der Abend besonders warm und schön war, erzählte Anariel Rhûmo weitere Geschichten von den Elben und ihrer Freundschaft zu den Menschen. Mit dem Gedanken, dass die Sterblichkeit ein Geschenk Erús an die Menschen war, konnte er sich allerdings immer noch nicht anfreunden und sie überging diesen wunden Punkt deshalb so gut es ging. Auch Elleth zeigte lebhaftes Interesse an Anariels Geschichten, besonders als sie von der Ankunft der Menschen auf Númenor erzählte, von den Besuchen der Elben und ihren wunderbaren Geschenken.
Anariel machte sich langsam wieder Gedanken darüber, wohin sie mit Rhûmo weiterziehen sollte. Oft lag sie nachts wach und überlegte stundenlang, was das Beste wäre. Zurück nach Armenelos? Das war unmöglich. Sie würde erst dorthin zurückkehren, wenn sie ihren Vater gefunden hatte oder ihn in Sicherheit wusste. Eine Nachricht an Elendil zu schicken war auch erst dann möglich, wenn sie einen vertrauensvollen Boten gefunden hatte. Ein kleines Dorf, in dem sie für einige Monate verschwinden konnte, wäre genau das richtige. Von dort war es dann nur noch halb so schwierig, jemanden zu finden, der eine Botschaft nach Armenelos brachte. Vielleicht war es Elendil inzwischen selbst gelungen, ein Lebenszeichen ihres Vaters auszumachen. Befriedigt darüber, endlich eine Lösung gefunden zu haben, schlief sie ein. Am nächsten Morgen teilte sie ihren Entschluss Rhûmo und Elleth mit. Rhûmo schien nicht sehr begeistert darüber zu sein, den Wald verlassen und weiterreisen zu müssen, aber er weigerte sich nicht. Elleth zeigte keine Gefühlsregung, die darauf schließen ließ, dass sie traurig oder froh darüber war, ihre Gäste bald zu verabschieden. Es huschte lediglich ein sehr nachdenklicher Zug über ihr Gesicht. Anariel machte sich an diesem Morgen sogleich daran, alles Notwendige für ihre Abreise vorzubereiten und wurde dabei von Rhûmo tatkräftig unterstützt. Der Junge war inzwischen so geschickt im Auffinden von Beeren und essbaren Wurzeln, dass sie ihm die Aufgabe, Proviant zusammenzutragen ganz überließ. Nur das Jagen übernahm sie selbst. Elleth behagte das Töten von Tieren nicht, das hatte Anariel schon bemerkt, deshalb hielt sie sich auch aus Anariels Nahrungsbeschaffungsmaßnahmen heraus. Statt dessen trug sie viele Kräuter zusammen, die in heißem Wasser eine erstaunliche Wirkung erzielen konnten. Vor allem die Kräutertees besaßen eine große heilende Kraft, wandte man sie richtig an.
Einige Tage später war es dann soweit. Anariel sattelte Alagos, der sich während der langen Ruhepause gänzlich erholt hatte und prächtiger aussah denn je, verstaute den Großteil des Proviants in ihren Satteltaschen und legte sich ihren Mantel um die Schultern. Rhûmo stand schon reisefertig daneben und warf einen bedauernden Blick auf die Hütte und den ringsum aufragenden Wald. Elleth wartete, bis Anariel fertig war und hielt ihr dann ein kleines Säckchen hin. Anariel nahm es in die Hände, verwundert darüber, wie stark der Duft war, der dem Beutel entströmte. Elleth lächelte über Anariels ratlosen Gesichtsausdruck und sagte: „Ich habe Athelas gesammelt, es wächst hier im Wald nur an einigen besonderen Stellen. Sein Duft erfrischt den müdesten Reisenden und schmeckt auch als Tee sehr gut.“
Anariel dankte Elleth und umarmte sie zum Abschied kurz, dann stieg sie auf Alagos Rücken und half Rhûmo hinauf, nachdem er sich ebenfalls von Elleth verabschiedet hatte.
Der Wald war hier nicht besonders dicht und Anariel ließ Alagos laufen. Der große Hengst hatte seit Wochen keinen Auslauf mehr gehabt und legte ein umso schnelleres Tempo vor. Anariel ließ ihm den Willen, sie hatten es zwar nicht eilig, doch konnten sie dafür dann früher rasten.


Drei Wochen waren vergangen, seit sie den Wald und Nísimaldar hinter sich gelassen hatten. Anariel war eine zeitlang an der Küste entlang geritten, bog aber nach Osten ab, als sie das äußere Ende der Bucht von Eldalonde erreicht hatten. Es wurde Zeit, in bewohnte Gegenden zurückzukehren.
Eine Woche später um die Mittagszeit sahen sie von ferne endlich eine kleine Ansammlung von Häusern. Anariel hielt neben einer kleinen Baumgruppe an und stieg vom Pferd. Rhûmo sah sie verwundert an und fragte: „Was macht Ihr denn da?“
Anariel nestelte an einer der Satteltaschen, zog schließlich ihre Brustbinde heraus und ließ sie vor Rhûmos Gesicht baumeln.
„Mit einer Frau im Schlepptau hättest du bestimmt keine Aussicht auf gut bezahlte Arbeit, außerdem will ich kein Gerede. Und ein kleiner Junge, der allein mit seiner „Schwester“ umherzieht ist nicht gerade der beste Weg das zu vermeiden.“
Sie trat hinter einen Baum und schnürte sich die Brust, dann zog sie ein Messer und schnitt sich das mittlerweile wieder lang gewachsene Haar ab.
„So, wir können weiterreiten“, sagte sie und warf Rhûmo, der sie grinsend musterte, einen ärgerlichen Blick zu, während sie wieder in den Sattel stieg.
Sie mussten nicht lange reiten. Schon nach einer Viertelstunde erreichten sie den Dorfrand. In der Nähe musste es ein großes Weingut geben, Anariel hatte eine Reihe sehr stattlicher Weinberge gesehen und auf dem Dorfplatz standen mehrere Wagen, voll beladen mit großen Weinfässern. Vielleich bot sich hier eine Chance, Arbeit zu finden und für eine Weile auszuharren. Die beiden Reisenden stiegen vom Pferd und begaben sich in die kleine Schenke, die sich direkt neben dem Dorfbrunnen befand. Innen war es recht dunkel und verraucht und Anariel behagten die misstrauischen Blicke der Dorfbewohner überhaupt nicht. Trotzdem bewegte sie sich zielstrebig auf die Theke zu und bestellte für Rhûmo und sich etwas zu trinken. Auch der Wirt maß sie mit seltsamen Blicken und Anariel kam langsam der Verdacht, dass Fremde hier nicht besonders gern gesehen wurden. Während sie an die Theke gelehnt auf ihre Bestellung wartete, fragte der Wirt unfreundlich: „Darf man fragen, woher Ihr kommt und wer Ihr seid?“
Anariel sah ihn ruhig an. Auch wenn ihr eine spitze Bemerkung auf der Zunge lag, beherrschte sie sich doch. Ärger war das letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, außerdem wollte sie es sich nicht sofort mit den Dorfbewohnern verscherzen. Also blieb sie gelassen und antwortete freundlich: „Mein Name ist Karmoth und das hier ist mein kleiner Bruder Rhûmo. Wir sind auf der Suche nach Arbeit und kommen aus dem Norden. Könnt Ihr uns vielleicht helfen?“
Der Wirt runzelte die Stirn, nickte schließlich aber doch mit dem Kopf und deutete nach links an einen Ecktisch. „Versucht es mal dahinten. Der fein gekleidete Herr ist der reichste Man in der Gegend und Besitzer des großen Weingutes. Er kann Euch vielleicht Arbeit verschaffen.“
Anariel bedankte sich und zahlte, dann begab sie sich mit Rhûmo an den zugewiesenen Tisch. Der Gutsbesitzer war ein beleibter gutmütig aussehender Mann in den mitteleren Jahren. Er hatte, wie es schien, gerade zu Mittag gegessen und war bester Laune. Glücklicher hätten Anariel und Rhûmo es gar nicht treffen können. In solcher Stimmung, da war sich Anariel sicher, konnte er sie gar nicht wegschicken. Seine Tischgenossen sahen allerdings weniger freundlich aus und musterten Anariel und Rhûmo finster.
„Verzeiht, Herr“, begann sie unterwürfig. „Mein Name ist Karmoth und das hier ist Rhûmo, mein kleiner Bruder. Wir sind auf der Suche nach Arbeit und man hat uns an Euch verwiesen.“
Der Gutsbesitzer sah die beiden scharf an, besonders lang ruhte sein Blick auf Rhûmo. Anariel zitterte innerlich leicht. Rhûmo hatte in den letzten Wochen zwar bedeutend an Gewicht zugelegt, sah aber immer noch recht mager aus. Und auch sie selbst bot bestimmt keinen viel überzeugenderen Anblick.
„Welche Arbeit könntet ihr denn verrichten? Der Junge sieht mir recht schwach aus und einen weiteren Laufburschen kann ich eigentlich nicht brauchen.“
Anariel überlegte fieberhaft, was sollte sie antworten, sie wusste über Rhumos früheres Leben ja nichts. Mit hilfesuchendem Blick wandte sie sich an ihren kleinen Begleiter.
„Ich habe früher... Tiere gehütet“, sagte er schließlich leise. Anariel seufzte erleichtert auf und fügte dann hinzu: „Ich dachte, wir könnten vielleicht bei der Weinlese helfen.“
Der Gutsbesitzer nickte mit dem Kopf, sagte aber dann: „Es ist schon richtig, für die Weinlese kann ich jeden Mann brauchen, allerdings sind es bis dahin noch fast drei Monate. Einen Hirten für meine Gänse könnte ich brauchen, aber für dich habe ich in den nächsten Monaten keine Verwendung.“
Anariel senkte enttäuscht den Kopf. Dann mussten sie es eben im nächsten Dorf versuchen. Wenn jedoch schon ein so reicher Mann keine Arbeiter mehr suchte, dann war es sehr unwahrscheinlich, dass sie auf kleineren Gehöften noch etwas finden würden. Der Gutsbesitzer war ein weichherziger Mann und versuchte, sie zu trösten.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich euch nicht helfen kann. Allerdings... wenn Ihr schreiben könntet, was ich jedoch nicht annehme, dann hätte ich Arbeit für Euch.“
Anariel sah ihn ungläubig an und Rhûmo stieß sie verstohlen in die Seite. Der Gutsbesitzer deutete ihre Überraschung falsch und lächelte versöhnlich.
„Ich dachte mir schon, dass es die falsche Frage war. Ich werde mich für Euch in der Umgebung einmal umhören, vielleicht könnt Ihr bei einem meiner Bekannten unterkommen.“
„Aber Herr!“ unterbrach ihn Anariel. „Ich kann alles schreiben! Was immer Ihr wollt.“
Der linke Tischnachbar sprang auf und rief grimmig: „Zuerst belästigst du unseren Herrn und jetzt lügst du auch noch! Scher dich ja fort!“
An den Gutsbesitzer gewandt sagte er eindringlich: „Ragnor, Ihr wollt doch nicht auf dieses dahergelaufene Lumpenpack hören. Jagt sie weg!“
Ragnor musterte Anariel scharf und sagte dann: „Er soll uns beweisen, dass er schreiben kann. Nardûr, gib ihm Blätter und deine Feder.“
Anariel setzte sich und nahm ein Blatt und die Feder zur Hand. Mühelos schrieb sie alles auf, was ihr Ragnor und Nardûr diktierten. Schon nach kurzer Zeit war Ragnor überzeugt. Freudestrahlend rief er aus: „Du bist eingestellt. Ich brauche nämlich dringend einen Buchhalter, der richtig schreiben kann.“ Mit einem Seitenblick auf Nardûr fügte er hinzu: „Nardûr wird dir alles zeigen und dich einweisen. Wir gehen sofort aufs Gut zurück.“
(Steph)