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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Verraten

Dämmriges Licht fiel in die Dachkammer, die Gwîndis ihr eigen nannte. Bis auf ein karges Bettgestell und einem verstaubtem Tisch mit einer Waschschüssel war nichts von Wert zu sehen. Staub rieselte von einem der morschen Balken. Sie begann sich zu waschen und versuchte, ihre Gesichtswunde so behutsam wie möglich zu untersuchen. Zu ihrer Besorgnis waren die Wundränder bereits trocken und begannen sich bläulich zu färben, während die Blutung in der Mitte ungestillt weiterlief. "Nein, es hilft nichts. Ich brauche einen Heiler. Die Wunde wird hart und kalt und ihre Farbe macht mir Sorgen, sollte ein Gift eingedrungen sein, wird mir dieses Frauenzimmer dafür büßen!" Sie verband sich notdürftig und räumte die Waschschüssel beiseite.
Mit fließenden Bewegungen holte Gwîndis ein Pergament und Schreibzeug aus einer der quietschenden Schubladen hervor. Sie betrachtete ihr Diebesgut, eine Liste mit elbischen Namen, nachdenklich. Wozu sollte so etwas von Wert sein? Dieser zum Beispiel roccondil war augenscheinlich ein Deckname. Wenn nicht mehr über ihn bekannt war, konnte ihm diese Liste egal sein und war mehr bekannt... nun dann konnte ihm die Liste auch relativ egal sein, denn seine Existenz war in ernsthafter Gefahr. Sie zuckte die Schultern. Es war nicht ihre Sache darüber zu urteilen, aber anscheinend hatte es mit diesen Dingen eine Bewandtnis und damit, sie konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken, ließ sich sicher etwas für sie herausschlagen.
Flinken Fingers schrieb sie die Liste ab, und sah siech suchend um. Nichts war sicher und selbst ein Meisterdieb mochte bestohlen werden. Sie öffnete das kleine Fenster zur Nordseite.
"Hêndû!" Der Rabe erhob sich aus den Ästen eines nahe stehenden Baumes und kam heran.
"Leise." Sie zog seinen linken Flügel hervor und öffnete die dortige Ledertasche.
Nach ein paar prüfenden Blicken schob sie ihre gefaltete Kopie hinein und verschloss die Tasche mit einem zähen Wachssiegel.
"Bis dann, mein Auge der Nacht, sei wachsam."
Das war geschafft. Sie schob das Original unter eine ihrer ledernen Armschienen und hüllte sich in einen weiten, schwarzen Mantel, der ihr Gesicht und ihre Gestalt vor den Blicken allzu Neugieriger verbarg.
Zeit, den Treffpunkt und danach einen Heiler zu suchen...


Die Nacht war so dunkel wie die sagenumwobenen Stollen des Volkes der Zwerge auf dem Festland und weder Mensch noch Tier wagte sich hinaus.
Gwîndis lehnte sich an die Mauer eines halb verfallenen Stalles und wartete. Blut hatte ihr Gesicht entstellt und ihr Anblick hätte selbst gestandenen Männern Furcht eingeflößt. Nicht, dass sie jemand gesehen hätte. In ihrer Straßenkleidung würde sie selbst am hellichten Tage nicht auffallen und hier war sie kaum mehr als einer der unzähligen Schatten, die immer mehr Platz in den Gassen der Goldenen Stadt einnahmen.
Niemand kam. Nicht zur genannten Stunde, noch danach. Der bittere Geschmack des Verrats stieg in ihr auf. War es eine Falle gewesen? Nein. Dann wäre ihr die Flucht aus dem Palast nie gelungen.
Vermutlich waren sie schon hier gewesen, als die Zeit heran war. Nur konnten sie nicht allzu lange gewartet haben. Diese Feiglinge! Gwîndis stocherte ein wenig in der trockenen Erde.
Wenn sie einmal gegangen waren, würden sie nicht wiederkommen. Das Dokument musste wertvoller sein, als sie angenommen hatte, wenn ihre Auftraggeber solch große Furcht hatten. Oder auch nicht, denn würden sie nicht gewartet haben, um jeden Preis?
Das würde bedeuteten, es war umsonst gewesen. Sie hatte sich die Mühe umsonst gemacht! Großartig. Und die Wunde fing an kalt zu werden. Gwîndis dachte an die drängenden Augen ihres Arbeitgebers, nein, sie strich über ihre Lederschiene. Ihr Schatz war wertvoll, nur, was sollte sie nun damit anfangen? Sie war allein und in dieser Stadt gab es Dinge, denen selbst sie wenig entgegen bringen mochte.
Nicht nur, dass sie kaum noch Geld hatte, nein, sie würde auch noch einen Heiler finden müssen.
Und sie würde ihn schnell finden müssen...
Nun war sie wieder hier, in der Schänke, in der alles begonnen hatte. Und wie würde es weiter gehen?. Der Auftrag war schwerer gewesen, als zu erwarten war, doch nur, weil die Informationen, die man ihr gegeben hatte nicht vollständig waren. Und nun?
Der Treffpunkt war verlassen gewesen. Niemand war seit Tagen dort gewesen, aber an den Spuren, die sie gefunden hatte, konnte Gwindis erkennen, dass dies früher ein sehr belebter Ort gewesen sein musste. Das Gold war verloren. Doch nun gab es wichtigeres. Die Narbe, obgleich unter kühlenden Kräutern und Verbänden verborgen, brannte wie Feuer und raubte ihr mehr und mehr ihrer Kraft. Sie brauchte Hilfe.
"Xadres."
Ein paar Goldmünzen fielen vor ihm in den Staub der Theke.
"Lass in Bier und Wein in Strömen fließen. Und setz dich zu mir."
Der Wirt sah sie scharf an, das erste Mal, dass Gwindis wirkliche Emotion in ihm wahrnahm.
"Was ist? Du siehst nicht aus, als würde dir Gesellschaft etwas bedeuten."
"Genauso wenig, wie dir. Aber ich habe eine Frage. Oder nenn es eine Bitte. Es ist gleich. Ich brauche einen Kräuterkundigen. Frag nicht wieso, ein Blick in mein Gesicht sollte genügen. Du kennst dich aus. Und du schuldest mir etwas, nicht?"
"Ja, das tue ich. Doch Schuld und Schuld sind zweierlei."
Xadres schwieg. Und nach einer Weile, in der er seinen toten Blick über seine Schänke wandern ließ, sagte er: "Es gibt einen. Er nennt sich Heiler, auch wenn er keiner ist. Doch er fragt nicht und wird jeden gleich behandeln. Du findest ihn in der alten Gasse, die hinter den Türmen der Wachleute entlangläuft. Dort sind auch viele Kräuterhändler. Frag nach Kolborn."
Gwindis erhob sich. "Danke. Für deine Mühen."
Weitere Münzen fielen vor ihn hin. Als Xadres aufsah, war Gwindis verschwunden.
Der Mond nahm bereits wieder ab. Erstaunlich, wie schnell die Natur sich wandeln konnte.
Doch für all das hatte Gwindis keinen Blick.
Mit fahrigen Bewegungen war sie in ihr Quartier zurückgekehrt und hatte die Liste wieder hervor genommen. Wieder blickte sie die Liste an. Was war das nur für ein rätselhaftes Ding, das nur Namen ohne Sinn enthielt?
Sie kniete sich nieder und zog ihr Bett etwas hervor. Sofort sprang eine der Dielen auf und Staub und Spinnentiere kamen herauf.
Gwindis ließ die Liste hereinfallen und versiegelte alles wieder. Danach taumelte sie wieder auf ihre Füße und lief hinaus ohne auf den großen schwarzen Raben zu achten, der sie die ganze Zeit beobachtet hatte.
Die verschiedenen Straßen und Wege von Armenelos zeigten, wie sich die goldene Stadt verändert hatte. Wo der Adel wandelte, war noch der alte Glanz zu sehen, der jeden Winkel der großen Stadt einst ausgefüllt hatte. Doch in den Vierteln der einfachen Leute herrschte Gestank, Dreck und Krankheit. Die Menschen verrohten und Freundschaft wurde zu einem leeren Wort. Dies traf allerdings auf ganz Armenlos zu...
Gwindis hatte ihn gefunden. Das Haus von "Kolborn, Heiler" war etwas anders. Es war gewinkelt und obwohl der Putz sich langsam ablöste, konnte man noch erkennen, dass es einst ein herrschaftliches Anwesen war.
Sie öffnete Die Tür, denn flackerndes Licht schien auf die Straße und erweckte den Eindruck heimeliger Freundlichkeit.
Sie sah keine Bewegung. Plötzlich drang eine Explosion heiße Schmerzes auf sie ein, der sie überwältige.
Bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie die albernen geputzten Stiefel der schwarzen Garde vor ihrem Gesicht verschwimmen...
(Usch)