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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Feinde

Gwîndis erwachte mit einem Gefühl der Starre und absoluter Kälte in ihren Gliedern.
Sie lag auf einem glatten, kalten Stein, sobald sie das beurteilen konnte, denn über allem lag eine lähmende Dunkelheit, die nicht den kleinsten Lichtschein erlaubte.
Als sie versuchte, sich aufzusetzen, fuhr ihr ein Schmerz kälter als alles Eis Ardas durch den Rücken und ihre Gelenke fingen unkontrolliert zu zittern an. Mit einem Seufzer ließ sie sich wieder zu Boden fallen.
Wo war sie? Und weshalb war sie hier?
Verzweifelt versuchte Gwîndis, ihre Erinnerung wachzurufen, aber das letzte Bild, dass ihr vor Augen stand, war jenes der polierten Stiefel im Hause des Heilers.
Plötzlich überwältigte sie die Erkenntnis: Die Hofdame, der sie begegnet war, musste die Wachen auf ihre Spur gehetzt haben und diese hatten sie in einem Moment der Unachtsamkeit gefangen genommen und in das Verlies des Königs gebracht. Woher sie so genau wissen konnten, wohin sie gehen würde, und weshalb diese Person noch die Kraft hatte, Befehle zu erteilen, war ein ihr ein Rätsel. Und wer sie sein musste, dass sie solche Macht ausüben konnte...
Aber das war nicht der rechte Ort noch die rechte Zeit, darüber zu grübeln.
Jedes Verließ hatte einen schwachen Punkt und den würde sie finden. In Freiheit konnte sie über Rache und die anderen Fragen, die sich ihr aufdrängten, nachdenken.
Bei dem Gedanken an Rache tastete sie instinktiv nach ihrem Dolch, doch er war fort. Genauso wie ihre Wurfmesser und die 2 kleinen Klingen die sie für Notfälle in ihren Stiefeln trug.
Ihre Wachen oder was immer sie waren, schienen nicht so dumm zu sein, wie die Palastwachen. Diese jämmerlichen Narren...
Falls sie Schwierigkeiten haben würde, und sich ihr jemand in den Weg stellen würde, so könnte sie ihn nur mit ihren Fäusten niederstrecken . Doch die Müdigkeit, die sie seit dem Raubzug befallen hatte, ließ ihr wenig Hoffnung auf einen Sieg.
Dennoch, aufgeben war die Art der Feigen und Schwachen.
Langsam und mit katzengleichen Bewegungen erhob sie sich erneut und tastete mit ihren Händen nach Decke und Wänden ihres Kerkers. Es gab keine. Sie kroch etwa eine geraume Weile auf dem staubigen Boden und verwünschte ihre Lage, bis sie auf eine grobe Felswand stieß. Es gab auch hier kein Licht, keine Wärme und keine Luken. Gwîndis tastete jeden Zentimeter der Wand ab, doch sie fand keine Ritze, keine Luke, keinen Ausweg. Nicht einmal ein leiser Lufthauch drang hervor. Es dauerte sehr lange und Gwîndis konnte nicht sagen, ob Stunden oder nicht, bis sie die anderen Wände durch Tasten und Kriechen erreichte. Doch das Ergebnis war überall gleich.
Sie musste sich also in einer sehr großen, leeren Halle befinden und zwar sehr weit von allem abgelegen, denn kein Geräusch außer ihrem eigenem Atem war zu hören.
Gwîndis fluchte. Sie sank auf ihre Knie und begann, fieberhaft nach einem Ausweg zu suchen.
Es gab nichts. Dieser Teil des Kerkers musste riesig sein und vollkommen unter der Erde liegen, denn die Luft war stickig und keine Fenster oder Ritzen, durch die Licht hereinscheinen könnte, waren zu entdecken.
Nach weiteren Stunden mühseliger Suche schlief Gwîndis erschöpft und zusammengekauert auf den kalten Steinen ein.


"Aufstehen! Na los!!"
Ein wütender Tritt in die Seite wecke Gwîndis und als sie die Augen aufschlug, war gleißendes Licht um sie herum, so dass sie niemanden erkennen konnte.
"Was...?"
"Keine Fragen, Pack. Steh endlich auf. Meinst du, du bist zur Erholung hier?"
Gwîndis erhob sich und trat so schnell auf den Mann zu, dass dieser zurückwich.
Sie lächelte. Narren! Der König scheint nicht die besten Männer zu verpflichten.
"Wie Ihr seht, bin ich aufgestanden. Was nun? Soll ich mich wieder setzen?"
"Sei still!"
Die Stimme vor ihr war rauer geworden und sie spürte den Zorn und die unbändige Wut ihres Gegenüber.
"Komm mit und wage es nicht ein Wort zu sprechen. Oder doch, wage es, dann werde ich mir das Vergnügen gönnen, dich persönlich zu töten."
"Wie Ihr wünscht."
Mit starrem Gesicht und weichen Knien folgte sie ihnen.
Nachdem Gwîndis mehrere, kaum beleuchtete, Gänge durchlaufen hatten, hielten sie vor einer schweren Eichentür, die sich jedoch in nichts von den anderen zu unterscheiden schien.
Gwîndis erwartete halb, in eine weitere Zelle geführt worden zu sein, in der Folterknechte oder schlimmeres auf sie warten würde.
Doch statt dessen fand sie sich in dem Gemach wieder, in dem ihr Alptraum begonnen hatte und die blasse Gestalt auf dem Diwan bestätigte nur ihre Vermutung: es war das Zimmer der Hofdame.
Gwîndis sah sich um.
Das Zimmer war mit den ersten Strahlen der Sonne gefüllt, doch da der Frühling äußerst kalt war brannte im Kamin ein prasselndes Feuer. Die Hofdame, mit der sie letzte Nacht gekämpft hatte, saß von mehreren Kissen gestützt auf einem langgezogenen schmalen Diwan, der an die Balkontür gestellt war. Sie hatte ein weißes Hemd mit weiten Ärmeln an und eine hellgraue Felldecke über die Beine und Hüfte liegen. Ihre Haare waren nun, im Gegensatz zu der komplizierten Frisur am Vorabend zu einem lockeren Knoten gewunden aus dem einige Strähnen auf das totenblasse Gesicht fielen, in dem nur die unverändert leuchtenden Augen zu leben schienen. Als Gwîndis hereingebracht wurde wandte sie den Kopf zur Tür und ein leichtes spöttisches Lächeln huschte über ihre blutleeren Lippen.
"Danke Zimalkhâd", sagte sie mit einer überraschend klaren und ruhigen Stimme.
"Geht jetzt bitte mit euren Männern raus."
"Oh nein", erwiderte dieser fest. "Ich werde Euch sicher nicht in einem solchen Zustand mit dieser Mörderin alleine lassen, Anôra."
"Sie ist gefesselt und entwaffnet, das seht Ihr doch selbst", Anôra schüttelte ärgerlich den Kopf.
"Ich kann Euch jetzt nicht gebrauchen, also geht endlich."
Zimalkhâd zögerte noch einen Augenblick, dann gab er seinen Männern einen kurzen Wink und begab sich zur Tür.
"Versuch ja keine Tricks", knurrte er, als er an Gwîndis vorbeiging. "Wir warten vor der Tür, und so schnell wie wir wieder drin sind, falls ich einen verdächtigen Laut hören sollte, kannst du nicht mal atmen."
Sie sah Gwîndis eine Zeitlang forschend an bevor sie schließlich mit kalter, ein wenig brüchiger Stimme zu reden anfing. "Lass mich gleich zur Sache kommen, damit wir keine Zeit mit unnötigen Reden und Streitereien verlieren. Ich möchte wissen, wer du bist und wer dich geschickt hat. Außerdem würde es mich brennend interessieren, was du mit der gestohlenen Liste gemacht hast und wo ich sie finde. Nein!" Sie hob beschwörend die Hände als sie sah, dass Gwîndis zum Sprechen ansetzte. "Ich weiß auch so, was du mir sagen willst, du wirst es mir nicht verraten. Das habe ich auch erwartet. Aber lass mich dir etwas erklären. Wie du bestimmt schon bemerkt hast, ist Gift in deine Wunde gelangt, und ich kann dir mit Sicherheit sagen, dass sich dein Zustand noch verschlimmern wird, bis du in einigen Stunden nichts mehr siehst und spätestens am Ende dieses Tages tot bist. Natürlich brauchst du mir nicht zu glauben", sie lächelte dünn, "aber vielleicht könnte dich das hier ja doch interessieren."
Sie zeigte Gwîndis ihre rechte Hand, in der ein winziges durchsichtiges Fläschchen war, zur Hälfte mit einer bläulichen Flüssigkeit gefüllt. "Es ist das Gegengift", bestätigte Anôra ihre Ahnung. "Du bekommst das und die Freiheit, wenn du mir meine Fragen beantwortest und mir die Liste zurückbringst oder zumindest sagst, bei wem sie zu finden ist. Selbstverständlich bekommst du das alles erst dann, wenn ich die Liste habe, doch da das Gegengift in wenigen Stunden nicht mehr wirksam ist, wäre es in deinem Interesse, mir keine weiteren Unannehmlichkeiten zu bereiten."
Gwîndis war während des Gespräches immer blasser geworden, Wut erfüllte sie, eine Wut, die größer war als jede zuvor. Sie hatte verloren. Und was noch schlimmer war, sie hatte selbst Schuld daran. Einen Gegner zu unterschätzen war ein Fehler, immer. Und in diesem Fall konnte er tödlich endlich enden.
Sie hob den Kopf und sah Anôra mit einem hasserfüllten Funkeln an: "Ihr sollt wissen, dass ich Euch nicht ausstehen kann und ich nehme an, es geht Euch ähnlich. Trotz allem, es liegt in unser beider Interesse, dies hinter uns zu bringen. Mein Name, oder sagen wir, der Name unter den Ihr mich kennen sollt, ist Gwîndis. Ich bin eine Diebin, keine Dirne oder was immer Ihr annehmen werdet. Und ich hatte nicht vor, länger in Armenelos zu bleiben, diese Stadt ist ein dreckiges Loch, trotz ihrer Reichtümer. Doch egal, Ihr wolltet wissen, wer mich geschickt hat. Das kann ich Euch leider nicht sagen, aber ich will Euch erzählen, was mich dazu gebracht hat, den Palast zu... besuchen."
Gwîndis lehnte sich an die Wand und schloss die Augen, während sie sich die Situation wieder vor Augen führte.
"Die Luft war erfüllt von Schweiß, Gelächter und dem minderwertigen Gesängen der Schankdirnen, als ich das 'Schwarze Schwert' betrat. Jeder hier schien mit sich selbst beschäftigt, und ich konnte eine erhitzte Gespräche hören, doch nichts was mich interessierte. Ich hatte gerade begonnen, einen jungen Fischer davon zu überzeugen mir mein Bier zu zahlen, als mein Blick von etwas metallischem gestört wurde. Gold. Und jemand, der in einer solchen Umgebung offenbar fremd war, denn ich war nicht die einzige der flinken Gilde hier, und dieses Gold konnte nicht unbemerkt bleiben. Ich wartete einen Moment ab, an dem der Fremde unaufmerksam war und schlich mich heran. Neben einigen augenscheinlich wertvollen Ringen interessierte mich vor allem sein Geldbeutel, den an mich zu nehmen, kein Problem zu sein schien.
Doch er hatte mich gesehen. Fragt nicht, wie ,denn ich weiß es nicht und es beschäftigt mich sehr. Fast hätte ich ihn getötet, doch er sprach zu mir von einer großen Menge Goldes, die mein sei, würde ich ihm einen Wunsch erfüllen. Sein Wunsch war folgender, eine Hofdame, der er einst zugetan war, hatte noch ein Pergemant von ihm, eine kleine Sache, die mich nichts anginge, und die er wiederhaben wolle. Er könne es sich nur nicht selbst beschaffen und bitte daher mich, die er bereits die ganze Zeit beobachtet hatte, für ihn einen kleinen 'Botengang' zu unternehmen. Der Preis stimmte, und er gab mir sogar etwas mehr als das übliche Vorgeld, so dass sich mein Misstrauen legte und wir den Handel besiegelten. Bevor er ging, händigte er mir noch eine Liste mit Zimmern aus, in denen die Hofdame ihr Zimmer haben könnte. Mit einem vertraulichen Kopfnicken verließ er die Schänke ohne sich noch einmal umzusehen."
Eine merkwürdige Ruhe lag in der dunkelrauchigen Stimme Gwîndis’ als sie weitersprach: "Den Rest wisst ihr. Die Wachen waren mit dem Ball beschäftigt und patroullierten mehr in den Gängen als vor dem Schloss, wenn sie denn überhaupt wachsam waren. Ich sah einige, die sich am Wein des 'edlen' Königs gütlich taten... Sie zu umgehen war nicht schwierig und binnen weniger Augenblicke befand ich mich am richtigen Ort. Ich erkletterte die Mauer und nach ein paar Einbrüchen in falsche Zimmer, die übrigens viel kleiner waren als das Eure, kam ich zu Eurem Balkon. Wo ich dann neben dem Gewünschtem auch EUCH fand... doch leider nicht so traf, wie ich gern wollte."
Ihr ironisches Lächeln wollte so gar nicht zu der Situation passen, in der sie sich befand. Eine Hofdame mit Einfluss, so hatte sich diese Anôra beschrieben. Aber da musste mehr sein, ihre Art zu Kämpfen, zu reden... und die Tatsache, dass der Hauptmann der Schwarzen Garde samt Gardisten im Vorderzimmer wartete wie ein Schoßhündchen...
Sie musste mehr sein. Viel mehr. Gwîndis lächelte noch immer, aber innerlich wurde sie langsam nervös.
Dann wurde ihr Blick wieder ernst und so kalt wie Anôras. Sie richtete sich wieder auf: "Ich werde Euch besorgen, wonach Ihr trachtet. Ja. Es ist noch in meinen Besitz. Doch warne ich Euch, eine Diebin bin ich, aber solltet ihr wagen mich zu betrügen, so mag ich sterben, doch Ihr mit mir!"
Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, drehte sie sich um und ging mit großen Schritten zur Tür.
Dort warten bereits 4 Wachleute und jener Adelige, der bei der Hofdame so gegen sie gesprochen hatte. Zimalkhâd war sein Name und jetzt erinnerte sich Gwîndis auch, ihn schon einmal gehört zu haben. Wer immer über ihn sprach tat es mit Abscheu, aber auch mit Furcht, denn er war mächtig und hatte Einfluss.
"Eure Herrin hat mir gesagt, ich könne gehen. Also... wo sind meine Sachen?"
"Ha! Glaubst du Dirne denn wirklich, wir würden dir dein Mordwerkzeug wiedergeben, solange du im Palast und vorm Gemach der Dame Anôra stehst? Sicher nicht! Tu, was man dir aufgetragen hat, vielleicht wird dir dann Gnade zuteil werden. Diese Männer hier werden dich begleiten und dafür sorgen, dass du wiederkommst."
Der elegante Mann deutete auf die stummen, schwarz gekleideten Männer. Gwîndis atmete scharf. "Das war nicht abgemacht. Niemand wird mich begleiten oder mir folgen!"
Ihre hellen Augen funkelten Zimalkhâd so zornig an, dass er nur mit Mühe nicht zurückwich und statt dessen wütend zurück zischte: "Wenn du dich weigerst, so kehrst du zurück in den Kerker, wo du den Rest deines erbärmlichen Lebens fristen kannst."
Gwîndis wurde blass bei dieser Drohung und sie senkte den Kopf. "Wenn Ihr es wünscht. Doch sie müssen hinter mir bleiben und nicht mit mir sprechen, sonst werden weder sie noch ich den Weg durch die Gassen überleben. Man ist hier nicht gerade gut auf die Schwarze Garde zu sprechen."
Nachdem er sie vor das große Portal gebrachte hatte, drehte Gwîndis sich um und nach einem Wink von Zimalkhâd folgten ihr die Gardisten hinaus.
Sie lief im Zickzack durch mehrere Gässchen und Wege. Sie übersprang Mauern und fand Wege in Sackgassen Immer wieder wählte sie eine neue Richtung und nach ein paar Stunden hatte ihre Wächter jegliche Orientierung verloren. Hätte sie ihre Waffen noch, so wären sie jetzt des Todes gewesen, nur konnte sie jetzt nicht einmal den Versuch wagen, sie zu überwältigen. Nach den Blicken dieses Adligen zu schließen, wäre dies ein Fehler, den sie lange bereuen würde.
Wenn sie schon leben mussten, so sollten sie wenigsten auch nicht weiter von Hilfe sein. Nach diesen Wegen würde sich keiner von ihnen mehr daran erinnern, wo ihr Quartier war und ganz sicher würden sie nicht denken, dass es weniger als eine Stunde wie der Rabe fliegt entfernt lag.
Urplötzlich blieb sie stehen. Sie wartete, bis sich die Gardisten ihr wieder genähert hatten und beobachtete ihre vergeblichen Versuche, nicht weiter aufzufallen. Jeder hier hatte sie gesehen, und wenn sie dieses Viertel ein weiteres Mal betreten sollten, würden die Gerüchte ihr bereits zu Ohren gekommen sein, bevor sie auch nur eine Meile durchlaufen hätten.
Sie spähte in die Fenster der alten Tempelanlage, und wie immer saß Hêndû im Fenster, und Gwîndis war beruhigt, denn keine Gefahr drohte und nichts war geschehen, seit ihrer Gefangennahme.
"Wartet hier. Es ist mir egal, wie euer Auftrag lautet. Seht euch um. Seht die Menschen... ich weiß, ihr seid gewohnt, Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Bürger der Stadt fürchten euch. Aber hier werdet ihr keinen finden, der sich Bürger nennen würde. Und nicht Angst oder sogar Achtung werdet ihr hier finden, sondern Hass. Sicher, ihr seid stark und nahezu jedem hier im Kampf überlegen.... Aber ihr wisst nicht um die Genugtuung, die es Manchem hier verschaffen würde, euch zu töten. Um jeden Preis. Ihr seid zwei, sie aber viele. Wenn ihr mir folgt, genügt ein Fehler von euch und ihr werdet erkannt sein. Die Gesetze der Straße sind euch so fremd, wie mir die euren. Ihr wisst nicht, wie ihr euch verhalten müsst, wenn ihr euch Häusern nähert. Bleibt hier und redet, trinkt meinetwegen etwas in der Schenke dort. Aber lasst euch nicht zu viel Zeit, denn die Leute reden und ich selbst werde mich beeilen."
Als einer ihrer 'Begleiter' widersprechen wollte, funkelte sie ihn an. "Und noch etwas: wenn ihr mir nicht traut. Bitte. Es kümmert mich nicht, doch überlegt euch eines. Ich kenne mich aus und auch ohne Waffen bin ich in diesen Vierteln tödlicher als mancher Feind, dem ihr begegnen werdet. Ein Wort von mir und ihr werdet nicht lebenden Fußes nach Hause zurückkehren. Nun tut, was ich euch sagte und belästigt mich nicht länger!"
Sie bog leichtfüßig um die Ecke und als der Gardist versuchte, ihr nachzueilen, war sie verschwunden.
Durch ein kleines Nebendach und einen verlassenen Innenhof schwang sich Gwîndis in ihr karges Gemach. Ohne zu zögern, griff sie nach einem neuen Dolch und einigen Wurfmessern, die sie unter ihre Armschiene steckte. Dann sah sie sich um und streckte den Arm aus. Wie auf einen Ruf schwang sich der schwarze Vogel auf ihr Handgelenk und krächzte drei mal. Drei Tage. Solange also war sie fort gewesen. Und ihre Wunde? Ihr Gesicht war geschwollen und dicke blaue Adern durchzogen ihr einst so schönes Gesicht. Selbst ihre Lippen waren dicker und schwerfälliger. Am schlimmsten jedoch hatte es ihre Augen getroffen. Die Bilder verschwammen und jedes Licht, egal wie klein, bereitete ihr Schmerzen. Sogar das Kaminfeuer im Palast war eine Qual gewesen, doch es schien niemand bemerkt oder sich dafür interessiert zu haben. Ein Gift, das so wirkte, war ihr unbekannt und es war zu spät, sich erneut zu einem Heiler zu begeben. Sie musste wohl oder übel die Liste hergeben, die ihr soviel Mühe bereitet hatte. Gwîndis konnte ein kleines Lachen nicht unterdrücken: sie hätte es so einfach haben können. Nachdem ihr Auftraggeber nicht gekommen war, hätte sie es liebend gern wieder verkauft, besonders, da sie ja eine Kopie hatte. Folter und Erpressung waren gar nicht nötig gewesen, aber gut, nun wusste sie, mit wem sie es zu tun hatte und welche Fehler ihr nie wieder unterlaufen würden. Keine Zeit mehr zum Grübeln. Gwîndis streichelte Hêndûs schöne Federn und suchte die Liste hervor. Sie hatte schon Staub angesetzt und sah wieder aus wie ein ordinäres Stück Papier... wie der äußere Schein doch täuschen konnte.
Sie überflog noch kurz die Namen und überlegte, ob ihr nicht wenigstens einer bekannt vorkam. Doch dem war nicht so und für sie war die Liste nutzlos. Mit einem Seufzer über all die Sinnlosigkeiten der letzten Tage steckte Gwîndis die Liste ein und streute Hêndû ein paar Krumen hin. "Warte hier auf mich, mein Freund der Nacht. Und sei wachsam, die Nächte hier sind nicht so lau wie sie scheinen."
Sie fand ihre Wächter noch auf derselben Stelle wieder, an der sie sie verlassen hatte. Streitend, wer Schuld am Verschwinden dieser 'elenden Diebin' hatte, bemerkten sie Gwîndis erst, als sie direkt neben ihnen stand. Die Überraschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben, denn jeder hatte geglaubt, sie würde die Gunst der Stunde nutzen und ihr Heil in der Flucht suchen. Es waren wirklich nur Narren, die keine Ahnung vom wahren Leben hatten.
Sie nahmen Gwîndis in ihre Mitte, damit sie nicht noch ein weiteres Mal entkommen konnte. Aber da sie den Weg nicht fanden, wirkten sie wie verängstigte Kinder, die ihrer Mutter folgen und das ganze Gaunerviertel sah ihnen nach. Natürlich hätten sie nie gewagt, die Gardisten bei Tag anzugreifen und so war es bei ein paar bösen, ja hasserfüllten Blicken geblieben. Doch die Gardisten waren durch die Worte Gwîndis' beunruhigt und obwohl sie es nie zeigen würden, froh darüber, diesen Ort endlich hinter sich zu lassen.
Es war schon Nacht und der Mond stand hoch am Himmel, als sie endlich wieder zum Palast kamen. Trotz der späten Stunde wurde Gwîndis sofort zu Anôra gebracht. "Hast du, worum ich dich gebeten habe?"
Sie lag blass und ausgezehrt auf ihren Kissen, ihre Stimme war noch immer dünn und pfeifend.
"Natürlich, wer könnte einer solchen Bitte widerstehen? Aber gebt mir erst mein Geschenk, damit ich mich genauso freuen kann wie ihr..."
"Woher weiß ich, dass du die Liste hast, wenn du sie mir nicht zeigst?"
"Ihr seht nicht aus, als könntet Ihr noch einen Suchtrupp abwarten, meine hohe Dame, ich bin Eure Hoffnung und Ihr die meine, aber wenn wir noch lange streiten, siechen wir nur beide dahin."
Gwîndis hielt die Liste in die Luft. "Doch ich muss hier wohl mehr Vertrauen zeigen. Hier habt Ihr, wonach Ihr so trachtet, was daran wichtig sein soll, ist nicht meine Sache, nicht wahr? Mögt Ihr Euch lange daran erfreuen."
Und mit einer schnellen Handbewegung warf sie es Anôra vor die Füße.
Diese zuckte leicht zusammen und es sah aus, als würde sie Gwîndis jeden Moment für dieses Benehmen züchtigen lassen, doch dann griff sie in ein Holzkästchen neben ihrem Bett und warf eine Phiole in Gwîndis’ Richtung."Du hast gut gehandelt. Ich bin zufrieden mit dir. Und du hast recht, es ist nicht deine Sache und solltest du jemals darüber reden wird der Zorn Mächtiger dich treffen und du wirst dir wünschen, den leichten Tod zu bekommen, den du jetzt noch fürchtest."
"Aha. Nun, wie gesagt, es interessiert mich nicht und ich kümmere mich auch nicht um Eure Mächtigen, denn ich bin frei. Freier als Ihr es seid, wie Ihr da ans Bett gefesselt liegt. Keine Sorge, so tief war mein Stich nicht, Ihr werdet es überleben. So wie ich, hoffe ich..."
Mit einer spöttischen Verbeugung drehte sich Gwîndis um und ging zum Fenster.
"Halt. Was tust du?"
"Ich gehe, wie Ihr Euch erinnern mögt, ist ein Fall aus dieser Höhe durchaus zu meisten und viel schneller als der ermüdende Weg durch all diese kreuzenden Gänge. Lebt wohl, edle Dame..."
"Warte!! Du kannst gehen, wie es dir passt, aber ich will noch eines wissen: wo und wie werde ich dich finden? Du hast deinen Auftrag schneller erfüllt, als ich dachte und es mag sein, dass ich dich wieder benötige. Soll ich einen der Soldaten nach dir schicken? Sie kennen jetzt dein Versteck."
"Nein, kennen sie nicht und würde sie es kennen, so wäre es nicht mehr das meine. Wartet... wie ich Euch bereits erzählt habe, gibt es eine Schenke mit Namen 'Schwarzes Schwert'. Sicher nicht das, was Ihr bevorzugen würdet. Doch der Wirt ist verschwiegen und er schuldet mir noch etwas... fragt dort nach mir, und ich werde es erfahren. Dort könnt Ihr mich auch treffen, denn ich werde diesen Palast nicht so schnell wieder besuchen und Ihr werdet alle anderen der Gesellschaft einer Diebin vorziehen."
Während sie gesprochen hatte, war Anôra zusehends blasser geworden, und jetzt fragt sie leise und fast abwesend: "Schwarzes Schwert? Wie war der Name des Wirtes? Ich habe ihn wohl nicht gehört..."
"Xâdres. Und ich habe den Namen noch nicht gesagt. Aber er ist kein Schurke, wie ihr es nennen würdet und er wird nicht gesucht. Sein Name ist also kein Geheimnis und in manchen Kreisen sogar recht bekannt, wie ich hörte..."
"Xâdres..." Anôras Augen sahen an die Decke und ihr ganzer Körper schien sich zu verkrampfen. Dann veränderte sie sich plötzlich und sah Gwîndis wieder kalt und gelassen an.
"Danke, du bist entlassen. Geh, wie es dir beliebt."
Gwîndis drehte sich um und ging. Zu Schade, dachte sie, dass dieser Schwächeanfall so schnell vorüber war. Nach allem, was mir widerfahren ist, würde dieser Person ein wenig Schmerz wohl gut tun. Dann lächelte sie plötzlich, denn in den blanken Fensterscheiben spiegelte sich Anôras Hand, die ein Kissen umklammert hielt, bis die Knöchel weiß hervortraten.
Nun... ganz ohne Schmerzen schien auch sie nicht davon gekommen zu sein.
(Usch)