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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Abenddämmerung


Prolog


Sie leben in der Dunkelheit, fern allen Lichts.

In den verbotenen Landen, ausgestoßen, verbannt.

Nur wenige sahen sie je, nur wenige wagten sich in ihre Nähe.

Doch auch sie sind Wesen Iluvatars, des Großen,

auch sie haben ein Recht, zu leben.

Doch die meisten haben sie vergessen...



1. Kapitel

Athials Tod


Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne berührten die Bergspitzen und ließen sie in einem feurig orangenen Licht erglühen. Bald würde die Nacht den ewigen Kampf gegen den Tag gewonnen haben. Schon stieg im Osten Earendil, der Abendstern empor.
Dunkel und geheimnisvoll ragten die hohen Bäume von Kheleandrà in den leuchtenden Himmel. Auf dem Waldboden hatte die Nacht bereits Einzug gehalten. Dicke Nebelschwaden krochen über den mit altem Laub und Tannennadeln bedeckten Boden und hinterließ eine feuchte Spur auf den tiefhängenden Blättern und Ästen der Bäume. Irgendwo ließ ein einsames Käuzchen seinen kläglichen Schrei ertönen.
Seine Schritte waren sehr leise und wurden von dem weichen Waldboden noch dazu gedämpft, so das er fast lautlos ging. Hier und da verharrte er kurz, blickte sich um oder lauschte, um dann seinen Weg quer durch das dichte Unterholz fortzusetzen. Gebückt schlängelte er sich zwischen den Bäumen hindurch und huschte von Busch zu Busch, wie ein Schatten. Das hatte auch einen guten Grund: Er war auf der Jagd.
An einer Stelle traten die Bäume zurück und gaben den Blick auf eine Lichtung frei. Dort türmten sich steinerne Ruinen auf, die einst ein Wachturm gewesen waren, der den Namen „Minas Sereg“ trug. Blutturm. Vor mehr als zwei Zeitaltern war er ein prunkvoller Bau gewesen, trotzig den Feinden, eine Zufluchtsstädte für jeden, der Hilfe brauchte. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Im großen Krieg ward er zerstört worden, von den Truppen des dunklen Herrschers, getränkt vom Blute der Unschuldigen. Daher auch der Name des Turmes. Nur noch die verwitternden Steine zeugten von dem einstigen Reichtum, das dieses Land einmal erfüllt hatte.
Die selben Gedanken hegte er, als er sich aufrichtete und auf die Lichtung trat. Nun konnte man erkennen, das es sich bei dem Jäger um einen Elben handelte. Sein Name war Aduial. Und er war kein gewöhnlicher Elb. Er zählte zu einem Volk, von dem in Mittelerde kaum noch jemand wusste: Zu den Dunkelelben. Seit je her war dieses Volk verhasst. Sie waren anders als die anderen Elben – sie liebten die Nacht und mieden den Tag. Darum galten sie als abtrünnig und wurden aus Eriador verbannt. Lange Jahre zogen sie umher, immer auf der Suche nach einer neuen Heimat. Schließlich fanden sie nahe Angmar, in den verlorenen Landen, ein verstecktes und unentdecktes Waldgebiet in dem sie vorerst in Frieden leben konnten. Aber schon bald stellten sich neue Problemen und Gefahren. Lange, harte Winter und heiße Sommer machten es ihnen schwer, viele wurden von der glühenden Sonne oder der eisigen Kälte dahin gerafft. Das Ödland rings herum bot kaum genügend fruchtbaren Boden für Anbau. Nicht wenige zogen weiter nach Osten hinein, um ihr Glück anderweitig zu finden, doch eine Handvoll blieb dort. Sie nannten den Teil des Waldes, in dem sie lebten „Kheleandrà“ in ihrer eigenen Sprache, was soviel wie „Verlorener Wald“ bedeutet.
Aduial lebte hier schon seit seiner Geburt. Er war der Sohn des Stammesführer Finlass und der Priesterin Athial. Sein Vater war ein Dunkelelb, sein Mutter dagegen stammte von Waldelben ab. Das erklärte auch, warum Aduial anders aussah, als die meisten Dunkelelben. Obwohl seine Haut nicht so hell war wie die seiner Mutter war sie doch heller als die seines Vaters und seines Bruders Ohtar. Auch seine Gesichtszüge waren weicher und ebenmäßiger. Einzig die leicht hervorstehenden Wangenknochen verliehen ihm etwas angespanntes, wachsames und verrieten seine Herkunft. Sein langes Haar war kupferrot und wurde von einigen schwarzen Strähnen durchzogen. Seine Augen, die sich nun wachsam auf der Lichtung umsahen, waren dunkelgrün mit einem Stich ins Blaue. Seine einfache Kleidung verbarg ihn fast vollständig in der Dunkelheit. Sie bestand aus einer weit geschnittenen, schwarzen Hose und einem dunkelgrauen Hemd, das ebenfalls weit geschnitten war. Die hohen Schaftstiefel waren erdbraun und das dunkelrote Wams, das er über dem Hemd trug, wurde von einem breiten Ledergürtel zusammengehalten, an dessen Seite eine Lederhülle für einen Dolch angebracht war. Ein Köcher hing auf seinem Rücken, in dem noch einige schwarz gefiederte Pfeile steckten. Den langen dunklen Eibenholzbogen hielt er griffbereit in der Hand.
Zögernd ging er noch ein paar Schritt weiter, dann blieb er stehen und sah sich um. Die blasse Mondscheibe war bereits ziemlich hoch geklettert, so dass seine scharfen Augen in dem fahlen Silberlicht relativ gut sahen. Er bemerkte den Schatten sofort. Etwas Kleines wuselte leise raschelnd durch das Gras, verharrte hier und dort, schien zu wittern, trippelte weiter. Mit einer fließenden Bewegung zog Aduial einen Pfeil, legte ihn auf die Sehne und spannte den Bogen. Er kniff das linke Auge leicht zusammen, fixierte die Stelle, wo sich das Gras leicht bewegte, spannte den Bogen noch etwas fester und schoss. Mit einem sirrenden Geräusch schnellte der Pfeil von der Sehne und verschwand im Gras. Ein kurzes, schrilles Aufquieken, dann war es wieder still. Schnell lief Aduial auf die Stelle zu, wo der Pfeil verschwunden war. Hoffnungsvoll darauf, endlich seit langen Wochen wieder etwas erwischt zu haben, bog er die langen Grashalme zur Seite und beugte sich hinunter. Dann griff er mit der Hand nach dem schwarzen Federbüschel und hob den Pfeil mitsamt dem Beutetier hoch.
Enttäuscht blickte Aduial auf das, was er in der Hand hielt. Ein schwarzes Eichhörnchen. Der Pfeil war an der Kehle eingetreten und hatte den Kopf fast vom Rumpf getrennt. Dunkles, fast schwarzes Blut rann über seine Hand. Er ließ den Tierkadaver wieder fallen und wischte schnell das Blut ab. Aduial seufzte lautlos. Vielleicht würde sich später ein Wolf über das Tier hermachen. Oder ein Fuchs. Oder eine Riesenspinne. Oder etwas ganz anderes. Auf jeden Fall war das ein schlechter Fang. Normalerweise hätte er kein erlegtes Tier verschmäht, doch diese kleinen Biester waren ungenießbar. Außerdem hatte ihr Blut eine ätzende Wirkung.
Aduial wandte sich ab und tauchte wieder in den Schatten des Waldes ein. Stunde um Stunde streifte er durch das Unterholz, suchte nach Beute. Etwa zwei Stunden vor Sonnenaufgang hatte er fast alle Pfeile verschossen, jedoch nicht ein einziges weiteres Waldtier erlegt. Müde und abgekämpft beschloss er, die sinnlose Jagd abzubrechen und in sein Dorf zurück zu kehren.
Ein plötzliches Geräusch ließ ihn innehalten. Aduial erstarrte. Ein seltsames, schleppendes Schleifen war hinter ihm erklungen. Dazwischen hörte man immer wieder das Bersten von kleineren und größeren Zweigen und Ästen. Er wusste, was es war. Dieses Geräusch hatte er zwar erst einmal in seinem Leben gehört, doch er erkannte es sofort wieder.
Eine Riesenspinne.
Für Flucht war es zu spät. Aduial hatte gerade noch Zeit, sich umzudrehen, als schon ein hauchdünner, silbrig glänzender Faden auf ihn zugeschossen kam. Wahrscheinlich hätte er ihn nicht mal mit seinen Elbensinnen wahrgenommen, hätte sich nicht für einen kurzen Moment das Mondlicht darauf gebrochen. Er warf sich zur Seite. Der Faden verfehlte ihn nur knapp, zischte an seinem linken Ohr vorbei und schnalzte gegen einen Baum. Aduial stemmte sich hoch, kam auf die Beine und wirbelte herum. Als er nach oben blickte, konnte er über sich nur Schwärze ausmachen. Der riesige, haarige Leib der Spinne erhob sich über ihm. Eine Vielzahl von glänzenden Augen starrte auf ihn herunter. Aduial konnte in dem gierigen Blick der Spinne nichts weiter ausmachen als Hass und Hunger.
Viel Zeit zum Erholen blieb ihm nicht. Denn schon hob die Spinne ihren gigantischen Hinterleib ein wenig an und schoss einen neuen Faden. Wieder schaffte es Aduial nur mit Mühe, auszuweichen. Dieser unvorstellbare Hass lähmte seine Sinne, schien seine Bewegungen langsam und träge erscheinen. ‚Reiß dich zusammen!’, wies er sich selbst zurecht. Er musste dem schwarzen Zauber, der von dem großen Tier ausging, trotzen, sonst würde er bald hilflos in einem Netz zappeln. Wieder wich er einem Faden aus, dann spannte er seinen Bogen und schoss blindlings. Der Pfeil raste auf den Spinnenkörper zu und prallte daran ab. Genau wie der nächste. Aduial sah ein, das es keinen Sinn machte, einfach so drauf los zu schießen. Er musste es schaffen, entweder unter die Spinne zu kommen, dort, wo kein harter Panzer ihren Körper schützte. Allerdings war das auch sehr schwierig und gefährlich. Oder er versuchte, eines ihrer vielen Augen zu treffen. Fieberhaft überlegte er. Und dann kam ihm eine verrückte Idee.
Aduial verstaute Bogen und Köcher sicher, dann begann er, flink einen abgestorbenen Baum hoch zu klettern. Immer wieder brachen die morschen Äste unter seinen Füßen weg. Er musste höllisch aufpassen. Nach kurzer Zeit hatte er einen Ast gefunden, der noch stark genug war, um sein Gewicht zu tragen. Von hier aus konnte ihn die Spinne nicht mit ihren Beinen erreichen. Jetzt musste er sie nur irgendwie dazu bringen, ihn anzusehen, damit er ihre Augen treffen konnte. „Hey! Hier oben! Was ist, du altes, fette Biest? Ist dir schon die Luft ausgegangen?“ rief er, gerade so laut, um nicht noch weitere Ungeheuer anzulocken.
Und tatsächlich reagierte die Spinne. Sie richtete sich auf ihren langen Beinen auf und funkelte ihn aus wütenden Augen an. Aduial spannte seinen Bogen und zielte. Seine Finger zuckten. Aber plötzlich ging ein Ruck durch den Baum. Der Elb schluckte hart. Die Spinne dachte gar nicht daran, es ihrem Opfer so einfach zu machen. Immer wieder stieß sie mit ihren langen Vorderbeinen gegen den morschen Stamm. Ihre rasiermesserscharfen, giftigen Greifer klickten gefährlich. Aduial hatte Mühe, auf dem schwankenden Baum sein Gleichgewicht zu wahren. Wieder legte er an, spannte und zielte. Jetzt. Er ließ die Sehne los und schickte den Pfeil auf die Reise. Das Geschoss zerteilte die Luft und blieb schließlich zitternd in der Mitte eines schwarzen Auges stecken. Die Spinne bäumte sich vor Schmerzen auf. Doch die tiefe Wunde und der Verlust des Auges schienen ihren Angriff nicht zu stoppen, sondern machte sie höchstens noch rasender. Aduial wollte eben einen neuen Pfeil auflegen, als sich etwas klebriges um sein Bein wickelte. Ein Ruck schleuderte in vom Ast herunter. Er segelte durch die Luft und landete hart auf dem Boden. Mit den Schultern und dem Kopf prallte er gegen den Stamm. Für einen kurzen Moment wurde ihm schwarz vor Augen. Als er wieder klar sah starrte er direkt in dreizehn widerliche Augen. Aus dem vierzehnten ragte noch ein gefiederte Schaft. Zähes, schwarzes Blut und eine stinkende, weiße Flüssigkeit rannen heraus und tropften auf den Boden. Die Fangzähne waren nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt.
Aduial wand und drehte sich, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, doch gleichzeitig spürte er, wie sich der dünne Faden immer fester um seine Beine wickelte. Ein zweiter hielt sein Handgelenk fest, so das er nicht an seine Waffe kam. Es erschien aussichtslos. Die Spinne schien sich nicht die Mühe zu machen, ihr Opfer erst sorgfältig einzuspinnen, sondern gleich an Ort und Stelle zu lähmen und zu verzehren. Ihre Giftzähne senkten sich hernieder, berührten leicht seine Haut. Dann hob die Spinne den Kopf ruckartig, ließ einen seltsamen, triumphierenden Laut erklingenden und klappte die Zähne auseinander, um blitzschnell zuzubeißen.
Aduial wagte kaum zu atmen. Er hatte das Gefühl, das große Tier nur durch einen dichten grauen Nebel wahr zu nehmen. Plötzlich kamen ihm Worte in den Sinn, die er vor langer Zeit einmal gehört hatte:
„A Elbereth Gilthoniel o menel palan-diriel, le nallon sí di-nguruthos! A tiro nin, Fanuilos!” *
Die Spinne stieß ein Geräusch aus, das sich nach einem katzenähnlichen Fauchen anhörte. Anscheinend schmerzten die Worte in ihren Ohren. Aduial merkte, dass sich der Nebel verzog. Noch einmal wiederholte er den Spruch, nur rief er ihn diesmal viel lauter. Die Spinne bäumte sich auf. Dann sackte der riesige Körper leblos zusammen. Aduial öffnete die Augen, die er geschlossen hatte, einen Spalt breit und blickte hinauf. Ein Schatten fiel auf ihn, dunkel und drohend. „Das hätte ganz schön schief gehen können...“, erklang eine tiefe, brummende Stimme über ihm.
„Ohtar!“, rief Aduial erleichtert. Ohtar nickte.
„Ja, ich bin es. Und du hast Glück, dass ich noch rechtzeitig gekommen bin.“ Der Dunkelelb zog sein langes Schwert aus dem Spinnenleib. Mit der Spitze durchtrennte er mühelos die klebrigen Fäden.
Aduial kroch von der Spinne weg und kam taumelnd auf die Beine. Erst jetzt spürte er, welchen merkwürdigen Zauber dieses abscheuliche Wesen verbreitet hatte. Er fühlte sich müde und ausgelaugt wie nie zuvor. Ohtar stand neben ihm, stützte sich auf sein Schwert und schüttelte den Kopf. Der Dunkelelb war vor den schwarzen Baumstämmen kaum zu erkennen. Seine Hautfarbe war dunkel und hatte einen leichten Graustich. Auch seine Augen waren schwarz wie Kohle, ebenso sein Haar, das ihm zottelig auf die Schultern fiel. Alles in allem war er ein Stückchen kleiner als Aduial, dafür aber stämmiger und muskulöser. Seine Kleidung war ähnlich der von Aduial, nur mit dem Unterschied, dass Ohtar ausschließlich Schwarz trug. Auch vom Charakter unterschieden sie sich: Ohtar war ein Krieger, der die meiste Zeit mit Kampftraining verbrachte. Sehr zur Befriedigung von Finlass, der meinte, ein zukünftiger Stammesfürst müsse gewappnet sein. Auch Aduial trainierte fast jeden Tag, jedoch nicht auf Kraft, sondern auf Geschick. Er war ein guter Bogenschütze, vielleicht sogar der beste. Aus diesem Grund wurde meist er auf die Jagd geschickt. Doch in letzter Zeit sah es schlecht aus. Es gab kaum noch Wild, das er erlegen konnte. Die Riesenspinnen und Orks waren in letzter Zeit immer zahlreicher geworden.
„Warum bist du überhaupt hier?“ wandte er sich fragend an Ohtar.
Dieser sah ihn mit düsterem Blick an. „Vater schickt mich. Ich soll dich finden und so schnell wie möglich nach Hause bringen.“
Aduial schluckte. Innerlich machte er sich auf eine der erniedrigenden Reden gefasst, die Finlass nur all zu gerne an ihm ausließ. Also nickte er und meinte: „Gut. Du hast mich gefunden. Die Sonne geht eh bald auf. Ich wollte sowieso umkehren.“ Er sammelte seinen Bogen und seine Pfeile auf, die er bei dem Sturz verloren hatte.
„Wie war die Jagd?“, erkundigte sich Ohtar beiläufig. Aduial hielt inne, sah seinen Bruder mit hochgezogenen Brauen an und erwiderte nichts darauf. Sein Blick sprach Bände.
Gerade, als die ersten Sonnenstrahlen über die Berge krochen, erreichten sie das Elbendorf. Die Siedlung bestand aus mehreren niedrigen, geduckten Häusern aus Holz und Lehm, die sich dicht aneinander drängten. Umgeben war es aus einem hohen Palisadenzaun. Eigentlich war dieser Baustil bei Elben unüblich – die anderen Elben bevorzugten hohe Hallen und große Räume. Aduial hatte sogar mal gehört, das einige Hochelben, die sich selbst „Galadrim“ nannten, ihre Häuser und Paläste auf Bäumen bauten. Dieses Dorf aber hatte einen Vorteil: Es bildete eine Art kleine Festung und diente einzig und alleine dem Schutz. Auf Aduial wirkten diese Häuser aber eher klein und erdrückend, und heute ganz besonders. Er sträubte sich, in das Dorf zurück zu kehren. Tatsächlich wurde ihnen bereits bei ihrem Eintritt durch das Tor so manch maßvoller Blick zugeworfen. Von allen Seiten wurden sie gemustert, manchmal ganz unauffällig, manchmal ganz offen. Mit jedem Schritt fühlte sich der junge Elb in seiner Haut unwohler. Ohtar schritt stumm voran und ignorierte die neugierigen Blicke.
Das Zentrum des Dorfes bildete ein Gebäude aus hellem Lehm und Holz, das etwas größer war als die anderen. Und vor der Tür, die nur aus einem bunten Vorhang bestand, stand Finlass, Stammesführer und Vater von Aduial und Ohtar. Seine Erscheinung konnte man wahrhaft als majestätisch ansehen. Er war groß, sehr groß, sogar für einen Dunkelelb, breitschultrig und kräftig, aber trotzdem schlank und anmutig. Sein schwarzes Haar wurde bereits von grauen Strähnen durchzogen, einziges Zeichen für sein hohes Alter. Aber sein Blick war noch ungetrübt, seine Augen tiefschwarz und messerscharf wie Dolche.
Unwillkürlich senkte Aduial seinen Kopf ein wenig und wandte den Blick von seinem Vater ab. Er spürte, wie ein Gefühl von Scham in ihm aufstieg. Zerkratzt und zerschunden trat er vor Finlass, ohne auch nur ein Beutetier mit nach Hause zu bringen. „Ohtar hat dich gefunden, mein Sohn.“
Etwas in der Stimme des Dunkelelben zwang Aduial, den Blick zu heben. Obwohl er es sich nicht anmerken ließ, erschrak er zutiefst. Vor ihm stand nicht der erhabene Elbenherr, sondern ein alter, gramgebeugter Mann. Tatsächlich schien Finlass um Jahrhunderte gealtert. Aduial dämmerte, das etwas schreckliches passiert sein musste. „Was ist los?“, fragte er heiser.
Finlass holte tief Luft, zögerte kurz und sagte dann: „Deine Mutter... sie ist... krank.“ Er rang sichtlich um Fassung.
Aduial hatte das Gefühl, in einen bodenlosen Abgrund zu fallen. Er begriff nicht, was diese Worte hießen. Besser gesagt, er wollte es nicht begreifen. „Das... das ist unmöglich.“
Hilfesuchend sah er Ohtar an, doch dieser nickte nur andeutungsweise mit dem Kopf. Auch er bemühte sich, Haltung zu zeigen.
Diese Nachricht war unmöglich. Elben sind unsterblich. Sie können nicht einfach so „krank“ werden. „Kann ich sie sehen?“
Aduial wunderte sich, wie ruhig und gefasst seine Stimme auf einmal klang. Zu seiner eigenen Überraschung nickte Finlass sofort. „Sie hat ausdrücklich nach dir verlangt.“ Er trat zur Seite und gab den Weg zur Tür frei. Aduial stürmte los, schlug den Vorhang zurück und trat ein.
Im Inneren herrschte dämmriges Licht, das nur von ein paar Kerzen spärlich vertrieben wurde. An der Wand des Raumes, direkt unter dem Fenster, stand ein niedriges, einfaches Bett. Noch war die Sonne nicht weit genug aufgegangen, so dass das Zimmer noch gänzlich im Schatten lag. Mit einem kurzen Blick stellte Aduial fest, dass jemand in dem Bett lag. Seine Schritte wurden langsamer. Plötzlich überkam ihn ein seltsames Gefühl, das ihm sagte, er solle lieber umkehren, doch er ignorierte es und trat an das Bett heran. Dort, zwischen den Kissen, lag, nur mit einer dünnen Decke zugedeckt, Athial, Priesterin von Kheleandrà – seine Mutter. Ihr rotgoldenes Haar war auf den Kissen ausgebreitet und umgab ihr Haupt wie einen Heiligenschein. Ihre Haut war sehr blass, so dass sie in dem Weiß der Bettwäsche fast zu verschwinden schien. Die Augen waren geschlossen, die Hände ruhten auf der Bettdecke. Ihre Brust hob und senkte sich unter den regelmäßigen Atemzügen. Aduial nahm an, das sie schlief, und wollte sich bereits wieder abwenden, aber da öffnete Athial die Augen und sah ihren Sohn an. „Aduial.“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Aduial drehte sich um und sah sie an. Ihr schönes Gesicht war eingefallen und schien von einem Schatten des Todes gekennzeichnet. Ihre blaugrünen Augen hatten jeglichen Glanz verloren.
Es kam ihm vor, als würde etwas tief in seiner Seele zerbrechen. Neben dem Bett sank er auf die Knie und tat etwas, das er noch nie getan hatte: Er weinte. Athial streckte die Hand aus und strich ihm sanft übers Haar. „Warum trauerst du, Aduial, Sohn der Sterne?“
Aduial wischte sich mit der Hand über die Augen. Dann sagte er: „Wie konnte das geschehen? Was ist passiert?“
Athial seufzte. „Ich werde die erste sein, viele werden folgen...“ Sie hielt kurz inne. Das Sprechen bereitete ihr große Mühe. „Etwas Dunkles nähert sich – etwas böses.“, fuhr sie fort. „Schon lange spürte ich es. Ich weiß nicht, was es ist.“
„Etwas Böses?“, fragte Aduial. Dann runzelte er die Stirn. „Aber Sauron wurde vernichtet.“
„Ja, das mag sein. Doch auch das Böse hat seinen Platz in der Welt, und es ist nicht ausgelöscht. Es kommt wieder, stärker als je zuvor. Hass und Misstrauen sind seine Waffe, Eitelkeit und Habgier sein Schild. Es blendet nicht nur die Menschen, sondern auch die Elben und alle freien Kreaturen.“
Athial lächelte. „Sie vergessen uns. Das ist der Grund, warum ich bald in die großen Hallen eingehen werde.“
Aduial schwirrte der Kopf. „Sie vergessen uns? Ich verstehe nicht, was du damit meinst.“
„Die Avari sind ein verbanntes Volk – viele der Jungen kennen uns gar nicht. Doch noch so manches Volk erinnert sich an uns. Solange sie sich die Geschichte und Sagen über uns erzählen, solange werden wir leben. Doch nun fangen sie an, unser Volk zu vergessen. Sie vergessen nicht nur, wer wir sind. Bald wird es so sein, als hätten wir nie existiert.“
Aduial lauschte gleichzeitig gebannt und schockiert. Athial holte tief Luft, dann sprach sie weiter. „Wir sind bloß der Anfang. Es wird weiter gehen: Die Menschen werden die Elben vergessen, und die Elben werden sich nicht mehr an die Menschen entsinnen, ebenso wenig an die Zwerge, die Ents, alle Lebewesen werden sich gegenseitig vergessen.“
„Das ist... schrecklich.“
Athial nickte. Dann stützte sie sich auf und stemmte sich auf den Ellbogen in die Höhe. „Dein Vater und dein Bruder wissen nichts von diesem Geheimnis. Nur du, mein Sohn. Darum bitte ich dich, erfülle mir meinen letzte Wunsch: Rette unser Volk. Rette Mittelerde. Lass dieses Land nicht unter das Joch des Bösen fallen.“
„Aber wie? Wie soll ich das machen? Ich bin nicht so klug wie Vater, so kämpferisch wie Ohtar und so edel und erhaben wie du“, widersprach Aduial heftig.
„Und doch besitzt du ein reines Herz, Aduial. Nicht dein Verstand wird dir sagen, was du zu tun hast, sondern dein Herz.“ Sie faste unter das Kissen und zog einen Lederbeutel hervor. „Das ist für dich.“ Sie drückte ihm den Beutel in die Hand. Er öffnete ihn und zog einen kunstvoll geschliffenen, mit Runen verzierten Dolch heraus und eine Silberkette mit einem weißen Stein, der in der Dunkelheit sonderbar glühte. Fasziniert betrachtete er ihn. Der Stein strahlte geradezu von einem inneren Feuer. „Es heißt, dass das ein Bruchstück der sagenumwobenen Silmaril ist. Bewahre ihn gut...“
Athials Stimme war immer leiser geworden. Diese kleine Geste hatte ihr die letzte Kraft gekostet. Nun sank sie zurück auf das Bett. „Du bist auserwählt, Aduial. Ein Bote des Schicksals. Du wirst deinen Weg finden, glaube mir.“ Sie schwieg, sammelte ihre letzte noch vorhandene Kraft und hauchte: „Namarie, ionn es eldalie.“ **
Die ersten Sonnenstrahlen brachen durch das Fenster und schienen genau auf ihr Gesicht. Nun sah sie nicht mehr krank und schwach aus. Ihre Gesichtszüge waren ruhig, es schien sogar, als würde sie lächeln. Aduial streckte die Hand aus, strich ihr zärtlich über die Wange und sagte: „Namarie, naneth es erin.“ ***


* O Elbereth, Sternentfacherin, die du vom Himmel in die Ferne schaust,
zu dir rufe ich nun im Schatten des Todes.
O blicke zu mir, du Immerweiße.


** Lebe wohl, Sohn des Elbenvolkes


*** Lebe wohl, Mutter des Waldes



(Ramona)