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Der Roman „Angmar“
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Der Untergang Númenors
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Zeittafel




Abenddämmerung



8. Kapitel

Der Aufstand


Kaum hatten sie den dunklen Flur erreicht, stolperte Aduial hinein und lehnte sich keuchend an die Wand. In Gedanken könnte er sich dafür verfluchen, überhaupt mit hinunter gekommen zu sein. Der Fremde hatte erkannt, was er war, kein Zweifel. Seine Miene hatte er nur all zu deutlich bewiesen. Sein Herz klopfte immer noch wild. „Was war den los?“ erkundigte sich Sinda leise.
„Kommt mit!“
Kurzerhand nahm er Sinda an der Hand, packte Laurelim am Ärmel seines Gewands und zog sie mit zu seinem Zimmer. Noch auf dem Weg dorthin hörte er Stimmfetzen von unten: „Bist du dir sicher?“ ... „Und ob. Ihr hättet nur mal diese Augen sehen sollen...“ ... „Dann heißt das, dass wir alle in Gefahr sind?“
Aduial schloss die Tür und schnitt somit jedes Geräusch ab. In kurzen Sätzen erzählte er, was vorgefallen war. „Er hat mich erkannt, kein Zweifel.“
„Verdammt.“ Laurelim knirschte mit den Zähnen. „Wenn sich die Panik der Leute gegen uns richtet sind wir geliefert.“
„Und was schlägst du vor?“ fragte Sinda. Unterdrückte Angst schwang in ihrer Stimme mit. So hatte sie sich ihre ‚neugewonnene Freiheit’ nicht vorgestellt. „In Luft auflösen geht wohl schlecht. Eben so wenig können wir einfach hinaus spazieren. Unten versperren uns die Menschen den Weg, und das Fenster liegt eindeutig zu hoch und sind zu klein und zu schmal, um hinaus zu klettern.“
„Also müssen wir hier bleiben,“ schloss Aduial. Langsam stieg Zorn in ihm auf. Er war es leid. Seit er Kheleandrà verlassen hatte, war er auf der Flucht gewesen. Er war wütend auf sich selbst, dass er Laurelim und Sinda nicht davon abgehalten hatte, mit ihm zu kommen. Jetzt steckten die beiden wegen ihm in der Klemme. Nein, dass hatten sie nicht verdient. Scharf dachte er nach. Dann meinte er: „Ich gehe hinunter und lenke sie ab, derweilen könnt ihr verschwinden.“
„Bist du von Sinnen?“ brauste Sinda auf. Zum ersten Mal erlebte er die ruhige Elbe in Rage. „Dort unten werden sie dich bei lebendigem Leib in Stücke reißen.“
Ein sonderbares Lächeln legte sich auf Aduials Züge. Sollten sie doch ruhig. „Ihr zwei seid nicht von Bedeutung. Vielleicht schafft ihr es, die Pferde zu erreichen und rechzeitig weg zu kommen, ehe sie euer Verschwinden auch nur bemerken.“
„Nein, Aduial, das lasse ich nicht zu,“ sagte Laurelim ruhig. Er ging auf ihn zu, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen. „Von dir hängt unser aller Schicksal ab. Du allein weißt, was hier los ist, und du allein kannst es aufhalten,“ sagte er langsam und eindringlich. „Willst du, dass deine Mutter umsonst gestorben ist?“
Betreten blickte Aduial zur Seite. Seine rechte Hand, die er zur Faust geballt hatte, zitterte merklich. Warum musste alles, was er tat, schief gehen? Verzeih mir, Mutter, dachte er.
Ein Klopfen ertönte, dann wurde vorsichtig die Tür einen Spalt aufgestoßen und eine dünne, eingeschüchtert klingende Stimme ertönte. „Hier ist Butterblume. Darf ich eintreten?“
„Kommt herein!“
Es war tatsächlich der Wirt. Schnell kam er herein und schloss die Tür. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und seine Augen irrten ununterbrochen durch den Raum, so als ob er jeden Moment eine Delegation von Feinden erwartete, die aus den Ecken des Zimmers kommen könnte. Schließlich verharrte er auf Aduial. „Nun... es ist so..,“ druckste er ein wenig herum. „Ich... ich wurde als Vermittler geschickt.“
„Vermittler? Für was?“ ging Laurelim die Sache an.
„Nun, die Leute dort unten sind sehr aufgeregt... es wird behauptet, dass Ihr, Herr,“ er deutete auf Aduial, „ein Dunkelelb seid. Auf jeden Fall wird gefordert, dass Ihr herunter kommt und Euch den Leuten stellt.“
Seine letzten Worte waren immer leiser geworden. Für einige Sekunden herrschte angespanntes Schweigen, dann sagte Laurelim: „Richtet den Leuten aus, wenn sie zu einer friedfertigen Konfrontation bereit sind, dann wollen wir gerne herunterkommen. Sollte jedoch nur einer es wagen, die Hand oder die Waffe gegen unseren Freund zu erheben, werden es alle bitter bereuen.“
Butterblume nickte sichtlich eingeschüchtert und verließ so schnell er konnte das Zimmer. Eine Weile lauschten sie auf Geräusche von unten, doch nichts passierte. „Was machen wir jetzt?“ fragte Aduial erneut.
Laurelim drehte sich zu ihm um und sah ihn mit einem bestimmten, aber etwas seltsamen Blick an. „Abwarten. Uns bleibt nichts anderes übrig. Entweder, Butterblume kommt mit einer Nachricht hier hinauf, oder wir müssen zwangsläufig da hinunter.“
„Ich mache mir nur etwas Sorgen, dass die Pferde in der Zwischenzeit nicht mehr da sind,“ äußerte sich Sinda.
Aduial hatte in dieser Beziehung keine Bedenken. Gwairon war das treueste und dickköpfigste Tier, dass er kannte. Der Hengst würde niemand anderen an sich heran lassen als seinen Herrn, außer, Aduial würde es ausdrücklich erlauben. Moment... da kam ihm eine Idee... Kurzentschlossen trat er auf die Tür zu. Als seine Hand die Klinge berührte und er sie eben herunterdrückten wollte, ertönte Laurelims warnende Stimme. „Was soll das werden, Aduial?“
„Ich werde hinunter gehen,“ erwiderte er gleichmütig und beherrschter, als er sich fühlte. In Wahrheit klopfte sein Herz nur bei dem Gedanken, sich der wütenden und aufgebrachten Menge entgegen zu stellen, rasend schnell.
„Du bist wirklich von Sinnen, Aduial, Finlass Sohn.“ Bei der Erwähnung seines Vaters spürte Aduial, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Trotzdem ließ er nicht von seinem Entschluss ab und öffnete die Tür mit einem Ruck und trat auf den Gang.
„Tut mir noch einen Gefallen, Laurelim, Sinda. Sobald ihr draußen seid, bindet Gwairon los.“
Die beiden zögerten sehr lange, doch dann nickte Sinda zögernd. „Und du? Versprichst du es? Vertraue mir.“
Laurelim nickte widerstreben. „Ungern, aber ich tue es.“
„Gut. Wünscht mir Glück.“
„Ich hoffe nur, bei Elbereth, dass alles gut geht..,“ murmelte Laurelim leise und warf Aduial noch einen letzten Blick hinterher.


Schritt für Schritt bewegte sich Aduial durch den dunklen Flur. Mit jedem Schritt schien dieser sich zusammen zu ziehen, zu schrumpfen und gleichzeitig noch an Schwärze zu zunehmen. Die Treppe schien Meilen entfernt zu sein. Aduial spürte, wie ihm kalter Schweiß den Rücken herunter rann. Ungewollt fühlte er sich zurück versetzt, in jene Zeit, als er in Kheleandrá Nacht für Nacht auf Jagd ging. Nur mit dem Unterschied, dass er diesmal nicht der Jäger, sondern die Beute war.
Sein Fuß fand den Treppenabsatz. Noch einmal holte der Dunkelelb tief Luft, dann stieg er die erste Stufe hinunter. Die Zweite. Die Dritte. Die Geräusche, die von unten auf ihn eindrangen, wurden lauter. Deutlich hörte er das Knarren des alten Holzes, so als wolle es ihn warnen, weiter zu gehen. Doch es nutzte nichts – er musste weiter. Stufe für Stufe kam er weiter hinunter. Schließlich trat er mit einem entschlossenen Schritt ins Licht.
Augenblicklich wurde es totenstill. Die Menschen sahen ihn mit großen Augen an. Diesmal versuchte Aduial nicht, dem Licht zu entfliehen, sondern stellte sich so hin, das ihn jeder sehen konnte. Nun hob er leise, aber deutlich verständlich zu sprechen an. „Mein Name ist Aduial. Ich komme aus einem entlegenen Land im Norden Mittelerdes. Ich habe mich auf die Reise gemacht, um mehr über Mittelerde zu erfahren und kennen zu lernen. Ich will niemandem etwas Böses.“
Er schwieg, um seinen Worten Wirkung zu verleihen. Derweilen wurde in den hinteren Reihen Getuschel laut. Ein paar vereinzelte Stimmen wurden laut. „Er lügt!“ ... „Das ist Hexerei!“ ... „Hört nicht auf seine Worte!“ Langsam breitete sich der Missmut im ganzen Raum aus.
Verzweifelt versuchte Aduial, die Situation noch zu retten. „Hört mich an, ihr Leute! Bald schon wird der Schatten des Krieges erneut heraufziehen und eure Ländereien und Familien vernichten!“
„Sauron ist vernichtet!“ ... „Genau! Hört nicht auf seine Worte!“ ... „Los, ergreifen wir ihn!“ Damit war der Kampf verloren. Wie ein Mann stürzte die Menge los, auf Aduial zu. Dieser jedoch wich nicht zurück. Er hatte gewusst, das es letztendlich so kommen würde.
Aduial wartete ab, bis der erste nur noch einen halben Meter von ihm entfernt war, dann sammelte er all seine Kraft, federte kurz in die Knie, stieß sich ab und sprang. Er sprang dem ersten Mann entgegen, der verblüfft inne hielt, und setzte über ihn hinweg. Nun befand er sich im Zentrum des Pulks. Das Geschrei steigerte sich ins Grenzenlose. Schlagartig wandelte sich die Furcht und der Hass der Leute in Panik um. Aduial hatte nur darauf gewartet. Er stieß einen schrillen Pfiff aus, dann tat er das einzige, was in dieser Lage angemessen war: Er duckte sich so klein es ging zusammen und huschte zwischen den Leuten hindurch. Im allgemeinen Gemenge war er nur schwer zu erkennen. Er nutzte die Aufregung der Leute, um unterzutauchen und somit zur Tür zu gelangen. Ehe er die Tür öffnen konnte, wurde diese schon aufgestoßen: Ein Paar wirbelnder Hufen hatte die Tür der Gaststube aus den Angeln gerissen und ins Innere geschmettert. Das schrille Wiehren stammte von Gwairon, dem der Pfiff gegolten hatte. Kaum hatte es dieses Geräusch vernommen, schon war es losgaloppiert, um seinem Herrn zur Hilfe zu eilen. Aduial packte den Sattelknauf, zog sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Sattel, wendete Gwairon mit einem Schenkeldruck und sprengte aus der Tür hinaus. Ehe die Menschen, Hobbits und Zwerge begriffen, dass Aduial sich nicht mehr im ‚Pony’ befand, war er schon zum Stadttor hinausgejagt.


Erst als er den Fuß der Hügel erreichte, machte Aduial halt, drehte sich im Sattel kurz um und blickte zur Stadt zurück. Ein schwerer Seufzer drang aus seiner Brust. Er zog leicht die Zügel an und Gwairon trabte gehorsam los. „Und schon wieder habe ich dir meine Rettung zu verdanken, mein Guter,“ sagte er leise und tätschelte Gwairons Hals. Dann hob er den Blick wieder und spähte in die Dunkelheit, um Sinda und Laurelim zu finden. Nach einem kurzen Stück den Hügel entlang sah er endlich zwei Reiter, die vor ihm auf dem Weg warteten. Als er näher kam, konnte er seine Gefährten erkennen.
Sindas Gesichtsausdruck, der zuerst besorgt gewirkt hatte, wechselte nun in Erleichterung. Laurlim hatte die Lippen zusammengekniffen und blickte ihn sehr ernst an. „Das war das Törichteste, was du jemals getan hast, Aduial. Du hättest dabei drauf gehen können. Und das meine ich vollkommen ernst.“
„Wie du siehst, Laurelim, Landirs Sohn, lebe ich noch,“ gab Aduial zurück.
Er hatte keine Lust, sich mit Laurelim darüber zu streiten, ob sein Handeln nun von Vor- oder von Nachteil war. Stattdessen quälten ihn andere Gedanken. Bis jetzt waren er, Sinda und Laurelim immer nur mit knapper Mühe entkommen. Das war nun schon ihre zweite, gefährliche Flucht gewesen. Aduial war es leid, andauernd vor allen zu fliehen, aber noch mehr sorgte er sich um seine beiden Weggefährten. Er wollte sie nicht ständig dieser Gefahr aussetzen. Insgeheim hatte Aduial schon mit dem Gedanken gespielt, sich von den beiden des Nachts still und heimlich zu trennen und alleine weiterzuziehen.
Laurelim unterbrach nun seine Gedanken. „Wie dem auch sei, wir sind erfolgreich entkommen. Aber da ist etwas, was mir weit aus mehr Sorgen bereitet.“ Er sah Aduial mit bedeutendem Blick an. „Vorhin, als wir an der Rückseite des Dorfes hinaus ritten, sind die Wolken aufgerissen und haben den Mond freigegeben. Als ich hinauf blickte, sah ich etwas dunkles, schattengleiches vor der blassen Scheibe vorbeiziehen. Auch Sinda bemerkte dieses Etwas.“
„Was willst du damit sagen?“ fragte Aduial, obwohl ihm bereits dämmerte, was Laurelim meinte.
„Späher des Feindes. Es gibt weitaus schlimmere Geschöpfe als Orks, und diese dienen jenem, dem wir uns entgegen stellen, wer auch immer das ist.“
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren,“ meinte Aduial und warf rasch einen besorgten Blick gen Himmel. Aber er sah nur die Wolken, die wie eine schwere Decke auf dem Land lagen. Es war, als würde die Bedrohung langsam Gestalt annehmen.
Sie beschlossen noch bis zur Morgendämmerung zu reiten. Schon nach kurzer Zeit hatten sie das Dorf hinter sich gelassen und schlugen nun den Weg nach Süden ein. Während des Ritts sprachen sie kaum etwas miteinander. Sinda wirkte erschöpft, auch Aduial spürte die Müdigkeit in den Knochen. Er hing seinen Gedanken nach, während sein treues Pferd einen Fuß vor den anderen setzte, als würde es den Weg genau kennen. Auch Laurelim war tief in Gedanken versunken. Aduial beobachtete ihn eine Weile, und ihm fiel auf, dass Laurelims Blick öfters den Himmel abtastete, so als würde er erwarten, jeden Moment den Schatten aus den Wolken stürzen zu sehen. Obwohl Aduial den Schatten nicht gesehen hatte, spürte er doch dessen Anwesenheit deutlich. Und diese ständige Dasein machte ihm Angst. Unwillkürlich tastete seine Hand nach der Kette, die um seinen Hals hing. Seine Finger strichen über den glatten Anhänger, der trotz der Dunkelheit glitzerte. Seine Mutter hatte ihm, als er noch klein war, von den Silmarill erzählt, von Feanor und der Verbannung der Noldor aus Valinor. Doch er konnte sich nicht mehr an viel erinnern, nur, dass die Silmarill das Licht der zwei Bäume eingefangen und über deren Zerstörung hinaus bewahrt hatte. Konnte es eigentlich wahr sein, dass dieser Anhänger ein Stück der sagenumwobenen Gemmen war? Wie dem auch sei, dieses Abschiedsgeschenk von Athial vermittelte ein wenig das Gefühl von Geborgenheit und weckte neue Hoffnung in ihm. Hoffnung darauf, das seine Mission gelingen würde.

(Ramona)